Mehr Migranten denn je versuchen, das Meer zwischen Marokko und Spanien zu überqueren. Viele sterben dabei. In Andalusien bestattet Rafael Navas ihre Körper

Am Ende aller unerfüllten Träume kommt Totengräber Rafael Ucles Navas und macht einfach seinen Job. Der kleine Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht und den dunklen Augen holt die Schubkarre aus dem Geräteraum, dann steuert er sie durch ein Labyrinth aus vier Meter hohen Wänden, in denen die Toten stecken. Der Friedhof San Paulino besteht aus Kolumbarien, Schiebegräbern, verschlossen mit Platten aus Granit und Marmor. Namen prangen darauf, dazu Fotos der Verstorbenen, im Fußball-Trikot, am Strand. Davor stehen Jesus-Abbilder, Kreuze, Kerzen, Blumen.

Totengräber Rafael auf dem Friedhof San Paulino in Barbate, Spanien

Navas läuft weiter und grüßt die Menschen, die über den Friedhof spazieren. Sie klopfen an die Gräber der Toten, die sie kannten, oder halten ihre Finger auf die Steinplatten. Manche drücken ihre Lippen direkt darauf, für einen Kuss. So ist das hier in Barbate, einer 20.000-Seelen-Gemeinde im südspanischen Andalusien: Zärtlichkeit, Liebe, über den Tod hinaus.

Nicht alle haben dieses Glück. Der Tote, dessen Grab Navas an diesem Morgen vorbereiten muss, wird nicht hinter einer Platte aus Marmor liegen, sondern hinter eine Styroporscheibe, verstärkt mit Zement. Auf der Scheibe wird nichts stehen außer dem Datum der Bestattung. Dieser Mensch wird keinen Besuch bekommen.

Es ist jemand mit ungeklärter Identität, ohne Namen, ohne Geschlecht, ohne Alter. Was man weiß, ist, dass er versucht hatte, das Meer zu überqueren – ein Migrant oder eine Migrantin, ein Flüchtling vielleicht, im Meer zwischen Marokko und Spanien ertrunken. 14 Kilometer liegen Europa und Afrika an der engsten Stelle voneinander entfernt, getrennt durch die Straße von Gibraltar. Warum hat er die Reise nach Europa angetreten? War es Krieg oder Verfolgung? War es Hoffnung auf ein besseres Leben? Man wird es nicht erfahren. Der Tote hat bloß eine Nummer, vergeben vom forensischen Institut in der Provinzhauptstadt Cádiz. Sie lautet 393-201.

Navas bleibt an einer der Wände stehen und blickt nach oben: In der obersten Reihe sind zwei Nischen frei. Er nimmt die Utensilien, die er braucht, aus der Schubkarre, die Scheibe, einen Filzstift, ein Messer, einen Lappen. Er fährt mit einer Hebebühne nach oben, schneidet die Styroporscheibe zurecht und pinselt mit einem Filzstift das Datum darauf. Er legt die Scheibe in die Nische. Dann fährt er wieder nach unten. “Ya está”, sagt er und schlägt die Hände aufeinander, schon fertig. Jetzt fehlt nur noch die Leiche. Navas hofft bloß, dass sie ihm keinen weißen Sarg bringen. “Dann ist es ein Kind”, sagt er: “Das bewegt einen.”

So viele Menschen wie nie zuvor wagen die Fahrt über das Meer zwischen Marokko und Spanien. Der Weg über die zentrale Mittelmeerroute, von Libyen gen Norden, verliert an Bedeutung, weil Italien rigoros agiert. Und so hat sich die Hauptroute nach Westen verlagert. 58.000 Menschen kamen im vergangenen Jahr per Boot in Spanien an, rund 150 Prozent mehr als 2017. Einige derer, die es nicht schaffen, landen auf den Friedhöfen in Marokko oder Andalusien. So wie in Barbate, wo neben all den prächtigen Gräbern immer mehr weiße Scheiben zu sehen sind, insgesamt 40. Fünf Unbekannte bestattete Navas allein im vergangenen Jahr, Nummer 393-201 ist der oder die erste 2019. Dabei wird es nicht bleiben.

