Die Sanierung der “Gorch Fock” wird weit teurer als geplant. Werft und Marine stehen in der Kritik – nun wird alles durchleuchtet. Wer profitiert von den kostspieligen Arbeiten? Recherchen führen zu neuen Details eines sich ausweitenden Korruptionsverdachts

Die Suche nach dem Mythos, sie beginnt als Winterreise. Um Hamburg ist das Land weiß gefroren, über Bremen hängen die Wolken noch tiefer, Schneehimmel, da kommt vielleicht noch was runter. Es brennt die Brise im Gesicht, es ist frostig in den Werften zwischen Weser und Nordsee. Irgendwo hier liegt die “Gorch Fock” auf dem Trockenen, hierhin führt die Spur eines unschönen Verdachts.

Sie war der Stolz der deutschen Marine: ein Segelschulschiff, auf dem jahrzehntelang Kadetten ausgebildet wurden. An Deck sollten sie wahre Kameradschaft lernen, in Wind und Wetter, nur die Besten schafften es an Bord und durften um die Welt fahren. Und was war das auch für ein Schiff, stolz und lang, 89,32 Meter, Stahlrumpf, 23 Segel, zusätzliche 1700 PS.

Reisen auf der “Gorch Fock” maß die Marine gern in Erdumrundungen, das war der Anspruch – mehr als 30 Mal sei ihr Weißer Schwan, so nannten sie ganz verliebt ihr Schiff, schon um die Welt gefahren. Doch der Mythos ist hin, nur mehr morsches Seemannsgarn.

Heute dreht sich alles bloß noch um rostigen Stahl und teures Teakholz. Zuletzt wurde die “Gorch Fock” in Zeitungen wahlweise “abgetakelt”, mit “Schlagseite” versehen, für manche ist sie “untergegangen”, für andere “aus dem Ruder gelaufen”. Zeit, die Dinge beim Namen zu nennen: Die “Gorch Fock” ist – ein Wrack. Sogar im Schrottzustand macht sie Probleme.

Denn der prominente Sanierungsfall der Marine wirft so einige Fragen auf: nach der Verantwortlichkeit und den genauen Ursachen der Kostenexplosion. Rund zehn Millionen Euro – so viel sollte die Sanierung des Schiffes kosten. Heute ist klar: Die Kosten werden 135 Millionen Euro betragen, der Rechnungshof tobt.

Vieles steht plötzlich im Zweifel: Wurde die Verteidigungsministerin, die das Geld bewilligt, mit falschen Zahlen getäuscht? Wie genau wurde der Auftrag ausgeschrieben? Und gibt es in der Marine verdeckte Interessen daran, dass die “Gorch Fock” unbedingt im Dienst bleiben müsse, koste es, was es auch wolle? Am Anfang der Nachforschungen steht aber zunächst eine andere Frage: Wo steckt das Schiff überhaupt?

Eine Suche im Norden

Die Spur führt nach Bremerhaven, fast an die Küste, in ein Industriegebiet, vorbei an flachen Hallen und Ikea, dahinter Ödnis und weites Land, Frachtkräne am Horizont: Hier liegt die Zone der Reedereien und Werften. Irgendwo hier muss die “Gorch Fock” zu finden sein.

Eine Sirene heult auf, eine letzte Biegung durch Kiesberge, dann steht man in der Dockstraße. Dort, am Beginn der Landzunge, endet die Suche fürs Erste, Sicherheitsgelände. Im Trockendock weiter hinten soll sie liegen, aber einen Blick auf sie werfen darf man so ohne Weiteres nicht. Aus der Distanz kann man das Schiff aber doch sehen. Von dort drüben, hinter dem Bootshaus des Wassersportvereins Wulsdorf, bietet sich freie Sicht.

Das Hafenbecken friert langsam zu, die Liegeplätze sind leer bis auf einen, und dahinter ist sie endlich zu erkennen, die bittere Realität. Da liegt die “Gorch Fock” wie kastriert, ohne Masten und Segel, den Rumpf fixiert und ganz in Grau gehüllt. Es fällt schwer, nicht an einen Sarkophag zu denken.

