Es ist kurz vor drei am Nach­mit­tag des 16. Ok­to­ber 2017, als sich Daphne Ca­ruana Ga­li­zia von ihrem Sohn ver­ab­schie­det, zu ihrem Auto geht und los­fährt. Doch die Fahrt dau­ert nicht lang. Nach 200 Me­tern ex­plo­diert eine Bombe unter dem Fah­rer­sitz. Ein paar Se­kun­den spä­ter ex­plo­diert eine zweite Bom­be. Die Ex­plo­sion zer­reißt Daphne Ca­ruana Ga­li­zia, der Peu­geot wird auf ein an­gren­zen­des Feld ge­schleu­dert

Vier Mo­nate spä­ter, am 21. Fe­bruar 2018, be­fin­den sich Ján Ku­ciak und seine Ver­lobte Mar­tina Kus­ni­rova in den Abend­stun­den in ihrem klei­nen Ein­fa­mi­li­en­haus. Die bei­den 27-​jäh­ri­gen Slo­wa­ken wol­len bald hei­ra­ten. Durch die un­ver­schlos­sene Haus­tür ge­langt plötz­lich ein Mann her­ein. Er zückt eine Pis­tole und schießt Ku­ciak und Kus­ni­rova in Brust und Kopf.

Zwei er­mor­dete Jour­na­lis­ten in we­ni­ger als einem hal­ben Jahr, mit­ten in der Eu­ro­päi­schen Union. So etwas gab es noch nie. Ga­li­zia und Ku­ciak mach­ten einen ver­gleich­ba­ren Job: Sie re­cher­chier­ten zu Kor­rup­tion, Dro­gen­han­del und Vet­tern­wirt­schaft. Sie leg­ten sich mit Mäch­ti­gen und Schwer­rei­chen an, etwa mit Mal­tas Pre­mier­mi­nis­ter Jo­seph Mus­cat und sei­nem Um­feld oder mit der po­li­ti­schen Elite der Slo­wa­kei. Ga­li­zia und Ku­ciak wur­den ge­warnt und be­droht, sie baten die Po­li­zei er­folg­los um Schutz. Die große, noch immer nicht be­ant­wor­tete Frage lau­tet: Wer steckt hin­ter die­sen bei­den Mor­den?

In bei­den Län­dern gab es Fest­nah­men, auf Malta sit­zen seit De­zem­ber drei Män­ner im Ge­fäng­nis, die die Tat be­gan­gen haben sol­len. In der Slo­wa­kei wur­den Ende Sep­tem­ber drei Män­ner und eine Frau als Ver­däch­tige fest­ge­nom­men.

Wich­tig da­bei: Alle hat­ten mit den Ge­tö­te­ten nichts zu tun, sie hat­ten für die Morde kein Mo­tiv. Es scheint da­her, dass die In­haf­tier­ten den Auf­trag hat­ten, die Re­por­ter aus dem Weg zu räu­men. Das In­ter­essan­te: Über mög­li­che Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Ver­däch­ti­gen und der Po­li­tik gibt es neue Hin­wei­se.

Auf Malta sit­zen Vin­cent Mus­cat sowie die Brü­der Al­fred und Ge­orge De­gior­gio in Un­ter­su­chungs­haft. Sie schwei­gen be­harr­lich. Sie sol­len einen aus­ge­klü­gel­ten Mord­plan um­ge­setzt ha­ben: Laut den Er­mitt­lun­gen, an denen auch Eu­ro­pol und FBI be­tei­ligt wa­ren, sol­len die Ver­däch­ti­gen die Bombe mit einem Handy daran in der Nacht vom 15. auf den 16. Ok­to­ber in Ga­li­zias Auto plat­ziert ha­ben. Al­fred De­gior­gio habe sich auf einem Hügel auf die Lauer ge­legt und das Wohn­haus be­ob­ach­tet. Kurz nach Son­nen­auf­gang fuhr Bru­der Ge­orge den Er­mitt­lern zu­folge mit einem Boot hin­aus aufs Meer, wo er um kurz vor drei am Nach­mit­tag die Nach­richt er­hielt, dass Ga­li­zia auf dem Weg zu ihrem Auto sei. Er schickte dann eine SMS an das an der Bombe be­fes­tigte Han­dy. Ein elek­tri­scher Im­puls löste die Ex­plo­sion aus. Nur: Wer hat die Män­ner los­ge­schickt?

Im Fokus steht eine der mäch­tigs­ten Per­so­nen des Lan­des: Wirt­schafts­mi­nis­ter Chris Car­do­na. Er be­strei­tet ve­he­ment, etwas mit dem Mord zu tun zu ha­ben. Über ihn hatte Ga­li­zia unter an­de­rem ge­schrie­ben, er habe ein Bor­dell in Vel­bert bei Düs­sel­dorf be­sucht. Car­dona be­stritt die Vor­würfe und ver­klagte die Jour­na­lis­tin, ihre Bank­kon­ten wur­den ein­ge­fro­ren. Ga­li­zia for­derte den Mi­nis­ter auf, die GPS-​Da­ten sei­nes Han­dys her­aus­zu­ge­ben, um klar­zu­stel­len, wo er sich auf­ge­hal­ten hat­te. Der Mi­nis­ter wei­gerte sich. Ga­li­zia starb kurz dar­auf.

Zeu­gen be­haup­ten, den Mi­nis­ter kurz nach dem An­schlag ge­mein­sam mit dem Ver­däch­ti­gen Al­fred De­gior­gio in einer Bar in dem Dorf Sig­giewi ge­se­hen zu ha­ben. Ge­si­chert ist, dass Mi­nis­ter Car­dona das Lokal na­mens “Fer­di­n­an­d’s” kennt. Denn: Bei einer Re­cher­che im Früh­jahr traf der Autor die­ses Tex­tes den Mi­nis­ter dort an.

