Er reiste in den vergangenen Monaten nach Ungarn, Bosnien, Kroatien, Italien, Frankreich, Griechenland, Bulgarien, Slowenien, Österreich und nun Spanien. Unser Reporter Tim Röhn fordert, dass Europa die Kontrolle zurückgewinnen muss – um tatsächlich Menschen auf der Flucht helfen zu können

KOMMENTAR

Vor ein paar Tagen war ich in Spa­nien und in der spa­ni­schen Ex­klave Ceuta. Ich schaute mir an, wie an­ge­sichts von Hun­der­ten Mi­gran­ten, die jeden Tag übers Meer kom­men, der Süden des Lan­des rea­giert. Ich habe mich mit den Men­schen dar­über ge­freut, dass sie über­lebt ha­ben. Ich habe mit den Leu­ten, die an­ka­men, ge­spro­chen. Die Men­schen, es waren vor allem West­afri­ka­ner, haben mir er­zählt, dass sie nach Eu­ropa ge­kom­men sind, weil in ihrer Hei­mat Armut herr­sche. Eine junge Mut­ter hielt ihre bei­den Klein­kin­der im Arm und sag­te: “Ih­ret­we­gen bin ich hier. Sie sol­len es bes­ser haben als ich.” Ich konnte die Men­schen ver­ste­hen.

Und doch: So geht es nicht wei­ter. Wir müs­sen rea­lis­tisch sein und sa­gen, was Sache ist: Die große Mehr­heit der Afri­ka­ner, die nach Eu­ropa drän­gen, hat kein Recht auf Asyl hier­zu­lan­de. Es sind Wirt­schafts­mi­gran­ten, die nach einem bes­se­ren Leben stre­ben. Ich würde mich als Hu­ma­nis­ten be­zeich­nen, ich fühle mit den Men­schen, die nach Eu­ropa wol­len, aus wel­chem Grund auch im­mer. Weil ich es an ihrer Stelle wahr­schein­lich ge­nauso ma­chen wür­de. Das Ein­zige ver­mut­lich, das mich von ihnen un­ter­schei­det, ist mein Glück, in Eu­ropa ge­bo­ren zu sein. Getan habe ich dafür nichts.

Des­we­gen fällt es mir schwer, die Ab­schot­tung un­se­res Kon­tin­ents zu for­dern -​ und vor einem Jahr hätte ich es auch noch nicht ge­tan. Aber alles an­dere ist mei­ner Mei­nung nach ein Tun­nelblick-​Hu­ma­nis­mus. Augen zu vor den Mo­ti­ven de­rer, die kom­men. Augen zu und durch, was die In­ter­es­sen und die Sor­gen der Eu­ro­päer an­geht. Das kann nicht gut­ge­hen. Und es geht ja auch nicht gut. Über­all in Eu­ropa wächst der Wi­der­stand gegen die of­fe­nen Gren­zen. Zum ers­ten Mal in der nach­kriegs­deut­schen Ge­schichte hat eine rechte Par­tei ein ech­tes, bren­nen­des Ge­gen­warts­thema -​ und damit weit grö­ße­ren Er­folg als je zu­vor. Mein jüngs­ter Trip nach Spa­nien und die Rei­sen in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten nach Un­garn, Bos­ni­en, Kroa­ti­en, Ita­li­en, Frank­reich, Grie­chen­land, Bul­ga­ri­en, Slo­we­nien und Ös­ter­reich haben mir klar­ge­macht, dass es so nicht wei­ter­geht.

Hun­derte Mi­gran­ten set­zen sich ak­tu­ell täg­lich an ma­rok­ka­ni­schen Strän­den in Schlauch­boote und pad­deln in Rich­tung Spa­nien -​ ein fast aus­sichts­lo­ses Un­ter­fan­gen. Die spa­ni­sche See­not­ret­tungs­ge­sell­schaft holt die Men­schen aus dem Meer und bringt sie an die spa­ni­sche Küs­te. Adolfo Ser­ra­no, seit 23 Jah­ren Chef der See­not­ret­te­r­ein­heit in Ta­ri­fa, sagte mir: “So etwas habe ich noch nie er­leb­t.”

Die Wirt­schafts­mi­gran­ten, die da kom­men, glau­ben, dass sie in Eu­ropa in Frie­den und Wohl­stand leben wer­den. Sie wis­sen nicht, dass nie­mand auf sie war­tet. Dass viele von ihnen im Elend lan­den wer­den, weil ihr Schutz­ge­such ab­ge­lehnt wer­den wird. Die­ser tag­täg­li­che An­drang von Men­schen, wie er ak­tu­ell in Spa­nien zu be­ob­ach­ten ist, hilft weder Eu­ropa noch den An­kömm­lin­gen selbst. Sich ein be­lie­bi­ges Land als Wohn­ort aus­su­chen, das geht ein­fach nicht. Kein So­zi­al­sys­tem ist dafür aus­ge­legt.

