Die ganze Welt schaut auf die Völkerwanderung in Richtung USA. Aber keine Karawane bricht plötzlich auf, einfach so. Reporter Tim Röhn hat den Mann gefunden, der sie ausgelöst haben soll – in seinem Versteck in El Salvador. Denn er wird bedroht

An einem Sonn­tag um kurz nach eins sitzt ein un­schein­ba­rer Mann na­mens Bar­tolo Fuen­tes in einem Gar­ten in den Ber­gen von El Sal­va­dor, in einem Ort na­mens Los Ren­de­ros. Wenn ein Wind­stoß die Pal­men­blät­ter zur Seite weht, fal­len ihm Son­nen­strah­len aufs müde Ge­sicht. Vögel sin­gen. Kin­der­la­chen aus der Nach­bar­schaft, Gi­tar­ren­klän­ge. Ein La­tino-​Idyll.

Fuen­tes kann damit nichts an­fan­gen. Er reißt ein Pal­men­blatt in Stücke. Als er fer­tig ist, wischt er die Reste zu Boden und ver­schränkt die Arme vor sei­nem Kör­per. “Hijo de pu­ta”, schimpft er, wenn er über seine Lage spricht, alles Hu­rensöh­ne. Er ballt die Fäus­te. Er will weg hier. Aber er fürch­tet sich.

Alle Welt kennt die Ka­ra­wa­ne. Die­sen lan­gen Marsch Tau­sen­der Mi­gran­ten durch Me­xi­ko, der die­ser Tage auf Do­nald Trumps harte Grenze trifft. Aber kaum je­mand kennt ihn -​ den Mann, der die Ka­ra­wane in Gang ge­setzt haben soll. Den An­stif­ter, den Or­ga­ni­sa­tor, den Schre­cken von Do­nald Trump. All das soll er sein, Bar­tolo Fuen­tes, ein 54 Jahre alter Vater von vier Söh­nen aus El Pro­gre­so, einer 300.000-​Ein­woh­ner-​Stadt im Nor­den von Hon­du­ras.

So sah es María Do­lo­res Agüero, die hon­du­ra­ni­sche Au­ßen­mi­nis­te­rin. Eine Woche nach­dem die Ka­ra­wane in San Pedro Sula los­ge­zo­gen war, er­klärte Agüero in einem Brief an ihr Volk, eine po­li­ti­sche Gruppe ver­su­che, das Land zu de­sta­bi­li­sie­ren. Sie sprach vom “or­ga­ni­sier­ten Ver­bre­chen” -​ es werde ver­sucht, sich an den Mi­gran­ten zu be­rei­chern. Und sie nannte einen Na­men: Bar­tolo Fuen­tes. Der för­dere seit Jah­ren die il­le­gale Mi­gra­tion gen Nor­den. Die Mi­nis­te­rin for­derte die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft auf, gegen den Mann zu er­mit­teln.

Bar­tolo Fuen­tes, der Name fällt jetzt immer öf­ter. Er be­teu­ert seine Un­schuld, aber es ist, als habe man ihm eine Brand­marke ver­passt, er wird sie nicht mehr los. Im In­ter­net sprie­ßen die Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. Die Leute schrei­ben, er mache mit dem US-​Mil­li­ar­där Ge­orge Soros ge­mein­same Sache und wolle die USA mit Frem­den flu­ten. Ein Un­ter­neh­mer sagt im Staats­fern­se­hen, Fuen­tes sei ein “Ko­jo­te”, ein Schmugg­ler. Er er­hält Mord­dro­hun­gen. Fuen­tes fühlt sich, als habe ihn die Re­gie­rung zum Ab­schuss frei­ge­ge­ben. Er denkt an die To­des­schwa­dro­nen, die es in Hon­du­ras gibt.

Die Veröffentlichung in WELT AM SONNTAG

Und so wird Fuen­tes selbst zum Flücht­ling, bloß in die Ge­gen­rich­tung, nach Sü­den, nach El Sal­va­dor. Er hat hier einen Freund, der ihm an­bot, ihn zu ver­ste­cken, bis sich die Ge­mü­ter be­ru­higt ha­ben. Vor vier Wo­chen ließ Fuen­tes seine Fa­mi­lie zu­rück, fuhr im Auto zur sal­va­do­ria­ni­schen Grenze und wei­ter per Bus in die Haupt­stadt. Hier sitzt er nun und greift sich das nächste Pal­men­blatt, um es in Stücke zu rei­ßen.