Ein wei­te­res Indiz für seine mög­li­che Ver­wick­lung ver­öf­fent­lichte vor ein paar Tagen die ita­lie­ni­sche Zei­tung “La Re­pubb­li­ca”. Dem­nach traf Car­dona auch schon vier Mo­nate vor der Tat bei einer Pri­vat­party auf De­gior­gio. Und es gibt noch eine Ver­bin­dung: Ein im Ar­ti­kel nicht na­ment­lich be­nann­ter Öl­schmugg­ler rief un­mit­tel­bar nach einem Te­le­fonat mit Ga­li­zia bei Car­dona an und dann bei De­gior­gio. Nach In­for­ma­tio­nen von WELT AM SONN­TAG han­delt es sich bei dem Schmugg­ler um Pi­erre D.

Es gibt aber noch ein wei­te­res In­diz, das auf die Ver­bin­dung von Pi­erre D. zum mut­maß­li­chen Mör­der­trio hin­deu­tet: Schau­platz am 17. De­zem­ber 2017 war eine alte La­ger­halle im Hafen von Mar­sa, di­rekt am Meer. Dort stand Ge­orge De­gior­gios Boot, von dem aus er die SMS los­schick­te, die die Bombe aus­lös­te. Dort wurde auch einer der drei Ver­däch­ti­gen ver­haf­tet. Als sich der Autor die­ses Tex­tes am 17. De­zem­ber 2017 dort um­schau­te, sah er einen Mann, der mit sei­nem Handy te­le­fo­nier­te. Auf die Fra­ge, ob er die Mord­ver­däch­ti­gen ken­ne, ant­wor­tete er, Ge­orge De­gior­gio sei ihm be­kannt. Bevor er sei­nen Helm auf­setzte und mit sei­nem Mo­tor­rol­ler da­von­fuhr, sagte er, er sei be­reit zu re­den. Er nannte seine Han­dy­num­mer -​ doch be­ant­wor­tete weder SMS noch An­ru­fe. Nach­dem WELT AM SONN­TAG die Han­dy­num­mer des Schmugg­lers Pi­erre D. von einem In­for­man­ten er­hal­ten hat, steht fest: Es ist die­sel­be, die der Mann im Hafen an­gab. Of­fen­bar trieb sich D. aus­ge­rech­net dort her­um, wo die Ver­däch­ti­gen ihr Boot ste­hen hat­ten. So­wohl D. als auch der Mi­nis­ter lie­ßen An­fra­gen dazu un­be­ant­wor­tet.

Nach In­for­ma­tio­nen von WELT AM SONN­TAG wurde Car­dona üb­ri­gens bis heute nicht von den Er­mitt­lern ver­nom­men. Es gab kei­ner­lei po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen. Auch des­we­gen hält die Fa­mi­lie der Toten die Er­mitt­lun­gen der mal­te­si­schen Jus­tiz für nicht un­ab­hän­gig und bit­tet immer wie­der die EU um Hil­fe. Ähn­lich wie in der Slo­wa­kei im Fall Ku­ciak, wo die EU kri­tisch auf die Auf­ar­bei­tung blickt. Nach Ku­ciaks Er­mor­dung gin­gen Zehn­tau­sende im Land auf die Stra­ße, pro­tes­tier­ten gegen Kor­rup­tion und for­der­ten Kon­se­quen­zen. Und als der Druck immer grö­ßer wur­de, tra­ten zwar Mi­nis­ter­prä­si­dent Ro­bert Fico, In­nen­mi­nis­ter Ro­bert Ka­li­nak und Po­li­zei­chef Tibor Gas­par zu­rück.

Trotz­dem glaubt Peter Bárdy, Chef­re­dak­teur des On­line-​Ma­ga­zins “ak­tua­li­ty­.sk” und Ku­ciaks Vor­ge­setz­ter, nicht an echte Ver­än­de­run­gen. “Es gibt in der Re­gie­rung zwar neue Ge­sich­ter, aber sie ste­hen ihren Vor­gän­gern sehr nahe. Es wird immer noch ver­sucht, die öf­fent­li­che Mei­nung zu ma­ni­pu­lie­ren”, sagt Bárdy, der aber zu­min­dest den Mor­der­mitt­lern ein gutes Zeug­nis aus­stellt: “Sie ma­chen einen sehr guten Job.”

Vor drei Wo­chen wur­den schließ­lich vier Per­so­nen fest­ge­nom­men, die den Mord an Ku­ciak und sei­ner Ver­lob­ten be­gan­gen haben sol­len. 70.000 Euro sol­len dafür be­zahlt wor­den sein. Un­klar bleibt, wer wirk­lich da­hin­ter­steckt. Nach slo­wa­ki­schen Me­dien­be­rich­ten sagte einer der In­haf­tier­ten aus, der schwer­rei­che Un­ter­neh­mer Ma­rian Koc­ner habe den Auf­trag zur Er­mor­dung Ku­ciaks ge­ge­ben.

Der Re­por­ter hatte mehr­fach über Koc­ners Ge­schäftsprak­ti­ken be­rich­tet, als Re­ak­tion dar­auf war er von dem Mann be­droht wor­den. Ku­ciak mel­dete die Dro­hun­gen der Po­li­zei und bat um Schutz, aber nichts ge­sch­ah. Im Som­mer wurde Koc­ner wegen des Vor­wurfs der Fäl­schung von Schuld­schei­nen in­haf­tiert. Er wird bald wohl zum Mord an Ján Ku­ciak be­fragt wer­den.

erschienen in WELT AM SONNTAG am 14. Oktober 2018