Unter dem neuen Chef Gianni Infantino ist nichts besser geworden. Marokko möchte die WM 2026 ausrichten, der Fußball-Weltverband aber will das offenbar verhindern – das zeigen Recherchen der WELT AM SONNTAG. Die Afrikaner lassen sich nicht unterkriegen

Eine Straße im Zentrum der nordafrikanischen Stadt Tanger, am frühen Donnerstagmorgen, kurz nach halb zwei. Das Hotel “Hilton” liegt nur ein paar Hundert Meter vom Meer entfernt. Zwei Polizisten stehen vor ihrem Jeep und verdeutlichen jedem: Durchfahrt verboten. Nebenan fährt die Polizei auf Motorrädern Streife, mit Blaulicht. An den Kreuzungen stehen Beamte und beobachten den Verkehr. Ein Taxifahrer sagt: “Das ist ja so, als wäre der König hier.”

Es sind aber nur Mitarbeiter des Fußball-Weltverbandes Fifa. Ihnen soll hier in Marokko ein störungsfreier Schlaf garantiert werden. War ja auch ein langer Tag. Am Morgen noch besuchten sie Agadir im Süden des Landes, dann ging es mit der Boing 737 des Königshauses nach Tétouan zur Stadiontour. Später dann ein Essen im Fünf-Sterne-Hotel am Strand, Hummer als Hauptspeise. Einer der Fifa-Männer bestellte sich nach dem Dessert gleich noch einen zweiten. Dann fuhren sie mit Autos weiter nach Tanger – eskortiert von der Polizei.

Ein Land im Ausnahmezustand, fünf Tage lang. Der Grund: Das Königreich will im Jahr 2026 die Fußball-WM ausrichten. Dafür muss es erstens zur Wahl zugelassen werden und zweitens die Gemeinschaftsbewerbung der USA, Kanadas und Mexikos übertrumpfen. Eine sogenannte “Task Force” der Fifa war in den vergangenen zwei Wochen in den Bewerberstaaten unterwegs, um die Frage zu beantworten: Ist der jeweilige Kandidat wirklich in der Lage, das Event auf die Beine zu stellen?

Nur wenn die fünfköpfige Männergruppe die Frage mit Ja beantwortet, wird der Bewerber zur Wahl am 13. Juni zugelassen. Ein Quintett, ausgestattet mit maximaler Macht. Das Problem: Die Fünf sind nicht unabhängig, sondern haben verschiedene Funktionen inne. Chefjurist, Finanzkontrolleur oder Wettbewerbsdirektor. Sie sind abhängig von der Gunst des obersten Chefs im Fifa-Haus in Zürich: Präsident Gianni Infantino.

Und der scheint mit allen Mitteln verhindern zu wollen, dass der Fifa-Kongress mit seinen 207 Mitgliedsverbänden Marokko auswählt. Die Marokkaner befürchten, die “Task Force” sei nur eingesetzt worden, damit sie das Land disqualifiziert.

Das mag zunächst wie eine Verschwörungstheorie klingen. Nur: Wie WELT AM SONNTAG aus Kreisen des Weltverbandes erfuhr, gab es vor wenigen Wochen dubiose Vorgänge, mit denen die marokkanische Bewerbung aus dem Wettbewerb gekegelt werden sollte. Es war ein sportpolitischer Krimi, der sich hinter verschlossenen Türen abspielte – von der Fifa auf Nachfrage aber dementiert wird.

Mitte März fand im Fifa-Hauptquartier in Zürich ein Treffen der “Task Force”-Mitglieder statt. Teilnehmer der Sitzung wunderten sich schon Wochen zuvor, dass die Fifa-Administration den Anforderungskatalog mehr und mehr ausgebaut hatte. Aus anfangs acht Seiten waren 50 geworden.

Die Fassung des Katalogs mit Stand März wurde den Teilnehmern erst unmittelbar vor Sitzungsbeginn übergeben. Einer blätterte den Recherchen zufolge die Seiten durch und erkannte eine neue Mindestvoraussetzung für die Zulassung zur Wahl: Plötzlich musste ein Kandidat sechs bereits vorhandene hochmoderne Stadien vorweisen. Zuvor waren es noch vier gewesen.