Eine neue Form von Befreiungskampf

“Ich bin nicht ver­ant­wort­lich für die Ka­ra­wa­ne”, sagt Fuen­tes und schüt­telt den Kopf: “Die Leute sind wegen der schreck­li­chen Lage in ihrer Hei­mat ge­flo­hen, nicht wegen mir.” Klei­ne, dunkle Augen schauen über die rand­lose Brille mit den ab­ge­dun­kel­ten Glä­sern hin­weg. Das graue Haar hat er schwarz ge­färbt, die Stirn liegt in Fal­ten. Beim Reden beugt er sich vor, lässt sich zu­rück­fal­len, reißt die Augen auf, schließt sie wie­der, ballt die Fäus­te, haut auf den Tisch. Man ver­stünde ihn auch ohne Wor­te. Ein hon­du­ra­ni­scher Mr. Bean, aber einer mit einer Mission.

Die Idee der Be­frei­ung ge­hört zu La­tein­ame­ri­ka. Es gab die Zeit der Re­vo­lu­tio­näre, des Ché und sei­ner Gue­ril­la. Sie ist vor­bei. Dies ist die Zeit der Whats­App-​Grup­pen, der Li­ve­be­richte auf Fa­ce­book und der Ka­ra­wa­nen. Sie brau­chen keine mar­tia­li­schen Füh­rer mit Zi­garre und Knar­re. Sie brau­chen einen Wind­hund wie Fuen­tes. Einen, der da ist, wo sie sind, auf dem Weg und im Netz. Das heißt Be­frei­ung in La­tein­ame­rika heu­te.

Es ist be­legt, dass Fuen­tes am 12. Ok­to­ber in San Pedro Sula war und mit Hun­der­ten los­zog. Alle zu Fuß, nur er in sei­nem roten Mit­sub­ishi Pick-​up, manch­mal vor­ne­weg wie Moses vor den Is­rae­li­ten. Dafür hatte er in so­zia­len Me­dien ge­wor­ben: ge­mein­sam los­zie­hen als Ka­ra­wa­ne. Weil es si­che­rer sei.

Fuen­tes be­rich­tete live auf Fa­ce­book von dem Zug, sprach mit Bür­ger­meis­tern über Un­ter­künfte und den Trans­port mit Bus­sen. Er ver­tei­digte die Mi­gran­ten gegen Vor­ur­teile und ver­öf­fent­lichte eine US-​Karte mit In­dia­ner-​Kon­ter­f­eis, dar­un­ter stand: “So sahen die USA vor der il­le­ga­len Mi­gra­tion aus.” Er warb für eine Pe­ti­tion, wo­nach Ka­nada den Mi­gran­ten Visa aus­stel­len sol­le.

Also doch der Ka­ra­wa­nen­füh­rer? Fuen­tes beißt sich auf die Lip­pen. “Noch mal: Nein. Ich habe die Mi­gran­ten be­ra­ten und sie be­glei­tet”, sagt er und ruft: “Das ist kein Ver­bre­chen. Essen ge­ben, einen Schlaf­platz su­chen und ihnen den Weg zu er­leich­tern ist eben­falls kein Ver­bre­chen.” Hijo de puta.

Fuen­tes redet ohne Punkt und Kom­ma, stun­den­lang. Er hat kei­nen Hun­ger, kei­nen Durst und muss nicht zur Toi­let­te. Er äfft po­li­ti­sche Geg­ner nach, flüs­tert, brüllt, kreischt. Er kämpft für seine Wahr­heit, und die lau­tet: Ich kann nichts für die Ka­ra­wa­ne. Ich bin nur ein ein­fa­cher Jour­na­list.

Wahr ist aber auch, dass ihn nichts so sehr fes­selt wie die Mi­gra­tion gen Nor­den. Seit Jahr­zehn­ten zie­hen La­tein­ame­ri­ka­ner in Rich­tung USA, Ver­zwei­fel­te, Glücks­su­cher, Män­ner, Frau­en, Kin­der auf der Flucht vor Armut und Ge­walt. Fuen­tes wurde ihre Stim­me. 1999, nach dem Jour­na­lis­mus­stu­di­um, bekam er eine Sen­dung bei Radio Pro­gre­so, einem Sen­der, dem es um die Rechte von Mi­gran­ten ging. Und er grün­dete Co­fa­mi­pro, einen Ver­ein, der Bür­gern von El Pro­greso bei der Suche nach An­ge­hö­ri­gen hilft, die auf dem Weg nach Nor­den ver­schol­le­nen sind.

