Ein deutschlandweit bekannter Mediziner sieht sich als Opfer einer Vernichtungskampagne. Es geht um Betrug – oder doch nur um Rache?

Im drit­ten An­lauf hat das Land­ge­richt Aschaf­fen­burg die An­klage zu­ge­las­sen. Alex­an­der Teich­mann, ein deutsch­land­weit be­kann­ter Me­di­zi­ner, sitzt ab Mitt­woch auf der An­kla­ge­bank. Der Vor­wurf: ge­werbs­mä­ßi­ger Be­trug. Er soll so­wohl Pri­vat­pa­ti­en­tin­nen und deren Ver­si­che­run­gen als auch als Sach­ver­stän­di­ger Ge­richte be­tro­gen ha­ben. Ein un­ge­wöhn­li­cher Kri­mi­nal­fall, der vor mehr als sechs Jah­ren be­gann.

Teich­mann, einer der pro­fi­lier­tes­ten Gy­nä­ko­lo­gen der Re­pu­blik, lebt mit sei­ner Frau und zwei in Sri Lanka ad­op­tier­ten er­wach­se­nen Kin­dern -​ einem Sohn und einer Toch­ter -​ auf einem groß­zü­gi­gen An­we­sen mit Stal­lun­gen und einem Re­stau­rant in Groß­ost­heim. Als Arzt ar­bei­tete er in Dritte-​Welt-​Län­dern, mit 38 Jah­ren wurde er Chef­arzt im be­nach­bar­ten Aschaf­fen­burg, kurz dar­auf über­nahm er zwei wei­tere Kli­ni­ken in Al­zenau und Karl­stadt. Gegen die­sen Mann stan­den zu Be­ginn des Er­mitt­lungs­ver­fah­rens nicht nur die Vor­würfe wegen Be­trugs im Raum. Alles sollte an­geb­lich viel schlim­mer sein. Da­mals lau­tete der Ver­dacht, Teich­mann habe Men­schen­le­ben auf dem Ge­wis­sen.

Den Stein ins Rol­len ge­bracht hat eine sei­ner Per­so­nal­ent­schei­dun­gen im Kli­ni­kum Aschaf­fen­burg. Im Früh­jahr 2007 er­klärte der Me­di­zi­ner sei­nen Vor­ge­setz­ten, künf­tig nicht mehr mit Ober­arzt H. zu­sam­men­ar­bei­ten zu wol­len. Es war eine dis­zi­pli­na­ri­sche Maß­nah­me, H. war be­reits von Teich­manns Vor­gän­ger ab­ge­mahnt wor­den. H. ver­lor dar­auf­hin seine Stel­lung als lei­ten­der Ober­arzt und Chef­arzt­ver­tre­ter des Kli­ni­kums Aschaf­fen­burg.

Mit dem Auf­tritt einer Kol­le­gin Teich­manns be­ginnt der Fall nun ver­wor­ren zu wer­den. Teich­mann er­in­nert sich, wie S., eine sei­ner Oberärz­tin­nen, ihn im De­zem­ber 2007 um ein so­for­ti­ges Ge­spräch ge­be­ten habe. Sie habe ihm mit­ge­teilt, sagt Teich­mann, der sus­pen­dierte Kol­lege H. habe ein Straf­ver­fah­ren gegen ihn in­iti­iert; sie selbst sei zuvor Teil des Kom­plotts ge­we­sen. In einem dar­auf­hin von Teich­manns Rechts­an­walt Karl-​Adolf Gün­ther pro­to­kol­lier­ten Ge­spräch habe S. von einem “Ra­che­feld­zug gegen Herrn Pro­fes­sor Teich­mann mit dem aus­drück­lich er­klär­ten Ziel, des­sen Ab­set­zung als Chef­arzt zu ver­an­las­sen” ge­spro­chen. In einem Ge­spräch mit ihr, einem wei­te­ren Ober­arzt sowie Rechts­an­wäl­ten habe H. eine Zu­sam­men­stel­lung ei­ni­ger von Teich­mann be­han­del­ter Fälle prä­sen­tiert und um eine ju­ris­ti­sche Er­läu­te­rung ge­be­ten, “was man ‘straf­recht­lich dar­aus mache kön­ne'”. Spä­ter nahm Oberärz­tin S. Pas­sa­gen die­ses Pro­to­kolls wie­der zu­rück und gab eine Un­ter­las­sungs­er­klä­rung ab.