Denn der Frühling ist da, das Wetter besser; das Drama beginnt aufs Neue. Bislang gab es 132 Tote in diesem Jahr, 811 waren es 2018. Am 5. November kenterte vor Barbate ein Holzboot, und nach und nach spuckte das Meer die Leichen der Insassen aus, am Ende waren es 25. Von ihnen konnte man 23 identifizieren und nach Marokko bringen, bei den beiden übrigen weiß man nicht, wer sie sind. irgendwann werden sie bei Navas landen.

Barbate ist auch der Ort, an dem der kleine Samuel aus dem Kongo seine letzte Ruhe fand. Der Vierjährige ertrank im Januar 2017. Es war eine der Meldungen, die herausstach; selbst der Bischof von Cádiz ließ sich bei der Bestattung blicken. Rosario, eine alte Barbateña, kaufte ein Grab in der untersten Reihe. “Rosario bringt frische Blumen, jeden Tag, seit zwei Jahren”, erzählt Navas. Er selbst war mal Fischer, seit 1990 ist er Totengräber. Er ist jetzt 62, seit 42 Jahren verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter. Er wurde in Barbate geboren, und wenn es nach ihm geht, wird er auch hier sterben. Seine Eltern, die Großeltern, Onkel und Tanten liegen hier begraben. Er sagt: “Ich habe keine Angst vor dem Tod. Das gehört dazu.” Rafael Navas ist ein lustiger Redner, er wechselt zwischen Spaß und Ernst hin und her. Ein typischer Andalusier. Die Region gehört zu den ärmsten des Landes, jeder Fünfte ist arbeitslos. Schmerz und Fröhlichkeit sind in Andalusien stets zugleich präsent. Oder wie Navas sagt: “Selbst wenn wir durch schwere Zeiten gehen, zeigen wir das nicht.” Andernorts würden die Leute ja schnell mal Tränen vergießen: “Das machen wir hier nicht.” Und wenn es mal wehtut? “Aus Schmerzen machen wir Freude.” Er zuckt mit den Schultern.

Ganz so einfach ist es für Ana Pérez nicht. Pérez ist Gemeinderätin in Barbate, sie verwaltet das Sozialhilfe-Budget. 100.000 Euro jährlich hat sie, um eine Suppenküche zu unterhalten, den armen Barbateños mit Geldspenden unter die Arme zu greifen und Schulbücher für Kinder zu kaufen. Aus diesem Topf muss sie auch die Bestattungen der Unbekannten bezahlen, jeweils 2500 Euro. “Das sind jedes Mal 2,5 Prozent unseres Budgets. Und wir wissen nicht, wie viele Tote wir bekommen”, rechnet sie im Konferenzraum des Rathauses vor und schimpft: “Madrid und Brüssel haben zwar kein Meer, sie haben Afrika nicht vor der Tür. Aber sie können uns mit diesem Problem nicht allein lassen.

Die Ankunft des Sarges am Friedhof

“Pérez ist eine herzliche Dame Mitte 50, mit braunen Locken und einer sanften Stimme, die brüchig wird, als sie sagt, dass sie vom Rest Europas verlassen worden seien. “Hier kommen Tote an, und ich muss ans Geld denken. Das ist menschenunwürdig.” Barbates Bürgermeister hat wütende Briefe an die andalusische Regierung geschickt, mit der Bitte um die Übernahme der Kosten. Erfolglos.

