Lange geisterte der Verdacht durchs Land, das Sommermärchen sei gekauft worden – eine zentrale Rolle spielte ein Millionenkredit für Franz Beckenbauer. Nun zeigen etliche Ermittlungsunterlagen: Es war wohl anders

In der “Som­mer­mär­chen”-​Af­färe hat die Staats­an­walt­schaft Frank­furt im Zu­sam­men­hang mit einem Mil­lio­nen­kre­dit für Franz Be­cken­bauer keine Hin­weise auf Stim­men­kauf oder eine Ver­wen­dung für die Fuß­ball-​Welt­meis­ter­schaft 2006 ge­fun­den. Das zei­gen die meh­rere Tau­send Sei­ten fas­sen­den Er­mitt­lungs­un­ter­la­gen vor, die WELT vor­lie­gen.

Die Staats­an­walt­schaft geht dem­nach davon aus, dass das Dar­le­hen in Höhe von zehn Mil­lio­nen Schwei­zer Fran­ken, das Be­cken­bauer im Au­gust 2002 vom da­ma­li­gen Adi­das Chef Ro­bert Louis-​Drey­fus er­hielt, nicht mit Blick auf die Ver­gabe der WM, son­dern in einem an­de­ren bis­lang un­be­kann­ten Zu­sam­men­hang pri­vat ein­ge­setzt wur­de.

Über den Geld­fluss ist bis­lang Fol­gen­des ge­si­chert: Be­cken­bauer hatte die zehn Mil­lio­nen Fran­ken von Louis-​Drey­fus er­hal­ten. Doch nicht der Ex-​Fuß­ball­star, son­dern da­ma­lige DFB-​Funk­tio­näre zahl­ten den Kre­dit nach An­sicht der Er­mitt­ler zu­rück.

2015 lie­ßen sie die­selbe Summe -​ um­ge­rech­net 6,7 Mil­lio­nen Euro -​ mit­hilfe der Fifa dem ehe­ma­li­gen Adi­das-​Chef zu­kom­men -​ ge­tarnt als Bei­trag zu einer Kul­tur­ga­la. Be­cken­bauer gab an, dass er die zehn Mil­lio­nen für die Fifa be­nö­tigt habe, damit diese im Ge­gen­zug einen 250-​Mil­lio­nen-​Fran­ken-​Zu­schuss an die deut­schen WM-​Or­ga­ni­sa­to­ren frei­gä­ben.

Be­cken­bauer hatte die zehn Mil­lio­nen Fran­ken an den da­ma­li­gen Fifa-​Fi­nanz­chef Mo­ha­med Bin-​Ham­mam über­wie­sen -​ al­ler­dings auf das Konto von des­sen Fir­ma. Das ist höchst un­ge­wöhn­lich. Zwei­fel an Be­cken­bau­ers Ver­sion weckt zudem die Tat­sa­che, dass die Fifa zum Zeit­punkt der Kre­dit­auf­nahme die erste 25-​Mil­lio­nen-​Euro-​Tran­che der ins­ge­samt 250 Mil­lio­nen be­reits an das deut­sche WM-​OK über­wie­sen hat­te.

Mit Blick auf all diese un­ge­wöhn­li­chen Trans­ak­tio­nen wurde ver­mu­tet, dass mit dem Geld Stim­men im Fifa-​Exe­ku­tiv­ko­mi­tee ge­kauft wur­den, damit die WM nach Deutsch­land kommt.

Vorwurf gegen die WM-Macher: Steuerhinterziehung

Al­ler­dings: Die Staats­an­walt­schaft in Frank­furt hat mit Blick auf den Kre­dit nie gegen Be­cken­bauer er­mit­telt. Die Zah­lung spielte aber für die Be­hörde im Zu­sam­men­hang mit Er­mitt­lun­gen gegen da­ma­lige Funk­tio­näre des Deut­schen Fuß­ball-​Bun­des (DFB) eine Rol­le: Wolf­gang Niers­bach, Theo Zwan­zi­ger und Horst R. Schmidt wird schwere Steu­er­hin­ter­zie­hung vor­ge­wor­fen.

Im Mai wurde An­klage er­ho­ben, noch ist sie aber nicht zu­ge­las­sen -​ es ist also un­klar, ob es zum Pro­zess kom­men wird. Urs Lin­si, da­mals Ge­ne­ral­se­kre­tär des Fuß­ball-​Welt­ver­ban­des Fifa, wurde wegen Bei­hilfe an­ge­klagt. Be­cken­bauer wird nur als Zeuge ge­führt. Die An­ge­schul­dig­ten haben be­an­tragt, die An­klage ab­zu­wei­sen.

Die Er­mitt­lungs­ak­ten zei­gen, wie akri­bisch die Staats­an­wälte ver­such­ten, her­aus­zu­fin­den, warum Be­cken­bauer die zehn Mil­lio­nen Fran­ken von Louis-​Drey­fus be­kam. Eine Ant­wort fan­den sie aber nicht.

