Der Seeweg von Marokko aus ist die neue Top-Route in die EU: Hunderte werden jeden Tag aus dem Meer gerettet. Spaniens Bürgermeister schlagen Alarm. In die Exklave Ceuta brechen Afrikaner mit Gewalt durch. Und dann werden auch noch Erinnerungen an den mexikanischen Drogenkrieg wach

Am Don­ners­tag­abend ist in Ceuta wie­der Ruhe ein­ge­kehrt. Hun­derte Mi­gran­ten hat­ten nur we­nige Stun­den zuvor den Grenz­zaun ge­stürmt und Po­li­zis­ten mit Brannt­kalk, Ex­kre­men­ten und Mi­niflam­men­wer­fern an­ge­grif­fen. Mit Haken aus dem Baumarkt zogen sie sich am Zaun nach oben. Ei­gent­lich sind es ja zwei Zäu­ne, ver­setzt mit Sta­chel­draht, da­zwi­schen ein Durch­gang. Etwa 600 schaff­ten es in die nord­afri­ka­ni­sche Ex­kla­ve, auf spa­ni­sches Ter­ri­to­ri­um. Vi­deos von Ein­hei­mi­schen zei­gen ins­be­son­dere junge Män­ner, die über die Stra­ßen Ceu­tas ren­nen und ihren il­le­ga­len Grenz­über­tritt fei­ern. Mehr als ein Dut­zend Po­li­zis­ten kamen ins Kran­ken­haus, meist wegen Haut­ver­ät­zun­gen.

Jetzt, kurz vor Son­nen­un­ter­gang, ste­hen an einem Check­point der Guar­dia Civil am Rande des Vier­tels Prín­cipe zwei Be­amte in der Abend­son­ne. “Wir haben Angst”, sagt einer der Po­li­zis­ten und holt eine Gas­maske aus dem Auto. “Das ist unser ein­zi­ger Schutz, wenn wir an­ge­grif­fen wer­den. Wir dür­fen weder Gum­mi­ge­schosse noch un­se­ren Schlag­stock ein­set­zen, um uns oder die Grenze zu ver­tei­di­gen.” Sie sind sau­er: “Dann kann man den Grenz­zaun auch gleich ab­bau­en.” Sie fürch­ten einen er­neu­ten An­sturm in den kom­men­den Ta­gen: “Na­tür­lich wer­den sie es wie­der ver­su­chen”, sagen sie und fra­gen: “Aber wer schützt ei­gent­lich uns?”

Rund 80.000 Men­schen leben hier am nörd­li­chen Zip­fel Afri­kas, auf knapp 19 Qua­drat­ki­lo­me­tern gleich an der Straße von Gi­bral­tar, eine Drei­vier­tel­stunde mit der Fähre vom spa­ni­schen Fest­land ent­fernt. Es ist ein un­über­sicht­li­ches Ge­drän­ge, Chris­ten, Mus­li­me, Juden auf engs­tem Raum. Kie­sel­stein­strän­de, ein Son­nen­schirm neben dem an­de­ren. Die­ses Ceuta ist für viele Afri­ka­ner ein Sehn­suchtsort, ein Sym­bol für die Hoff­nung auf ein bes­se­res Le­ben. Seit Jah­ren gibt es immer wie­der Ver­su­che, die Zäune zu über­win­den.

Doch mitt­ler­weile wol­len der­art viele rüber nach Eu­ro­pa, dass neben dem Schlupf­loch Ceuta wei­tere Wege ge­nom­men wer­den: Sie alle füh­ren übers Meer, mit dem Boot nach Spa­ni­en.

Die Zah­len sind be­ein­dru­ckend: Die Flücht­lings­route über Li­byen nach Ita­lien hat in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten enorm an Be­deu­tung ver­lo­ren, es set­zen sich 80 Pro­zent we­ni­ger Men­schen in Boote als noch vor einem Jahr. Doch längst hat sich eine neue Route auf­ge­tan. Der Ab­fahrts­ort gen Eu­ropa ist nun Ma­rok­ko. Schon im vo­ri­gen Jahr stieg die Zahl der Mi­gran­ten, die von dort übers Meer ka­men, um über 170 Pro­zent auf rund 21.000. Im Jahr 2018 wurde die­ser Wert be­reits in die­ser Woche über­schrit­ten. Seit Mitte Juni, als an einem Wo­chen­ende mehr als 1000 Men­schen nach Spa­nien über­setz­ten, schei­nen es ste­tig mehr zu wer­den. Die Krise wan­dert von Ost nach West: Grie­chen­land, Ita­lien -​ und nun das nächste Land an der EU-​Au­ßen­gren­ze, das völ­lig über­for­dert ist.