Die Nachricht über Nummer 393-201 erhielt Pérez zwei Tage vor der Bestattung. Das Gericht von Barbate ordnete die Abholung der Leiche in Cádiz an. 48 Stunden haben sie nach einem solchen Anruf Zeit, den Leichnam zu bestatten. Aus den Papieren geht nur der geschätzte Todeszeitpunkt hervor: 5. August 2018. In den vergangenen knapp acht Monaten hatten sie versucht, die Identität des Toten herauszufinden. Sie nahmen Kontakt auf mit afrikanischen Konsulaten, checkten Vermisstenlisten. Keine Übereinstimmung. Dann gaben sie die Leichen frei und holten sie aus dem Gefrierraum.

Nachdem Rafael Navas die Nische vorbereitet hat, kommen die Freunde Eduardo und Franquito vorbei. Sie besuchen den Friedhof jeden Tag, ihre Kinder liegen hier begraben. Nach ihrem Rundgang packen sie Navas ein und fahren mit ihm ins nächste Dorf, nach Vejer, in eine Bar. Die Freunde sitzen zusammen, trinken Orangensaft und reden über das tägliche Drama vor ihrer Küste, das Ertrinken der Migranten, das es seit 30 Jahren gibt, das aber nie dieses Ausmaß hatte wie heute.

Eduardo fürchtet sich vor einer muslimischen Invasion nach Europa. Navas bleibt stumm, dann sagt er: “Wir haben hier in Spanien doch selbst nichts. Wir können nicht alle aufnehmen.” Andererseits, da sind sich die Männer einig: “Diese armen Kerle flüchten aus Diktaturen, aus kaputten Ländern. Es ist doch klar, dass sie nach Europa wollen.” Eine Lösung? Navas sagt: “Die europäischen Staaten müssen die Migranten untereinander verteilen, ganz einfach.” Ya está. Barbates Lösung für die europäische Krise.

Kurz nachdem die Freunde Navas wieder zum Friedhof gebracht haben, fährt der Leichenwagen vor. Der Sarg ist hellbraun, nicht weiß – kein Kind. Zu viert tragen sie den Sarg zum Kolumbarium und stellen ihn auf der Hebebühne ab. Navas und ein Mitarbeiter fahren hoch und wuchten ihn in die Nische. Die Männer vom Bestattungsinstitut sind schnell verschwunden. Auch der Kollege geht.

Navas ist jetzt allein mit dem Toten, er stellt die Styroporscheibe an die Öffnung der Nische, schmiert Zement an die Ränder. Das Grab ist zu. “Es ist normal, dass deine Stunde schlägt, wenn du alt bist, über 80”, hatte er am Morgen gesagt, als er die Nische vorbereitete. “Aber so jung sterben, in der Hoffnung auf ein besseres Leben?” Da steht er jetzt in seiner Arbeitshose und blickt stumm auf die Nische, Nummer 393-201.

Am Ende aller Träume

Wer ist da drin? Einen Hinweis gibt es: Bei Twitter schrieben die staatlichen Seenotretter am 7. August, dass eine Frau aus Schwarzafrika aus dem Meer vor Barbate gezogen worden sei, tot. Sie muss es sein. Irgendwo auf der anderen Seite des Meeres fragen sich Menschen also: Was ist aus ihr geworden? Sie werden nicht erfahren, dass die Tochter oder die Mutter ihre letzte Ruhe in Barbate gefunden hat.

Navas hat oft darüber nachgedacht, in diesem Moment noch ein Gebet zu sprechen, das “Vaterunser” zum Beispiel. Er entschied, es zu lassen. Er kennt die Religion des Toten nicht, er will niemanden verärgern. Er legt die Hände übereinander und sagt: “Ruhe in Frieden.” Dann nimmt er seine Werkzeuge, fährt er nach unten und springt auf den Boden.

“Ya está”, sagt Rafael Ucles Navas und schiebt die Schubkarre zurück zum Geräteraum. Er muss jetzt los, seine Frau wartet mit dem Mittagessen.

erschienen in WELT AM SONNTAG am 21. April 2019