Ein irakischer Vater will seine Familie nach Deutschland bringen, gegen alle Widerstände. Kroatische Polizisten wollen ihre Grenze sichern, ohne Gnade. Dann treffen beide Welten aufeinander. Es kommt zur Katastrophe

Es ist der Abend des 30. Mai 2018, kurz nach neun, als Yasin Ab­dulla merkt, wie der Fah­rer plötz­lich scharf Gas gibt. Der Ira­ker lehnt, so er­in­nert er sich spä­ter, im La­de­raum des Trans­por­ters mit dem Rücken an der Wand, die Beine an­ge­win­kelt, so­weit es geht. Auf sei­nen Knien sitzt As­tera, seine Jüngs­te, vier Jahre alt. Er um­schlingt sie mit den Ar­men. Ihm ge­gen­über sit­zen seine Frau Nasri und die Zwil­linge Mo­ha­med und Iman. Rechts vor ihm steht seine Toch­ter Lava, ge­bückt. Zwölf Jahre ist sie alt. Sie alle träu­men von Deutsch­land.

Noch an­dere packt in die­sem Mo­ment die Angst -​ der La­de­raum des Ford Tran­sit 206 ist rap­pel­voll: Ins­ge­samt har­ren hier drin 29 Men­schen aus, zu­sam­men­ge­pfercht auf vier Qua­drat­me­tern. 15 von ihnen sind Kin­der. Sie stam­men aus dem Irak und Af­gha­ni­stan, wol­len nach Eu­ropa und rasen jetzt durchs Nir­gend­wo.

Donji Lapac ist ein mucks­mäus­chen­stil­ler Ort, man sieht nur sel­ten einen Men­schen auf der Stra­ße. Heu­bal­len lie­gen auf den Fel­dern, als habe sie je­mand ver­ges­sen, ros­tige Tre­cker ste­hen her­um. Gril­len zir­pen. Sonst rührt sich wenig in dem 2000-​See­len-​Dorf im Osten Kroa­ti­ens. Schon ein durch­fah­ren­des Auto er­regt hier Neu­gier. Ein Ford-​Mi­ni­bus mit ös­ter­rei­chi­schem Kenn­zei­chen und dem Schrift­zug eines Wie­ner Haus­meis­ter­diens­tes? In Donji Lapac ist das so auf­fäl­lig wie eine Sturm­haube im Bank­foy­er.

Und so gerät der Ford Tran­sit ins Vi­sier der Be­am­ten. Kein Zaun, keine Mau­er, keine Stra­ße, auch keine Grenz­kon­trolle trennt das EU-​Mit­glied Kroa­tien vom Nicht-​Mit­glied Bos­nien-​Her­ze­go­wina -​ diese Grenz­ge­gend zieht viele an, die nach Eu­ropa wol­len, aber keine Pa­piere ha­ben. Alle wis­sen das. Und weil es eben keine Grenz­zäune oder Schlag­bäume wie frü­her gibt, ver­steckt sich die kroa­ti­sche Po­li­zei in den Bü­schen, setzt Wär­me­bild­ka­me­ras ein, Droh­nen, ein Flug­zeug der EU-​Grenz­schutz­be­hörde Fron­tex, dazu mo­bile Stra­ßen­sper­ren und Zi­vil­fahr­zeu­ge. Es ist ein Him­mel­fahrts­kom­man­do, hier mit einem Mi­ni­bus vol­ler Mi­gran­ten durch zu wol­len.

An jenem Abend ver­su­chen zwei kroa­ti­sche Po­li­zis­ten, den Trans­por­ter mit der Wie­ner Auf­schrift zu stop­pen. Sie for­dern den Fah­rer per Hand­zei­chen auf, an­zu­hal­ten. Doch der Serbe Ne­bo­jša M. gibt Gas. In die­sem Mo­ment wird aus einer ris­kan­ten Fahrt ein Höl­len­trip.

