Drei DFB-Bosse will die Staatsanwaltschaft in der Affäre um die WM 2006 verurteilt sehen. Die Beweismittel, die die Staatsanwältin vorgelegt hat, zeugen von akribischer Arbeit. Nun liegt die Anklageschrift in dem Fall vor

Am Mor­gen da­nach ahn­ten sie in der Zen­trale des Deut­schen Fuß­ball-​Bun­des in Frank­furt am Main noch nicht, wie ernst die ganze Sache ist. Es war der 17. Ok­to­ber 2015, und Fried­rich Cur­ti­us, Bü­ro­lei­ter von Prä­si­dent Wolf­gang Niers­bach, schrieb eine E-​Mail. Am Tag zuvor hatte der “Spie­gel” von einem ge­hei­men Mil­lio­nen­trans­fer des deut­schen Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees der WM 2006 be­rich­tet und ge­ti­telt: “Das zer­störte Som­mer­mär­chen”. Niers­bach wurde scharf an­ge­gan­gen, für den Deal mit­ver­ant­wort­lich ge­macht.

Cur­tius fand das un­fair. “Mein lie­ber Wolf­gang”, schrieb der Ju­rist, “ich denke in die­sen schwe­ren, un­glaub­lich be­las­ten­den Stun­den fast pau­sen­los an Dich (…). Du bist ein so her­aus­ra­gend tol­ler Men­sch, hast einen so fei­nen Cha­rak­ter -​ ich bin wirk­lich so stolz, mit Dir so eng zu­sam­men­ar­bei­ten zu dür­fen! Du hast die­sen me­dia­len Ts­un­ami ein­fach nicht ver­dient.” Bü­ro­lei­ter Cur­tius sin­nierte über “un­zäh­lige Ge­mein­hei­ten” und “Hin­ter­fot­zig­kei­ten”.

Er ver­sprach: “Ich bin umso mehr ent­schlos­sen, mit vol­ler Wucht und aller Härte gegen die­sen Skan­dal vor­zu­ge­hen. Es lohnt sich zu kämp­fen und ich bin mir si­cher, dass die Wahr­heit ans Licht kom­men wird.” Nun ja.

Die Anklageschrift umfasst 144 Seiten

16 Tage spä­ter stan­den in den frü­hen Mor­gen­stun­den Steu­er­fahn­der und Staats­an­wälte vor den Hau­stü­ren dreier mäch­ti­ger Män­ner im deut­schen Fuß­ball: Niers­bach, Theo Zwan­zi­ger und Horst R. Schmidt. Raz­zia, Haus­durch­su­chung. Auch in die DFB-​Zen­trale rück­ten Be­amte ein. Nun war klar: Der Skan­dal um die WM-​Ver­gabe war zum Kri­mi­nal­fall ge­wor­den, und viel­leicht müs­sen die einst mäch­tigs­ten Män­ner des deut­schen Fuß­balls am Ende ins Ge­fäng­nis. Jetzt geht die­ser Krimi in die ent­schei­dende Pha­se.

Am 17. Mai die­ses Jah­res hat die Frank­fur­ter Schwer­punkt­staats­an­walt­schaft für Wirt­schaftss­trafsa­chen An­klage wegen schwe­rer Steu­er­hin­ter­zie­hung er­ho­ben, gegen vier Män­ner: Zwan­zi­ger, zum Zeit­punkt der Über­wei­sung DFB-​Prä­si­dent, Niers­bach, da­mals Ge­ne­ral­se­kre­tär, Ex-​Schatz­meis­ter Schmidt sowie Urs Lin­si, den da­ma­li­gen Ge­ne­ral­se­kre­tär des Welt­ver­ban­des Fifa, einen Schwei­zer. Die An­kla­ge­schrift mit einem Um­fang von 144 Sei­ten und dem Ak­ten­zei­chen 7550 Js 242375/15 sowie Teile der Er­mitt­lungs­akte und Stel­lung­nah­men der An­ge­schul­dig­ten lie­gen WELT AM SONN­TAG vor.