Und doch prä­sen­tiert sich die neue spa­ni­sche Re­gie­rung des so­zia­lis­ti­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Pedro Sán­chez seit der Amts­über­nahme An­fang Juni als Wohl­tä­ter ers­ter Klas­se. Sán­chez ent­schied, das Ret­tungs­schiff “Aqua­ri­us” mit 600 Mi­gran­ten an Bord ein­lau­fen zu las­sen, nach­dem Ita­li­en, Malta und Frank­reich dem Ka­pi­tän die Ein­fahrt ver­bo­ten hat­ten. Bloß: Die Men­schen wol­len gar nicht in Spa­nien blei­ben, das Land muss also nicht für sie sor­gen. Es war ein rei­ner Show-​Akt.

Und in die­sen Ta­gen, in denen der Süden des Lan­des drin­gend Hilfe bei der Be­wäl­ti­gung des An­sturms be­nö­tigt, in denen Bür­ger­meis­ter Alarm schla­gen -​ da schaut Ma­drid ta­ten­los zu. Die Si­tua­tion sei “ab­so­lut unter Kon­trolle und kon­trol­lier­bar”, sagte In­nen­mi­nis­ter Fer­n­ando Grande-​Mar­las­ka. Vor Ort war er üb­ri­gens nicht, um sich selbst ein Bild zu ma­chen. Dann hätte er näm­lich ge­se­hen, dass nichts unter Kon­trolle ist. Dass es nicht mal genug Un­ter­künfte gibt, um die Boots­flücht­linge über­haupt von den Ret­tungs­schif­fen an Land zu las­sen. Dass der Frust bei den Men­schen in An­da­lu­si­en, die selbst von einer Wirt­schafts­krise be­trof­fen sind, immer wei­ter wächst.

All das zählt nicht. Es geht nur dar­um, den Schein zu wah­ren, die Bot­schaft in die Welt zu sen­den, mit viel Mensch­lich­keit und schö­nen Wor­ten ließe sich diese Krise be­wäl­ti­gen. Dass das Un­sinn ist, hat auch mein Be­such in Ceuta ge­zeigt, der spa­ni­schen Ex­klave im Nor­den Ma­rok­kos. Ich war am Don­ners­tag da, ein paar Stun­den zuvor waren Hun­derte Mi­gran­ten auf den Grenz­zaun zu­ge­stürmt, hat­ten Po­li­zis­ten mit Brannt­kalk, Ex­kre­men­ten und Flam­men­wer­fern at­ta­ckiert. Mehr als ein Dut­zend Be­amte kam ins Kran­ken­haus, mehr als 600 Afri­ka­nern ge­lang es, spa­ni­sches Ter­ri­to­rium zu er­rei­chen.

Vi­deos zei­gen, wie Hun­derte junge Män­ner grö­lend über die Straße am Grenz­zaun in Rich­tung Stadt­zen­trum zie­hen. Po­li­zis­ten, mit denen ich ge­spro­chen habe, sag­ten mir, sie hät­ten Angst vor dem nächs­ten Sturm. Sie sag­ten, sie dürf­ten unter kei­nen Um­stän­den mit Ge­walt auf die Ag­gres­sion der Mi­gran­ten rea­gie­ren. Einer der Be­am­ten holte eine Gas­maske aus dem Auto und sag­te: “Das ist unser ein­zi­ger Schutz.” An­sons­ten sei noch eine münd­li­che An­spra­che er­laubt. “In den Augen Eu­ro­pas sind wir, die Grenz­schüt­zer, die Bösen und die Mi­gran­ten die Gu­ten”, sagte er noch.

Ich habe ge­dacht, dass die Ge­scheh­nisse in Ceuta eine De­batte über die ka­ta­stro­pha­len Zu­stände an den spa­ni­schen EU-​Au­ßen­gren­zen er­zeu­gen. Statt­des­sen dis­ku­tiert die Re­gie­rung Sán­chez nun dar­über, den Sta­chel­draht auf dem Grenz­zaun zu ent­fer­nen, damit die Ver­let­zungs­ge­fahr für die Mi­gran­ten re­du­ziert wird. Was für ein fa­ta­les Si­gnal! Es ist ein Schlag ins Ge­sicht für die spa­ni­schen Po­li­zis­ten. Und es ist ein Lock­ruf für die Mi­gran­ten, eine Bot­schaft: Wer Ge­walt an­wen­det, kommt rein, ver­sucht es doch ein­fach mal. Ein Pull-​Ef­fekt wird er­zeugt, Men­schen ma­chen sich auf den Weg, brin­gen sich an der Grenze in Ge­fahr -​ nichts daran ist hu­man. Aber klingt das nicht schön, Ab­schaf­fung von Sta­chel­draht?