Im kroa­ti­schen Nie­mands­land, am äu­ßers­ten Rand der EU, pral­len zwei Wel­ten auf­ein­an­der. Auf der einen Sei­te: ein Wagen vol­ler Mi­gran­ten, fak­tisch be­reits in der EU und doch noch längst nicht am Ziel, denn das Ziel heißt Deutsch­land. ()Auf der an­de­ren: kroa­ti­sche Po­li­zis­ten, die Jagd ma­chen auf eben jene, die sie stop­pen wol­len -​ ohne Gna­de. Der un­bän­dige Wil­le, Deutsch­land zu er­rei­chen, trifft auf den nicht min­der un­bän­di­gen Wil­len eines eu­ro­päi­schen Front­staa­tes, diese Grenze zu be­haup­ten, koste es, was es wol­le. Es ist eine Ge­schich­te, die die ganze Härte die­ser Flücht­lings­krise zeigt.

Der Serbe ver­sucht zu ent­wi­schen. Er will ei­gent­lich nach Nor­den, die Kon­trolle jetzt zwingt ihn aber auf eine Land­straße in Rich­tung Sü­den. Sie er­weist sich als Sack­gas­se. Nach sechs Ki­lo­me­tern igno­riert er die Po­li­zis­ten, die ihn an der Ab­bie­gung ins Dorf Bo­riče­vac stop­pen wol­len. Er rast vor­bei an einem Fried­hof, an ein­ge­stürz­ten Häu­sern, am Re­stau­rant “Buf­fet Una” mit sei­nen mäch­ti­gen Ei­chen­ti­schen vor dem Ein­gang. Die Kur­ven wer­den jetzt en­ger, die Schlaglö­cher grö­ßer. Über­hol­ver­bot, Sträu­cher rei­chen bis auf die Stra­ße. Der Lie­fer­wa­gen pas­siert den Gar­ten des Rent­ners Rad­ko, der von sich sagt, aus einer ein­zi­gen Ernte sei­ner Pflau­men­bäume 120 Liter Sli­bo­witz ma­chen zu kön­nen. Hin­ter Rad­kos Gar­ten kommt eine Links­kur­ve, es geht ein biss­chen ber­gab, über eine kleine Brücke mit blauem Ge­län­der, unter ihr fließt das Flüss­chen Una. Nun kommt eine lange Ge­ra­de.

Was dann pas­siert, davon ist nur die Ver­sion der Po­li­zei be­kannt. Dem­nach blo­ckie­ren auf Höhe der Sied­lung Raštele zwei quer ge­stellte Po­li­zei­au­tos die Stra­ße. Ne­bo­jša M. ver­sucht, über das an­gren­zende Feld zu fah­ren und steu­ert di­rekt auf eine Be­am­tin zu. In Tö­tungs­ab­sicht, wie no­tiert wird. Ihr Kol­lege han­delt und schießt auf den Ford. Nach 200 Me­tern stoppt Ne­bo­jša M. den Wa­gen, reißt die Fahrer­tür auf, springt auf die Straße und flieht in den Wald.

Po­li­zis­ten hören ein Klop­fen aus dem Wa­gen, Schreie, Wim­mern. Sie öff­nen die Hin­ter­tür und fin­den die 29 Men­schen. Lava, die Zwölf­jäh­ri­ge, blu­tet aus dem Ge­sicht, dem Hals, der Schul­ter, der Hand. Auch ein gleich­alt­ri­ger Junge aus Af­gha­nis­tan ist schwer ver­letzt, sie­ben wei­tere Men­schen sind es leicht. Ein An­blick des Schre­ckens. Zei­tun­gen und TV-​Sen­der rund um den Glo­bus be­rich­ten. Mi­nis­ter­prä­si­dent Plen­ko­vic drückt sein Be­dau­ern aus.

