Eine halbe Million. So viele Migranten sitzen nach Informationen von Carola Rackete in Libyen fest, in Flüchtlingslagern und in den Händen von Schleppern. Die Seenotretterin setzt sich dafür ein, dass diese Menschen nach Europa evakuiert werden.

Bemerkenswert ist nicht nur, dass Rackete mit falschen Zahlen argumentiert (laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR leben in Libyen rund 53.000 Asylsuchende), sondern vor allem die Handlungsanweisung selbst. Die Folgen einer solchen Politik wären nämlich katastrophal. Denn während immer noch darüber gestritten wird, ob das Wirken der Seenotretter nun einen Pull-Effekt hat oder nicht, dürfte eines unbestritten sein: dass die plötzliche Aussicht auf einen Flug aus Libyen in die EU eine gewaltige Sogwirkung entfalten würde. Dass noch mehr Menschen die Reise antreten – und zwar nicht die Verfolgten, die Ärmsten und Schwächsten, sondern in der Regel jene, die sich den Trip nach Tripolis leisten und ihn physisch überstehen können.

Wem wäre damit geholfen? Schon jetzt macht sich ein Großteil der Migranten ohne jegliches Wissen über Asylgesetze oder Visa-Anforderungen auf den Weg Richtung EU, und zwar aus allen Gegenden dieser Erde. Ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben basieren auf Hörensagen, Facebook-Postings und den Versprechungen von skrupellosen Schleppern. Das durch die Politik von 2015 genährte Gerücht, in Angela Merkels Deutschland sei Platz für alle, hält sich bis heute hartnäckig. Was wäre wohl die Folge, wenn sich herumspricht, in Libyen gebe es Freiflüge gen Europa?

Diese Kritik an Carola Rackete soll kein Plädoyer für ein Wegschauen sein, sondern für konzertiertes Handeln. Evakuierungen etwa sind sehr wohl dringend notwendig, bloß ohne den Automatismus Libyen gleich Europa. Das UNHCR und die Internationale Organisation für Migration (IOM) sorgen verstärkt dafür, dass Migranten aus Libyen gebracht werden – in Herkunftsländer, in Drittstaaten, auch nach Europa. Entschieden wird nach Einzelfallprüfung. Die EU muss hier mehr tun und sollte endlich wieder eigene Schiffe losschicken. Die zivilen Seenotretter wären dann überflüssig. Sie könnten die gewonnene Zeit nutzen, den Menschen vor Ort in Nordafrika zu helfen und nicht erst auf dem Meer.

erschienen am 17. Juli 2019 in WELT