Der kanadische Staranwalt Robert Amsterdam will die Vereinigten Staaten davon überzeugen, dass Fethullah Gülen ein Terrorist ist. Er operiert im Auftrag der türkischen Regierung

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Als in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli Pan­zer durch Istan­bul fuh­ren, Kampf­hub­schrau­ber am Him­mel kreis­ten und Men­schen ge­tö­tet wur­den, da dau­erte es nur ein paar Stun­den, ehe Recep Tayyip Er­do­gan einen Ver­ant­wort­li­chen für den Putsch­ver­such in der Tür­kei nann­te: Fethul­lah Gülen. Woher sollte der tür­ki­sche Prä­si­dent das so schnell wis­sen? Un­mög­lich, ur­teil­ten seine Kri­ti­ker und spra­chen Er­do­gan die Glaub­wür­dig­keit ab.

Dabei gibt es einen Mann, der be­haup­tet, noch frü­her ge­wusst zu ha­ben, dass Gülen der Hin­ter­mann sein muss. Sein Name ist Ro­bert Ams­ter­dam, er ist Ka­na­di­er, 60 Jahre alt und sieht aus wie der Schau­spie­ler Ben Stil­ler, ein wenig in die Jahre ge­kom­men.

Er sei, sagt er über sich selbst, der welt­weit am häu­figs­ten ver­haf­tete Rechts­an­walt. Er sagt auch, warum: Weil er für die gute Sache kämp­fe. Über Gü­lens an­geb­li­che Ver­wick­lung in den Putsch sagt er: “Ich wusste es so­fort, als ich von dem Putsch hör­te.”

Von der türkischen Regierung bezahlt

Ro­bert Ams­ter­dam ist Er­do­gans Stimme in Nord­ame­ri­ka. Was aus dem Munde des tür­ki­schen Prä­si­den­ten nie­mand mehr hören will, sagt nun ein re­nom­mier­ter, welt­weit tä­ti­ger Ju­rist, der sich einst mit den Rus­sen an­legte und der über­dies kein Mus­lim ist, son­dern Jude.

Letz­te­res er­zählt er selbst, und zwar gern. Wem, wenn nicht ihm, sol­len die Leute denn glau­ben, dass Er­do­gan gut und Gülen böse ist? Es gibt bloß einen klei­nen Ha­ken: Ams­ter­dam spricht für Er­do­gan, weil er dafür be­zahlt wird von der tür­ki­schen Re­gie­rung.

An einem hei­ßen Som­mer­tag Ende Au­gust sitzt Ams­ter­dam früh­mor­gens im Früh­stücks­raum des ge­die­ge­nen “Ha­zel­ton”-Ho­tels in To­ronto und trinkt ent­kof­fei­nier­ten Kaf­fee, aus sei­ner Hemd­ta­sche ragt ein Mont­blanc-Ku­gel­schrei­ber.

Er war ge­rade in der Tür­kei, er führte dort Ge­sprä­che mit Re­gie­rungs­mit­glie­dern und gab TV-In­ter­views. Auf dem Rück­flug legte er einen Stop in Aus­tra­lien ein, nur für ein Mee­ting, dann flog er heim. Jetzt hat er Rän­der um die Au­gen. Ro­bert Ams­ter­dam hat Büros in der ka­na­di­schen Me­tro­po­le, in Wa­shing­ton D. C. und in Lon­don, er jet­tet durch die Welt.

Anwalt von Ex-Yukos-Chef Chodorkowski

An der Gü­len-Sa­che sit­zen er selbst und 14 Mit­ar­bei­ter sei­ner Kanz­lei, die Causa hat seit dem Putsch Fahrt auf­ge­nom­men. Ams­ter­dam ist jetzt ein ge­frag­ter Mann, er trat beim Sen­der CNN auf und durfte An­fang Au­gust seine Mei­nung – oder viel­mehr die Er­do­gans – über Gülen in der Zeit­schrift “For­bes” dar­le­gen. Ams­ter­dam ist zu­rück auf der Bühne der Welt­po­li­tik, ein Par­kett, auf dem er sich aus­kennt.

Weit­hin be­kannt wurde er als in­ter­na­tio­na­ler An­walt des rus­si­schen Re­gie­rungs­kri­ti­kers und Ex-Yu­kos-Chefs Michail Cho­dor­kow­ski, der bis De­zem­ber 2013 wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung und Be­trug zehn Jahre im Ge­fäng­nis saß. Dort wäre auch Ams­ter­dam fast ge­lan­det.