Yasin Ab­dulla und seine Frau wer­den WELT AM SONN­TAG spä­ter er­zäh­len, dass auch von hin­ten noch auf den Bus ge­feu­ert wur­de, “nicht mit einer Pis­to­le, son­dern einer Ka­lasch­ni­kow”. Die Po­li­zei wird sa­gen, dass das eine Lüge sei. Ein An­woh­ner na­mens Mi­la­nin Ci­ga­no­vic wird Re­por­tern von min­des­tens drei Schüs­sen be­rich­ten, die er ge­hört habe. Klar ist, dass min­des­tens eine Kugel durch die Front­scheibe schlägt, zer­split­tert und in den La­de­raum fliegt.

Die Po­li­zei wird sa­gen: Wir haben alles ge­tan, um die Ver­letz­ten schnellst­mög­lich zu ver­sor­gen. Yasin Ab­dulla wird von Schlä­gen der Po­li­zei be­rich­ten und die­sen Wor­ten: “Was wollt ihr? Du hast doch noch drei an­dere Kin­der. Es ist egal, wenn eines stirb­t.” Ret­tungs­wa­gen rasen aus Go­spić her­an, es dau­ert eine Drei­vier­tel­stun­de. Ein Po­li­zei­hub­schrau­ber steigt auf, die Suche nach dem Fah­rer be­ginnt. Aber es ist zu neb­lig. Der Ein­satz wird ab­ge­bro­chen. Die sie­ben Leicht­ver­letz­ten wer­den nach Go­spić ge­bracht. Die Sa­ni­tä­ter ent­schei­den, Lava in die Küs­ten­stadt Zadar zu fah­ren, weil das dor­tige städ­ti­sche Kran­ken­haus bes­ser aus­ge­rüs­tet ist. Der äu­ßere An­blick stimmt eher skep­tisch: ver­ros­tete Roll­lä­den, ein Na­tur­stein­ge­bäu­de, keine Kli­ma­an­la­ge, Müll vor den Ein­gän­gen der Sta­tio­nen.

Um kurz nach Mit­ter­nacht rauscht der Ret­tungs­wa­gen her­an, der Chir­urg Duje Grčić er­war­tet Lava be­reits. Sie ist al­lein. Er habe Angst in den Augen des Mäd­chens ge­se­hen, er­in­nert er sich spä­ter. Er ist über­rascht, dass sie ihm so klar ant­wor­tet, auf Eng­lisch. Dr. Grčić lässt Lava rönt­gen. Dann bringt er sie in den OP-​Raum und be­ginnt, die Split­ter mit einer Zange aus ihren Wun­den zu ho­len. Ei­nige blei­ben zu­rück im Fleisch. Po­li­zis­ten rufen an und bit­ten, Lava aus­zu­rich­ten, dass ihre An­ge­hö­ri­gen un­ver­letzt sei­en. Es ist ein ziem­li­ches Chaos in die­ser Nacht. Wo­chen spä­ter wird sich der Arzt daran er­in­nern, dass Lava nichtt über die Ge­scheh­nisse in Raštele spre­chen woll­te, über die Schüs­se, die Flucht. Sie habe immer ge­sagt: “Al­les wird gut. Ich werde ein gutes und glück­li­ches Leben ha­ben.” Er selbst wun­dert sich, wie viel Glück sie hat­te, über­lebt zu ha­ben.

Zwei­ein­halb Mo­nate nach die­ser Nacht, an einem Tag im Au­gust, steht Lava Yasin am Mit­tel­meer. Sie trägt Chucks und Leg­gings, dazu ein T-​Shirt. Sie hat lan­ges schwar­zes Haar, der Pony fällt ihr ins Ge­sicht. Sie träumt immer noch von Deutsch­land, viel­leicht mehr denn je. Sie spricht ein paar deut­sche Wor­te, “Auf Wie­der­se­hen”, “Wie geht’s?”. Sie ist ein Stück vor­an­ge­kom­men, sie ist nicht mehr in Kroa­ti­en, son­dern in Ita­li­en, in Triest. Sie wurde fast er­schos­sen -​ aber ihr Vater hat ent­schei­den, dass die Reise wei­ter­geht.