In die­ser Woche kol­la­bierte das spa­ni­sche Sys­tem fast täg­lich. Es sind schlicht­weg zu vie­le, die kom­men, auch wenn der über­wie­gende Teil von ihnen so gut wie keine Chance auf Asyl hat. Zwei Schiffe der spa­ni­schen See­not­ret­ter von Sal­va­mento Marítimo lagen mit mehr als 200 Men­schen am Kai Isla Ver­de, im rie­si­gen In­dus­trie­ha­fen von Al­ge­ci­ras, zwi­schen Con­tai­ner­schif­fen, Krä­nen und Lkws. Die Afri­ka­ner sind in Ma­rokko mit Schlauch­boo­ten los­ge­pad­delt, und ir­gend­wann haben sie die Män­ner von Sal­va­mento aus dem Meer ge­holt. Sie kom­men aus der Sub­sa­ha­ra, vor allem Män­ner, kaum Frau­en. Sie sind er­schöpft, hung­rig und durs­tig, aber glück­lich, am Leben zu sein; ein küh­ler Wind pfeift durchs Ge­län­de.

Ei­gent­lich sollte es jetzt wei­ter­ge­hen, in eine Not­un­ter­kunft, zur Re­gis­trie­rung durch die Na­tio­nal­po­li­zei, zum Schla­fen. Aber dar­aus wird nichts. Aus dem Rat­haus der süd­spa­ni­schen 120.000-​Ein­woh­ner-​Stadt kommt die In­for­ma­tion, dass kein Platz ist für sie alle. Für 50 der 200 Men­schen be­deu­tet das, schon die zweite Nacht in Folge auf dem Schiff ver­brin­gen zu müs­sen. Im Frei­en, meist sit­zend, Schlaf­plätze gibt es nicht. Und den­noch: Sie mur­ren nicht. Nur ein Be­am­ter der Guar­dia Ci­vil, der vom Ufer auf das Schiff schaut, schimpft -​ auf die Eu­ro­päi­sche Union, die Spa­nien im Stich las­se. Mit der Auf­nahme von Boots­flücht­lin­gen, für Spa­nien ei­gent­lich Rou­ti­ne, ist nun Schluss, jetzt ver­sagt das Sys­tem sei­nen Dienst. Es sind nor­male Bür­ger wie auch Amts­trä­ger, die er­klä­ren: Wir wol­len hier keine Zu­stände wie in Ita­li­en.

Und über ein wei­te­res Pro­blem wird noch gar nicht ge­spro­chen: den zu­neh­men­den Dro­gen­schmug­gel von Ma­rokko nach Spa­ni­en. Es sind oft die glei­chen Ban­den, die Men­schen in die Boote set­zen. Eine Zei­tung be­zeich­nete Al­ge­ci­ras in An­leh­nung an den ko­lum­bia­ni­schen Dro­gen­krieg jüngst als “spa­ni­sches Me­dellín”. Wich­tigs­ter Um­schlag­platz ist der Ha­fen, wo vor ei­ni­gen Wo­chen zehn Ha­fen­ar­bei­ter fest­ge­nom­men wur­den. Ein Dro­gen­boss, ge­nannt “Ma­ra­dona des Ko­kains”, wurde im Mai vor einer Kir­che mit fünf Schüs­sen hin­ge­rich­tet. Ein Ge­fan­ge­ner wurde aus dem Kran­ken­haus be­freit. Po­li­zis­ten wur­den bei einer Raz­zia be­schos­sen.

José Ignacio Landa­luce von der Par­tei Par­tido Po­pu­lar des ab­ge­wähl­ten Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ma­riano Rajoy sitzt im Rat­haus von Al­ge­ci­ras. Er ist Bür­ger­meis­ter der Stadt und Se­na­tor der Pro­vinz Cá­diz. “Wenn sich nichts än­dert, haben wir bald Ver­hält­nisse wie einst­mals in Lam­pe­du­sa.”

