Zum Ende des Fastenmonats Ramadan brachten Schleuser an einem Tag fast 1000 Migranten nach Südspanien – so viele wie seit 2014 nicht

Der Anruf kommt am späten Vormittag, alles muss plötzlich ganz schnell gehen. Miriam packt nur ihre Handtasche und eine Jacke. Mehr kann sie auf ihre Reise nicht mitnehmen. Mit dem Taxi fährt die junge Frau aus Nigeria zum Treffpunkt in der Nähe des Flughafens Ibn Battuta am Stadtrand von Tanger. Neben der Hauptstraße, versteckt unter Bäumen, trifft sie auf ihre Gruppe. Es ist Freitag vergangener Woche.

Rettungsdecken in Sporthalle TarifaAm Boden liegt das Schlauchboot vom Typ Seahawk 4, das Miriam und ihre sieben Freunde aus Nigeria über die Meerenge von Gibraltar nach Spanien bringen soll. Um 15.00 Uhr ist es so weit. Das WM-Spiel Marokko gegen den Iran ist angepfiffen, und Muslime feiern an diesem Tag opulent das Ende des Fastenmonats Ramadans. Angesichts dessen, scheint es, ist die Polizei nicht wirklich in Alarmbereitschaft. Und so laufen die jungen Leute mit ihrem Schlauchboot in der Hand über den weiten Sandstrand zum Wasser. Dann geht es los.

Über 50 dieser Spielzeugboote sind es, die an diesem Tag von der Atlantikküste nahe Tanger in See stechen – ausgestattet mit Holz- und Plastikpaddeln. 400 Kilometer weiter nördlich legen weitere Boote ab, mit Motoren. Am Ende sind es fast 1000 Menschen, die am Freitag die Überfahrt von Afrika nach Europa wagen. Es ist die zahlenmäßig größte Ankunft von Migranten und Flüchtlingen innerhalb eines Tages in Spanien seit vier Jahren. Und die Massenüberfahrt ist kein Zufall, sie ist eine konzertierte Aktion, von marokkanischen Menschenhändlern von langer Hand geplant. Ist es gar eine neue Realität an Spaniens EU-Außengrenze?

Fest steht: Für die Massenflucht am Freitag bedurfte es einer hochprofessionellen Organisation. Sie war das Werk eines kriminellen Netzwerks. Alles muss mit der Beschaffung der Boote begonnen haben: Menschen aus Ländern der Subsahara ist es in Marokko seit Langem untersagt, Schlauchboote zu kaufen. “In Tanger sind sie längst auch alle ausverkauft. Sie müssen aus Agadir oder Casablanca gebracht werden”, sagt Paul, ein Nigerianer, der vor drei Jahren in der nordafrikanischen Hafenstadt ankam: “Man braucht immer einen Marokkaner als Mittelsmann.”

Die Boote, die umgerechnet nur etwa 50 Euro kosten, müssen von den Behörden unbemerkt beschafft und durch die zahllosen Polizeikontrollen im Land gebracht werden. Am Strand angelangt, müssen die Fluchtwilligen etwa 1000 Euro pro Schlauchboot berappen – für viele sehr viel Geld, und doch sind die Boote oft hoffnungslos überfüllt.

An diesem Freitag ist die Straße von Gibraltar übersät mit Schlauchbooten. Als auf spanischer Seite das Ausmaß der Massenüberfahrt nach und nach bekannt wird, setzt man in der Hafenstadt Tarifa einen Notfallplan in Kraft. Sofort ist klar: Die Menschen, die da kommen, sitzen auf völlig seeuntüchtigen Booten, sie sind trotz des guten Wetters – wenig Wind, niedrige Wellen – in akuter Lebensgefahr. Auch weil in der Meerenge dichter Schiffsverkehr herrscht, Tanker und Fähren kreuzen. Und dann zieht auch noch Nebel auf.