Teich­manns Rechts­an­walt Gün­ther wandte sich mit dem Vor­schlag an die Staats­an­walt­schaft Aschaf­fen­burg, alle be­nö­tig­ten Un­ter­la­gen -​ Pa­ti­en­ten­ak­ten und Rech­nun­gen -​ um­ge­hend zur Ver­fü­gung zu stel­len. Auch schlug er den Er­mitt­lern vor, die Oberärz­tin S. zu ver­neh­men, weil sie über die Hin­ter­gründe des Straf­ver­fah­rens Aus­kunft geben kön­ne. Eine Haus­durch­su­chung sollte ver­mie­den wer­den. Teich­mann wollte da­mals nicht noch mehr Auf­re­gung, es war keine ein­fa­che Zeit für ihn. Vier Mo­nate zuvor hatte sich eine zweite Toch­ter, die er mit sei­ner Frau eben­falls in Sri Lanka ad­op­tiert hat­te, das Leben ge­nom­men. Als Teich­mann sie zu Hause fand, war es schon zu spät.

Aus­lö­ser der Er­mitt­lun­gen war min­des­tens ein Ge­spräch, dass H. Ende 2007 mit Ver­tre­tern von Kran­ken­ver­si­che­run­gen führ­te. Teich­mann sagt, H. habe dabei ab­sicht­lich Lügen er­zählt, um ihn zu dis­kre­di­tie­ren und in den Fokus der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den zu rücken. H.s Rechts­an­walt Mar­tin Or­sch­ler sagte der “Welt”, das ein­zige Ziel sei­nes Man­dan­ten sei es ge­we­sen, “auf­fäl­lige Sach­ver­halte prü­fen zu las­sen”. Der Vor­wurf, H. habe einen Ra­che­feld­zug ge­führt, sei falsch.

Ins­ge­samt 21 Fälle nannte H. Mitte 2007 den Kran­ken­ver­si­che­run­gen. Teich­mann wurde unter an­de­rem ver­däch­tigt, sich der schwe­ren Kör­per­ver­let­zung und Kör­per­ver­let­zung mit To­des­folge schul­dig ge­macht, meh­rere Kunst­feh­ler be­gan­gen und Pa­ti­en­ten be­zie­hungs­weise deren Ver­si­che­run­gen be­tro­gen zu ha­ben. Als die Ver­si­che­run­gen davon hör­ten, alar­mier­ten sie die Staats­an­walt­schaft. We­nige Wo­chen spä­ter kam es zur Durch­su­chung.

Teich­mann be­schwerte sich schon da­mals, die An­schrift auf dem Durch­su­chungs­be­schluss für sein Wohn­haus sei mit Tipp-​Ex be­ar­bei­tet ge­we­sen. Die mög­li­chen Hin­ter­gründe die­ser rechts­wid­ri­gen Maß­nah­me: Wie Teich­mann und ein Ober­arzt der “Welt” er­klär­ten, habe H. da­mals in Aschaf­fen­burg das Ge­rücht ver­brei­tet, Teich­mann sei ho­mo­se­xu­ell und lebe mitt­ler­weile mit einem an­de­ren Aschaf­fen­bur­ger Chef­arzt zu­sam­men. H. be­strei­tet auf An­frage der “Welt”, der­lei Ge­rüchte ge­streut zu ha­ben. Den­noch soll auf dem Durch­su­chungs­be­schluss ur­sprüng­lich die An­schrift eben jenes an­geb­li­chen neuen Freun­des ge­stan­den haben und erst nach­träg­lich mit Tipp-​Ex ver­än­dert wor­den sein, als die Er­mitt­ler merk­ten, dass Teich­mann doch nicht bei einem neuen Freund wohn­te. Die Staats­an­walt­schaft Aschaf­fen­burg teilte mit, dazu ak­tu­ell keine An­ga­ben ma­chen zu kön­nen, da die Ori­gi­nal­akte der­zeit nicht ein­seh­bar sei.

Was die Vor­würfe an­ging, lehnte sich die Staats­an­walt­schaft früh weit aus dem Fens­ter. Die re­gio­nale Presse er­hielt nach der Raz­zia um­ge­hend Stel­lung­nah­men von Erich Wich-​Kno­ten, dem Lei­ter der Aschaf­fen­bur­ger Staats­an­walt­schaft. Der Frau­en­arzt wurde mit vol­lem Namen ge­nannt und dazu der Zeit­raum, den er mög­li­cher­weise hin­ter Git­tern ver­brin­gen müs­se. Von drei bis 15 Jah­ren Haft war die Rede.