Ein­mal fuhr der ganze Ver­ein nach Me­xi­ko. Von 45 Ver­miss­ten aus ihrer Stadt fan­den sie vier, dar­un­ter ein elf­jäh­ri­ges Mäd­chen, zwangs­ver­hei­ra­tet. Fuen­tes fand ver­ge­wal­tigte Mäd­chen und ver­sklavte Jun­gen. Er sah Män­ner und Frau­en, die ohne Arme und Beine heim­ka­men, weil sie, von Gü­ter­zü­gen ge­fal­len, auf den Glei­sen ge­lan­det waren und über­fah­ren wur­den. Er fühlte mit ihnen allen und fragte sich: Wie las­sen sich diese Tra­gö­dien ver­hin­dern? Er fand keine Ant­wort. Er meinte das ganz prak­tisch, ope­ra­tiv: Wie kommt so eine Ka­ra­wane si­cher nach Nor­den?

Eine Idee, um Tragödien zu verhindern

Ende 2013 ging Fuen­tes in die Po­li­tik -​ er wurde für die linke Par­tei Libre ins Par­la­ment ge­wählt. 2017 wurde er nicht wie­der auf­ge­stellt, er ar­bei­tet seit­dem als Jour­na­list. Sein wich­tigs­tes Me­di­um: Fa­ce­book. Sein The­ma: die erste grö­ßere Ka­ra­wa­ne, die sich Ende März Rich­tung USA auf­mach­te.

Im me­xi­ka­ni­schen Ta­pa­chula, kurz hin­ter der gua­te­mal­te­ki­schen Gren­ze, lie­fen da­mals 1000 Men­schen los, aber schon ein paar Tage spä­ter löste sich der Zug auf. Fuen­tes aber ging nicht heim. Er ging mit de­nen, die per Gü­ter­zug wei­ter­reis­ten. Immer wie­der tauch­ten Ban­den auf und knöpf­ten den Mi­gran­ten Geld ab. Wer nicht zah­len konn­te, wurde be­wusst­los ge­schla­gen und als Dro­gen­ku­rier ver­pflich­tet.

Als Fuen­tes in Ti­juana an­kam, an der US-​Gren­ze, hatte er Tau­sende Fotos und stun­den­lange Vi­deo­auf­nah­men im Kas­ten. Er flog heim nach Hon­du­ras und ver­öf­fent­lichte das Ma­te­rial. Eines sei­ner Vi­deos wurde bei You­tube 200.000-​mal an­ge­schaut. “Die Reise war eine wich­tige Schule für mich”, sagt er: “Mir wurde klar, wenn die Leute zu­sam­men ge­hen, schüt­zen sie sich.” Das war seine Lö­sung, um Tra­gö­dien zu ver­hin­dern, um die Ri­si­ken zu mi­ni­mie­ren: Nur noch in Ka­ra­wa­nen gen Nor­den zie­hen. Die Idee war ge­bo­ren.

Er pro­pa­gierte sie auf Fa­ce­book, die Fol­lower-​Zah­len schos­sen in die Höhe. Wild­fremde Men­schen frag­ten ihn: Wie komme ich in die USA? Wann star­tet die nächste Ka­ra­wa­ne? Sie dach­ten, er sei An­walt. Oder Pries­ter. Oder bei­des. Fuen­tes wurde zum viel­leicht wich­tigs­ten Hel­fer der Mi­gran­ten in Zen­tral­ame­ri­ka, ob er es nun wollte oder nicht.

Er gibt zu, dass er in Whats­App-​Grup­pen war, in denen sie die Ka­ra­wane or­ga­ni­sier­ten. Dass eine Freun­din jeden Mi­gran­ten na­ment­lich re­gis­trier­te. Dass er in Kon­takt stand mit den zwölf Ko­or­di­na­to­ren von San Pedro Sula bis Ti­jua­na. Auf Fa­ce­book schrieb er: “Hof­fent­lich gibt es Per­so­nen und In­sti­tu­tio­nen, die den Brü­dern und Schwes­tern hel­fen, die die­ser schreck­li­chen Rea­li­tät in Hon­du­ras ent­flie­hen. Die Mi­gra­tion wird en­den, so­bald die Leute Per­spek­ti­ven ha­ben, die sie ani­mie­ren, in Hon­du­ras zu blei­ben.”

