Die Aufklärung der Affäre um die WM 2006 geht weiter. In der Schweiz legte Ex-DFB-Boss Zwanziger einen denkwürdigen Auftritt hin

Als Theo Zwan­zi­ger am 17. Mai 2018 in Bern zur Ver­neh­mung durch die Schwei­zer Bun­des­an­walt­schaft er­schien, war den An­we­sen­den schnell klar: Auf die­sen Ter­min hat der Mann of­fen­bar kei­ner­lei Lust. Schon nach we­ni­gen Mi­nu­ten schimpfte Zwan­zi­ger, es gebe an­dere Fra­gen zu klä­ren als jene, wel­che die Er­mitt­ler da stell­ten. Staats­an­walt Re­mund sah das an­ders. “O­kay, aber am Ende des Tages stelle ich die Fra­gen”, sagte der Ju­rist. Zwan­zi­ger droh­te, zu ge­hen. Er blieb.

Das Pro­to­koll der Ver­neh­mung des Ex-​DFB-​Prä­si­den­ten liegt WELT vor, au­ßer­dem wei­tere Do­ku­mente aus dem Er­mitt­lungs­ver­fah­ren der Bun­des­an­walt­schaft gegen die Ma­cher der WM 2006. Der Vor­wurf: Be­trug, un­ge­treue Ge­schäfts­be­sor­gung, Geld­wä­sche sowie Ver­un­treu­ung.

Mon­tag hatte das Land­ge­richt Frank­furt zwar eine An­klage wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung zu­rück­ge­wie­sen -​ in der Schweiz hin­ge­gen läuft das ju­ris­ti­sche Spiel wei­ter. Und hier sind die Be­schul­dig­ten nicht nur Zwan­zi­ger, Wolf­gang Niers­bach und Horst R. Schmidt -​ son­dern auch Franz Be­cken­bau­er, da­mals Prä­si­dent des WM-​Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees (OK). Die Eid­ge­nos­sen er­mit­teln, weil viele der du­bio­sen Geldtrans­fers über Schwei­zer Kon­ten lie­fen und die Straf­ta­ten noch nicht ver­jährt sind.

Der un­ter­suchte Sach­ver­halt: Das WM-​OK zahlte heim­lich einen Kre­dit von Be­cken­bau­er, den er pri­vat bei Ro­bert Louis-​Drey­fus auf­ge­nom­men hat­te, an eben die­sen zu­rück, ge­tarnt als Bei­trag zu einer Kul­tur­ga­la. Wert: zehn Mil­lio­nen Schwei­zer Fran­ken, um­ge­rech­net 6,7 Mil­lio­nen Euro. Das könnte kri­mi­nell ge­we­sen sein, glau­ben die Schwei­zer, die be­reits seit Sep­tem­ber 2016 er­mit­teln.

Die er­neute Ver­neh­mung von Zwan­zi­ger im Mai 2018 gibt einen Ein­blick in die Ge­dan­ken­gänge der Staats­an­wäl­te. Das WM-​OK hatte die 6,7 Mil­lio­nen am 26. April 2005 an den Welt­ver­band Fifa über­wie­sen, von dort wurde es an Louis-​Drey­fus wei­ter­ge­lei­tet. Zwan­zi­ger be­teu­ert in der Ver­neh­mung, davon nichts ge­wusst zu ha­ben.

Dass er noch am 19. April schrift­lich An­wei­sun­gen zu genau die­ser ver­schlei­er­ten Zah­lung an Louis-​Drey­fus er­teilt hat­te, sei kein Be­weis für seine Be­tei­li­gung. In jenem Schrei­ben ist die Kon­to­num­mer von Louis-​Drey­fus ge­nannt, of­fen­sicht­lich soll­ten die Mil­lio­nen ur­sprüng­lich also di­rekt an ihn gehen -​ ohne den Umweg über die Fifa.

