So viele Migranten wie nie kommen übers Meer nach Spanien. Was aus ihnen wird, zeigt sich in einem Dorf, von wo aus Busse nach Norden losfahren. Hier wird klar, dass sich Spanien wenig um EU-Regeln schert und die Weiterreise nach Mitteleuropa befördert

Die Männer von Rios Reisen warten an einem lauwarmen Winterabend, bis die Sonne untergegangen ist, ehe sie die Motoren ihrer beiden Reisebusse starten und auf die Landstraße N340 fahren. Wer ihnen folgt, der sieht, wie sie an der Bierschenke “Venta Campano” in eine Sackgasse abbiegen, den Schlaglöchern ausweichen. Zu ihrer Rechten zieht ein Golfplatz mit akkurat geschnittenem Gras vorbei. Nach zweieinhalb Kilometern nähern sie sich einem Schild mit der Aufschrift “Finca privada”. Das Eisentor steht offen. Der Wärter winkt die Busse durch. Schon wenig später kommen die Fahrzeuge zurück vom Grundstück, die Fahrer steuern sie wieder zur Landstraße und dann auf die Autobahn.

Es ist der Moment, in dem die spanische Regierung an den Regeln sägt, auf die sich Europa geeinigt hat. Denn in den Bussen sitzen Dutzende Menschen, die erst wenige Tage zuvor per Boot europäisches Festland erreicht haben. Spanien wäre für die Asylverfahren zuständig. Doch einer der beiden Busse fährt an jenem Abend des 5. Januar von Andalusien weiter nach Barcelona, der andere nach Bilbao. Beide Städte liegen im Norden des Landes, Frankreich ist ganz nah. Deutschland dann nur einen Schritt weiter.

Nie zuvor kamen so viele Migranten über den Seeweg aus Marokko nach Spanien wie im vergangenen Jahr: rund 57.000. Ein Anstieg von 150 Prozent gegenüber 2017. 769 Menschen starben dabei oder werden vermisst. Im Sommer 2018, als die meisten Boote in Afrika ablegten, mussten Gerettete teils tagelang auf den Schiffen des staatlichen Rettungsdienstes Salvamento Marítimo ausharren, weil es an Land keine Unterkünfte und Asylzentren für die Aufnahme und Registrierung von so vielen Menschen gab. Bürgermeister warnten vor Zuständen wie einst auf Lampedusa im Meer vor Libyen. Mittlerweile ist man in Andalusien besser vorbereitet, aber chaotisch ist es immer noch.

Zu diesem Chaos gehört das, was sich Tag für Tag im Hinterland abspielt, dort, wo nicht das Augenmerk der Weltöffentlichkeit liegt: wie etwa in jener Sackgasse namens Calle Campano in der Nähe der 83.000-Einwohner-Stadt Chiclana de la Frontera. Nichts weist darauf hin, dass hier eine Unterkunft für Flüchtlinge steht, geführt vom Roten Kreuz und subventioniert vom Ministerium für Arbeit, Migration und soziale Sicherheit. Rotkreuzmitarbeiter lassen die Scheiben ihrer Minivans ganz schnell wieder hochfahren, wenn ein Reporter Fragen stellt. Der Pressesprecher sagt, der Zutritt zum Gelände sei Journalisten untersagt.

Spanien winkt durch

Hier wird klar, dass das Land mit der Belastung auch deshalb irgendwie zurechtkommt, weil es europäische Abmachungen bricht. Der Staat fördert es, dass die Migranten die Iberische Halbinsel nach Norden verlassen – und unterläuft damit die Dublin-Regeln, wonach jenes EU-Land für einen Asylantrag zuständig ist, das man zuerst erreicht. Was die Recherchen von WELT AM SONNTAG jetzt für Spanien nachweisen, zeigt die typische Reaktion von Staaten an der Außengrenze, die mit ihrer Aufgabe überfordert sind. Italien drückte Ausländern vor ein paar Jahren auf Sizilien 500 Euro in die Hand, damit diese weiter nach Norden reisten. Das gleiche Prinzip setzte sich 2015 auf der Balkanroute durch, als die einzelnen Staaten den Transport der Menschen selbst in die Hand nahmen und diese bis nach Deutschland durchreichten. Nur so konnte die Krise historischen Ausmaßes entstehen.

Nun hat unter dem Druck der hohen Zahlen auch Spanien dieses Prinzip für sich entdeckt. Offenbar soll so verhindert werden, dass die Ankömmlinge in dem Land einen Asylantrag stellen und ihnen so – zumindest vorübergehend – Zugang zum ohnehin gebeutelten spanischen Sozialsystem gewährt werden muss. Daher die Busse, bezahlt von der Regierung, wie man in Madrid auf Anfrage der WELT AM SONNTAG bestätigt.

