Unser Autor hat ein bewegtes Vorleben, er war Deutschlands jüngster Stadionsprecher. Doch das Schicksal spielte ihm übel mit – sein Verein, Union Solingen, deklassiert, sein Fußballstadion verwaist. Ein letzter mitternächtlicher Besuch

Oft sitze ich in Cafés an ir­gend­wel­chen Orten auf die­sem Pla­ne­ten und den­ke: Ja, doch, hier könnte ich blei­ben. Ich dachte das zum Bei­spiel in New York City, in Bern und in Cusco in den pe­rua­ni­schen An­den. Zu­hause ist für mich da, wo ich es schön fin­de; das kann über­all auf der Welt sein. Aber Hei­mat? Das ist eine Kon­stan­te, ein gan­zes Leben lang, daran kann man nicht rüt­teln. Jeder Mensch hat eine Hei­mat. Bloß: Was ist, wenn man seine Hei­mat ver­liert? Wenn da plötz­lich nichts mehr ist? Dann ist da eine große Lee­re.

Bei mir ist es so: Es gibt da einen Ort in So­lin­gen, einer 156.000-​Ein­woh­ner-​Stadt im Ber­gi­schen Land, zwi­schen Düs­sel­dorf und Köln ge­le­gen, welt­be­rühmt für seine Mes­ser. Spitz­name Klin­gen­stadt. Der Ort, den ich mei­ne, liegt im Stadt­teil Oh­ligs, in einer sehr engen Straße na­mens Her­mann-​Löns-​Weg, eine Allee mit Kas­ta­ni­en­bäu­men links und rechts. Schlichte Ein­fa­mi­li­en­häu­ser, ein Fried­hof, ein klei­ner Zoo na­mens Vo­gel­park, in dem man Schweine füt­tern kann und, glaube ich, Rehe.

Da­zwi­schen: ein Fuß­ball­sta­dion. Das mag lang­wei­lig klin­gen, es gibt schließ­lich Tau­sende Fuß­ball­sta­dien in Deutsch­land, jede Klein­stadt hat ei­nes. Aber Mo­ment mal -​ das Sta­dion am Her­mann-​Löns-​Weg, so der sim­ple Name, ist nicht wie die an­de­ren. Es hatte den grüns­ten und saf­tigs­ten Ra­sen, den ich je ge­se­hen habe. Es hatte die äs­the­tischs­ten Flut­licht­mas­ten. Die schönste Tri­bü­ne. Es wur­den die bes­ten Lie­der ge­sun­gen, und zwar lau­ter als ein Press­luft­ham­mer: “Denn wir kom­men aus Oh­ligs, super Oh­ligs, kei­ner mag uns, scheißegal.” Wer nicht dabei war, kann sich nicht vor­stel­len, wie laut das war.

Nir­gendwo grätschte ein Spie­ler ziel­ge­nauer als hier, und nir­gendwo fisch­ten Tor­hü­ter so viele un­halt­bare Bälle aus der Luft. Es gab die beste Brat­wur­st, und der Rauch der Zi­ga­ret­ten, die hier ge­raucht wur­den, löste kei­nen Krebs aus, son­dern ein Ge­fühl von Glück. Es war also nicht ein­fach ein Fuß­ball­sta­dion, es war ein Wall­fahrts­ort. Ein Sonn­tagnach­mit­tag am Her­mann-​Löns-​Weg, bes­ser konnte es nicht mehr kom­men im Le­ben. Mehr Hei­mat war nie -​ nicht für mich.

Ich muss 13 ge­we­sen sein, als ich zum ers­ten Mal hier war. Ich habe mich auf die Stu­fen vor die Tri­büne ge­stellt, hin­ter die Trai­ner­bän­ke. Ich sah Union So­lin­gen sie­gen, in der sechs­ten Liga. Ich be­ju­belte jedes Tor. Ich kannte da­mals schon die großen Sta­di­en, wo sie Bun­des­li­ga­fuß­ball spiel­ten. Es war span­nend, und ich fie­berte ge­mein­sam mit mei­nem Vater mit For­tuna Düs­sel­dorf. Aber so etwas Schö­nes wie hier hatte ich noch nie ge­se­hen.