In der Nacht vor der Ur­teils­ver­kün­dung, so er­zählt es der Ju­rist, seien rus­si­sche Be­amte in sei­nem Ho­tel­zim­mer auf­ge­taucht und hät­ten ihm klar­ge­macht: “Ent­we­der du ver­lässt so­fort das Land – oder wir neh­men dich fest.” Ams­ter­dam ging, aber mit der An­ge­le­gen­heit hat er immer noch zu tun. Die rus­si­sche Re­gie­rung mag er nicht, und sie ihn nicht.

In Thai­land ver­trat Ams­ter­dam den ehe­ma­li­gen Pre­mier­mi­nis­ter Thak­sin Shina­wa­tra, der bei einem Mi­li­tär­putsch ge­stürzt wor­den war. In Sin­ga­pur half er Op­po­si­tio­nel­len. In Ve­ne­zuela ar­bei­tete er mit einem re­gie­rungs­kri­ti­schen Bür­ger­meis­ter zu­sam­men, ehe der im Ge­fäng­nis lan­de­te. Auch in Neu­see­land ist er oft. Dort wehrt sich der deut­sche In­ter­net­un­ter­neh­mer Kim Dot­com gegen seine Aus­lie­fe­rung an die USA.

Erdogan werde “völlig falsch dargestellt”

“Ich stelle mich gern auf die Seite des Un­der­dogs”, sagt Ams­ter­dam und ver­sucht zu er­klä­ren, warum sein Tür­kei-Man­dat trotz­dem oder – wenn es nach ihm geht – ge­rade darum so gut zu ihm passt. Er setzt an zu einer Lob­rede auf Er­do­gan.

Es geht um De­mo­kra­tie, Pres­se­frei­heit und die Ab­schaf­fung von Fol­ter. Der tür­ki­sche Prä­si­dent, sagt Ams­ter­dam, werde von den Me­dien völ­lig falsch dar­ge­stellt, ge­rade in Ame­ri­ka: “Zei­tun­gen wie die ‘New York Ti­mes’ haben es ge­schafft, dass Er­do­gan mitt­ler­weile un­be­lieb­ter ist als Pu­tin.” Die­ses Bild will Ams­ter­dam kor­ri­gie­ren, er ver­sucht sich an einer Image­kor­rek­tur des tür­ki­schen Prä­si­den­ten und will zu­gleich des­sen größ­ten Feind ins Ram­pen­licht rücken: Fethul­lah Gü­len.

Als er das Man­dat im vo­ri­gen Jahr be­kam, mach­ten sich Ams­ter­dam und seine Leute dar­an, ein Port­fo­lio über Gü­lens Wir­ken in den USA zu er­stel­len. Die Fra­ge, die sie be­ant­wor­ten soll­ten, lau­te­te: Ist Gülen ge­fähr­lich? Und falls ja, wie ge­fähr­lich ist er? Das blieb keine theo­re­ti­sche Fra­ge.

Be­reits im De­zem­ber 2015, we­nige Wo­chen nach Über­nahme des Man­dats, reich­ten drei tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­rige mit­hilfe Ams­ter­dams eine Klage gegen Gülen bei einem Bun­des­ge­richt im US-Bun­des­staat Penn­syl­va­nia ein. Der Vor­wurf: Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in der Tür­kei. Ein Rich­ter er­klärte im Juni zwar, die USA seien nicht zu­stän­dig, aber Ams­ter­dam und seine Leute hat­ten ein ers­tes Aus­ru­fe­zei­chen ge­setzt.

Debatte über Gülen-Bewegung

In den USA be­rich­te­ten nun die großen Zei­tun­gen über die Vor­würfe gegen Gü­len, und des­sen An­wälte sahen sich ge­zwun­gen zu kon­tern. Sie un­ter­stell­ten der tür­ki­schen Re­gie­rung eine “po­li­tisch mo­ti­vierte At­tacke”.

Die Sache war in der Welt, ein Punkt­sieg. An­kara musste gar nicht selbst rea­gie­ren und sah dabei sogar nobel aus. Es war An­walt Ams­ter­dam, der sich zu Wort mel­de­te: “We­der der tür­ki­sche Prä­si­dent noch die tür­ki­sche Re­gie­rung hat Zeit für Hetz­kam­pa­gnen.” Der Grund­stein für eine ame­ri­ka­ni­sche De­batte über Gülen war ge­legt, es war ein ers­ter Er­folg für Ams­ter­dam und die tür­ki­sche Re­gie­rung.