Schiffe der Gesellschaft für Seenotrettung (Salvamento Maritimo) werden aufs Meer geschickt, Hubschrauber steigen auf, Polizeiautos rasen die Küste entlang. Das Rote Kreuz alarmiert Mitarbeiter. Mit der Handy-App “Vessel Finder” verfolgen sie die Wege der Rettungsschiffe. Unterdessen treffen die Retter auf der “Salvamar Arcturus” in einem abgeschirmten Teil des Hafens mit den ersten Migranten ein. Es sind fast nur Männer, augenscheinlich nicht aus den Maghrebstaaten, sondern aus Schwarzafrika. Nicht alle kommen lebend in Europa an: Sanitäter schaffen vier Leichen von Bord, klopfen ihre Taschen auf der Suche nach Ausweisen ab, vermessen sie und packen sie in Leichensäcke.

Helfer legen rote Decken um die Geretteten, die teils selbst von Bord gehen können, teils getragen oder gestützt werden müssen. Beamte der spanischen Guardia Civil geben Anweisungen, ihre Kollegen von der EU-Grenzschutzagentur Frontex beobachten es. Es herrscht eine seltsame Stille, rechts die Toten, links die Lebenden, in Gruppen auf dem Boden sitzend, schweigend. Einer nach dem anderen wird von den Polizisten aufgefordert, in ein Zelt zu kommen, im Zeitlupentempo schleichen die Menschen mit durchnässter Kleidung hinein und mit neuer, trockener Kleidung wieder heraus, wortlos, apathisch.

In Tarifa, wo fast 700 der insgesamt 1100 Ankömmlinge des Wochenendes eintreffen, endet die Reise vorerst. Die Stadtverwaltung stellt eine der zwei Sporthallen bereit, hier wird ein Großteil untergebracht. Am Montagmorgen tritt Tarifas Bürgermeister Francisco Ruiz aus dem Rathaus, zu einer Schweigeminute für jene, die die Überfahrt nicht überlebt haben. 40 Spanier sind gekommen, um der Toten zu gedenken. Danach spricht Ruiz in seinem Büro über die Lage. “Wir haben das kommen sehen, wir wussten, dass es zu einer Massenflucht kommen würde”, sagt er und beruft sich auf Einschätzungen von Hilfsorganisationen, die in Marokko tätig sind und der Stadtverwaltung geraten hätten, sich auf eine große Ankunft vorzubereiten: “Das haben wir getan”, sagt Ruiz. “Viele Einwohner haben ihre Hilfe angeboten, wollten Geld spenden oder Kleidung. Es gibt eine große Solidarität in unserer Stadt.” Eines sei klar, sagt der Sozialdemokrat: “Wir hier in Tarifa beschweren uns nicht.” Ob das auch so bleibt?

Laut Schätzungen warten 20.000 bis 30.000 Ausländer aus der Subsahara in Marokko auf eine Chance zur Überfahrt. Weil es immer schwerer wird, via Libyen nach Europa zu kommen, wird die Route Marokko – Spanien wieder beliebter. Erst am Sonntag sagte Frontex-Vizechef Berndt Körner bei einer Tagung in Österreich, die Fluchtrouten verlagerten sich vom zentralen Mittelmeer weg nach Westen und Osten.

Flüchtlinge in Sporthalle Tarifa

Und so kommen immer mehr Migranten und Flüchtlinge in Spanien an. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) verdoppelten sich die Ankünfte im vorigen Jahr gegenüber 2016 nahezu. Und in diesen ersten Juniwochen kamen die meisten nicht in Italien oder Griechenland an, sondern in Spanien. Dabei starben mit Stand vom 10. Juni – noch vor der Massenflucht – im Westmittelmeer 244 Menschen.