Ein­mal san­gen die Fans: “Un­sere Hei­mat, un­sere Lie­be, in den Far­ben Blau und Gelb, 14 Jahre zweite Liga, das ist das, was für uns zähl­t.” Von 1975 bis 1989 hatte Union So­lin­gen in der 2. Bun­des­liga ge­spielt, hier auf die­sem Rasen -​ das zu wis­sen, machte es umso reiz­vol­ler für mich, im Sta­dion zu sein. Ich kam immer wie­der, schon der Weg durch das Oh­ligser Un­ter­land war ein Ge­schenk: mit dem Bus der Linie 681 zum Oh­ligser Bahn­hof, dann zu Fuß wei­ter in Rich­tung Sta­dion, an einer Turn­halle vor­bei, dann in der Ferne die Flut­licht­mas­ten, ir­gend­wann Sta­dion­mu­sik, erst lei­se, dann mit jedem Schritt lau­ter. Gleich da! Stim­men­ge­wirr, Ac­tion, Vor­freu­de, An­span­nung.

Ich fuhr auch zu Aus­wärts­s­pie­len und ver­spot­tete heim­lich die Fans und die Spie­ler des Geg­ners, weil ihre Sta­dien so öde wa­ren. Ich ent­schloss mich, Be­richte über Union So­lin­gen zu schrei­ben und er­stellte eine Ho­me­pa­ge. Die wurde gut an­geklickt, ein paar lo­kale Un­ter­neh­men merk­ten es und schal­te­ten Wer­bung. Im Kampf um neue Leser über­trieb ich es ein­mal und ver­mel­de­te, ein Spie­ler des 1. FC Köln habe sich ent­schie­den, an den Her­mann-​Löns-​Weg zu wech­seln. Es sollte ein April­scherz sein, ver­öf­fent­licht al­ler­dings erst am 4. April; nie­mand fand es wit­zig. Aber ich war jung und brauchte die Klicks.

Der Ver­eins­ma­na­ger frag­te, ob ich beim Aus­fül­len der Auf­stel­lun­gen hel­fen wol­le. Ich durfte im Mann­schafts­bus mit­fah­ren. Ich druckte Flyer für Union-​Heim­spiele und ver­teilte sie in Ki­os­ken. Ich woll­te, dass so viele Men­schen wie mög­lich die­sen wun­der­ba­ren Ort ken­nen­lern­ten, meine neue Hei­mat. Ich be­rich­tete per Live-​Ti­cker von den Spie­len am Her­mann-​Löns-​Weg.

Meine letz­ten Ge­dan­ken am Abend dreh­ten sich um die Union und meine ers­ten am Mor­gen. An die Schule dachte ich sel­ten. Ich zählte die Tage bis zum nächs­ten Heim­spiel, und wenn es zu viele wa­ren, fuhr ich zum Sta­dion und schaute mir das Trai­ning an. Ein­hun­dert Pro­zent nor­mal war ich ver­mut­lich nicht.

Ir­gend­wann durfte ich als Sta­di­on­spre­cher aus­hel­fen, ich brüllte die Auf­stel­lun­gen ins Mi­kro­fon und die Tore. Das war 2003. Ich litt in der Spre­cher­ka­bine tau­send Tode. Ein Re­por­ter des Fuß­ball­ma­ga­zins “11 Freun­de” kam vor­bei und por­trä­tierte mich, da­nach kamen der WDR und Sat 1. Ich war der jüngste Sta­di­on­spre­cher Deutsch­lands. Wenig spä­ter wurde ich Jour­na­list und musste den Wahn­sinn stop­pen. Das war okay, ich hatte meine Hei­mat in vol­len Zügen ge­nos­sen: hei­ser jeden Sonn­tag­abend, Union in Liga vier, das Sta­dion voll. Die Geg­ner: Grö­ßen wie For­tuna Düs­sel­dorf und der Wup­per­ta­ler SV. Tore aus dem Bil­der­buch. Ich hoff­te, dass ich immer zu­rück­keh­ren könn­te, mein Leben lang.

Eine Weile ging es gut, bis 2007 hielt Union die Klas­se. Dann der Ab­stieg. 2009 die ver­passte Rück­kehr. Ein Jahr spä­ter war es vor­bei: Über Jahre hin­weg hat­ten grö­ßen­wahn­sin­nige Ma­na­ger den Ver­ein immer wei­ter in Rich­tung Ab­grund ge­führt, mach­ten immer mehr Schul­den. Die dritte In­sol­venz über­lebte Union So­lin­gen nicht, mein Ver­ein wurde 2010 aus dem Ver­eins­re­gis­ter ge­löscht. Die Na­mens­rechte gin­gen an einen an­de­ren Klub über.

Der Name exis­tiert also noch, genau wie die Far­ben, aber die Spiel­stätte ist eine an­de­re. Kreis­liga-​Fuß­ball. Und so brauchte nie­mand mehr das Sta­dion. Die Stadt ent­schied sich für den Ab­riss, für die Ver­äu­ße­rung des Grund­stücks als Bau­flä­che. Jah­re­lang tat sich nichts, gras­ten Schafe auf der Wie­se, nur auf dem Ne­ben­platz wurde noch ge­kickt.

