Der brutale Darwinismus der Migrationsrealität zeigt sich weiterhin auf der Balkanroute: Wer Geld hat, erreicht Europa per Flugzeug oder Auto, wer arm ist, hängt dort fest – in einer Sackgasse im Elend

Auf einem staubtrockenen Acker in Bosnien-Herzegowina steht eine Achtjährige aus Afghanistan. Ihr Name lautet Shabhan Khegrkhan, und sie hofft auf ein Wunder. Die Haare sind ihr ausgefallen, sie trägt ein weinrotes Tuch mit Blumenmuster auf dem Kopf. Ihre Haut ist trocken und rissig, sie hat rote Flecken im Gesicht. Sie starrt ins Leere. Neben ihr steht ihr Bruder Murwari, zwei Jahre älter als sie, und sagt: “Meine Schwester hat Leukämie.” Das Wunder wäre, dass jemand kommt und sagt: Ich helfe dir, Shabhan. Aber bis jetzt ist niemand gekommen.

Shabhan (rechts) mit ihrer Familie

Shabhan (rechts) mit ihrem Vater und ihrer Schwester

Seit einem Monat gehört sie zu jenen Menschen im Land, für die es kein Weiterkommen mehr gibt. Tausende Migranten und Flüchtlinge sind in Bosnien-Herzegowina gestrandet, in der Hoffnung, weiterziehen zu können, etwa nach Deutschland. Aber das ist ein extrem schwieriges Unterfangen. Die Balkanroute, über die 2015 und 2016 über eine Million Menschen kamen, gibt es in ihrer alten Form nicht mehr. Damals reichten Staaten die Menschen weiter, innerhalb weniger Tage gelangte man von Griechenland nach Deutschland oder Skandinavien. Ein Tag, ein Land – so beschrieben Polizisten das Tempo der Route.

Es stimmt zwar nicht, wenn Österreichs Kanzler Sebastian Kurz sagt, die Route sei geschlossen – immer noch schlagen sich monatlich Tausende durch. Und doch: Für viele von ihnen gibt es kein Weiterkommen. Sie stecken hier fest. Meist trifft es die Schwachen. Jene, die kein Geld für Schleuser haben. Jene, die krank sind. So wie das Mädchen Shabhan.

An Menschen wie ihr zeigt sich die Unfähigkeit der europäischen Migrationspolitik dieser Jahre. Viele Gipfel dauerten bis tief in die Nacht, unzählige Pressemitteilungen wurden geschrieben, viele Ankündigungen gemacht. Aber die anvisierte Kontrolle über die EU-Außengrenze hat man nie erreicht. Legale Wege in die EU für Flüchtlinge gibt es auch heute kaum. Wer fliehen will, dem lässt die EU kaum eine andere Wahl als gegen die Gesetze zu verstoßen, Grenzen einfach so zu queren, ein illegaler Migrant zu sein.

Szene aus dem Lager in Velika Kladusa

Szene aus dem Lager in Velika Kladusa

Europa reagiert auf seine Art: Jeder Staat blickt nun verstärkt auf seine Grenze, zieht Zäune hoch, stellt Polizei auf. Erst am Montag führte die österreichische Regierung an der Grenze zu Slowenien Journalisten bei der Übung “Puma” vor, wie Polizei und Armee einreisewillige Migranten abwehren wollen. Hier gibt es kein Weiterkommen – das war die Botschaft, die Innenminister Herbert Kickl in die Welt senden wollte. Die politische Stimmung, sie hat sich verändert, die Sicherung von Grenzen hat in der EU oberste Priorität – auch weil immer wieder vor einem neuen Ansturm von Migranten und Flüchtlingen gewarnt wird.

So erklärte Franz Lang, der Direktor des österreichischen Bundeskriminalamts, jüngst, 80.000 Menschen seien via Balkan auf dem Weg “zu uns”. Woher er diese Zahl hatte, blieb unklar, aber die Angst vor einer neuen Fluchtwelle hat sich eingebrannt in die öffentliche Wahrnehmung. Und so landen die Menschen an Orten wie Velika Kladuša, auf einem Acker am Rande der 45.000-Einwohner-Stadt an Kroatiens Grenze.

Im Februar dieses Jahres begann der Zustrom, anfangs waren es einige Dutzend, ab Ende April wurden es dann immer mehr. Heute sind es etwa tausend. Warum? Weil es von Serbien kein Weiterkommen gibt, die Grenzen zu Ungarn und Kroatien sind fast unüberwindbare Hindernisse. Also zogen die Menschen weiter nach Bosnien, weil sie glaubten, von hier aus sei es einfacher.

