Während Deutschland über Zurückweisungen streitet, schickt Frankreich schon längst Asylsuchende zurück nach Italien. Die meisten Migranten versuchen es immer wieder

Die vermeintliche Reise ins Glück, sie beginnt für viele in der Bahnhofshalle der italienischen Mittelmeerstadt Ventimiglia vor der großen Anzeigetafel mit den gelben LED-Buchstaben. Hier steht geschrieben, wann der nächste Zug gen Westen fährt, nach Frankreich. Um kurz vor eins an diesem Donnerstagvormittag stolpern eine Handvoll afrikanische Männer in die Halle, werfen einen Blick auf die Tafel: Auf Gleis 5 steht der Regionalzug in Richtung Cannes bereit, pünktlich fährt er ab.

Ein Mann steht im Bahnhof von Ventimiglia in Italien und blickt auf die Anzeigetafel.

Ein Mann steht im Bahnhof von Ventimiglia in Italien und blickt auf die Anzeigetafel

Acht Minuten später hält der Zug in Menton Garavan, Frankreich. Beamte der französischen Nationalpolizei marschieren herein und durchforsten die Abteile. Sie gucken unter den Sitzen und in den Toiletten nach. Sie finden rund ein Dutzend Afrikaner. Sie packen die Afrikaner am Arm und sagen: “Mitkommen.” Die Afrikaner gehorchen, schlurfen nach draußen und bleiben auf dem Bahnsteig stehen. Die Polizisten starren die Afrikaner an, die Afrikaner starren die Polizisten an. Gut möglich, dass man sich nicht zum ersten Mal getroffen hat. Der Zug fährt weiter. Der Tross bleibt, trabt um die Ecke, ein Polizist öffnet eine Tür, hinter der alle verschwinden. Eine Viertelstunde später geht die Tür wieder auf.

Die Gruppe steigt in einen Minivan. Abfahrt Richtung Italien.

So sieht sie also aus, die Zurückweisung an einer Grenze mitten in Europa. In Deutschland passiert das bislang kaum. Dieses Jahr wurden laut Regierung bis April lediglich 2000 Personen direkt an der Grenze nach Österreich zurückgeschickt – weil sie kein Asylgesuch äußerten. Doch die CSU will diese Zahl deutlich erhöhen: Jeder, der in einem anderen EU-Staat registriert wurde, soll nicht ins Land gelassen werden.

Das, was in Deutschland noch diskutiert wird, ist in der italienisch-französischen Grenzregion bereits im großen Stile Realität. 56.000 Menschen schickten französische Sicherheitskräfte allein im vergangenen Jahr zurück nach Italien, auch in diesem Jahr sind es schon wieder mehr als 13.000. Sie kontrollieren Züge wie in Menton Garavan, Autos an den Straßengrenzen, sie patrouillieren in den Bergen und an Bahnstrecken.

Italien nimmt die Eingefangenen anschließend wieder auf – Basis ist das Abkommen von Chambéry aus den 90er-Jahren, damals geschlossen zwischen Frankreichs Präsident Jacques Chirac und dem italienischen Ministerpräsidenten Romano Prodi. Wer in diesen Tagen die Grenze besucht, erlebt keine Tumulte. Aber ob das rechtlich alles sauber ist – das ist umstritten.

Die Polizisten haben einen genauen Fokus: alle Personen, die illegal ins Land gekommen sind oder das vorhaben. Falls sie Asyl beantragen wollen, so die Sichtweise der Franzosen, müssen sie das in Italien machen; dort, wo sie zum ersten Mal europäischen Boden betreten haben. Genau das aber wollen viele Menschen nicht, sie wollen weiter. Und so stellen sich Fragen, viel größer als die bloße technische Sicherung einer Grenze: Kann man Menschen überhaupt dauerhaft aufhalten, wenn man sie per Minibus zurück zur Grenzstation bringt? Bleiben sie dann einfach in Italien, begraben ihre Träume?

Auf Solumen Ibrahim trifft das jedenfalls nicht zu. Französische Polizisten haben ihn gerade an der Grenzstation Menton ausgesetzt, jetzt trottet er über die Brücke San Ludovico zurück nach Italien. In Flip-Flops. Ibrahim ist 24 Jahre alt und stammt aus dem Sudan. “Das war jetzt das zehnte Mal, dass sie mich geschnappt haben”, sagt er. Jeden Tag habe er den Zug in Ventimiglia genommen, jedes Mal sei er in Menton Garavan entdeckt worden: “Ich habe den Polizisten gesagt, dass ich gar nicht in Frankreich bleiben will. Aber das hat sie nicht interessiert.”

Sein Ziel? “Deutschland”, sagt er. Warum? Er denkt lange nach. “Deutschland ist ein sehr, sehr gutes Land. Es gibt Arbeit, und die Regierung behandelt uns Sudanesen gut. Es ist besser als alle anderen europäischen Länder.” Er hat ein paar Ideen, sie basieren auf Hörensagen und “Internetrecherche”. Ob er vom Plan der Bundesregierung gehört habe, die Grenzen für Migranten zu schließen, so wie Frankreich? “Nein”, sagt er. “Aber was ändert das schon? Ich werde es sowieso schaffen.”