Er meint die kleine ita­lie­ni­sche In­sel, auf die sich vor ei­ni­gen Jah­ren viele Afri­ka­ner hin­über­ret­te­ten. Der Bür­ger­meis­ter for­dert die Re­gie­rung in Ma­drid auf, mehr Per­so­nal zu schi­cken, mehr Po­li­zei, je­man­den, der das ganze Chaos ko­or­di­niert. Er fürch­tet, die Stim­mung in der Be­völ­ke­rung könnte um­schla­gen: “Je­der Tag zähl­t.” Die Zen­tral­re­gie­rung je­doch hält sich zu­rück. Die Auf­nahme der Mi­gran­ten funk­tio­nie­re, heißt es la­pi­dar aus Ma­drid.

Ein Ret­tungs­schiff von Sal­va­mento Marítimo legt -​ am Mon­tag ist das -​ kurz vor Ein­bruch der Dun­kel­heit im Hafen von Ta­rifa an, einer Klein­stadt, 25 Ki­lo­me­ter von Al­ge­ci­ras ent­fernt. 60 Men­schen hat die “Sal­va­mar Arc­tu­rus” an Bord, wie­der vor allem Män­ner, nur we­nige Frau­en. Die Lich­ter der ma­rok­ka­ni­schen Küs­te, sie leuch­ten gut er­kenn­bar in der Fer­ne. Das Wet­ter ist gut, die See sanft. Einem der Ge­ret­te­ten geht es schlecht, er zit­tert und droht ohn­mäch­tig zu wer­den. Ein Kran­ken­wa­gen rast her­an.

An­ders als an Ta­gen, an denen Lei­chen von Bord ge­tra­gen wer­den, ist die Stim­mung ge­löst. Die Men­schen la­chen, ma­chen Sel­fies, tau­schen Te­le­fon­num­mern aus, um in Kon­takt zu blei­ben. Dazu SMS an die Mamas zu Hau­se, in Mali, Se­ne­gal, Gam­bia. Ei­nige sehen ihre Zu­kunft in Spa­ni­en, haben die Spra­che schon ge­lernt, an­dere in Frank­reich oder Bel­gien. Deutsch­land? Steht bei den meis­ten nicht so hoch im Kurs.

Bei Le­nine Tchato aber schon. Der Mann ist 21 und stammt aus Ka­me­run. Er sagt auf Eng­lisch, er habe sich in ein Boot ge­setzt, weil er nach Deutsch­land wol­le: “Ich lerne die Spra­che und fange dann an zu ar­bei­ten. Ich mache jeden Job.” Ob er über­haupt eine Chance habe? Tchato zuckt mit den Schul­tern: “Jetzt bin ich erst mal glück­lich hier zu sein.” Drei Tage spä­ter wird er bei Fa­ce­book aus Sa­ra­gossa schrei­ben, einer Stadt im Nor­den des Lan­des. Von dort soll es wei­ter gen Nor­den ge­hen. Einen Asy­lan­trag will er in Spa­nien je­den­falls nicht stel­len.

Zwei Po­li­zei­busse fah­ren vor, sie sol­len die Men­schen in Not­un­ter­künfte brin­gen. Aber schon am Mon­tag sind die Plätze knapp, es dau­ert bis tief in die Nacht, ehe die Mi­gran­ten ein­stei­gen kön­nen und weg­ge­fah­ren wer­den. Wo­hin, das ist un­klar, aber am Tag dar­auf wird be­kannt, dass 40 von ihnen in der Nacht am Bus­bahn­hof in Málaga ab­ge­la­den wur­den, ohne dass ihnen je­mand sag­te, wie es jetzt wei­ter­ge­he.

Der Diens­tag ist dann der Tag, an dem im Hafen klar wird, dass die EU-​Grenz­schutz­or­ga­ni­sa­tion Fron­tex die­sem Zu­strom nicht mehr ge­wach­sen ist. Zwei Fron­tex-​Be­amte in blauen Wes­ten schie­ben sich mit einem No­tiz­block durch die Rei­hen der Mi­gran­ten und stel­len Fra­gen: “Wo­her kommst du?” -​ “Wo bist du los­ge­fah­ren?” -​ “Wie viel hast du für die Über­fahrt be­zahl­t?”