Mit glän­zen­den Augen er­zählt er, wie die Masse un­ter­wegs an­wuchs, von gren­zen­lo­ser So­li­da­ri­tät. Von Sol­da­ten, die ihr Früh­stück mit Mi­gran­ten teil­ten, und Gua­te­mal­te­ken, die vor­bei­lau­fen­den Män­nern und Frauen Geld­scheine ga­ben. Von dem Pries­ter, der sich vor die Menge stellte und pre­dig­te.

“Gott geht mit euch.”

“Gott wird Türen öff­nen.”

“Gott ist mit euch. Wer sollte also gegen euch sein?”

“Gott weiß, wie es wei­ter­geht.”

Erst waren sie 200, dann 700, plötz­lich 2000, ir­gend­wann 7000. In jedem Dorf, in jeder Stadt schlos­sen sich Leute dem Zug an. “Ich hätte nie ge­dacht, dass es so groß wer­den wür­de. Tau­send Leu­te, okay. Aber die­ses Ni­veau?” Die Ka­ra­wane er­regte in­ter­na­tio­nal Auf­se­hen, Re­por­ter aus aller Welt reis­ten an. US-​Prä­si­dent Trump ließ das Mi­li­tär an der Grenze auf­fah­ren und nannte die Mi­gran­ten In­va­so­ren.

Die Po­li­ti­ker hass­ten Fuen­tes schon, nun droh­ten ihm auch die Dro­gen­kar­tel­le, deren Ge­schäfte er stör­te. Seit Jahr­zehn­ten miss­brauch­ten sie Mi­gran­ten als Dro­gen­ku­rie­re. So große Ka­ra­wa­nen ge­fähr­den ihr Ge­schäfts­mo­dell. Und Fuen­tes wird von den Kar­tel­len dafür ver­ant­wort­lich ge­macht.

Aus dem Helden wird ein Gejagter

Am 15. Ok­to­ber, als er mit der Ka­ra­wane Chi­qui­mula in Gua­te­mala er­reicht, nimmt ihn die Po­li­zei fest, sein Pick-​up wird kon­fis­ziert. Warum? Bis heute un­klar. Vier Tage wird er in einer Po­li­zei­sta­tion fest­ge­hal­ten, wäh­rend­des­sen stellt ihn Au­ßen­mi­nis­te­rin Agüero an den Pran­ger. Dann wird er nach Te­gu­ci­galpa aus­ge­flo­gen, der Haupt­stadt von Hon­du­ras.

Eu­pho­risch wird er da­heim emp­fan­gen. Hun­derte Re­por­ter und Un­ter­stüt­zer sind im Flug­ha­fen, seine An­kunft wird live im TV über­tra­gen. Fuen­tes brüllt in hin­ge­hal­tene Mi­kro­fo­ne, er werde sei­nen Kampf für die Mi­gran­ten fort­set­zen. Und Agüero wegen Ver­leum­dung an­zei­gen. Aber er spürt, wie brenz­lig die Lage ist. Die Dro­hun­gen gegen ihn neh­men zu, stän­dig fah­ren Po­li­zis­ten am Haus der Fa­mi­lie vor­bei. Zehn Tage nach sei­ner Heim­kehr flieht Fuen­tes aus sei­ner Hei­mat und sucht Schutz in El Sal­va­dor.

Es ist bis heute un­klar, ob gegen ihn er­mit­telt wird. Die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft be­ant­wor­tete eine An­frage von WELT AM SONN­TAG nicht. Fuen­tes An­wälte glau­ben, es kämen drei Vor­würfe in­fra­ge. Ers­tens: Men­schen­schmug­gel. Zwei­tens: Min­der­jäh­rige einer Ge­fahr aus­zu­set­zen. Und drit­tens: Min­der­jäh­rige an­zu­stif­ten, ihre Hei­mat zu ver­las­sen. “Nichts davon habe ich ge­tan”, ruft er, sein Ober­kör­per bebt. Als er noch Par­la­men­ta­rier war und hin und wie­der die Fas­sung ver­lor, warn­ten ihn Par­tei­freunde vor einem Herz­in­farkt. Aber Bar­tolo Fuen­tes’ Herz ist ja sein wich­tigs­ter Be­ra­ter. Es sagt ihm, was es für rich­tig hält, und er macht es, ohne groß nach­zu­den­ken.