Bewegung, lebhafte Arbeit am Schiffsrumpf gar, ist hier nicht zu sehen, die Kräne über der “Gorch Fock” stehen still im Winterlicht. Vorn am Bug ragt die Holzspitze heraus, landeinwärts. Abgewandt von der Brandung, von der See, von großer Fahrt.

Eine Ministerin im Stahlgerippe

Am Montag erhielt Bremerhaven überraschend Besuch aus Berlin, die Verteidigungsministerin wollte selbst einen Blick auf die “Gorch Fock” werfen oder vielmehr auf das, was von ihr übrig ist, sie wollte in deren Rumpf steigen, runter in Krise und Rost. Es ging ihr dann wie den Zeitungen. Auch Ursula von der Leyen (CDU) suchte nach Bildern für das, was sie erblickte.

Sie entschied sie sich für “schweres Fahrwasser”, in das die “Gorch Fock” geraten sei. Ein gut gemeintes, aber schiefes Bild, denn Wasser unterm Kiel hatte das Schiff schon seit Jahren nicht mehr. Die Ministerin schritt dann hindurch, was einfach war, denn nicht einmal Zwischendecks versperrten ihr den Weg, von der Leyen hatte einen kritischen Blick aufgesetzt und einen weißen Helm, denn Sicherheit geht vor. Der Kommandant des Schiffs bemühte sich, er schilderte laut Augenzeugen im Detail, was hier theoretisch zu sehen sein müsste: die Teak-Planken, das blitzende Deck, endlich wieder Weißer Schwan.

Aber so ist es eben nicht. Derzeit ist das Schiff weder seetüchtig noch im Zeitplan seiner Sanierung. Die Ministerin redete gar nicht erst drum herum, sie sprach von “gravierenden Vorwürfen” – einerseits.

Andererseits: Die “Gorch Fock” sei eben auch “ein stolzes Traditionsschiff”. Eine Entscheidung über ihr Schicksal wolle sie nicht übereilt treffen. Ursula von der Leyen reiste ab, nicht ohne der Küste noch einen Radiosatz zu schenken: “Viele Menschen haben ihr Herz an die ‘Gorch Fock’ gehängt.” Da war er wieder, der alte deutsche Segeltraum.

Für Steuerzahler sind 135 Millionen Euro ein hoher Betrag, zumal wenn er nur fürs Träumen investiert wäre. Daher geht die “Gorch Fock” jeden an, im Norden und im Süden. Und so ist es wichtig, mehr über die Hintergründe des teuren Projekts zu erfahren: Im Umfeld der Werft, im Verteidigungsministerium oder in den Büros der Marine – es gibt allerhand zu entdecken.

Zum Beispiel wäre da diese Sache: Rainer T. (Name geändert), Angehöriger der Marine, erhielt während der laufenden Schiffsarbeiten offenbar mehrere Hunderttausend Euro. Das Brisante: Der Mann ist nicht irgendwer, sondern jener Preisprüfer, der mitentscheidet, ob die von der Werft von der Marine geforderten Preise für die Arbeiten angemessen sind.

Und das Geld bekam der Preisprüfer nicht von irgendwem – sondern von eben jener Werft in Elsfleth bei Oldenburg, deren Preise er prüfen soll. Der Mann steht nun unter Korruptionsverdacht. Er muss sich fragen lassen, ob er für Zuwendungen an ihn dem Zahlenden Vorteile verschaffte, etwa der Werft, die die “Gorch Fock” saniert. War es so? Wollte jemand via Geldtransfer Einfluss nehmen? Und wer hätte solche Zahlungen an den Preisprüfer angewiesen?

Auf Nachfrage gab es zu Details von der Werft keinen Kommentar. Es sei aber eine “unabhängige Untersuchung” eingeleitet. Man werde “alles Erforderliche tun, um das uneingeschränkte Vertrauen, natürlich auch der Marine, (…) bestmöglich wiederherstellen zu können”. Nach Informationen von WELT AM SONNTAG soll es sich bei den Geldern an T. um insgesamt rund 800.000 Euro in zwei Tranchen handeln. Beide Seiten, Werft und Preisprüfer, schweigen zu Details. Dass es Zahlungen gab, bestreiten sie nicht. Es war T. selbst, der sich seinen Vorgesetzten Anfang Dezember offenbarte. So erfuhr das Verteidigungsministerium von einer möglichen Korruptionsstraftat. Warum sich der Preisprüfer plötzlich anzeigte, ist noch unklar.