Für die Bootsflüchtlinge, die sich in der Sackgasse von Campano die Zeit vertreiben, ist Asyl ein Fremdwort. Sie nennen ihre Namen, wollen sie aber nicht veröffentlicht sehen. Da ist etwa ein junger Mann aus Sierra Leone, nennen wir ihn Jimmy, der sich laut eigenen Angaben mit seinen 21 Jahren am 2. Januar an einem Strand in der Nähe der marokkanischen Küstenstadt Nador in ein Holzboot setzte. Um kurz nach Mitternacht entdeckten die Retter des Salvamento Marítimo die Migranten und holten sie an Bord ihres Schiffes. Sie brachten die Menschen nach Málaga, von dort ging es zwei Stunden gen Süden nach San Roque, in ein neues Aufnahmezentrum. Hier registrierte die spanische Polizei Jimmy. Und sie ließen ihn ein Dokument unterschreiben, mit dem er versicherte, in seine Heimat zurückzukehren. Dann brachten sie ihn nicht zum Flughafen oder zur Fähre, sondern nach Campano. “Ich weiß nicht, was das für ein Papier ist”, sagt Jimmy am Samstag vergangener Woche. Eine übersetzte Fassung habe man ihm nicht gegeben.

Ob er in Spanien Asyl beantragt habe oder dies vorhabe? “Asyl?”, fragt Jimmy: “Was ist das?” Man versucht es auf Englisch, Spanisch, Französisch. Jimmy fragt seine neuen Freunde, die aus Guinea stammen. Alle zucken mit den Schultern. “Niemand bleibt hier”, sagt Jimmy. Er selbst wolle nach Deutschland, am Tag darauf komme ein Bus nach Madrid. Von dort wolle er weiterreisen. Seine Begleiter erzählen von Bussen nach Bilbao im Nordwesten des Landes und Barcelona im Nordosten. Gemeint sind jene Fahrzeuge, die am Abend, nach Sonnenuntergang, tatsächlich abfahren werden.

Die Sackgasse von Campano, für die meisten ist sie ein Ort des Aufbruchs, der Hoffnung und Erleichterung. Die Menschen, die sich hier ein paar Tage aufhalten, strahlen vor Glück, weil sie nach der gefährlichen Fahrt übers Meer noch leben. Sie funken die guten Nachrichten in die Heimat. Es gibt die Erschöpften, die erst einmal ankommen wollen in Europa. So wie Noé, 21, aus Burkina Faso, die vor Weihnachten von den privaten Seenotrettern der “Open Arms” im Meer vor Libyen gerettet wurde. Italien und Frankreich schlossen ihre Häfen, also legte das Schiff mit den Geretteten erst eine Woche später im spanischen Algeciras an. Noé wurde nach Campano gebracht. Sie erzählt, dass sie wie so viele andere Frauen auch in Libyen vergewaltigt worden sei. Bald wolle sie den Bus nach Madrid nehmen. Und dann? Mal sehen. Asyl? Auch sie sagt, sie wisse nicht, was das sei.

Die Geretteten im Wartestand spazieren zwischen der Bar an der Hauptstraße und ihrer Unterkunft hin und her, tragen die grauen Jogginghosen und die Kapuzenjacken in Rot, Grau und Blau, die ihnen das Rote Kreuz nach ihrer Rettung ausgehändigt hat. Um ihr Handgelenk haben sie ein gelbes Plastikbändchen geschnürt, darauf steht das Datum ihrer Ankunft in Europa. Sie werfen einen Blick auf die Golfspieler nebenan und sehen, wie schön Europa sein kann. Sitzen auf einer kleinen Brücke, rauchen und erzählen sich was. Es sind hauptsächlich Männer, die aus Westafrika stammen. Aber auch vier ganz junge, ängstliche Typen aus Bangladesch, die die halbe Welt durchquert hatten, ehe sie sich in Marokko in ein Boot setzten.

Ahmed will nach Brüssel

Ahmed hingegen ist ein Mann, der anders aussieht als die anderen. Er trägt nicht die Rot-Kreuz-Klamotten, sondern Jeans und eine schicke blaue Stoffjacke. Er telefoniert mit Freunden und kann es kaum erwarten, dass ihn ein Bus nach Barcelona bringt. Und dann? Ahmed spricht Arabisch, kann nur ein paar Fetzen Englisch. Er malt ein Flugzeug, lacht und ruft: “Fliegen. Belgien. Brüssel.” Es klingt nach einem absurden Plan. Adnan hat keinen Ausweis, nur wie die anderen das Dokument, mit dem er sich zur Ausreise verpflichtet. Er sagt, er sei Palästinenser. Am 7. Januar setzt er sich in den Bus gen Norden.