Ich habe einen Freund, er heißt Willi Hök, hat wei­ßes Haar und ist ein biss­chen ver­rückt. Er kann die Ge­schichte des Sta­di­ons und aller Ver­ei­ne, die hier seit 1929 spiel­ten, in fünf Mi­nu­ten er­zäh­len. Er war immer hier und hat alles er­lebt. Er denkt nur mit dem Her­zen. Ich lernte ihn ken­nen, als ich 13 war, und lauschte sei­nen Er­zäh­lun­gen.

Als ich spä­ter zum Ab­riss des Sta­di­ons re­cher­chier­te, führte mich einer der ver­ant­wort­li­chen Po­li­ti­ker durch das Ge­län­de. Ich fragte Wil­li, ob er auch kom­men wol­le. Er sagte ab, aus Angst, seine Emo­tio­nen nicht kon­trol­lie­ren zu kön­nen. Mein Freund hatte bis zu­letzt Hoff­nung, dass doch noch ein Wun­der ge­schieht und die Bag­ger nicht kom­men. Aber jetzt sind sie da, der Ab­riss hat be­gon­nen. Ich habe Willi nicht ge­fragt, wie er sich fühlt, ich kann es mir den­ken.

Es ist wirk­lich vor­bei. Ich bin viel ge­reist über die Jah­re, ich hatte all die Post­kar­ten­bil­der vor mei­nen Au­gen: Broo­klyn Bridge, Nia­gara-​Fäl­le, Machu Pic­chu, Ayers Rock, Ber­ge, Wüs­te, Meer. Nichts konnte den An­blick des Sta­di­ons top­pen. Ich bin noch oft nach So­lin­gen ge­fah­ren und habe es be­sucht, auch wenn dort nie­mand mehr spiel­te. Habe mich auf die Tri­büne ge­setzt, auf den Rasen ge­blickt und mir vor­ge­stellt, wie das wäre, würde hier noch ge­spielt. Wür­den noch Tore fal­len. Würde Union ein Tor schie­ßen. Das wäre sehr, sehr schön.

Die Wirk­lich­keit ist sehr, sehr trau­rig. Ich werde oft be­lä­chelt, wenn ich sage, wie sehr mich der Ver­lust die­ses Ortes schmerzt. Fuß­ball, ein Sta­dion -​ was ist das schon? Kann das wirk­lich Hei­mat sein? Oh ja, es kann. Ich denke nicht jeden Tag an das Sta­dion, aber dass mir etwas ge­nom­men wur­de, ist immer in mei­nem Un­ter­be­wusst­sein. Am Os­ter­sonn­tag war ich in So­lin­gen, um meine El­tern und meine Schwes­ter zu be­su­chen. Es wurde spät. Plötz­lich spürte ich, dass ich drin­gend ins Sta­dion muss. Ich wollte ir­gend­was ho­len, ir­gend­ei­nen Ge­gen­stand, den ich mit­neh­men, zu mir neh­men kann. Ein Stück Hei­mat für un­ter­wegs.

Ich dachte an das Sta­dion­mi­kro­fon. Ein ur­al­tes Ding, fest ver­an­kert im Tisch in der Spre­cher­ka­bi­ne, selbst auf dem Floh­markt wür­den die Leute es nicht be­ach­ten. Aber der ide­elle Wert für mich ist sehr hoch. Meine El­tern guck­ten mich mit­lei­dig an. Meine Freun­din sag­te, sie komme mit. Sie ist Spa­nie­rin, als sie zu mir nach Deutsch­land zog, kannte sie das Sta­dion am Her­mann-​Löns-​Weg ko­mi­scher­weise noch nicht. Ich habe es ihr zeit­nah ge­zeigt, und ich las in ihrem Ge­sicht, dass auch sie es wun­der­schön fand. Um Mit­ter­nacht klet­ter­ten wir auf die Tri­bü­ne. Es war stock­dun­kel, ein Han­dy­licht zeigte uns den Weg. Es war ein biss­chen il­le­gal. Wir stie­gen die Stu­fen hoch zur Ka­bi­ne. Dann der Schock: Die Tür war auf­ge­bro­chen, das Mi­kro­fon ge­klaut. Es wird bei ir­gend­je­man­dem zu Hause ste­hen, der es ab und zu an­schaut und denkt, wie schön es da­mals war.

Ich war trau­rig, aber auch froh: Nicht nur ich kämpfe of­fen­bar mit dem Ver­lust mei­ner Hei­mat. Ge­teil­tes Leid ist hal­bes Leid. Ich bin nicht al­lein.

erschienen in WELT am 21. August 2018