Nach der Ent­las­sung aus dem kroa­ti­schen Kran­ken­haus wurde Lava nach Za­greb ge­bracht, ins “Ho­tel Po­ric”, eine her­un­ter­ge­kom­mene Tou­ris­ten­her­ber­ge, in der nun Flücht­linge leben und in der Hy­giene ein Fremd­wort ist. Die Fa­mi­lie saß also in Kroa­tien fest -​ so war das aber nicht ab­ge­macht. Yasin Ab­dulla rief Mu­ha­mad an, sei­nen Freund im Irak, und er­zähl­te, was pas­siert war. Dabei hatte man ihm doch für die 12.000 Euro, den er den Schleu­sern ge­zahlt hat­te, die An­kunft in Ita­lien ga­ran­tiert. Also or­ga­ni­sierte Mu­ha­mad einen Er­satz­trans­port. Am 13. Juli be­stieg die Fa­mi­lie aber­mals einen Mi­ni­bus, und am nächs­ten Tag schrieb Lava bei Fa­ce­book: “Wir sind jetzt in Ita­li­en.”

Auf Lavas rech­ter Wan­ge, am Mund, ist eine drei Zen­ti­me­ter lange Narbe zu er­ken­nen. Fünf Zen­ti­me­ter da­hin­ter, zwi­schen Kie­fer und Hals, eine wei­te­re. Ein Streif­schuss. In ihrer rech­ten Schul­ter klaffte ein Loch, es ist zu­ge­wach­sen. Ihre Hand schmerzt, ein Split­ter steckt noch dar­in. Sie legt den rech­ten Zei­ge­fin­ger auf die Stirn, auch da ist ein Split­ter drin. “Es tut noch weh.”

Lava ist mit ihrer Fa­mi­lie zu die­sem Ge­spräch auf der Ufer­pro­me­nade ge­kom­men. Zwei Meter wei­ter liegt ein Ob­dach­lo­ser und schläft. Die bei­den Sie­ben­jäh­ri­gen tol­len her­um, sie spie­len mit einer Plas­tik­spin­ne. Die vier­jäh­rige As­tera ver­steckt sich hin­ter der Mut­ter, die ihr schwar­zes Haar blond ge­färbt hat. Vater Yasin trägt San­da­len und Jeans, er hat die Haare kurz ge­scho­ren, eine Le­se­brille bau­melt am Hals. Er setzt sie auf, wenn er auf sei­nem Handy Fotos zeigt, die die Ge­schichte sei­ner Fa­mi­lie un­ter­mau­ern.

Zum Bei­spiel die sei­nes T-​Shirts und sei­ner Jeans, durch­lö­chert von Mu­ni­ti­onss­plit­tern. An jenem Abend hat er sich die Jeans vom Leib ge­ris­sen und sie auf die blu­ten­den Wun­den sei­ner Toch­ter ge­drückt. Er hat ge­schrien und ge­weint. Als sie Lava in den Kran­ken­wa­gen hiev­ten, wusste er nicht, ob er sie le­bend wie­der­se­hen wür­de. Warum um Got­tes Wil­len war er in die­sem Bus?

