Wettbetrug beim Fußball ist für Spieler in der Ukraine oft die einzige Chance, Geld zu verdienen. Ein Italiener führt dort den Kampf gegen die Betrüger – der Mann lebt gefährlich

Vor einigen Tagen, eben graut der Morgen, rücken Hunderte ukrainische Polizisten aus, um die Verräter des Fußballs aufzusuchen. Die Beamten fahren an diesem Dienstag an 40 Orte im Land. Sie verhören Beschuldigte, durchkämmen Büros und Wohnräume, sichern Papiere, Computer, Festplatten. 35 Vereine sind betroffen, 67 Prozent aller Teams der ersten und zweiten Liga. Sie sollen Spiele beeinflusst und damit Geld verdient haben.

Hinterher zieht Innenminister Arsen Awakow ein Fazit der Razzia: “Jedwede Methoden wurden benutzt, um das richtige Ergebnis in einem Spiel zu bekommen – von der Bestechung von Spielern, Schiedsrichtern und Klubbossen bis zur Einschüchterung und Bedrohung.” Man habe 57 Spielmanipulationen festgestellt, 320 Personen seien involviert. Andrij Pawelko, Präsident des nationalen Verbandes FFU, spricht von “einem historischen Tag”. Ein Schlag gegen die bösen Kräfte im Fußball. Überall wird groß berichtet. Nicht nur in der Ukraine, auch in Deutschland und anderen Ländern. Ein Befreiungsschlag, fünf Tage vor dem Finale der Champions League: Real Madrid gegen FC Liverpool in Kiew. So schaut es jedenfalls aus.

Auch Francesco Baranca glaubt das zunächst. Er hat die Ermittlungen ins Rollen gebracht. WELT AM SONNTAG hat ihn über Monate hin mehrmals getroffen. Ein Italiener, der lange in Spanien lebte und in die Ukraine ging, um die Fußball-Mafia zu besiegen. Ausgerechnet hier, im korruptesten Land Europas. Die Razzia, sie ist sein Werk. Doch es dauert nur wenige Tage, und er wird sich fühlen wie Don Quijote.

DSCF6777Januartage sind oft kalt. In der Ukraine aber fühlen sie sich noch kälter an. Baranca sitzt Anfang des Jahres im Hauptquartier des Fußballverbands. Minus zwölf Grad sind es draußen. Er trägt einen grauen Anzug und ein hellblaues Hemd. Ein mittelgroßer Mann mit Dreitagebart, kurzem, dunkelgrauem Haar, kleinen Augen und einer großen Nase. Schlank. Sieht älter aus, als er mit seinen 43 Jahren wirklich ist. Baranca hat schon viel erlebt. Beim Lachen zieht er die Schultern hoch und die Mundwinkel zusammen.

Die Razzia ist damals noch weit weg, er will im Vertrauen erzählen, was er vorhat: ein Exempel statuieren. Es müsse dringend etwas getan werden gegen die Mafia, sagt Baranca, man müsse sich vor allem die Jugendspiele anschauen: “Sonst ist der Fußball bald tot.” Er fügt hinzu: “Nicht nur in der Ukraine.”

Fußball ist ein simples Spiel. Elf gegen elf, wer öfter den Ball ins Tor des Gegners schießt, gewinnt. Daraus folgen Wahrscheinlichkeiten: Dass ein Tabellenführer den Tabellenletzten besiegt? Sehr wahrscheinlich. Ein Eigentor? Unwahrscheinlich. Hieraus ist ein globales Geschäft entstanden, der Sportwetten-Markt. Ein Beispiel: Bayern spielt gegen Frankfurt im DFB-Pokal-Finale. Die Quote für einen Bayern-Sieg liegt bei 1,2 – mit zehn Euro Einsatz lassen sich also zwölf Euro gewinnen. Die Quote für einen Erfolg der Frankfurter: 3,0. Das heißt, 30 Euro Gewinn bei zehn Euro Einsatz. In die Quote fließen etwa der Tabellenstand einer Mannschaft ein, verletzte Spieler oder für wen es ein Heimspiel ist. Ein lukratives Geschäft: Experten rechnen mit einem Umsatz von Hunderten Milliarden Euro pro Jahr. Für viele fällt da etwas ab. Die Verlockung, zu betrügen, ist immens.