War das Geld fürs Shoppen nach der Kirch-Insolvenz?

Den­noch sind die Akten in­ter­essant. Aus ihnen geht näm­lich her­vor, dass sich Louis-​Drey­fus sowie der da­ma­lige Be­cken­bauer-​Ma­na­ger Ro­bert Schwan of­fen­bar über mög­li­che ge­mein­same Ge­schäfte aus­tausch­ten, bei denen man Mil­lio­nen mit ex­klu­si­ven Sport­ver­an­stal­tun­gen und dem Ma­na­gen von Elite-​Sport­lern ver­die­nen könn­te.

In einem Ver­merk, den Louis-​Drey­fus an Schwan schick­te, geht es zudem um einen an­geb­lich ge­plan­ten Ver­kauf der Firma SKK-​Ro­fa, die die Per­sön­lich­keits­rechte von Be­cken­bauer be­saß. Als mög­li­cher Kauf­preis stand da­mals im Raum: 100 Mil­lio­nen US-​Dol­lar. Eine Ver­bin­dung zum mys­te­ri­ösen Kre­dit konnte die Staats­an­walt­schaft aber nicht nach­wei­sen.

Die Er­mitt­ler gin­gen den Akten zu­folge auch in­ten­siv der Theo­rie nach, wo­nach der Kre­dit für Deals mit TV-​ und Mar­ke­ting­rech­ten ein­ge­setzt wur­de. Diese Theo­rie wurde be­feu­ert durch einen Ver­merk einer Bank­be­ra­te­rin von Louis-​Drey­fus, die no­tier­te, dass das Dar­le­hen ge­währt wor­den sei, damit ein Ge­schäfts­freund na­mens F. B. -​ of­fen­bar Be­cken­bauer -​ aus dem Nach­lass der Kirch-​Gruppe TV-​Rechte kau­fen kön­ne.

Die Staats­an­wälte hiel­ten Be­cken­bauer diese Notiz und die Ver­merke von Louis-​Drey­fus für Schwan vor, aber Be­cken­bauer er­klär­te, er könne dazu nichts sa­gen. Die Er­mitt­ler ver­nah­men Ex-​Kirch-​Ma­na­ger Die­ter Hahn, durch­such­ten auch das von In­sol­venz­ver­wal­ter Mi­chael Jaffé ver­wal­tete Ar­chiv der Firma Kirch­Me­dia.

Die geheime Zahlung an Wolfgang Niersbach

Das Er­geb­nis Ende März: Es wur­den keine nütz­li­chen Un­ter­la­gen ge­fun­den, die einen Kauf von TV-​Rech­ten durch Be­cken­bauer be­le­gen. Die Er­mitt­ler gaben schließ­lich auf, auch sie wis­sen bis heute nicht, warum Be­cken­bauer den Kre­dit auf­nahm.

Neue Fra­gen wirft hin­ge­gen eine Zah­lung auf, die die Frank­fur­ter Er­mitt­ler in ös­ter­rei­chi­schen Kon­toun­ter­la­gen fan­den: Am 27. Ja­nuar 2004 wurde Niers­bachs Konto ein Be­trag in Höhe von 50.000 Euro gut­ge­schrie­ben. Das Geld kam vom Konto der Be­cken­bauer-​Firma SKK-​Ro­fa.

Zu die­sem Zeit­punkt hatte Be­cken­bauer sei­nen Mil­lio­nen­kre­dit schon er­hal­ten, zu­rück­ge­zahlt war er aber noch nicht. Die Deut­schen steck­ten da­mals mit­ten in den Vor­be­rei­tun­gen auf die Welt­meis­ter­schaft.

Keine Ahnung. Wissen wir nicht. Sätze, die oft fallen

Warum der da­ma­lige OK-​Vi­ze­prä­si­dent und -​Press­e­chef Niers­bach zu die­sem Zeit­punkt eine sol­che Summe vom da­ma­li­gen OK-​Prä­si­den­ten Be­cken­bauer er­hielt?

Auf An­frage von WELT teilte Niers­bachs An­wäl­tin Re­nate Ver­jans mit: “Diese Zah­lung be­ruhte auf einer Ver­ein­ba­rung zwi­schen Herrn Niers­bach und Herrn Be­cken­bau­er, die mit dem Sach­ver­halt, der den an­hän­gi­gen Straf­ver­fah­ren zu­grunde liegt, in kei­ner­lei Ver­bin­dung steht.”

Dar­über hin­aus ge­hende Er­klä­run­gen werde man nicht ab­ge­ben, so Ver­jans. Be­cken­bau­ers An­walt rea­gierte auf eine An­frage nicht. Schmidt und Zwan­zi­ger teil­ten WELT mit, sie wüss­ten von nichts. So­fern das Land­ge­richt Frank­furt die An­klage zu­lässt, dürfte auch diese Zah­lung noch ein­mal Thema wer­den.

erschienen in WELT am 1. Oktober 2018