Klar ist, sein Dienstherr suspendierte den technischen Beamten vorerst, aufgelöst wurde das Arbeitsverhältnis bisher nicht. Mitte Dezember äußerte sich erstmals die Staatsanwaltschaft – sie hatte prompt ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Bestechlichkeit eingeleitet und fünf Durchsuchungsbeschlüsse erwirkt. Auch in der Werft in Elsfleth, die an der “Gorch Fock” arbeitet, gab es eine Razzia.

Das Verteidigungsministerium hat derweil auf die Vorfälle reagiert und eine Task Force “Gorch Fock” eingerichtet. Nach Informationen von WELT AM SONNTAG kontrolliert derzeit ein zweiter Preisprüfer die im Zweifel stehende Arbeit von Rainer T. Die Ministerin verhängte einen Zahlungsstopp für die eigentlich weiter geplanten Arbeiten an der “Gorch Fock”. Das ist das Mindeste, was aus der Rüge des Rechnungshofs folgen musste.

Dessen Bericht liest sich wie eine Ohrfeige für alle an der Sanierung Beteiligten, auch für die Ministerin. Es heißt darin, dass “aufgrund des Alters und des Zustandes des Schiffes Gefahr für Leib und Leben der Besatzung und der Offiziersschüler bestand”. Von mangelnder Dokumentation früherer Instandhaltungen ist die Rede und von einer fehlenden Wirtschaftlichkeitsuntersuchung. Sogar die Frage steht im Raum, ob Ursula von der Leyen falsche Zahlen vorgelegt wurden, als sie die immer teureren Sanierungsarbeiten am Schiff bewilligen sollte.

“Intrigantes Potenzial”?

Woher kamen diese Zahlen? Im Umfeld der Bundeswehr gehen Experten gerade der Überlegung nach, ob eine Person oder gar ein Netzwerk der Ministerin mit den falschen Zahlen schaden wollte. Vom “intriganten Potenzial” im Beschaffungsamt ist die Rede. Ob das wirklich so ist und sich ausgerechnet bei der “Gorch Fock” entladen würde, wird schwer rekonstruierbar sein.

Aufzuklären sind auch die mutmaßlichen Geldflüsse an den Preisprüfer im Umfeld der Werft, die das Problemschiff wieder flottmachen sollte. Bekannte beschreiben den Preisprüfer T. als gewissenhaften Menschen, “vielleicht etwas zu leichtgläubig”, hochkorrekt , “ein toller Mann”. Was trieb ihn, sollte er tatsächlich Geld aus dem Umfeld der Werft genommen haben?

Mögliche Hinweise gibt ein anderer kleiner Ort im Norden: die Gorch-Fock-Straße dort, ausgerechnet. Hier stand einst ein Jobcenter, bis jemand – der Preisprüfer – es kaufte. An diesem Ort sollte bald ein Seniorenheim entstehen, mit Pavillon und Parkanlage, ein Domizil im “Reiz- und Heilklima” (Bodenbelag frei wählbar). Im Umfeld des Projekts hört man, dass sich der Bauherr – trotz Job bei der Marine – hier wohl einen Traum erfüllen wollte. Doch auch dieser Traum hat Rost angesetzt.

Im Januar 2019 fällt die Sonne noch immer auf ein Baugerüst. Eigentlich sollte die Residenz im Herbst fertig sein, doch vor wenigen Wochen erst kamen die Fenster. Die Tür ist verdreckt, drinnen stapeln sich Kartons und Leitern. Vieles ist noch zu tun, zwei Wohnungen waren schon für den Verkauf vorgemerkt, doch bisher konnte hier niemand einziehen. An diesem Morgen ist nur mal kurz die Säge zu hören, draußen trifft man keinen Arbeiter, hinter der Baustelle parken zwei Autos mit bulgarischen Kennzeichen. Die Finanzierung dieses Wohntraums ist auch im Kontext der offenen Fragen bei der “Gorch Fock” interessant.