Aus Sportlern werden darum manchmal Schauspieler, die nicht dem Matchplan des Trainers folgen, sondern einem betrügerischen Drehbuch. Das hat dann nichts mehr mit Fußball zu tun. Dann werden die Gesetze der Wahrscheinlichkeit außer Kraft gesetzt und mit Betrug Millionen verschoben. Dann kommt Francesco Baranca ins Spiel.

Baranca hat eine Firma, sie heißt Federbet und dokumentiert manipulierte Fußballspiele. Er kooperiert mit Wettanbietern, die sich an ihn wenden, wenn sie dubiose Wetteinsätze oder Bewegungen auf Konten von Benutzern sehen. Oder ein Klub meldet verdächtige Spieler. Baranca alarmiert dann die Fußballverbände und die Polizei.

Bis dahin war er ein Ankläger, den man ignorieren konnte. Im großen Fußballuniversum war er ein Mann ohne Macht. Das änderte sich im November 2016. Baranca saß im Café “Reprisa” in Kiew. Er besuchte die Stadt immer mal wieder, um sich mit Vereinsvertretern zu treffen und ihnen zu erzählen, dass mehr getan werden müsse im Kampf gegen die Betrüger. Immer die gleiche Leier. Nichts aber schien sich zu ändern.

Dann klingelte sein Handy. Juri Sapisotski, Generalsekretär des ukrainischen Fußballverbandes FFU, bat ihn, vorbeizukommen. Baranca nahm ein Taxi. Sapisotski sagte, er habe mit Andrij Pawelko gesprochen, dem frisch gewählten Verbandspräsidenten. Pawelko wolle, dass Baranca neuer Chef der Ethikkommission werde. Dass er die Betrüger jage.

Besonders in Osteuropa hat sich Matchfixing – so lautet das Fachwort für Spielabsprachen – in allen Sportarten und Altersklassen ausgebreitet, viele der Betrüger sind schwere Jungs, höchst kriminell. In Bulgarien wurde 2012 einer von Barancas Kollegen erschossen. Trotzdem wollte er es wagen. Ein deutscher Polizist, der sich seit Jahren mit Matchfixing beschäftigt, sagt: “Männer wie Baranca leben gefährlich, sie gefährden ein ganzes Geschäftsfeld, mit dem die Mafia ihr Geld verdient.” Baranca bekam einen Assistenten zur Seite gestellt, den Chefjuristen des Verbandes: Witali Danischenko, 26 Jahre, mit Oberarmen wie Lkw-Reifen.

Es ist beileibe nicht so, dass nur in Osteuropa betrogen würde. Schon 1971 erschütterte der Bundesligaskandal um geschmierte Spiele die Bundesrepublik. 2005 dann die Affäre um den bestochenen Schiedsrichter Robert Hoyzer. Und 2014 gestand der Ex-Zweitligaspieler Thomas Cichon, bei einem Spiel seines Klubs VfL Osnabrück für 20.000 Euro “nicht mit voller Kraft und Konzentration” gespielt zu haben.

Das aber sind nur einzelne Fälle. Klar ist, die Manipulationen finden weltweit statt, in allen Sportarten. Der Kampf gegen den Betrug wiederum ist hoch kompliziert. Weil die Betrüger strafrechtlich nur wenig zu fürchten haben. Weil Verbände und Polizei nur selten an einem Strang ziehen. Und vor allem, weil die Kontrollen viel zu lasch sind. Vor Monaten wandte sich Barancas Assistent Danilschenko an den europäischen Fußballverband Uefa und fragte nach, welche Informationen zu Manipulation in den Altersklassen U19 und U21 vorlägen. Gar keine, antwortete Emilio Garcia, der Direktor für Integrität. Das “Betting Fraud Detection System” – das Spielbetrugsaufdeckungssystem – beschäftige sich nur mit den beiden höchsten Ligen der 55 Mitgliedsverbände und Pokalwettbewerben.

Das macht rund 32.000 Fußballspiele im Jahr. Sie allein werden auf Merkwürdigkeiten hin beobachtet, etwa auf ungewöhnliche Einsätze. Insgesamt kann aber auf rund 100.000 Spiele gewettet werden. Von einem hohen Verfolgungsdruck also keine Spur.