Dann gesellt sich der Rest der abgewiesenen Gruppe zu Ibrahim, zwei Pakistaner, Vater und Sohn, zwei weitere Sudanesen, ein Malier. Der pakistanische Vater zeigt auf den Mietwagen des Reporters, sagt: “Ich gebe dir Geld. Fahr uns nach Frankreich!” Seine Augen sind glasig, die Erschöpfung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Drei Mal hat er es schon versucht, die ersten beiden Male ist er über die Bahngleise Richtung Frankreich gelaufen, aber dann kam ein Polizist aus dem Gebüsch. Diesmal hatte er es mit dem Zug versucht, das Ergebnis war das gleiche. Und so steht für die Männer nun ein zehn Kilometer langer Fußmarsch zurück nach Ventimiglia an. Die Straße führt 300 Meter oberhalb des Ufers entlang, die Aussicht aufs Mittelmeer ist atemberaubend, der Kontrast fast unwirklich: unten die planschenden Einheimischen, oben die schwitzenden Migranten. Der Weg nach Ventimiglia führt vorbei an mächtigen Villen und englischen Gärten, die Drillingsblume sprießt aus den Natursteinmauern am Wegesrand. Alles ist bunt, das Leben schön. Den Migranten muss es vorkommen wie die Durchquerung des Paradieses.

Dann kommt ein Tunnel, in dem kein Licht brennt, einen Kilometer lang, und dieser Tunnel spuckt die Migranten in Ventimiglia wieder aus. Die 25.000-Einwohner-Stadt ist die Zwischenstation der Menschen auf der Reise nach Westen. Viele, die hierhin zurückkehren, haben auffallend junge Gesichter. Und da kommt Emilie Pesselier ins Spiel. Die junge Frau arbeitet für die Pariser Nichtregierungsorganisation Anafé, die beobachtet, ob an Grenzen die Gesetze eingehalten werden.

DSCF7250Pesselier war jahrelang in Melilla in Nordafrika, in Mazedonien, immer an EU-Außengrenzen. Seit November 2017 ist sie hier, steht jeden Tag auf der Brücke San Ludovico und guckt sich an, wie die französischen und italienischen Polizisten die Migranten behandeln. Dass die Franzosen keine Asylanträge zulassen, dass auch die Anwesenheit von Familienmitgliedern nicht vor der Rückführung bewahrt – all das ist kein Geheimnis. Aber es gebe ein noch größeres Problem. “Der gravierendste Gesetzesverstoß ist die Tatsache, dass auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zurück nach Italien geschickt werden”, sagt Pesselier: “Die Migranten selbst zeigen den französischen Beamten Altersnachweise, aber das wird ignoriert.”

Anafé und andere reichten Klagen gegen die Behörde ein, und tatsächlich erklärte ein Gericht in Nizza im Frühjahr die Zurückweisung von 19 Kindern und Jugendlichen für rechtswidrig. Nur: Geändert hat sich an der Praxis nach Angaben Pesseliers nichts. Darauf deutet auch eine bizarre Situation am Donnerstagabend hin. Da fährt ein Minibus der französischen Polizei am Grenzübergang Menton vor, Migranten steigen aus, die Beamten weisen ihnen den Weg nach Italien. Eine Stunde später sind die fünf jungen Männer wieder da. Die italienische Grenzpolizei hat bei der Wiedereinreise der Leute festgestellt, dass sie in Italien als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge registriert worden waren. Und da diese Personen nicht abgewiesen werden dürfen, ob sie nun in Italien registriert sind oder nicht, muss Frankreich ihnen die Einreise gestatten. Das tun die französischen Polizisten dann auch. Wenig später fährt ein Van vor und bringt die Jugendlichen nach Nizza. Hauptsache weg.

Die Migranten gehen ein immer größeres Risiko ein. Am Freitag wurde ein Mann mit dem Hubschrauber gerettet, der versucht hatte, über die Berge nach Frankreich zu klettern. Am Mittwoch wurde die Leiche eines Afrikaners in Ventimiglia angespült. Er wollte offenbar am Grenzposten vorbeischwimmen.

Die Meldung vom Tod des Mannes steht am Freitag auf den Titelseiten der lokalen Zeitungen, die Einheimischen sprechen darüber. Im Buchladen am Bahnhof sagt die Verkäuferin: “Es muss sich endlich etwas an der Situation ändern. Wir können es nicht mehr aushalten, und die Migranten auch nicht.”

In Ventimiglia sitzen und liegen die Afrikaner auf Parkbänken, unter Palmen, am Strand. Unter der Autobahnbrücke haben etwa 100 Männer ihr Camp aufgeschlagen. Im Camp des Roten Kreuzes am Stadtrand sind Frauen, Familien und Kinder untergebracht. Morgens von neun bis elf gibt es bei der Caritas umsonst Frühstück. Christian Papin, der Chef, sitzt in seinem Büro und sagt: “Die Ablehnung gegenüber den Migranten wird immer größer, auch wegen der neuen Regierung.” Er sagt, er schäme sich, Italiener zu sein. Er ist wütend, weil öfter ein Reisebus kommt, Polizisten Migranten hineinstecken und zurück nach Süditalien verfrachten, in ein zentrales Aufnahmelager. Eine Praxis, für die Italien von anderen EU-Regierungen gelobt wird.

Nach Süditalien, dahin will niemand hier zurück. Bobou, 33 Jahre alt, aus Liberia, vor der Armut geflüchtet, sitzt vor dem Bahnhof. Er sagt: “Ich will nach Barcelona, meine Familie ist da. Vielleicht klappt es heute.” Hinter ihm, in der Haupthalle, leuchten die LED-Buchstaben mit den Sehnsuchtsorten, drüben, in Frankreich.

erschienen in der WELT AM SONNTAG am 24. Juni 2018