Jah­re­lang hatte sich in den USA kaum je­mand für die Be­we­gung des tür­ki­schen Pre­di­gers in­ter­es­siert, der 1999 in die USA aus­wan­dert war und sich in dem klei­nen Ort Say­lors­burg in Penn­syl­va­nia nie­der­ge­las­sen hat­te.

Schon da­mals wurde er ver­däch­tigt, heim­lich an der Machter­grei­fung in der Tür­kei zu ar­bei­ten. Ein Vi­deo, in dem er der­ar­tige Pläne of­fen­bar­te, be­zeich­nete er als Fäl­schung. Der heute 79-Jäh­rige und seine An­hän­ger be­teu­ern stets, mit Po­li­tik nichts zu tun zu haben und auch nicht hin­ter dem Putsch­ver­such zu ste­cken. Glau­be, Bil­dung, Dia­log mit an­de­ren Re­li­gio­nen, so ver­si­chern sie, nur darum gehe es Gü­len.

Amsterdam richtet Vorwürfe gegen Gülen

Ro­bert Ams­ter­dam kann dar­über nur la­chen. “Wie kann die­sen Mann noch ir­gend­je­mand ernst neh­men? Wenn er spricht, ist es nie die Wahr­heit”, sagt er und schüt­telt den Kopf. Für ihn ist Gülen nichts an­de­res als ein Ter­ro­rist. Der Pre­di­ger wolle die Tür­kei zur Basis sei­ner Be­we­gung ma­chen.

Den Putsch­ver­such habe er na­tür­lich nicht per­sön­lich un­ter­nom­men, aber er ste­cke als Mas­ter­mind da­hin­ter, sagt Ams­ter­dam. Er for­dert Kon­se­quen­zen für Gü­len. Ams­ter­dams und Er­do­gans Ziel ist die Aus­lie­fe­rung des tür­ki­schen Staats­feinds Num­mer eins.

Die USA haben zu­ge­sagt, den ent­spre­chen­den An­trag sorg­fäl­tig zu prü­fen, aber Be­weise für eine Tat­be­tei­li­gung Gü­lens am Putsch hat die Tür­kei bis­lang nicht vor­ge­legt. Der Pre­di­ger darf, so sieht es mo­men­tan aus, in den USA blei­ben, und des­we­gen er­öff­net Ro­bert Ams­ter­dam einen wei­te­ren Kriegs­schau­platz.

Kein Wort über Geld aus Ankara

Er zielt nun auch auf das Esta­blis­h­ment in Wa­shing­ton, auf die füh­ren­den Köpfe der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Er sug­ge­riert, dass sie mit Gülen unter einer Decke ste­cken könn­ten. Gülen stehe den Clin­tons nahe, er sei mit sei­nen Leu­ten in das ge­samte po­li­ti­sche Sys­tem der USA ein­ge­drun­gen, gar ein Teil davon ge­wor­den.

Er wolle nicht ein­mal aus­schlie­ßen, sagt Ams­ter­dam, dass die USA selbst am Putsch­ver­such in der Tür­kei be­tei­ligt ge­we­sen sei­en, um den un­ge­lieb­ten Er­do­gan zu stür­zen. Just vor dem Putsch sei der tür­ki­sche Prä­si­dent von ame­ri­ka­ni­schen Kon­gress­ab­ge­ord­ne­ten scharf kri­ti­siert wor­den, aus­ge­rech­net. “Wie zu­fäl­lig ist all die­ser Scheiß?”, ruft Ams­ter­dam.

Wie viel Geld er für sol­che Auf­tritte be­kommt, sagt der An­walt nicht. Er ver­rät nur, dass die Zu­sam­men­ar­beit mit der tür­ki­schen Re­gie­rung zeit­nah künd­bar sei, beid­sei­tig, einen lang­fris­ti­gen Ver­trag gebe es nicht. “Es kann ganz schnell ge­hen”, sagt er und grinst: “Dass es im Mo­ment dazu kommt, glaube ich aber kaum.”

Für Ro­bert Ams­ter­dam geht das Spiel ge­rade erst rich­tig los.

erschienen in der WELT am 31. August 2016