Baranca liebt Sport, von klein auf. “Meine Jugend bestand aus nichts anderem.” Geboren in Busto Arsizio in der Lombardei, wuchs er in Ponte Nossa auf, einem Dorf nahe Bergamo. Er kickte für den FC Ponte Nossa. Er fuhr Ski. In Bergamo wurde er Stadtmeister im Tischtennis. Er fuhr Rennrad und spielte Tennis. Als er drei Jahre alt war, ging er zum ersten Mal mit seinem Vater ins Stadion, San Siro, ein Fußball-Tempel. Sein Team: Inter Mailand. Er bekam eine Dauerkarte und behielt sie, bis er 30 war.

Im Sommer 1999 dann der erste Kontakt mit dem Wettgeschäft. Nach Abschluss seines Jura-Studiums saß er in Mailand mit seinem besten Kumpel auf einer Parkbank. Sie waren 24 und wussten nicht, was sie anfangen sollten mit ihren Leben. Sie hielten Werbeflyer von Sportwettenanbietern in der Hand. Sie wunderten sich über die gegensätzlichen Quoten bei dem gleichen Tennisspiel: 2,1 für einen Sieg von Pete Sampras, 2,5 für einen Sieg von Marat Safin. “Es war verrückt. Wenn wir auf beide Spieler je zehn Euro setzten, würden wir auf jeden Fall gewinnen.”

Baranca zahlte mit der Kreditkarte des Vaters 500 Euro bei beiden Wettanbietern ein. Dann regnete es Geld. “Wir haben in einem Jahr 100.000 Euro verdient. Und zwar ganz legal.” Irgendwann sprachen sich die Buchmacher untereinander ab, die Quoten wurden angeglichen. Die Geldquelle versiegte, aber Baranca blieb im Geschäft. Für eine Sportwettenfirma eröffnete er Wettbuden in Italien, später in Tschechien. Im Frühjahr 2005 wurde er krank. Husten, unerklärliche Schmerzen. Die Diagnose: Krebs, Morbus Hodgkin, im Endstadium. Intensivstation. Die Ärzte retteten Baranca, für die Chemotherapie zog er zu seiner Mutter nach Ponte Nossa. Er kämpfte. Er litt. Er wog 100 Kilo. “Ich fraß wie ein Biest”, sagt er.

Zehn Monate nach der Diagnose war er geheilt. Zurück blieb eine kaputte Hüfte, Baranca hinkt bis heute, wenn er geht. “Ich habe durch diese Erkrankung aufgehört, Angst zu haben. Der Krebs hat mich stärker gemacht”, sagt er. Heute läuft er sogar Marathon. Nur beim Rennen hinkt er nicht. Bis heute hat er 17 Läufe geschafft. “Es ist nicht gesund”, sagt er, “aber lustig.” So ein Typ ist er.

Baranca zog nach Österreich als Chefjurist eines anderen Wettanbieters. Er sollte anhand der Wettquoten manipulierte Spiele identifizieren. Er beobachtete: Normalerweise sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tor fällt, mit zunehmender Spielzeit; die Quote sinkt also auch. Setzt aber jemand plötzlich einen großen Geldbetrag, steigt die Quote – ein Indiz für Manipulation.

2009 gründete er Federbet. Er hat fünf Mitarbeiter. Anfangs arbeitete er mit italienischen Profiklubs, 2013 kam die spanische Liga dazu. Er zog nach Brüssel, in eine WG mit einem 60-jährigen Schotten, der ihn anflehte, ihm nichts von seiner Arbeit zu erzählen. “Der Typ hatte Angst vor einem Killer”, lacht Baranca. Ein Jahr später reiste er nach Barcelona, aus Neugier. Er blieb. “Ich wollte am Meer sein, und ich mag die Spanier. Ein lebenslustiges Volk.” Nun also Kiew.