Ana Elena Altuna, Mitarbeiterin der Nichtregierungsorganisation (NGO) Ongi Etorri Errefuxiatuak, kümmert sich um die Bootsflüchtlinge. Sie sagt: “Nach der Ankunft in Spanien müssten sie Informationen dazu bekommen, wie sie einen Asylantrag stellen. Aber das wird unterlassen.” Ihre NGO erstellte ein Infoheft, “Herzlich willkommen in Spanien”, verfasst in verschiedenen Sprachen. “Wir haben angeboten, das Heft an ankommende Migranten auszuhändigen. Aber die Behörden haben kein Interesse und versuchen sogar, die Verteilung zu verhindern”, so Altuna. “Die Idee ist, dass die Migranten Spanien verlassen und in einem anderen EU-Land unterkommen”, sagt sie über die Behörden. “Sie sind nicht willens, die Menschen aufzunehmen.” Wer dennoch einen Asylantrag stellt, müsse etwa im Baskenland bis zu einem Jahr warten, ehe er einen Termin zur Vorsprache erhalte. Und erst dann beginnt das Warten auf eine Entscheidung.

Ende Dezember berichtete die Digitalzeitung “El Español”, dass 66.000 Asylanträge noch nicht bearbeitet wurden. In seinem Jahresbericht 2018 nannte der Ombudsmann des spanischen Staates die Zustände im Asylamt “unhaltbar”. Das Innenministerium teilte WELT AM SONNTAG mit, dass im gesamten Jahr 2018 gerade einmal 12.889 Asylanträge bearbeitet wurden, 3179 Mal wurde Asyl gewährt. “Die spanische Regierung ist sich bewusst, dass diese Zahl (…) nicht zufriedenstellend ist”, heißt es in dem Schreiben. Daher habe die Regierung als eine von mehreren Maßnahmen die Schaffung von 323 neuen Arbeitsplätzen im Asyl- und Flüchtlingsamt (OAR) beschlossen. Die Frage ist nur: Reicht das?

55.570 Menschen stellten 2018 in Spanien einen Asylantrag, knapp 20.000 davon waren Venezolaner. Das Innenministerium nannte auf Anfrage aber nur die Top sechs der Herkunftsländer. Sie machen insgesamt 38.484 Asylanträge aus. Das Interessante: Ein afrikanisches Land befindet sich nicht darunter. Angesichts von offiziell gezählten 65.383 illegalen Ankünften via Marokko handelt es sich um eine bemerkenswerte Zahl. Wo also sind die Menschen? Eine der Antworten lautet: weiter im Norden, mit Reisebussen dorthin gebracht.

Die Folgen dieses Handelns spürt man etwa in der spanisch-französischen Grenzregion. Im November 2018 teilte die französische Grenzpolizei mit, zwischen Januar und Oktober rund 9000 Migranten zurück nach Spanien gebracht zu haben. Das spanische Innenministerium hingegen erklärt auf Anfrage, es seien im gesamten Jahr 2018 nur 2756 Migranten gewesen. Irgendjemand muss sich verrechnet haben.

Fakt ist: Die Leute sind in Windeseile im Norden. Jimmy aus Sierra Leone schrieb am Donnerstag aus Madrid, am Freitag war er schon in Irun im Nordwesten, kurz vor der französischen Grenze. Er wolle nach Deutschland, sagte er. Das spanische Rote Kreuz habe ihm bereits einen Kontakt der deutschen Kollegen gegeben.

Und Ahmed, der angebliche Palästinenser, der ohne Dokumente per Flugzeug einmal quer durch Europa fliegen wollte? Der postete am Freitagabend eine Nachricht bei Facebook: ein Selfie aus Barcelona an Bord einer Maschine von Ryanair. Er trägt einen Rollkragenpullover und darüber ein gestreiftes Poloshirt. Er sitzt am Fenster.

Es dauert bis kurz vor Mitternacht, dann meldet sich Ahmed wieder – aus dem Terminal des Brüsseler Flughafens, erneut per Selfie. Er hat es tatsächlich weiter nach Mitteleuropa geschafft. “Alhamdulillah”, schreibt Ahmed: “Gott sei Dank”.

erschienen in WELT AM SONNTAG am 13. Januar 2019