Kurz nach sei­ner An­kunft in San Sal­va­dor wird er zu einer Kon­fe­renz über Mi­gra­tion nach Me­xiko-​Stadt ein­ge­la­den. Unter freiem Him­mel gibt er dort eine Pres­se­kon­fe­renz. Vor sich ein Dut­zend Mi­kro­fo­ne, hin­ter sich zwei Dut­zend Un­ter­stüt­zer. Fuen­tes wehrt sich gegen die Vor­würfe gegen ihn. “Diese Re­gie­rung”, schreit er, “das sind Ban­di­ten, Be­trü­ger und Mör­der. Ich möchte nicht im Ge­fäng­nis lan­den, nur weil ich etwas gegen die Re­gie­rung sage und Op­po­si­tio­nel­ler bin.”

Vier Stun­den mit ihm sind ver­gan­gen, er hat von Gott und von sei­ner Welt er­zählt, jetzt hat er Hun­ger. Die Däm­me­rung taucht sein Exil in ein zar­tes Oran­ge. Zehn Mi­nu­ten zu Fuß sind es bis zum Markt­platz von Los Ren­de­ros, dahin will er nun, zu einem Stand mit Pu­pu­sas, Mais-​Tor­til­las mit ein­ge­ba­cke­ner Fül­lung, dem Na­tio­nal­ge­richt El Sal­va­dors. Reg­gae-​Mu­sik dröhnt aus Bo­xen, Kin­der tan­zen, die Er­wach­se­nen pros­ten sich mit Bier­fla­schen zu.

Es ist eine brü­chige Idyl­le. Vor der Bier­schänke “Cin­dy” haben sich drei Män­ner eines Si­cher­heits­diens­tes mit ihren Ge­weh­ren pos­tiert, ein vier­ter steigt von sei­nem Mo­tor­rol­ler. Ein Pick-​up rast vor­bei, die La­de­flä­che vol­ler Sol­da­ten. Fuen­tes’ Exil ist ein Land im Aus­nah­me­zu­stand, nir­gendwo auf der Welt ist die Mor­drate höher als in El Sal­va­dor. 83 Morde pro Hun­dert­tau­send Ein­woh­ner im Jahr waren es bei der letz­ten Er­he­bung 2016. Dazu kommt etwa die glei­che Zahl an Ver­miss­ten pro Jahr. Und ver­misst sein, das heißt in El Sal­va­dor fast immer das Glei­che wie tot sein.

Die Be­waff­ne­ten vor der Bier­schenke in Los Ren­de­ros sind keine Aus­nah­me, an jeder Ecke hier wa­chen Män­ner mit Ge­weh­ren. Ver­ant­wort­lich für die Ge­walt sind vor allem zwei ri­va­li­sie­rende Ju­gend­gangs, die “Mara Sal­vat­rucha 13” und die “Bar­rio 18”. Schät­zungs­weise 60.000 Men­schen be­krie­gen sich in El Sal­va­dor, es geht um Schutz­geld und Dro­gen. Es wird ge­tö­tet, ge­fol­tert, ent­haup­tet. Es ist eine ris­kante Zu­flucht, die sich Fuen­tes aus­ge­sucht hat. “Ich möchte nach Hau­se, aber ich be­fürch­te, dass sie mich bei der Ein­reise fest­neh­men”, sagt er und ver­schwin­det in der Nacht von Los Ren­de­ros.

Am Tag da­nach nimmt er im Zen­trum von San Sal­va­dor im Re­stau­rant “La Ca­so­na” Platz und be­stellt eine Pilz­cre­me­sup­pe. Alle paar Se­kun­den leuch­tet der Bild­schirm sei­nes Smart­pho­nes auf. Be­nach­rich­ti­gun­gen auf Fa­ce­book , 830 un­ge­le­sene Whats­App-​Nach­rich­ten. “Ca­ra­vana de La Cei­ba” heißt eine Whats­App-​Grup­pe, es sind Mi­gran­ten, die in der hon­du­ra­ni­schen Stadt La Ceiba los­ge­lau­fen sind. Sie schrei­ben über die Lage in Ti­jua­na, über ge­schei­terte Ver­su­che, die Grenze zu über­win­den.