“Un­sere Zu­kunft liegt in Deutsch­lan­d”, sagt Yasin Ab­dulla ganz lang­sam. Warum? “Weil es ein gutes Land ist. Gute Men­schen, gute Po­li­zei, genug Ar­beit.” Bis in seine Hei­mat hatte sich her­um­ge­spro­chen, dass man es schaf­fen könne nach Deutsch­land, mit großem Wil­len und etwas Glück. Yasin Ab­dulla er­zählt seine Ge­schichte so: Mit Frau und Kin­dern lebte er in der Mil­lio­nen­stadt Su­lai­ma­niyya in der au­to­no­men Re­gion Kur­di­stan. Als kur­di­sche Sun­ni­ten seien sie von Kämp­fern einer schi­iti­schen Miliz be­droht wor­den. Also zogen sie nach Kir­kuk. Dann peitsch­ten eines Nachts Schüsse gegen die Fens­ter sei­ner Kin­der. Nach einem Jahr in Kir­kuk habe er, der Va­ter, ent­schie­den, zu­rück nach Su­lai­ma­niyya zu ge­hen. Wie­der flat­ter­ten Mord­dro­hun­gen ins Haus. “Ich kenne viele Ira­ker, die nach Deutsch­land ge­flüch­tet sin­d”, sagt er: “Ich habe mich um­ge­hört. Ich woll­te, dass meine Kin­der in Si­cher­heit auf­wach­sen kön­nen.”

Eines Tages ver­sprach Mu­ha­mad, ein Freund der Fa­mi­lie, die Reise ins ge­lobte Land zu or­ga­ni­sie­ren. Der Vater ver­kaufte sei­nen La­den, sein klei­nes, zwei­stö­cki­ges Haus, al­les, was er be­saß. Im Rei­se­büro kaufte er sechs Flug­tickets. Mu­ha­mad sag­te, er or­ga­ni­siere den Schmug­gel nach Deutsch­land. Yasin Ab­dulla nahm nur ein paar Hun­dert Euro in bar mit.

Am 23. Sep­tem­ber 2017 flog die Fa­mi­lie mit Iraqi Air­ways nach Istan­bul. “Wir haben ge­dacht, dass wir in­ner­halb einer Woche in Deutsch­land sin­d”, sagt die Mut­ter. So war es ja auch 2015 ge­we­sen. Doch drei Jahre spä­ter hat Eu­ropa an sei­nen Gren­zen auf­ge­rüs­tet. Die Fa­mi­lie schaffte es über den Land­weg nach Bul­ga­ri­en, in der EU war sie also schon. Hier hätte sie Asyl be­an­tra­gen müs­sen, aber der Vater wollte wei­ter. Nach einem Monat in der Haupt­stadt Sofia fuh­ren sie mit einem Auto nach Ser­bien, die Kin­der be­such­ten dort eine Schu­le. Aber nur ein paar Wo­chen lang. Denn sie woll­ten ja wei­ter, über Ru­mä­nien in Rich­tung Deutsch­land.

Aber die Grenze er­wies sich als un­über­wind­bar. Es blieb der west­li­che Weg: Trans­port nach Bos­nien-​Her­ze­go­wina, in die Haupt­stadt Sa­ra­je­vo. Von dort nach Bi­hać, an die kroa­ti­sche Gren­ze. Dort kamen sie in einem leer ste­hen­den Hotel un­ter, das war im Mai. Seit Mo­na­ten ist die Lage in der 60.000-​Ein­woh­ner-​Stadt ge­spannt. Über 2000 Mi­gran­ten sind in Bi­hać, die meis­ten leben in einem vor über 25 Jah­ren ver­las­se­nen, ver­dreck­ten Wohn­heim. Viele zel­ten in Parks des Tou­ris­ten­or­tes. Kei­ner will in Bihać blei­ben, jeder ver­sucht, nach Kroa­tien zu ge­lan­gen.

In Bihać sind die Ge­wal­tex­zesse der kroa­ti­schen Po­li­zei Stadt­ge­spräch. Jede Nacht wer­den Män­ner, Frauen und Kin­der in der Grenz­re­gion auf­ge­grif­fen und zu­rück nach Bos­nien ge­bracht. Viele von ihnen sind dann mit fri­schen Wun­den und Hä­ma­to­men über­sät, sogar Kin­der. Sie be­rich­ten von Faust­schlä­gen, Schlag­stö­cken und wild ge­wor­de­nen Hun­den ohne Maul­korb. Da­von, dass ihnen das letzte Geld ge­raubt wur­de. Sie zei­gen ihre zer­trüm­mer­ten Han­dys. Grenz­schutz über al­les. Schläge als po­li­ti­sche Bot­schaft: Hier gibt es kein Wei­ter­kom­men.