Die Teilnehmer der Sitzung, so wurde es dieser Zeitung geschildert, sollen daraufhin herausgefunden haben: Marokko besitzt nur fünf solcher Stadien. In diesen Minuten standen die Bemühungen des Landes um das größte Sportereignis der Welt unmittelbar vor dem Aus – und niemand in Marokko ahnte etwas davon. Wer die neuen Voraussetzungen festlegte, ist unklar. War es Infantino selbst?

Marokko hatte erst einmal Glück: Die Mitglieder der “Task Force” diskutierten die Änderung und einigten sich darauf, den Anforderungskatalog wieder in die vorherige Fassung zu versetzen. Also vier statt sechs schon bestehende Großstadien. Die Afrikaner kamen noch einmal davon, machen ihrem Ärger aber Luft, nachdem sie von WELT AM SONNTAG über den Vorgang informiert worden waren. Beim Besuch in Marokko in dieser Woche sprachen die Mitglieder des Bewerbungskomitees das Fifa-Personal direkt auf die Abläufe Mitte März an. Es gab Diskussionen, aber am Ende beruhigten sich die Gemüter. Das Motto: Konzentration auf das, was Marokko zu bieten hat, nicht auf den Streit mit Infantino und seinen Leuten in Zürich. Die Afrikaner wollen sich nicht ablenken lassen: Nach vier gescheiterten Versuchen soll es jetzt endlich klappen. In den WM-Spielorten waren Hausfassaden plakatiert, darauf der Slogan der Bewerbung: “Gemeinsam für ein Ziel”. An den Mautstationen, die die Fifa-Leute passierten, trugen die Arbeiter WM-T-Shirts. Der Industrieminister persönlich reiste mit der Delegation durch das Land und erklärte, wie die Infrastrukturprojekte bezahlt werden sollen. Am Ende bekamen die Gäste noch Briefmarken geschenkt.

Anders als geplant ist die Evaluation noch nicht abgeschlossen. Anfang dieser Woche kehren Fifa-Mitarbeiter noch einmal zurück nach Marokko. Sie wollen unter anderem eine Antwort auf die Frage, wie Marokko die notwendige Zahl von Hotels aus dem Boden stampfen will. Die Bewerber haben die Sorge, dass das Rennen alles andere als offen ist: “Wir sind davon überzeugt, dass die ‘Task Force’ ihren Job angemessen macht”, sagt einer der marokkanischen WM-Chefs während des Aufenthalts der “Task Force” in Casablanca zu WELT AM SONNTAG. Er fügt aber hinzu: “Es gibt einen Unterschied zwischen diesen Leuten und dem Präsidenten der Fifa.” Der Offizielle bittet darum, seinen Namen nicht zu nennen, an einer Eskalation der Situation sei den Marokkanern nicht gelegen.

Die Afrikaner liegen seit Wochen mit der Fifa im Clinch – und dort vor allem mit dem Chef. Sie werfen Infantino vor, mit Tricks dafür sorgen zu wollen, dass die amerikanische Gemeinschaftsbewerbung automatisch den Zuschlag erhält. Das wäre der Fall, wenn die “Task Force” Marokko die Gastgebertauglichkeit abspricht.

Ein Turnier in Amerika, das wäre wohl nach dem Geschmack von Infantino. Der 48-Jährige erhielt bei seiner Wahl zum Fifa-Chef im Februar 2016 viel Unterstützung aus den USA, vor allem von Verbandschef Sunil Gulati. Dieser warb damals offen für Infantino. Gulatis Hoffnung vermutlich: dass sich Infantino für die amerikanische WM-Bewerbung einsetzt.