In der An­kla­ge­schrift heißt es, Schmidt, Zwan­zi­ger und Niers­bach hät­ten die Fi­nanz­be­hör­den hin­ters Licht ge­führt. Zu Tat­sa­chen von er­heb­li­cher Be­deu­tung seien un­rich­tige An­ga­ben ge­macht wor­den. Un­ter­stellt wird, dass der DFB bei Kör­per­schafts­steu­er, So­li­da­ri­täts­zu­schlag und Um­satz­steuer für 2006 be­tro­gen hat. Dabei soll das Trio ge­mein­schaft­lich ge­han­delt und hohe kri­mi­nelle Ener­gie auf­ge­wendet ha­ben. Dem Schwei­zer Linsi wie­derum wird vor­ge­wor­fen, das Tat­ge­sche­hen als Hel­fers­hel­fer un­ter­stützt zu ha­ben.

Durch die Ma­chen­schaf­ten des Quar­tetts sol­len dem Fis­kus 9.916.964 Euro an Kör­per­schafts­steu­er, 545.433 Euro an So­li­da­ri­täts­zu­schlag, 1.736.156 Euro an Ge­wer­be­steuer sowie 1.511.790 Euro an Um­satz­steuer ent­gan­gen sein. Macht ins­ge­samt 13.710.343 Euro. Die Summe fällt auch des­we­gen so hoch aus, weil dem DFB für das Jahr 2006 nach­träg­lich die Ge­mein­nüt­zig­keit ab­er­kannt wurde und so die Steu­er­be­güns­ti­gung weg­fällt.

Die An­kla­ge­schrift ge­währt zum ers­ten Mal einen um­fas­sen­den Blick auf die zwei­fel­haf­ten Ge­schäfte der Ex-​DFB-​Bos­se, auf ihren nicht vor­han­de­nen Auf­klä­rungs­wil­len und du­biose Geldtrans­fers fast rund um die Erde. Das Dos­sier der Staats­an­wälte ist aber auch eine Ent­täu­schung für alle, die ge­hofft hat­ten, dass es end­lich Auf­schluss dar­über gibt, ob die WM 2006 ge­kauft war. Das bleibt un­klar.

Es fragt sich nun: Rei­chen die Er­kennt­nisse der Er­mitt­ler aus, um einen Pro­zess zu er­öff­nen? Die Causa “Som­mer­mär­chen” dreht sich um eine Summe von etwa 6,7 Mil­lio­nen Euro. Die­ser Be­trag wurde am 27. April 2005 vom deut­schen WM-​OK an die Fifa über­wie­sen, der Ver­wen­dungs­zweck lau­tete “Kos­ten­be­tei­li­gung OK an FIFA Foot­ball-​Ga­la”.

Dabei war das Geld den Er­mitt­lern zu­folge für Adi­das-​Chef Ro­bert Louis-​Drey­fus be­stimmt, und an den Fran­zo­sen lei­tete die Fifa die Mil­lio­nen so­gleich wei­ter. Warum er das Geld be­kam? Weil Franz Be­cken­bauer bei ihm mit eben die­sen 6,7 Mil­lio­nen Euro -​ um­ge­rech­net zehn Mil­lio­nen Schwei­zer Fran­ken -​ in der Schuld stand.

Und wieso be­zahlte Be­cken­bau­er, der Chef des Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees für die WM 2006, das Geld nicht selbst? Das hat auch die Staats­an­walt­schaft nicht her­aus­ge­fun­den. Für sie ist aber klar: Der DFB stand für die Dar­le­hens­schuld von Be­cken­bauer ein, ver­schlei­erte das und ver­buchte die über ein Fifa-​Konto ab­ge­wi­ckelte Zah­lung ver­bo­te­ner­weise als Be­triebs­aus­ga­be. Nach Über­zeu­gung der An­kla­ge­be­hörde hat die Über­wei­sung schlicht dazu ge­dient, ein pri­va­tes Dar­le­hen von Be­cken­bauer ab­zu­lö­sen. So eine Ge­fäl­lig­keit indes hätte der DFB steu­er­lich nicht gel­tend ma­chen dür­fen.