Am Abend des 28. Mai steigt Yasin Ab­dulla hier mit sei­ner Fa­mi­lie in ein Taxi. Sein Freund Mu­ha­med habe die 12.000 Euro an einen Schmugg­ler über­wie­sen, der habe die si­chere Reise von Bihać nach Triest in Ita­lien ga­ran­tiert. Mehr weiß er nicht. Die Fahrt aus Bihać dau­ert eine halbe Stun­de, un­ter­wegs bricht die Nacht her­ein. Sie er­rei­chen einen Feld­weg und stei­gen aus. 50 Mi­gran­ten war­ten auf An­wei­sun­gen, dann kom­men drei Af­gha­nen und sa­gen: “Let’s go.” Die Men­schen mar­schie­ren durch die wei­ten Wäl­der der Grenz­re­gion, sie stop­pen, wenn es die Af­gha­nen sa­gen, sie legen sich auf den Boden und schla­fen. Dann gehen sie wei­ter. Knapp zwei Tage spä­ter, an jenem 30. Mai, er­rei­chen sie aber­mals einen Feld­weg, nun auf kroa­ti­scher Sei­te. Dort steht der weiße Ford Tran­sit mit dem Wie­ner Kenn­zei­chen.

Ne­bo­jša M. öff­net die Hin­ter­tür. 29 Men­schen quetscht er hin­ein, lie­gend, sit­zend, ste­hend, Kin­der auf ihren El­tern. M. schließt die Tür, sie krie­gen kaum Luft, die Uhr tickt. Dann die Po­li­zei­kon­trol­le, ein Fah­rer auf der Flucht, ein La­de­raum vol­ler Men­schen, Dienst­waf­fen, die ge­zückt wer­den. Man könnte mei­nen, dass Po­li­zis­ten zur Seite sprin­gen, wenn ein Mi­ni­bus auf sie zu­fährt. Und nicht auf ihn feu­ern, erst recht nicht in einer Re­gion, in der Men­schen in Mi­ni­bus­sen ge­schmug­gelt wer­den.

Man könnte auch mei­nen, dass ein Vater spä­tes­tens jetzt mit den Fäus­ten an die Fah­rer­ka­bine trom­melt und ruft: Stop! Das geht zu weit! Man könnte mei­nen, er habe davon ge­hört, dass Eu­ropa längst zur Fes­tung um­ge­baut wird. Dass er, was nun pas­siert, sei­ner Fa­mi­lie nicht mehr antun kann. Aber mit Logik und dem, was man ge­sun­den Men­schen­ver­stand nennt, kommt man hier nicht weit. Nicht auf der Route nach Mit­tel­eu­ro­pa, nicht hier an der Gren­ze. Hier herr­schen an­de­re, ra­biat kon­träre Ge­set­ze.

Wo ein Wille ist, ist ein Weg, koste es, was es wolle -​ das Ge­setz der Flucht. Und: Eine Grenze ist eine Gren­ze, sie wird ver­tei­digt, koste es, was es wolle -​ das Ge­setz eines Staa­tes an der EU-​Au­ßen­gren­ze. Hier Ab­dul­la, der nach Deutsch­land will, un­be­dingt. Dort der Po­li­zist, seine Plicht im Blick: Grenz­schutz mit allen Mit­teln.