Wie bezahlte der Bauherr das Projekt? Stand doch auf einem Immobilienportal eine maximale Investition von 1,8 Millionen Euro im Raum. Sonstiges: “stiller Teilhaber”, “schnelle finanzielle Investition”. Und wie zahlte Rainer T. auch noch das Grundstück nebenan, das er laut Grundbuch ebenfalls im letzten Sommer kaufte?

Ein Blick ins Grundbuch

Aus dem Geschäftsumfeld ist zu hören, man gehe klar von Geldknappheit aus, “sonst wäre das Ding längst fertig”. Der Blick in Bonitätsprüfungen des Bauherrn T. weist nicht auf Probleme hin – als Privatmann. Anders sieht es womöglich bei seiner Firma aus, bei ihr erkennt die Kreditprüfung eine “schwache Bonität”, im letzten Sommer wurde die Rechtsform geändert, es floss mehr Geld hinein. Im Internet ist die Firma nicht mehr erreichbar.

Weitere Recherchen im Grundbuch der kleinen Stadt offenbaren bemerkenswerte Zusammenhänge: Auch die Ermittler, die der möglichen Bestechlichkeit im Umfeld der “Gorch Fock” nachgehen, interessieren sich für die Bautätigkeiten des Marinemannes T. WELT AM SONNTAG liegen die Papiere vor, die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat sich erst kürzlich darin eintragen lassen: Es geht um “Sicherungshypotheken”, die dem Land Niedersachsen im Zweifel Rechte wahren würden – Vermögensarrest. Derzeit unterliegen die zum Verkauf geplanten Wohnungen von Rainer T. dem “Veräußerungsverbot”.

Hinter dem weitreichenden Eingriff lässt sich die Frage erahnen, ob mögliche Bestechungsgelder für die geplanten Immobilien des verdächtigten Preisprüfers aufgewendet worden sein könnten. Also: Führt der Korruptionsverdacht um die “Gorch Fock” zu einem Seniorenheim, das – wie das Schiff – bisher nie fertig wurde?

Die Staatsanwaltschaft kommentiert keine Details. Sie bestätigte aber auf Nachfrage einen Bezug zwischen dem Ausgangsverfahren wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und den gefundenen Einträgen im Grundbuch.

Der Fall zieht Kreise

Der Eindruck verfestigt sich, dass die Ermittlungen sich ausweiten und immer konkreter geführt werden. Hieß es im Dezember noch, dass unter anderem bei drei Privatpersonen durchsucht wurde, kann nun bestätigt werden, dass gegen drei Personen auch ermittelt wird. Ebenso geht es nun auch offiziell – und folgerichtig – nicht nur um den Verdacht der Bestechlichkeit, sondern ebenso den der Bestechung: Wo kamen mögliche Korruptionsgelder denn her?

Solch drängende Fragen kann man auch an der Haustür des Marinemannes T. stellen. Wie groß war sein Einfluss als Preisprüfer der “Gorch Fock”? Mag er etwas zur Klärung beitragen? Der Mann in der Tür wirkt ruhig, fast besonnen. Als werde die Zeit schon alles regeln, aber sagen dürfe er nichts, weder dienstlich noch privat.

Die Ermittlungen dauern an. Vor Ort, auf dem Gelände der durchsuchten Werft, will für den Moment keiner der Arbeiter darüber reden.

Bevor es dort dunkel wird, fahren zwei Fahrzeuge der Bundeswehr vom Hof. An den Docks hinten lässt sich ein anderes Schiff ausmachen, die “Uthörn” – ein bundeseigener Forschungskutter. Vorn am Parkplatz ein kurzer Blick in die Büros der Werft, Zimmer 22, das Archiv. Die Ermittler dürften es gut kennen – beschlagnahmte Papiere und Daten sind umfangreich.

erschienen in WELT AM SONNTAG am 27. Januar 2019 (mit Christian Schweppe)