Für die Er­mitt­ler stel­len sich die Vor­gänge so dar: Zwi­schen Mai und Juli 2002 ließ Be­cken­bauer der Firma Kemco im Wüs­ten­staat Katar sechs Mil­lio­nen Schwei­zer Fran­ken zu­kom­men. Fir­men­in­ha­ber: Mo­ha­med Bin-​Ham­mam, Vor­sit­zen­der der Fifa-​Fi­nanz­kom­mis­sion und Stimm­be­rech­tig­ter bei der Ver­gabe der WM 2006 zwei Jahre zu­vor. Im Au­gust 2002 ge­währte Louis-​Drey­fus dann Be­cken­bauer einen Pri­vat­kre­dit in Höhe von zehn Mil­lio­nen Fran­ken, zu­rück­zu­zah­len mit Zin­sen in­ner­halb von sechs bis acht Mo­na­ten. Das Geld wurde auf das Konto eines Ad­vo­ka­tur­bü­ros in der Schweiz über­wie­sen, das als Treu­hän­der von Be­cken­bauer fun­gier­te.

Warum kümmerte sich der DFB um Beckenbauers Schulden?

Von die­sem Konto ließ sich Be­cken­bauer sechs Mil­lio­nen Fran­ken auf ein ei­ge­nes Konto schi­cken, die rest­li­chen vier Mil­lio­nen gin­gen er­neut an Kem­co. Machte zehn Mil­lio­nen für Bin-​Ham­mam. Was blieb, waren Be­cken­bau­ers Schul­den bei Louis-​Drey­fus. Knapp zwei Jahre lang hakte der Bank­be­ra­ter des Fran­zo­sen immer wie­der nach, wann denn end­lich das Geld kom­me, stän­dig musste die Frist ver­län­gert wer­den. Im Au­gust 2003 wur­den die DFB-​Funk­tio­näre Zwan­zi­ger und Schmidt auf dem An­we­sen von Louis-​Drey­fus am Lu­ga­ner­see vor­stel­lig. Die Bitte der heute An­ge­schul­dig­ten: Louis-​Drey­fus möge auf sein Geld ver­zich­ten. Aber der dachte über­haupt nicht dar­an.

Hier fragt man sich: Warum küm­mer­ten sich plötz­lich DFB-​Funk­tio­näre um Be­cken­bau­ers Schul­den? Ge­si­chert ist, dass Be­cken­bauer sich wei­ger­te, die Schuld zu be­glei­chen. In den Zeu­gen­ver­neh­mun­gen sagte er, die Fifa habe Ende 2000 von den Deut­schen eine Art “Pro­vi­sion” in Höhe von zehn Mil­lio­nen Fran­ken ge­for­dert, damit ein Zu­schuss zur WM von 250 Mil­lio­nen ge­währt wird. Der DFB habe es ab­ge­lehnt, so eine Pro­vi­sion zu zah­len. Darum sei er selbst ein­ge­sprun­gen, um nie­man­den zu be­las­ten. Ab­ge­wi­ckelt habe den Deal aber sein Ma­na­ger Ro­bert Schwan. Was genau von­stat­ten­ge­gan­gen sei, wisse er nicht. Schwan kann dazu so wenig bei­tra­gen wie Louis-​Drey­fus: Beide sind ver­stor­ben.