Francesco Baranca am 18. Mai im Auto auf dem Weg nach Kiew

Francesco Baranca am 18. Mai im Auto auf dem Weg nach Kiew

Eben angekommen, schickte ihm ein FFU-Mitarbeiter ein Video. Es zeigt einen Spieler des FC Nowa Kachowka beim Testspiel im Januar 2015. Der Spieler rennt, passt, schießt. Das Bizarre: Er hat ein Handy in der Hand, liest Nachrichten, hält es ans Ohr. Sein Name: Wolodymyr Kozlenko. Baranca schaute sich den Mann genauer an. Er fand heraus, dass Kozlenko seine Karriere beendet hatte. Dann schaltete er Indexxdata ein, eine österreichische Firma, die Persönlichkeitsprofile erstellt. Detektive. Sie teilten Baranca mit, Kozlenko sei noch aktiv, nur anders, als Organisator von Fußballspielen. Als einer, der junge Spieler anspricht und versucht, sie zur Manipulation zu überreden. Im Ausland versuche er, ganze Klubs zu kaufen. Als Ethik-Chef des Verbandes konnte Baranca nichts tun. Aber er wusste, dass die ukrainische Regierung 2015 ein neues Gesetz beschlossen hatte, womit er Kozlenko vielleicht doch fassen konnte. Seit 2015 ist Spielmanipulation ein Straftatbestand.

Kozlenko wandte sich an die Nationalpolizei. Assistent Danilschenko vermittelte den Kontakt zu einem Polizisten. Aus Sicherheitsgründen muss dessen Identität geheim bleiben. Die drei trafen sich, sie beschlossen eine Kooperation. Den Handy-Kicker hatte jetzt auch die Polizei auf dem Schirm. Ende November 2017 fragte der Beamte Baranca, ob er nicht selbst bei den Ermittlungen mitmachen wolle: Verdächtige unter einem Vorwand treffen, sie heimlich filmen. Baranca sagte zu, er führte nun ein Portemonnaie mit eingebauter Kamera mit sich.

Beim ersten Treffen mit WELT AM SONNTAG im Januar standen Baranca und der Polizist fast täglich in Kontakt. Die Telefonüberwachung der Verdächtigen begann. Baranca saß am Laptop und wunderte sich, wenn er Spielszenen beobachtete. Kam etwa das 4:1 der U19 des FK Mariupol gegen Olimpik Donetsk mit korrekten Mitteln zustande? Er schaute sich alle Tore an. Er lachte. “Guck dir die 21 an!” Der Typ läuft absichtlich von seinem Gegenspieler weg.” Oder der Torwart: “Der springt extra daneben.”

Jenes Spiel haben auch die Polizisten im Visier. Sie lernen eine Art des Betrugs kennen: die absichtlich herbeigeführte Niederlage, für die man kassiert. Jeder kann betrügen. Ein Feldspieler schießt bewusst ein Eigentor, ein Schiedsrichter zeigt zu Unrecht Rot, ein Stürmer verschießt gewollt einen Elfmeter. In fast allen Wettbewerben wird betrogen: 2. Liga der Herren, Frauen, Jugendspiele, selbst beim Hallenfußball. Volkssport Manipulation – in armen Ländern wie der Ukraine sind solche geldwerten Betrügereien für viele Spieler die einzige Chance, überhaupt Geld zu verdienen. Ein spielentscheidendes Eigentor, und das halbe Jahreseinkommen ist im Sack.

Im Februar rückt die Razzia näher. In einem Restaurant beim Innenministerium sitzt der Polizist, der die Ermittlungen leitet. Schmächtiger Kerl, Jeans, weißes T-Shirt. Baranca sei “sehr wichtig”, sagt er. Ohne ihn würde “das alles so nicht funktionieren”. Zwei Gruppen hätten er und seine Leute im Visier. Eine führe Wolodymyr Kozlenko an, der Handy-Spieler. Ein Betrüger, aber wohl kein Schwerkrimineller.

Mitte März soll die Razzia laufen, aber die Sache nimmt Fahrt auf. Jedes Wochenende kommen neue Verdächtige hinzu – auch gefährliche Typen. Baranca klopft bei Luciano Luci an, dem Chef der FFU-Schiedsrichterkommission. Die Polizisten wollen Schiedsrichter, die sich zum Schein bestechen lassen. Lockvögel. Drei willigen ein. Die Falle ist gestellt. Einer erhält kurz vor einem Spiel diese Nachricht auf sein Handy:

“Kannst du helfen?”