Die Frage lautet daher, ob sich der Fifa-Chef nun erkenntlich zeigt. Öffentlich beteuert Infantino stets, neutral zu sein. Aber andere haben da so ihre Zweifel: Schon vor Wochen beklagte Fouzi Lekjaa, Marokkos Fußballchef, per Brief an die Fifa, diese habe erst Stunden vor der Übermittlung der Bewerbungsunterlagen neue Kriterien für Bewerber beschlossen. Die Infrastruktur spielte plötzlich eine viel größere Rolle als bisher – ein Vorteil für die USA. Die Fifa reagierte mit einer schriftlichen Antwort, die die Afrikaner beschwichtigen sollte. Doch der Plan schlug fehl. Lekjaa schrieb zurück, die Antworten stellten ihn “nicht zufrieden”.

Was dort gerade passiert, ist eine kleine Rebellion. So mutig hat noch nie jemand gegen die Mächtigen in Zürich aufbegehrt; unter Ex-Präsident Sepp Blatter wäre das undenkbar gewesen. Aber Infantino büßt immer mehr Rückendeckung ein. Dass ihn Journalisten nicht für einen Aufräumer, sondern für eine schlechte Blatter-Kopie halten, ist nicht neu. Aber auch in der Fußballszene brodelt es immer mehr.

Jüngst soll Infantino beim Treffen des Fifa-Managements erzählt haben, ihm liege ein Angebot vor, wonach jemand 25 Milliarden US-Dollar für die Rechte an der Nations League und der Klub-WM bezahlen wolle. Wer hinter dem Angebot steckt, wurde er gefragt. Das, so Infantino, könne er nicht verraten. Erst einmal müsse man dem Deal zustimmen. Man war irritiert. Infantino stößt mit solchen Aktionen auf Widerstand, vor allem in Europa, wo Aleksander Ceferin den Verband anführt. Mit einer neuen Fifa hat das alles nichts zu tun. Zwar entscheidet nun der Kongress mit seinen 207 Mitgliedern über den Austragungsort – nicht mehr nur die 25 Mitglieder der Exekutive. Aber: Infantinos Leute fungieren im Auswahlprozess jetzt als Gatekeeper. Und haben Marokko bereits Steine in den Weg gelegt.

Schafft es das nordafrikanische Land am 13. Juni aber tatsächlich auf den Stimmzettel, stehen die Chancen nicht schlecht. Der Kontinent steht hinter Marokko, und auch darüber hinaus gibt es immer mehr Verbände, die ihre Unterstützung versprechen. Frankreich zum Beispiel.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat sich noch nicht entschieden, wem er seine Stimme geben wird. Anfang Mai wird eine Delegation der Marokkaner in Frankfurt am Main erwartet. Aber auch für ein mögliches Aus hat sich Marokko gerüstet. Rechtsanwälte sind eingeschaltet, sie haben das Vorgehen der Fifa studiert. Ihre Bewertungen listen seitenlang mögliche Regelverstöße mit Blick auf die “Task Force” auf. Kommt es zum Ausschluss, wird Marokko wohl vor den internationalen Sportgerichtshof Cas ziehen. “Wir werden Ungerechtigkeit nicht tolerieren”, dieser Satz ist in diesen Tagen sehr oft zu hören.

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurden die Fifa-Leute nach Abschluss ihres Programms von der Polizei zum Flughafen in Casablanca eskortiert, von dort ging es nach Hause. “Sie waren positiv beeindruckt”, behauptet einer der WM-Chefs, die nun Morgenluft schnuppern. Sie hoffen auf die Unabhängigkeit der “Task Force”. Und sie haben in den Gesprächen erfahren, dass der Gruppe die amerikanische Bewerbung offenbar Bauchschmerzen bereitet.

Die USA haben nach Informationen dieser Zeitung bislang nämlich keine Garantie abgegeben, dass die Regierung von US-Präsident Donald Trump eine der wichtigsten Anforderungen an WM-Bewerber erfüllt: Visafreiheit für alle Inhaber von WM-Tickets. Das würde so mancher bisherigen Haltung der Trump-Regierung widersprechen. Es klingt unwahrscheinlich, dass man jetzt einfach so eine Ausnahme schaffen würde. Nicht für ein bisschen Fußball.

erschienen in der WELT AM SONNTAG am 22. April 2018