Du­bios ist auch die Tat­sa­che, dass die Be­hörde von einer an­ony­men Straf­an­zeige der Kran­ken­ver­si­che­rung spricht. Warum wurde H. den­noch am 13. No­vem­ber 2007 ver­nom­men? Wie kamen sie auf ihn als mög­li­chen Zeu­gen? Warum wurde H. nicht noch ein­mal vor­ge­la­den, als sich her­aus­stell­te, dass an den Vor­wür­fen nichts dran ist? Warum wurde Oberärz­tin S. nie als Zeu­gin ver­nom­men? Die Staats­an­walt­schaft er­klärte ge­gen­über der “Welt”, “Ein­zel­hei­ten zum Gang eines Er­mitt­lungs­ver­fah­rens” nicht zu ver­öf­fent­li­chen.

Die Er­mitt­ler muss­ten im Jahr 2008 nach und nach er­ken­nen, dass die von den Kran­ken­ver­si­che­run­gen er­ho­be­nen Vor­würfe gegen Teich­mann falsch oder die Fälle ver­jährt sind. Ein Gut­ach­ter stellte in einem Fall etwa fest, dass eine 93-​Jäh­rige -​ an­ders als be­haup­tet -​ nicht wegen eines Be­hand­lungs­feh­lers Teich­manns, son­dern an einem Herz­in­farkt ge­stor­ben war. Auch dass Teich­mann an­geb­lich Or­ga­nent­fer­nun­gen be­rech­net hat­te, ob­wohl die Or­gane im Kör­per der Pa­ti­en­tin­nen ver­blie­ben wa­ren, er­wies sich als falsch.

Ein wei­te­rer Vor­wurf lau­te­te, Teich­mann habe einer Dame eine Brust ab­ge­nom­men, ob­wohl keine me­di­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit be­stand. Jene Pa­ti­en­tin be­geg­nete den Be­am­ten, die sie über das Ver­bre­chen auf­klä­ren woll­ten, mit ei­ni­ger Ver­wun­de­rung: Sie hatte noch zwei Brüs­te. Den Kran­ken­haus­trä­ger über­raschte es nicht: Er glaubte vom Be­ginn des Ver­fah­rens an an die Un­schuld Teich­manns, bis heute wurde der Chef­arzt nicht von der Kli­nik sus­pen­diert.

Die Staats­an­walt­schaft hätte das Ver­fah­ren ein­stel­len kön­nen, als sich die Vor­würfe nach und nach in Luft aus­lös­ten. Doch es kam an­ders. Die Er­mitt­ler lis­te­ten nun sämt­li­che von Teich­mann für pri­va­t­ärzt­li­che Be­hand­lun­gen ge­stell­ten Rech­nun­gen zwi­schen 2003 und 2007 chro­no­lo­gisch auf. Sie er­stell­ten quasi ein Be­we­gungs­pro­to­koll des Man­nes, 13.445 Rech­nun­gen wer­te­ten sie aus. Am 9. Juni 2010 ti­telte die Lo­kal­zei­tung “Main-​Echo” Teich­mann: Auch Ge­richte be­tro­gen?. Die Staats­an­walt­schaft hatte Jour­na­lis­ten zuvor mit­ge­teilt, dass gegen den Gy­nä­ko­lo­gen nun auch wegen Be­trugs er­mit­telt wer­de.

Im Fe­bruar hän­digte die Po­li­zei sogar dem Fi­nanz­amt Aschaf­fen­burg ei­nige der bei der Raz­zia be­schlag­nahm­ten Un­ter­la­gen aus. Teich­manns Rechts­an­walt Gün­ther legte Wi­der­spruch ein, die Staats­an­walt­schaft wies die Po­li­zei an, die Un­ter­la­gen zu­rück­zu­for­dern. Hat­ten die Er­mitt­ler ge­hofft, Teich­mann mit­hilfe des Fi­nanz­amts einer Straf­tat zu über­füh­ren? Die Staats­an­walt­schaft teilte Auf An­frage mit, man handle nicht auf Grund­lage von “Hoff­nun­gen”, dar­über hin­aus “ver­bie­tet das Steu­er­ge­heim­nis jede wei­tere Stel­lung­nah­me”.