Er antwortet: “Ja.”

Dann wiederum: “Team X muss gewinnen.”

Der Schiedsrichter bestätigt: “Ok.”

Das Spiel endet entsprechend. Der Schiedsrichter kriegt 3900 Euro aufs Konto überwiesen. Die Mafia versteckt sich nicht mal.

Mitte April hat Baranca 102 Spiele als mutmaßlich manipuliert identifiziert – nur in dieser Saison. Es geht nicht mehr nur um zwei, sondern um fünf kriminelle Gruppen. Der Polizist an Barancas Seite tritt auch privat nur noch mit Pistole vor die Tür. Baranca wird Personenschutz angeboten, er lehnt ab. Es ist gefährlich, aber sie glauben, auf dem richtigen Weg zu sein. Doch dann geht etwas schief. Ausgerechnet FFU-Präsident Andrij Pawelko plaudert in einem Interview aus, dass eine Razzia bevorstehe.

Ein Versehen? Oder pure Absicht? Es handelt sich um ein Staatsgeheimnis. Die Folgen sind verheerend: Wolodymyr Kozlenko, ergibt die Überwachung seines Telefons, verlässt umgehend das Land. Baranca denkt, jetzt sei alles vorbei, alle Mühe umsonst gewesen. Doch eine Idee hat er noch: ein Interview geben, in dem er resigniert klingt. Er hofft, dass sich Kozlenko dann sicher fühlt und ins Land zurückkehrt.

Am 6. Mai strahlt der TV-Sender “2+2” ein Interview mit Baranca aus. Er schauspielert ganz gut. “Ich habe nichts in meinen Händen”, sagt er und blickt traurig in die Kamera: “Ich bin ehrlich: Innerhalb eines Jahres von jetzt an wird nichts passieren.” Er habe keinen Erfolg in seinem Job: “Wir verlieren den Kampf gegen die Matchfixer.” Und wirklich, das Kalkül geht auf. Kozlenko kehrt zurück. Der Polizist meldet sich bei Baranca: Auf nach Kiew, es geht los.

Am einem Freitag Ende Mai lässt sich Baranca auf Platz 5C einer Boeing 737 fallen, Flug PPS 992 von Ukraine International Airlines bringt ihn von Barcelona nach Kiew. Später sitzt er mit Danilschenko im Restaurant “Sho”. Der schickt Nachrichten an den ermittelnden Polizisten, fragt, wann es endlich losgeht. Keine Antwort.

Das Wochenende verstreicht. Es heißt, die Richter hätten nicht alle Haftbefehle abgesegnet. Danilschenko hört, Verdächtige sollen Kontakte zu den mächtigsten Clans im Land haben. Dass das ein Problem sein könnte. Baranca fühlt, dass etwas falsch laufen könnte.

Erst am Montagabend meldet sich der Polizist wieder: Um sechs Uhr am Dienstag sollen Baranca und Danilschenko auf einem Parkplatz im Westen Kiews auf Anweisungen warten. Sie fahren im Taxi hin. Eine Stunde lang passiert nichts, dann wird ihnen eine Adresse genannt, ein Haus beim Flughafen Schulijany. Dort wohnt Aleksandr A., der Anführer eines Kartells.

Die Aktion läuft. Polizisten durchsuchen das Anwesen, schleppen Unterlagen heraus. Aber nicht Aleksandr A. Auch an weiteren 40 Orten klicken keine Handschellen. So viel Aufregung. Und keine einzige Verhaftung? Schreckt die Polizei am Ende doch davor zurück, sich mit der Wettmafia anzulegen?

“Nein”, sagt Baranca am Tag nach der Razzia zu WELT AM SONNTAG: “Die Operation ist noch lange nicht vorbei.” Überzeugt klingt er allerdings nicht. Immerhin meldet sich die Uefa bei ihm. Nicholas Raudenski, Integritätsbeauftragter, fragt Baranca per E-Mail, ob er sich bald mit ihm treffen wolle. Natürlich will er.

Wolodymyr Kozlenko, der Kicker mit dem Handy, ist dagegen wieder vorsichtig geworden. Er soll nach Weißrussland ausgeflogen sein.

erschienen in der WELT AM SONNTAG am 27. Mai 2018