Hilfsorganisationen wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) und das Rote Kreuz kamen nach Velika Kladuša, die Stadt wies ihnen diesen Acker zu, da könnten die Menschen versorgt werden. Daneben liegt das städtische Tierheim. Ein paar Dixi-Klos wurden hingestellt, aus einem Schlauch fließt Wasser. Die Leute schlafen in Zelten oder unter freiem Himmel. Auf dem Zufahrtsweg stehen Polizisten. 800 Meter weiter beginnt Kroatien, es ist eine “grüne Grenze”, man könnte einfach hinüberspazieren und wäre in der EU – theoretisch.

Die Praxis sieht so aus: Als es vor Tagen Dutzende versuchten, stand die kroatische Polizei schon da, bildete eine Kette und ließ niemanden vorbei; ein Video davon sorgte im Netz für Aufsehen, im Text hieß es: “Es fängt alles schon wieder von vorne an. Danke Merkel!”

Kroatien, seit 2013 EU-Mitglied, pocht auf den Beitritt zum Schengen-Raum nächstes Jahr. Noch ist offen, ob sich der Europäische Rat, wie es nötig wäre, einstimmig dafür aussprechen wird. Eine geschützte EU-Außengrenze, das wäre in jedem Fall ein gutes Argument. Koste es, was es wolle. Und so sitzt Shabham einen Monat nach ihrer Ankunft immer noch in Velika Kladuša fest, mit ihren Eltern und vier Geschwistern.

Ihr Bruder Murwari spricht fließend Englisch, er ist das Sprachrohr der Familie. Er erzählt von der Flucht aus Kabul vor zwei Jahren, aus Angst vor ständigen Terroranschlägen dort. Über Iran und die Türkei gelangte die Familie in die EU, nach Bulgarien. “Wir wollten weiter nach Deutschland, weil wir meine Schwester zu einem guten Arzt bringen wollen.” Murwari ist umzingelt von lachenden Kindern, nur Shabhan steht mit ihrem Rad daneben, sie spricht nicht. Später sagt ein Helfer, sie sei sehr traurig, weil fast täglich jemand kommt, Hilfe verspricht und sich dann nie mehr blicken lässt. Zweimal ist die Familie in der Nacht losgezogen, heimlich über die Grenze. Kroatische Polizisten haben sie wieder eingefangen und zurück nach Bosnien gebracht.

Es ist nicht so, dass Tausende Polizeibeamte an der Grenze stünden und die Menschen mit Gewalt an der Einreise hinderten. Oder dass es einen Zaun gäbe wie in Slowenien und Ungarn. Meist sind die Beamten überhaupt nicht zu sehen. Bei einer einstündigen Fahrt auf einer kroatischen Straße, sie verläuft nur wenige Meter von bosnischem Territorium entfernt – findet sich keine Spur von Sicherheitskräften.

Die kroatische Polizei arbeitet anders, mit Hubschraubern und Drohnen, die Wärmebilder in die Einsatzzentralen schicken. Mit auf den Feldern versteckten Sensoren. Nur wenn sich größere Gruppen auf den Weg zur Grenze machen, kommen Hundertschaften zum Einsatz. Einzelne Migranten werden auf dem Weg ins Landesinnere gestoppt: In der Grenzregion ist viel Polizei unterwegs, teils in Zivil. An fast allen wichtigen Kreuzungen stehen sie. In Karlovac sagt ein Beamter WELT: “Es kommt niemand durch.” Über die Vorwürfe gegen die kroatische Polizei spricht er nicht. “Alles Lügen”, zischt er.

In Velika Kladuša erzählen Migranten, wie Polizisten Hunde auf sie losgelassen hätten, wie sie geschlagen worden seien. Das Handy gestohlen, das Geld geraubt. Stimmt das? Menschenrechtler kritisieren die Kroaten seit Langem. WELT schickte einen Fragenkatalog ans kroatische Innenministerium, eine Antwort gab es nicht. Wie rabiat die Sicherheitskräfte vorgehen, wurde Ende Mai deutlich, als der Fahrer eines Vans Haltezeichen der Polizei missachtete. Daraufhin feuerten die Beamten auf den Wagen. Zwei zwölfjährige Mädchen, eine aus dem Irak, eine aus Afghanistan, wurden angeschossen und schwer verletzt.

DSCF7278Im Flüchtlingslager zeigt Shabhans Vater auf dem Handy zwei Jahre alte Fotos seiner Tochter. Damals hatte sie noch Haare. Dann wurden es immer weniger. Dann hatte sie keine mehr. Er fragt: “Kannst du mir vielleicht helfen oder einen Arzt schicken?” Ein einheimischer Helfer schüttelt den Kopf: “Wir können nicht mal unsere eigenen Leute versorgen, wie sollen wir das mit den Flüchtlingen machen?”