Die Ver­tei­di­gung mo­niert, ent­las­tende Do­ku­mente und Zeu­gen­aus­sa­gen seien in den Er­mitt­lungs­ver­fah­ren nicht zu den Akten ge­nom­men wor­den. Daher stellte Rechts­an­wäl­tin Lena Wie­land, die Teich­mann zwi­schen­zeit­lich eben­falls ver­trat, Straf­an­zeige gegen Staats­an­walt Walt­her Schmidt, der das Ver­fah­ren führ­te, und zwei Kri­mi­nal­haupt­kom­missa­re. Er­mitt­lun­gen gegen das Be­am­ten-​Trio wur­den auf­ge­nom­men, aber ein­ge­stellt. Auch gegen Teich­manns Ehe­frau, die als Be­trei­be­rin des ho­fei­ge­nen Re­stau­rants ein­ge­tra­gen ist, gab es ein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren. Ihr wurde -​ laut Akte an­onym -​ vor­ge­wor­fen, die Gäste über die tat­säch­li­che Her­kunft des an­ge­bo­te­nen Fleischs zu täu­schen. Das Ver­fah­ren wurde ein­ge­stellt.

Teich­mann schrieb in einem Brief an den gegen ihn er­mit­teln­den Staats­an­walt, er sehe sich und seine Fa­mi­lie als Opfer einer “Ver­nich­tungs­kam­pa­gne”. Er fühle sich an den “Rand sei­ner Exis­tenz” ge­trie­ben. Teich­mann sagt: “Das Schlimmste ist die De­mü­ti­gung. Das Ver­fah­ren kratzt an mei­nem Le­bens­werk.” Er spricht von einem “un­hei­li­gen Sys­tem” und einem “rie­si­gen Klün­gel”.

Die Staats­an­walt­schaft weist den Vor­wurf einer “Ver­nich­tungs­kam­pa­gne” zu­rück: “Sie (d. Staats­an­walt­schaft, d. Red.) ist viel­mehr nach dem Ge­setz ver­pflich­tet, Straf­ta­ten, von denen sie Kennt­nis er­langt, auf­zu­klä­ren und zu ver­fol­gen.” In der An­klage wird Teich­mann nun vor­ge­wor­fen, ärzt­li­che Leis­tun­gen mit Pri­vat­pa­ti­en­ten be­zie­hungs­weise deren Ver­si­che­run­gen ab­ge­rech­net zu ha­ben, die er nicht selbst, son­dern ein Kol­lege er­bracht hat. Das sei un­zu­läs­sig, weil im Vor­feld keine ent­spre­chende Ver­tre­tungs­re­ge­lung ge­trof­fen wor­den sei. Da­durch, so die An­kla­ge, habe sich der An­ge­schul­digte eine “nicht nur vor­über­ge­hen­de, nicht ganz un­er­heb­li­che Ein­nah­me­quel­le” ver­schaf­fen wol­len. Au­ßer­dem habe er mehr­fach einen zu hohen Ge­büh­ren­satz be­rech­net und bei Ge­richtspro­zes­sen, zu denen er als Sach­ver­stän­di­ger fuhr, falsche An­ga­ben zu Ki­lo­me­tern und Ar­beits­zeit ge­macht. Ins­ge­samt 44 Rech­nun­gen hält die Staats­an­walt­schaft für falsch, sie be­zif­fert den Ge­samt­scha­den auf eine mitt­lere fünf­stel­lige Sum­me.

Teich­manns An­walt Gün­ther sagt, in kei­nem der an­ge­klag­ten Fälle habe sich der Be­schul­digte falsch ver­hal­ten. Bei jeder die­ser Rech­nun­gen sei die Ver­tre­tung Teich­manns durch einen ge­setz­li­chen Ver­tre­ter ver­trag­lich ge­re­gelt ge­we­sen. Nie habe sich eine Pa­ti­en­tin oder Ver­si­che­rung be­schwert. Stets seien die Pa­ti­en­tin­nen im Vor­feld dar­über in­for­miert wor­den, wer sie ope­riert. Im Üb­ri­gen sei die Rechts­auf­fas­sung der Staats­an­walt­schaft, nach der ein Chef­arzt nur dann ab­rech­nen darf, wenn er selbst be­han­delt hat, falsch.

Klaus Ul­sen­hei­mer, Rechts­an­walt, Autor und Mit­glied des wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats der Deut­schen Ge­sell­schaft für Me­di­zin­recht, hat sich in­ten­siv mit dem Fall be­fasst. Der “Welt” teilte er mit: “Die gegen Herrn Prof. Teich­mann er­ho­be­nen Vor­würfe halte ich aus ob­jek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Grün­den für ab­so­lut un­be­rech­tig­t.”

Teich­mann sagt, im Jahr 2010 habe ihm das Land­ge­richt an­ge­bo­ten, einen Straf­be­fehl über 250.000 Euro zu ak­zep­tie­ren. Dann würde das Ver­fah­ren ein­ge­stellt. Teich­mann lehnte ab. Er will einen Frei­spruch ers­ter Klas­se.