Be­cken­bauer wurde von den Er­mitt­lern ge­fragt: Ein Dar­le­hen bei Louis-​Drey­fus -​ warum? Habe er gar nicht auf­ge­nom­men, sagte er. Von einem Schuld­schein wisse er auch nichts. Er habe nie einen Ver­trag ge­se­hen. Zins-​ und Rück­zah­lungs­mo­da­li­tä­ten? Seien ihm nicht be­kannt. Die Rück­zah­lung? Da sei er nicht in­vol­viert ge­we­sen. Wer dann? Wisse er nicht. Warum die Ver­schleie­rung? Keine Ah­nung. Ihm sei nur wich­tig ge­we­sen, dass Louis-​Drey­fus sein Geld zu­rück­er­hält.

Auch be­züg­lich der Trans­ak­tio­nen von sei­nen ei­ge­nen Kon­ten trug Be­cken­bauer nicht allzu viel bei. Warum zehn Mil­lio­nen nach Katar gin­gen? Keine Ah­nung. Was dort mit dem Geld ge­sch­ah? Habe er nie er­fah­ren.

Die Frank­fur­ter An­kla­ge­schrift gibt einen Ein­blick in ein Par­al­le­lu­ni­ver­sum, das mit ge­sun­dem Men­schen­ver­stand kaum zu ver­ste­hen ist. Es ist eine Welt, in der mit frem­den Mil­lio­nen ein­fach so jongliert wurde und sich of­fen­bar nie­mand die Frage stell­te: Darf man das? An­zu­mer­ken ist aber auch: Für die ur­sprüng­li­che Spe­ku­la­tion, wo­nach mit die­sen 6,7 Mil­lio­nen die WM ge­kauft wur­de, gibt es nichts Hand­fes­tes.

Warum also zahlte der DFB Be­cken­bau­ers Dar­le­hens­schuld? Hat­ten die drei An­ge­schul­dig­ten etwa Angst, dass Be­cken­bauer eine Dro­hung wahr macht? Schmidt gab laut An­kla­ge­schrift an, man habe ver­hin­dern wol­len, dass Be­cken­bauer als Ge­sicht der deut­schen Be­wer­bung auf­gibt. Und Linsi sagte den Er­mitt­lern, Be­cken­bauer habe an­ge­droht, zu­rück­zu­tre­ten.

Schmidt gab zu, dass sie die Zah­lung der 6,7 Mil­lio­nen Euro durch einen falschen Ver­wen­dungs­zweck ver­schlei­er­ten. Zwan­zi­ger hin­ge­gen blieb ge­gen­über den Er­mitt­lern bei sei­ner Ver­sion: Er habe zum Zeit­punkt der Über­wei­sung nicht ge­wusst, dass das Geld an Louis-​Drey­fus wei­ter­ge­lei­tet wer­de, son­dern sei von einem Bei­trag zur Kul­tur­gala aus­ge­gan­gen. Schmidt wie­derum er­klärte in sei­ner Ver­neh­mung, auch Zwan­zi­ger und Niers­bach hät­ten Be­scheid ge­wusst.

Nach Schmidts Dar­stel­lung sei dem OK-​Prä­si­dium klar ge­we­sen, dass man Be­cken­bauer hel­fen wolle -​ ob­wohl dem Gre­mium nie etwas Schrift­li­ches zu dem Dar­le­hen vor­lag. Ende 2003, An­fang 2004 habe man den Plan ge­fasst, die Rück­zah­lung der zehn Mil­lio­nen an Louis-​Drey­fus über die Fifa lau­fen zu las­sen, ver­schlei­ert als Gala-​Un­ter­stüt­zung. Klingt nach einem Ein­ge­ständ­nis von Schmidt. Bloß: Warum gibt es in den Akten aus­führ­li­che Ein­trä­ge, unter an­de­rem von Schmidt, in denen de­tail­liert be­schrie­ben wird, wie die be­sagte Gala un­ter­stützt wer­den kann?

War wirk­lich alles fin­giert? Oder gibt es noch eine an­de­re, un­er­zählte Ge­schich­te? Dazu würde pas­sen, dass Schmidt nach der Gala-​Ab­sage laut Lin­sis Zeu­gen­ver­neh­mung die 6,7 Mil­lio­nen zwi­schen­zeit­lich sogar zu­rück­ge­for­dert haben soll. Warum? Wenn das Geld doch für Louis-​Drey­fus be­stimmt war?