Der Vor­fall schlägt hohe Wel­len. Po­li­ti­ker for­dern die um­fas­sende Auf­klä­rung des Po­li­zei­ein­sat­zes. Aber es pas­siert nichts. Schon am Tag da­nach mel­det sich der In­nen­mi­nis­ter zu Wort. Es sei “ein wirk­lich tra­gi­sches Er­eig­nis”, es tue ihm leid wegen der ver­wun­de­ten Kin­der: “Aber gleich­zei­tig denke ich an alle Po­li­zis­ten, die heute 24 Stun­den am Tag die kroa­ti­schen Gren­zen schüt­zen, il­le­gale Mi­gra­tion ver­hin­dern, kroa­ti­sche und eu­ro­päi­sche Ge­setze um­set­zen und die EU-​Au­ßen­gren­zen schüt­zen.”

Einen Ki­lo­me­ter ent­fernt vom Ort, wo die Schüsse fie­len, liegt die Po­li­zei­sta­tion in Srb, ein mo­der­ner Neu­bau, ge­för­dert von der EU. Die Po­li­zis­ten, die los­feu­er­ten, ar­bei­ten hier. Drin­nen hu­schen über ein Dut­zend durchs Foy­er, an der Wand die kroa­ti­sche Flag­ge, ge­rahmt. Die Bitte um ein Ge­spräch zum Vor­fall mit dem Van löst Auf­re­gung aus. Zwei Po­li­zis­ten grei­fen zu Te­le­fo­nen. Man wird auf­ge­for­dert, sei­nen Pass aus­zu­hän­di­gen. Nach einer Vier­tel­stunde sagt einer der Män­ner: “Wir sagen nichts. Bitte gehen Sie jetz­t!” Und doch er­fährt man et­was. Man muss nur ein­mal um die Sta­tion her­um­lau­fen. Da steht auf dem Hof das Cor­pus De­licti -​ der weiße Ford Tran­sit. Ein Vor­der­rei­fen platt, die Rück­seite ist nicht ein­seh­bar, aber die Front­scheibe und zwei Ein­schuss­lö­cher dar­in. Of­fen­bar schoss ein Be­am­ter di­rekt auf den Fah­rer. War es wirk­lich Not­wehr?

Es ist eine Fra­ge, die bleibt. Nach dem Be­such der Po­li­zei­sta­tion mel­det sich ein Be­am­ter, der reden will. Im Café Ka­vana Ledo in Zadar am Meer sitzt tags dar­auf ein Mann mit schwar­zer Son­nen­brille und bei­gem Kurz­är­mel­hemd vor einer Cola und zieht ein grim­mi­ges Ge­sicht. “Ich rede nur, wenn mein Name nicht be­kannt wird”, sagt er. Dann be­rich­tet er, der Fah­rer habe tat­säch­lich ver­sucht, eine Po­li­zis­tin zu über­fah­ren. Die Schüsse seien nötig ge­we­sen, um die Kol­le­gin zu ret­ten. Und dass kei­ner mehr ge­schos­sen habe, nach­dem der Ford vor­bei ge­rast war. Dass nie­mand die In­sas­sen ge­schla­gen habe.

Yasin Ab­dulla hat es an­ders er­zählt. “Flücht­linge lü­gen”, schimpft der Po­li­zist, dann wird er po­li­tisch. “Wis­sen Sie, in Brüs­sel wurde nach der Gren­z­öff­nung 2015 be­schlos­sen, dass nun alles dicht­ge­macht wer­den muss.” Das müsse man hier um­set­zen. Der Druck sei ge­wal­tig. “Und wir haben kei­nen Zaun.” Beim Thema Ge­walt gegen Mi­gran­ten bleibt er vage. “Weiß ich nichts von. Aber na­tür­lich muss sich die Nach­richt ver­brei­ten, dass nie­mand durch­komm­t.”

Die Po­li­zis­ten in Srb, plötz­lich sind sie in den Müh­len der Welt­po­li­tik. 2019 will Kroa­tien Teil des Schen­gen-​Raums ohne Grenz­kon­trol­len wer­den. Dafür muss die Au­ßen­grenze aber dicht­ge­hal­ten wer­den. “Die Schen­gen-​Ent­schei­dung ist so wich­tig für uns Kroa­ten”, sagt der Po­li­zist, und man ahnt: Die­sem Ziel wird sehr viel un­ter­ge­ord­net. Wurde darum ge­schos­sen?