Viel Hoffnung auf eine Beruhigung gibt es nicht. Die Situation in Marokko könnte außer Kontrolle geraten, sollten weitere Zehntausende aus Kamerun, Gambia, dem Tschad, Guinea, Mali und Nigeria ins Land gelangen. Dabei ist Marokko alles andere als untätig. Zwei Drittel der Versuche, von der Küste aus die EU zu erreichen, werden von den Behörden des Königreichs verhindert.

Zugleich ist der Umgang mit der Notlage einzigartig in Nordafrika. Die IOM und das Flüchtlingshilfswerk der UN (UNHCR) loben Marokko, das seit 2014 afrikanischen Migranten Residenz anbietet, inklusive Arbeitsrecht, Bildung und Gesundheitsversorgung. Trotzdem, die Menschen wollen weiter, nach Europa. Und die EU-Staaten wollen das verhindern, mit dem Schutz ihrer Außengrenzen und der Aufforderung an Staaten wie Marokko, keine Migranten und Flüchtlinge auf Boote zu lassen.

Ein Plan, der nach Ansicht von Tarifas Bürgermeister Ruiz nicht aufgehen wird: “Der Migrationsdruck ist zu groß. Man kann diese Menschen nicht aufhalten, indem man eine Mauer hochzieht. Dann springen sie eben drüber. Die Leute kämpfen um ihr Leben. Niemand riskiert sein Leben einfach so.” Auch ein guter Grenzzaun könne diesem Druck nicht standhalten. Dass Europas politische Führer andere Prioritäten setzen, weiß er. Aber seine Parteifreunde der PSOE stellen gegenwärtig die Regierung. Und Madrid erlaubte gerade erst das Anlegen des Rettungsschiffs “Aquarius” mit über 600 Geflüchteten. Ruiz freut das.

Er weiß, dass seine Aussagen von vielen Landsleuten als “Pull-Effekt” angesehen werden, als Einladung, jetzt die Überfahrt zu versuchen. Das sieht er anders. Ruiz plädiert für eine “gesamteuropäische Lösung”, für Hilfe vor Ort in Afrika: “Wir müssen dafür sorgen, dass diese Menschen ihre Heimat gar nicht erst verlassen wollen.”

Am anderen Ende der 18.000-Einwohner-Stadt steht ein halbes Dutzend Polizisten der Guardia Civil vor einer Turnhalle. Hier sind die rund 500 Ankömmlinge vom Freitag untergebracht, die noch nicht auf andere Orte Andalusiens verteilt wurden. Ruiz hat gesagt, die Leute dürften die Turnhalle vorerst nicht verlassen, sie seien dort quasi eingesperrt. Dem widersprechen die Beamten vor der Tür: Klar dürften die Migranten raus, “aber es will keiner. Was sollten die auch draußen tun?”

Wer die Wahrheit sagt, lässt sich auch drinnen nicht herausfinden. Ein Betreten ist nur unter der Bedingung erlaubt, die Menschen nicht anzusprechen: “Sie wollen ihre Ruhe, sie wollen nicht reden”, glaubt ein Polizist zu wissen, der den Reporter auf Schritt und Tritt begleitet. Ein kurzer Blick in die Halle ist erlaubt, man sieht Hunderte Männer auf der Tribüne sitzen, einige immer noch eingewickelt in Decken, die das Rote Kreuz im Hafen ausgab. Sie blicken auf ihre Handys oder ins Leere, sie wissen nicht, wie es weitergeht.

Auch die Männer und Frauen der Guardia Civil vor der Tür wissen das nicht. Ihre Hoffnung ist, dass wieder Ruhe in Tarifa einkehrt, zumindest vorübergehend. Sie haben gehört, dass die Nationalpolizei noch heute ein paar Busse schicken werde, die die Leute fortbrächten. Wohin? Da zucken die Polizisten mit den Schultern. Einer sagt: “Ich glaube, in Spanien wollen sie sicher nicht bleiben.”

erschienen in der WELT am 19. Juni 2018 (mit Alfred Hackensberger)