Und was hatte Linsi über­haupt mit der gan­zen Sache zu tun? Linsi ist Dok­tor der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, hatte zu­nächst für das Bank­haus Cre­dit Suisse ge­ar­bei­tet. Dann heu­erte er bei der Fifa an und stieg zum Ge­ne­ral­se­kre­tär auf -​ womit er der rich­tige An­sprech­part­ner für die Deut­schen war. Klar ist: Ohne ihn hätte die ganze Num­mer nicht funk­tio­niert. Hätte man Louis-​Drey­fus das Geld di­rekt von einem Konto des OK über­wie­sen, wäre das auf­ge­fal­len. Daher musste Linsi ein­sprin­gen. Erst sträubte sich der Fi­nanz­fach­mann, bei einer krum­men Tour ein­ge­spannt zu wer­den. Dann un­ter­stützte er die Kol­le­gen vom DFB doch.

Linsi nannte ein Fifa-​Kon­to. Dort­hin konnte das OK laut Er­mitt­lern die Mil­lio­nen über­wei­sen. Und so un­ter­stützte Linsi aus Sicht der Staats­an­walt­schaft als Ge­hilfe das Vor­ge­hen der drei Haupt­tä­ter, wäre also mit­ver­ant­wort­lich für eine Steu­er­hin­ter­zie­hung in Höhe von rund 2,7 Mil­lio­nen Euro. Seine An­wälte sa­gen, es habe keine Steu­er­hin­ter­zie­hung ge­ge­ben. Ergo habe ihr Man­dat auch keine Bei­hilfe dazu ge­leis­tet.

Dass all diese Vor­gänge du­bios sind, daran be­steht kein Zwei­fel. Aber wird sie diese Af­färe ins Ge­fäng­nis brin­gen, ob­wohl sie sich nicht per­sön­lich be­rei­chert ha­ben? Auf schwere Steu­er­hin­ter­zie­hung steht eine Frei­heits­s­trafe von sechs Mo­na­ten bis zehn Jah­ren, ab einer hin­ter­zo­ge­nen Summe von einer Mil­lion Euro ist Be­wäh­rung ei­gent­lich aus­ge­schlos­sen.

Auch zi­vil­recht­lich droht Un­ge­mach. Der DFB hat be­reits gut 19 Mil­lio­nen Euro Steu­ern nach­ge­zahlt, und das ist wo­mög­lich nicht ein­mal al­les. Unter an­de­rem ist die Nach­zah­lung von Ge­wer­be­steuer in Höhe von rund acht Mil­lio­nen Euro noch nicht vom Tisch. Dazu müss­ten die Städ­te, in denen WM-​Spiele statt­ge­fun­den ha­ben, die ent­spre­chen­den Steu­er­be­scheide än­dern.

Und nach Pa­ra­graf 30 des Ge­set­zes über Ord­nungs­wid­rig­kei­ten droht eine wei­tere Geld­buße von bis zu zehn Mil­lio­nen. Ma­xi­mal dro­hen Zah­lun­gen von fast 40 Mil­lio­nen. Das ist auch der Grund, warum die Staats­an­walt­schaft will, dass der Ver­band an dem mög­li­chen Pro­zess als Ne­ben­be­tei­lig­ter auf­tritt. Im Falle einer Ver­ur­tei­lung könnte der DFB rie­sige Re­gress­for­de­run­gen gegen die An­ge­schul­dig­ten stel­len.

In die­sem Spät­som­mer 2018, so viel ist klar, steht für die An­ge­schul­dig­ten sehr viel auf dem Spiel. Einst waren Zwan­zi­ger höchste Ehren zu­teil­ge­wor­den. Ihm wur­de, ebenso wie Schmidt, das Bun­des­ver­dienst­kreuz 1. Klasse ver­lie­hen. Und nun droht ihnen eine Frei­heits­s­tra­fe, der ganz tiefe Fall. Und des­we­gen ver­su­chen die Ex-​Funk­tio­näre mit größ­ter Ve­he­menz, die II. Große Wirt­schafts­kam­mer des Frank­fur­ter Land­ge­richts davon zu über­zeu­gen, die An­klage nicht zu­zu­las­sen.