Am 1. Juni, an­dert­halb Tage nach dem Vor­fall, klopfte mit­tags um kurz nach eins ein glatz­köp­fi­ger, dick­bäu­chi­ger Mann in dunk­ler Hose und kurz­är­me­li­gem Jeans­hemd an eine Haus­tür in Srb. Eine äl­tere Dame öff­ne­te. Er frag­te, ob er sein Handy auf­la­den dür­fe. Wo er denn her­kom­me? Ach, er war Holz schla­gen im Wald. Sie ließ ihn rein. Dann klopfte es er­neut, und vor der Tür stand die Po­li­zei. Ein Nach­bar hatte den ge­such­ten Ne­bo­jša M. er­kannt und den Not­ruf ge­wählt. Die Leute hat­ten nur dar­auf ge­war­tet, sie wuss­ten, da war noch einer im Wald. Der Fah­rer des Schleu­ser­au­tos wurde fest­ge­nom­men.

Einen Tag spä­ter stieg er in der kroa­ti­schen Pro­vinz­haupt­stadt Kar­lo­vac aus einem Po­li­zei­wa­gen, die Hände ge­fes­selt, of­fen­bar noch in der­sel­ben Klei­dung wie tags zu­vor. Zwei Be­amte führ­ten ihn ins Ge­richts­ge­bäu­de, die Amts­rich­te­rin Sanda Jan­ko­vic er­ließ Haft­be­fehl. Die Staats­an­walt­schaft wirft ihm nicht nur Men­schen­schmug­gel vor, son­dern auch ver­such­ten Mord. Sein An­walt John Matek wim­melt alle Fra­gen zu sei­nem Man­dan­ten ab. Dem dro­hen zehn Jahre Ge­fäng­nis.

Yasin Ab­dulla weiß nicht, wie es für ihn und seine Fa­mi­lie wei­ter­geht. Lava und ihre Ge­schwis­ter könn­ten in Triest zur Schule ge­hen. Und je­mand ver­sprach, ihnen eine Woh­nung zu be­sor­gen. An­de­rer­seits, bis zur deut­schen Grenze sind es nur noch 350 Ki­lo­me­ter. Die Schleu­ser ver­lan­gen viel Geld, Yasin Ab­dulla hat kei­nes mehr. Aber Geld kann man sich lei­hen. Man kann alles mög­li­che, aber viel­leicht will man nicht mehr. Viel­leicht reicht es jetzt ein­fach mal.

“O­kay, wir blei­ben in Ita­li­en”, sagt er ur­plötz­lich beim drit­ten Tref­fen mit WELT AM SONN­TAG, vor dem Flücht­lings­heim am Stadt­rand, in dem sie ein ei­ge­nes Zim­mer haben (): “Ist bes­ser so.” Seine Kin­der ver­ste­hen nicht, was der Vater da sagt. Seine Frau ebenso we­nig. “Ich bin los­ge­gan­gen, um nach Deutsch­land zu kom­men, nicht nach Ita­li­en”, flüs­tert sie und blickt sehn­süch­tig ins Nichts. “Ich mag Lena Meyer-​Land­rut”, sagt Lava. Mit dem Vater war sie eben beim Arzt. Zahn­schmer­zen. Die bei­den saßen da und er­zähl­ten ihre Ge­schich­te. Der Arzt hörte auf­merk­sam zu. Dann sagte er: “Don’t wor­ry!”

So endet diese Ge­schich­te, mit die­sen zwei Sät­zen, halb re­si­gniert, halb er­löst hin­ge­sagt der eine, trös­tend der an­de­re.

Okay, wir blei­ben. Don’t wor­ry.

erschienen in WELT AM SONNTAG am 20. September 2018