“Wir müs­sen mehr Druck auf die Grenz­schüt­zer ma­chen.”

“Sie wol­len uns pro­vo­zie­ren.”

“Wir müs­sen in­tel­li­gent sein.”

“Gott kennt den Weg.”

“A­men.”

Die nächste Karawane wird geplant

Und Fuen­tes? Zuckt mit den Schul­tern. “Ich bin ja nicht der Or­ga­ni­sa­tor, ich schreibe da nichts.” Ob das stimmt? Zwi­schen­durch klin­gelt sein Han­dy, und seine Frau be­rich­tet ihm von der Lage an der Grenze in Ti­jua­na. Vom Trä­nen­ga­sein­satz gegen Mi­gran­ten. “Un­glaub­lich!”, ruft Fuen­tes. “Das dür­fen die nicht.”

Er schimpft über die Ab­schie­bung de­rer, die ver­sucht ha­ben, den Grenz­zaun zu über­win­den. “Das ist keine Lö­sung!” Son­dern? “Die USA soll­ten die Leute rein­las­sen. Sie soll­ten ein biss­chen von dem ab­ge­ben, was sie uns La­tein­ame­ri­ka­nern ge­raubt ha­ben.” Er spricht über die il­le­gale Ab­hol­zung von Re­gen­wäl­dern, von Gold-​ und Sil­ber­mi­nen in den Hän­den von US-​Fir­men.

Es heißt, Fuen­tes habe Geld von den Mi­gran­ten kas­siert für die Or­ga­ni­sa­tion der Ka­ra­wa­ne. Dafür gibt es keine Be­weis, aber das Ge­rücht ist in der Welt. Was ist dran? Als er die Frage hört, prus­tet er Pilz­suppe auf den Tisch und auf sein Han­dy. Er lacht laut auf. “Hijo de puta, gar nichts”, ruft er, “das ist ja wohl ein Witz.” Dann ver­fins­tert sich seine Mie­ne. “Ich bin sau­er. Ich will hier nicht mehr sein.”

Seine Frau hat ihn ge­be­ten, vor­erst nicht heim­zu­kom­men, sie hält es für zu ge­fähr­lich. Er ver­sprach ihr, sich daran zu hal­ten. Aber ab­war­ten und Pu­pusa es­sen, für Fuen­tes ist das nichts. In der Nacht schreibt er eine SMS, er mache sich jetzt auf den Weg. Mit dem Bus nach El Pro­gre­so, nach Hau­se, nach Hon­du­ras. Angst hin oder her. Dann packt er seine Sa­chen und fährt los.

Man wird von ihm hö­ren, so oder so. Man hörte von ihm als Ab­ge­ord­ne­ter, als Jour­na­list, als Ak­ti­vist -​ ist er auch der wahre Ka­ra­wa­nen­füh­rer? Das wäre zu wenig ge­sagt. Er ist die Ka­ra­wa­ne. Er ist wie sie, darum ist er ihr Held. Fleisch von ihrem Fleisch, Geist von ihrem Geist. Gläu­big und wü­tend, voll wil­der Hoff­nung los­stür­mend und ver­zwei­felt vor der un­über­wind­li­chen Gren­ze. Jede Be­we­gung braucht ein Ge­sicht, in das sie blickt wie in einen Spie­gel, eine Ge­stalt, in der sie sich wie­der­er­kennt.

Die stahl­har­ten po­li­ti­schen Füh­rer Mit­telame­ri­kas ir­ren, wenn sie glau­ben, er sei wie sie und ihnen darum ge­fähr­lich. Er ist eher der Hirte der Ka­ra­wa­ne, der un­ru­hige Geist, der sie um­weht und an­treibt. Die Idee ist in der Welt, seine Idee.

Am 12. Mai ist Mut­ter­tag in Hon­du­ras. Bar­tolo Fuen­tes, der Mann, der den größ­ten Mas­senex­odus, den der Kon­ti­nent bis­her sah, auf gar kei­nen Fall aus­ge­löst haben will, hat an­ge­kün­digt, dass sich dann Müt­ter aus El Pro­greso gen Nor­den auf­ma­chen wer­den. “Wir”, sagt er, “ha­ben dann die nächste Ka­ra­wa­ne.”

erschienen in WELT AM SONNTAG am 2. Dezember 2018