Zwan­zi­ger ist von sei­ner Un­schuld über­zeugt. Er ist kein Ama­teur, er hat als Steue­rin­spek­tor ge­ar­bei­tet, zuvor in Steu­er­recht pro­mo­viert. Und tat­säch­lich strei­ten sich die Geis­ter über meh­rere fun­da­men­tale Aspekte der Er­mitt­lungs­er­geb­nis­se. Schon die Fra­ge, ob die Zah­lung der 6,7 Mil­lio­nen als Be­triebs­aus­gabe gel­tend ge­macht wer­den durf­te, ist nicht leicht zu be­ant­wor­ten. In der An­kla­ge­schrift heißt es, die An­ge­schul­dig­ten hät­ten ge­zahlt, um Be­cken­bauer für seine Dienste im Vor­feld der Fuß­ball-​Welt­meis­ter­schaft zu dan­ken. Au­ßer­dem sei Be­cken­bauer nach An­sicht von Zwan­zi­ger & Co. für seine Dienste im Zu­sam­men­hang mit der WM zu ent­loh­nen ge­we­sen.

Da­mit, so sehen es die Ver­tei­di­ger, hing die Zah­lung mit Be­cken­bau­ers OK-​Tä­tig­keit zu­sam­men. Ergo: Be­triebs­aus­ga­be, keine Steu­er­hin­ter­zie­hung. Und so wer­fen die An­ge­schul­dig­ten den Er­mitt­lern vor, vor­ein­ge­nom­men ge­ar­bei­tet zu ha­ben.

Ist das Geschehen möglicherweise bereits verjährt?

Tat­säch­lich ist etwa ein Pro­to­koll zum Vor­ge­spräch zwi­schen Staats­an­walt­schaft und Steu­er­fahn­dung auf der einen sowie eines DFB-​An­walts auf der an­de­ren Seite be­mer­kens­wert. Im Rah­men die­ses Tref­fens am 19. No­vem­ber 2015 er­klärte der DFB-​Ver­tre­ter, eine Steu­er­hin­ter­zie­hung könne er nicht klar er­ken­nen. Dar­auf er­wi­derte ein Steu­er­fahn­der, die Sache sei ein­deu­tig und nicht zu dis­ku­tie­ren. Wohl­ge­merkt: Diese Ein­schät­zung gab der Be­amte schon vier Wo­chen nach Be­ginn der Er­mitt­lun­gen ab.

Eben­falls in­ter­essant: Schon in der Steu­er­er­klä­rung für das Jahr 2005 ver­buchte das OK die 6,7 Mil­lio­nen, und zwar, indem es den Be­trag schlicht vom Zu­schuss der Fifa ab­zog. In der Er­klä­rung für 2006 tauchte die Zah­lung dann ein­zeln auf, diese Auf­lis­tung hatte aber nach An­sicht von Zwan­zi­gers Rechts­an­walt nur de­kla­ra­to­ri­sche Aus­wir­kun­gen. Und auch der da­ma­lige DFB-​Steu­er­be­ra­ter sagte den Er­mitt­lern, jene Bu­chung für 2006 hätte weder eine Ge­win­n­aus­wir­kung noch eine steu­er­li­che Wir­kung ge­habt. Haben sich die Er­mitt­ler also mit dem falschen Jahr be­schäf­tigt? In Jus­tiz­krei­sen heißt es, das Ge­sche­hen 2005 sei mitt­ler­weile wo­mög­lich ver­jährt.