Zwan­zi­ger hatte es also vor­ge­habt, kon­sta­tierte Staats­an­wäl­tin Beckers. “Das mag so sein”, sagte die­ser, wenn er das so lese. “Aber wir haben es ja nicht ge­macht.” Die Ju­ris­tin bohrte wei­ter, Zwan­zi­ger schimpf­te, dann solle man ihn eben an­kla­gen mit die­ser Be­haup­tung. Die Ju­ris­tin ließ nicht locker. Okay, sagte Zwan­zi­ger, der Vor­wurf der Bei­hilfe sei in Ord­nung, aber straf­recht­lich sei ihm da nichts vor­zu­wer­fen. Was habe er denn mit dem Schrei­ben vom 19. April be­ab­sich­tigt? Nichts, so Zwan­zi­ger. Er lege Wert dar­auf, dass die Zah­lung so nicht voll­zo­gen wur­de. Die Staats­an­wäl­tin trieb den Ex-​DFB-​Boss wei­ter in die Enge. Was war der Zweck des Schrei­bens? Er wisse es nicht.

Der Ex-​DFB-​Boss glaubt of­fen­bar trotz aller Un­ge­reimt­hei­ten, dass ihm die Schwei­zer nichts an­ha­ben kön­nen. Ein­mal gra­tu­liert er sich selbst zu einer Aus­sa­ge, dann ver­bit­tet er sich Fra­gen. Er for­dert die Ju­ris­ten auf, sich in Si­tua­tio­nen hin­ein­zu­den­ken. Wenn ein Staats­an­walt nicht in der Lage sei, sagte Zwan­zi­ger, und konnte den Satz nicht zu Ende spre­chen. “Schauen Sie”, er­wi­derte Re­mund: “Sie müs­sen mir hier jetzt nicht er­klä­ren, was ich tun muss.”

Er­gie­big war die Ver­neh­mung Zwan­zi­gers nicht. Aber es wurde klar, dass die Er­mitt­ler nicht von ihren Vor­wür­fen ab­rücken. Ihre Ar­beit wird da­durch er­schwert, dass ei­nige der Be­tei­lig­ten stets be­teu­ern, sich an nichts er­in­nern zu kön­nen. Be­cken­bauer etwa ant­wor­tete lau­tet Pro­to­koll mehr als 20-​mal mit “k­eine Ah­nung”. Dop­pelt so oft er­klärte der heute 73-​Jäh­ri­ge, er könne sich nicht er­in­nern oder wisse nichts. Auch sein Be­ra­ter Fedor Rad­mann legte einen be­mer­kens­wert schweig­sa­men Auf­tritt hin. Wie die Sache aus­geht?

Zum Stand des Ver­fah­rens teilte die Bun­des­an­walt­schaft WELT mit, “dass das Straf­ver­fah­ren noch hän­gig ist”: Zum zeit­li­chen Rah­men oder Ver­lauf könne keine Pro­gnose ge­stellt wer­den. In der Ant­wort stell­ten die Er­mitt­ler auch ihre Rechts­an­sicht be­züg­lich der WM 2006 dar. Es be­stehe wei­ter­hin der Ver­dacht, “dass die Be­schul­dig­ten wuss­ten, dass die Zah­lung von 2005 zur Til­gung einer Schuld er­folg­te, die nicht durch den DFB ge­schul­det war”. Son­dern von Be­cken­bau­er. Ergo: Un­treue.

Bei den Er­mitt­lun­gen zu Ver­hält­nis­sen der An­ge­schul­dig­ten un­ter­ein­an­der sol­len sich die Staats­an­wälte auch mit einer pi­kan­ten Zah­lung be­schäf­ti­gen: Im Ja­nuar 2004 über­wies Be­cken­bau­ers Firma SKK-​Rofa nach WELT-​In­for­ma­tio­nen 50.000 Euro an Wolf­gang Niers­bach. Warum? Dazu schwei­gen beide auf An­fra­ge. Die Frank­fur­ter Staats­an­walt­schaft er­langte Kennt­nis dar­über, ver­folgte die Spur aber nicht wei­ter. Löst nun die Bun­des­an­walt­schaft das Rät­sel? Si­cher ist nach der Ab­wei­sung der Steu­er­an­klage in Deutsch­land: Die Hoff­nung auf Auf­klä­rung der WM-​Af­färe liegt nun al­lein bei den Eid­ge­nos­sen.

erschienen in WELT am 19. Oktober 2018