Weil es immer noch viele Tun­nelblick-​Hu­ma­nis­ten wie Pedro Sán­chez gibt, die Wol­ken­kuckucks­heime bau­en, geht der Auf­schwung der Rech­ten in Eu­ropa un­ver­mit­telt wei­ter. Sie sind die Ge­win­ner die­ser aber­wit­zi­gen Po­li­tik. Wegen die­ser Igno­ranz -​ auch bei uns in Deutsch­land ist sie immer noch in den Köp­fen vie­ler po­li­ti­scher Ent­schei­der ver­an­kert -​ drif­tet der Kon­ti­nent immer wei­ter nach rechts. Bei­spiel Ma­rok­ko: Ich war in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sehr oft dort. Es ist eines mei­ner Lieb­lings­rei­se­län­der. Muss man tat­säch­lich auf die Bar­ri­ka­den ge­hen, weil die Ma­rok­ka­ner, die kei­nen Asy­lan­spruch ha­ben, dort­hin zu­rück­ge­schickt wer­den sol­len? Das ist welt­fremd, das spielt Eu­ro­pas Rechts­ex­tre­men in die Hän­de.

Wir müs­sen uns fra­gen: Wol­len wir wirk­lich nur noch von Ras­sis­ten re­giert wer­den oder von Men­schen, die über die Ab­schie­bung von 69 Af­gha­nen Witze ma­chen? Von einem Mat­teo Sal­vi­ni, der Boots­flücht­linge als “Men­schen­fleisch” be­zeich­net? Von Po­li­ti­kern wie die der AfD, die mit den Sor­gen der Men­schen spie­len und See­not­ret­ter als Kri­mi­nelle be­zeich­nen? Wol­len wir das Ende von Schen­gen, das Ende der EU-​Frei­zü­gig­keit? Na­tio­na­lis­mus statt eu­ro­päi­scher So­li­da­ri­tät?

Wenn nicht, dann muss sich schnell etwas än­dern, dann müs­sen die Dinge beim Namen ge­nannt wer­den: Die, die das nö­tige Geld ha­ben, und die Star­ken -​ sie schaf­fen es zu uns. Das sind aber nicht die, die am meis­ten lei­den. Ich war vor ei­ni­gen Wo­chen in Bos­nien-​Her­ze­go­wina, ein paar Mo­nate zuvor auf Les­bos: Dort gibt es viele Kriegs­flücht­lin­ge, die Men­schen, die un­sere Hilfe brau­chen. Dort herrscht pure Ver­zweif­lung. Diese Leute haben weder Geld noch Kraft, wei­ter­zu­kom­men.

Damit das Leid die­ser Men­schen ins Be­wusst­sein tritt und Maß­nah­men ge­trof­fen wer­den kön­nen, sind erst ein­mal ra­di­kale Schritte nö­tig: Si­che­rung der spa­ni­schen EU-​Au­ßen­gren­ze, zum Bei­spiel durch einen Deal mit Ma­rok­ko. Und ganz si­cher mit einer wei­te­ren Ver­stär­kung des Grenz­zauns in Ceuta. Es muss ge­prüft wer­den, ob Boots­flücht­linge nach ihrer Ret­tung zu­rück nach Ma­rokko ge­bracht wer­den kön­nen -​ auch um wei­tere Tote auf dem Mit­tel­meer zu ver­hin­dern. Und dann (oder noch bes­ser gleich­zei­tig): den Fokus auf jene rich­ten, die auf un­sere Hilfe an­ge­wie­sen sind. Der Re­sett­le­ment-​Deal zwi­schen Deutsch­land und der Tür­kei ist ein guter An­fang. Au­ßer­dem soll­ten um­ge­hend Asyl­zen­tren an den EU-​Au­ßen­gren­zen ein­ge­rich­tet wer­den, wo Asy­lan­träge schon ein­mal grob vor­ge­prüft wer­den. Es braucht neben der Be­kämp­fung der Fluch­t­ur­sa­chen end­lich mehr le­gale Wege nach Eu­ro­pa. Wenn wir bes­ser kon­trol­lie­ren, wer zu uns kommt, dann kön­nen wir viel eher jenen hel­fen, die tat­säch­lich Hilfe be­nö­ti­gen. Die Men­schen vor den Toren des Kon­tin­ents ver­ges­sen -​ das darf nicht pas­sie­ren.

Ich bin über­zeugt da­von, dass es dazu nicht kom­men wür­de. Ich glaube an die Men­schen­freund­lich­keit und So­li­da­ri­tät in Eu­ro­pa, dar­an, dass es ein In­ter­esse am Leid an­de­rer gibt. Mit­ge­fühl. Den Wil­len, zu hel­fen. Eu­ro­pä­er, die Par­teien wie die AfD wäh­len, sind der­zeit in der Min­der­heit -​ noch? Wir sind kein Kon­ti­nent der Ras­sis­ten. Wir müs­sen nur der Rea­li­tät ins Auge bli­cken, um an­ge­mes­sen han­deln zu kön­nen.

erschienen in WELT am 1. August 2018