An­ders als Zwan­zi­ger, der öf­fent­lich pol­terte und Staats­an­wälte ver­klag­te, fuhr der An­ge­schul­digte Niers­bach eine Stra­te­gie des Ab­war­tens. Er lässt sich von der Düs­sel­dor­fer Rechts­an­wäl­tin Re­nate Ver­jans ver­tre­ten.

Ver­jans, die einst Be­triebs-​ als auch Rechts­wis­sen­schaft stu­dier­te, ist seit 1990 als An­wäl­tin tätig und gilt als Ko­ry­phäe im Be­reich Wirt­schafts-​ und Steu­er­straf­recht. Of­fen­kun­dig hat sie Niers­bach dazu ge­ra­ten, sich wäh­rend der Er­mitt­lun­gen nicht um­fang­reich ge­gen­über der Staats­an­walt­schaft ein­zu­las­sen. Le­dig­lich ein schlan­kes Be­strei­ten der Vor­würfe wurde der Staats­an­walt­schaft in einem Schrei­ben vom 30. April 2018 über­mit­telt. Niers­bach er­klär­te, er habe im April 2005 von der Zah­lung in Höhe von 6,7 Mil­lio­nen Euro ge­habt.

Rechts­an­wäl­tin Ver­jans rea­gierte erst, als ihr die An­kla­ge­schrift vor­lag. Diese Re­ak­tion hat es al­ler­dings in sich. Am 27. Juli 2018 schickte sie einen ful­mi­nan­ten, 80 Sei­ten um­fas­sen­den Schrift­satz an den Vor­sit­zen­den der II. Großen Wirt­schaftss­traf­kam­mer. In dem Dos­sier zer­pflückt die Ju­ris­tin die An­kla­ge­schrift. Die dem­nach darin ent­hal­te­nen Män­gel seien so­wohl for­mal als auch ma­te­ri­ell der­art gra­vie­rend, dass sie sich auch im Rah­men einer Haupt­ver­hand­lung nicht mehr be­he­ben las­sen könn­ten. Tat­säch­lich muten die Vor­würfe der Er­mitt­ler, ge­rade was die Be­schrei­bung eines ge­mein­sa­men Tat­plans an­geht, etwas schwam­mig an.

Schmidts Rechts­an­walt Til­man Reich­ling nannte die An­kla­ge­schrift in sei­ner Stel­lung­nahme gar “über­ra­schen­d”, da kei­ner­lei Straf­bar­keit in Be­tracht kom­me. Er warf der Staats­an­walt­schaft zudem die Zu­rück­hal­tung von ent­las­ten­dem Be­weis­ma­te­rial vor. Tat­säch­lich schrieb eine Se­kre­tä­rin von Louis-​Drey­fus in einer Notiz vor der Dar­le­hens­gabe an Be­cken­bau­er, es wür­den sechs Mil­lio­nen Fran­ken für die WM be­nö­tigt. Klar ist: Diese Notiz passt nicht zur Ar­gu­men­ta­tion der Er­mitt­ler. Nicht nur für die An­ge­schul­dig­ten steht viel auf dem Spiel, son­dern auch für die Schwer­punkt­staats­an­walt­schaft für Wirt­schaftss­trafsa­chen, für die die Ab­wei­sung der An­klage eine Ohr­feige wäre.

Zwei­ein­halb Jahre hat sie er­mit­telt, die Ak­ten­ord­ner fül­len Tau­sende Sei­ten. Im Fokus steht Anna-​Eli­sa­beth Krause-​Ab­laß, die Staats­an­wäl­tin, die die Er­mitt­lun­gen führt. Für sie ist die An­klage gegen Niers­bach, Schmidt, Zwan­zi­ger und Linsi der be­deu­tendste und ver­mut­lich kom­pli­zier­teste Fall in ihrer Kar­rie­re. Ihr Le­bens­lauf zeugt von einer be­mer­kens­wer­ten Strin­genz. Das zei­gen schon ihre be­ruf­li­chen Sta­tio­nen: Stu­dium der Rechts­wis­sen­schaf­ten, ers­tes Staats­ex­amen, eine Dok­tor­ar­beit über ein kom­pli­zier­tes Thema zur Un­ter­neh­mens­mit­be­stim­mung, zwei­tes Staats­ex­amen, Ein­tritt in eine in­ter­na­tio­nal tä­tige Kanz­lei, die alle Ge­biete des Wirt­schafts­rechts ab­deckt.