Dieser staubtrockene Acker in Velika Kladuša, vielleicht ist er die Endstation für die Familie. Und auch für viele andere, die hier hausen. Die Mutter aus dem Irak, die den Reporter anfleht, ihrem kranken Baby zu helfen. Der Vater aus Afghanistan, der mit Frau und Kind im Zelt sitzt und seine geschwollenen Lymphknoten zeigt: “Ich weiß nicht, was das ist.” Und natürlich auch viele Männer, die sich allein auf den Weg gemacht haben. Ihre Schicksale sind verschieden, ihr Sehnsuchtsort ist der gleiche: Deutschland.

“Ein wunderschönes Land”, sagt ein kleines Mädchen auf Deutsch, sie ahnt nicht, wie weit es noch ist bis dorthin. Dass sie vielleicht nie ankommen wird. Dass es das war bis hierher.

Was wird nun passieren auf dem Balkan? Die Politik der offenen Grenze im Jahre 2015 verteidigte das Kanzleramt auch damit, dass bei einer Kaskade von Grenzschließungen ein Chaos auf dem Balkan drohe – ausgerechnet in jener Region, die seit jeher ein Pulverfass des Kontinents ist. Bisher ist das nicht geschehen. Aber bleibt es so ruhig – können die Leute vielleicht einfach hier bleiben?

Amira Hadzimehmedovic hilft Flüchtlingen in Bihać, einer anderen Grenzstadt, 50 Kilometer von Velika Kladuša entfernt. Die Frau und Mutter stammt von hier, hat den Bosnienkrieg erlebt, ist immer geblieben. Sie sitzt am Mittwochabend vor dem “Park-Hotel” im Zentrum und isst Pfannkuchen. “Selbst die Einheimischen wollen weg, es gehen immer noch viele Menschen nach Deutschland”, sagt sie. Bosnien-Herzegowina sei kein Land, in dem man Asyl beantrage.

Und Bihać scheint keine Stadt zu sein, die die Menschen willkommen heißt. Zumindest der Bürgermeister nicht. Der heißt Šuhret Fazlić und empfängt in seinem schicken Büro, hinter seinem Schreibtisch hängt eingerahmt die Landesflagge. Nur 500 Meter von hier entfernt steht ein ruinöses Gebäude, das zum Hort der Verzweifelten geworden ist. Etwa 700 sollen es sein, keiner weiß es so genau. Das Haus war bis 1992 ein Wohnheim für Studenten. Seitdem hat es leer gestanden. Weil Fazlić die Migranten nicht mehr im Stadtzentrum haben wollte, hat er den Hilfsorganisationen dieses Gebäude zugewiesen; ein Statiker war vor dem Einzug ganz sicher nicht da.

DSCF7303Es ist ein Haus ohne Fenster und Türen, mit riesigen Löchern im Boden, von Graffiti übersät. Es stinkt nach Fäkalien, überall sind Pfützen vom letzten Regen. Am Freitagmorgen schlafen ein paar Menschen in Zelten, Hunderte liegen in Schlafsäcken auf dem Beton. Oder draußen auf der Wiese, unter Bäumen.

Sie kommen aus Afghanistan, dem Irak, aus Syrien und Pakistan. Es sind alte Männer, junge Männer, Babys, schwangere Frauen. Viele Kranke. Angeblich breitet sich die Krätze aus. Es ist, als habe sich ein nicht abreißender Zug der Mühseligen und Beladenen aus aller Welt hierher aufgemacht – ihr Traumland vor Augen, in dem blühende Landschaften, Ärzte und Wohlstand warten. In dem alles gut wird. Und dann landen sie auf einem staubigen Acker. Oder in dieser Ruine hier.

“Unsere Hilfe hier ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein”, sagt IOM-Mitarbeiter Bogdan Runić, als er durch das Haus läuft: “Wir brauchen viel mehr Hilfe.” Aber statt mehr Hilfe kommen mehr Menschen, etwa hundert am Tag. Und darum ist Bürgermeister Fazlić so wütend. Einige Migranten, sagt er, wüschen ihre Kleidung im Fluss, und einige hätten schon darin gebadet, und zwar nackt. Außerdem habe es in den letzten Monaten in seiner Stadt sieben Laden- und Taschendiebstähle durch Migranten gegeben. Ein weiteres Problem: Die Fremden hielten sich in Parks auf und reduzierten so den Platz für die Bürger von Bihać.

Es klingt nicht besonders bedrohlich, aber auch in Bihać wollen sie die Krise nun mit Populismus bewältigen. “Ich habe Angst”, sagt Šuhret Fazlić, “dass bald jemand getötet wird.”

erschienen in der WELT am 29. Juni 2018