Dann folgte al­ler­dings ein Schritt, der für je­man­den, der einen sol­chen Wer­de­gang auf­weist, un­ge­wöhn­lich ist: Vor acht Jah­ren wech­selte Krause-​Ab­laß in den Staats­dienst. Dort sind die Ver­dienst­mög­lich­kei­ten ge­rin­ger als in der freien Wirt­schaft, die Auf­ga­ben aber mit­un­ter au­ßer­or­dent­lich in­ter­essant. Auf einer In­ter­netseite be­schreibt die Ju­ris­tin ihre Po­si­tion mit an­gel­säch­si­schen Be­grif­fen. Dem­nach ist sie unter an­de­rem für die Ver­fol­gung von “White Col­lar Cri­me” zu­stän­dig, zu deutsch Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät. “White Col­lar Cri­me” ist mög­li­cher­weise eine tref­fende Be­schrei­bung für das “Som­mer­mär­chen”-​Ver­fah­ren.

“Wir werden diese Schlacht gewinnen”

Krause-​Ab­laß will es mit Ho­no­ra­tio­ren aus der glit­zern­den Welt des Welt­fuß­balls auf­neh­men, die an­walt­lich bes­tens ver­tre­ten sind. Die Be­weis­mit­tel, die die Staats­an­wäl­tin vor­ge­legt hat, zeu­gen von akri­bi­scher Ar­beit: Die An­kla­ge­schrift lis­tet 41 Zeu­gen auf, dar­un­ter Steu­er­fahn­der, Fi­nanz­be­amte und Rechts­an­wäl­te, aber auch Pro­mi­nente aus dem Sport wie IOC-​Prä­si­dent Tho­mas Bach, Ex-​Fifa-​Chef Jo­seph Blat­ter und na­tür­lich den bis­lang schweig­sa­men Be­cken­bau­er.

Neben den Zeu­gen hat Krause-​Ab­laß 115 Ur­kun­den, Do­ku­mente und so­ge­nannte An­schei­n­ob­jekte als mut­maß­lich be­las­ten­des Ma­te­rial zu­sam­men­ge­stellt. Dar­un­ter sind Be­lege über Aus­lands­über­wei­sun­gen, ein An­trag zur Kon­to­er­öff­nung, Scheck­gut­schrif­ten, Or­ga­ni­gram­me, Ter­min­ein­träge im Out­look-​Sys­tem, hand­schrift­li­che No­ti­zen sowie Kor­re­spon­den­zen per E-​Mail -​ nicht zu­letzt aus Ord­nern mit dem Namen “ge­löschte Ele­men­te”.

Es ist sehr viel. Nur: Reicht das? Niers­bach je­den­falls, der ge­fal­lene DFB-​Boss, will kämp­fen, das zeigt die Stel­lung­nahme sei­ner An­wäl­tin ganz deut­lich. Viel­leicht er­in­nert er sich manch­mal an die Worte von Fried­rich Cur­ti­us, sei­nem Bü­ro­lei­ter, der mitt­ler­weile zum DFB-​Ge­ne­ral­se­kre­tär auf­ge­stie­gen ist. Da­mals, am Tag nach der “Spie­gel”-​Ver­öf­fent­li­chung, schrieb er in der E-​Mail an Niers­bach, dass man “viele gute und rich­tige Ar­gu­mente auf un­se­rer Seite” habe: “Daher”, da war sich der Mann ganz si­cher, “wer­den wir diese Schlacht ge­win­nen.”

erschienen in WELT AM SONNTAG am 20. September 2018 (Co-Autor: Uwe Müller)