Die meis­ten Mi­gran­ten ver­ste­hen aber ent­we­der kein Eng­lisch oder wol­len ein­fach nicht re­den. “You now safe. Eu­ro­pean Po­li­ce. You talk. Not afrai­d”, herrscht einer der Fron­tex-​Män­ner die Leute an. Er ern­tet Schul­ter­zu­cken. Er schwitzt. Er sagt: “Ich ar­beite 16 bis 18 Stun­den am Tag. Ich kann mir nicht mal die Fin­ger wa­schen. Ich muss ins Meer pin­keln, wenn ich mal muss.”

Er soll die Flucht­rou­ten ana­ly­sie­ren, er er­fährt, dass immer mehr Mi­gran­ten in der Sub­sa­hara in ein Flug­zeug stei­gen und nach Ca­sab­lanca flie­gen. Im Niger wie­derum ma­chen die Schleu­ser den Mi­gran­ten die­ses An­ge­bot: Nicht mehr wei­ter nach Li­by­en, son­dern gen Wes­ten, nach Ma­rok­ko.

Ir­gend­wann kom­men dann viele im Küs­ten­dorf Achak­kar an, von wo aus der­zeit be­son­ders viele Boote los­fah­ren. Für 180 Euro be­komme man dort einen Platz im Schlauch­boot, ohne Mo­tor, nur mit Pad­del, so hat es der Ka­me­ru­ner Le­nine Tchato er­zählt.

Man kann nur mut­ma­ßen, warum Ma­rokko das alles über­haupt zu­lässt. Eine An­frage von WELT be­ant­wor­tete das In­nen­mi­nis­te­rium in Rabat je­den­falls nicht. Wo­mög­lich geht es um Geld, lässt die Re­gie­rung die Route nach Spa­nien of­fen, hof­fend, dass die EU mit Ma­rokko einen ähn­li­chen Deal wie mit Li­byen schließt? Viel­leicht ist es aber auch viel ein­fa­cher: Ma­rokko ist dem An­sturm schlicht­weg nicht ge­wach­sen. Klar ist nur, dass die ma­rok­ka­ni­schen Küs­ten­wäch­ter eben­falls tag­täg­lich im Ret­tungs­ein­satz sind und Men­schen aus dem Was­ser zie­hen. Wie die Ret­ter drü­ben in Spa­ni­en.

Einer die­ser spa­ni­schen Ret­ter ist der 59 Jahre alte Adolfo Ser­ra­no. Seit 23 Jah­ren fährt er mor­gens zu einem Haus in den Ber­gen zwi­schen Ta­rifa und Al­ge­ci­ras. Dort liegt ihm das Meer zu Fü­ßen, die Straße von Gi­bral­tar, da­hin­ter sieht er Ma­rok­ko, Afri­ka. Es ist alles so nahe. Die Meeren­ge, an der engs­ten Stelle nur 14 Ki­lo­me­ter breit, ist eine der dich­test be­fah­re­nen Was­ser­stra­ßen der Welt.

Hier kreu­zen die Rie­sen der Welt­mee­re, die Tan­ker, die Con­tai­ner­schif­fe. Da­zwi­schen: Mi­gran­ten. “In Spa­nien gab es schon immer ir­re­gu­läre Mi­gra­tion”, sagt Ser­rano am Don­ners­tag­mit­tag. “Aber das, was in die­sen Tagen und Wo­chen pas­siert, habe ich noch nie er­lebt. So viele Men­schen auf ein­mal kamen noch nie.”

Ser­rano ist Chef von Sal­va­mento Maríti­mo, der spa­ni­schen See­not­ret­tungs­ein­heit, seit 1992 ist sie vom Staat be­auf­tragt, Men­schen aus dem Meer zu ret­ten. Auf dem Radar sieht er alle Schiffs­be­we­gun­gen, von hier oben ko­or­di­niert er mit sei­nen Leu­ten die Ret­tungs­ein­sätze der Crews sei­ner fünf Schif­fe, er emp­fängt Not­rufe und Orts­an­ga­ben per Whats­App. Wenn einer wie er von “bei­spiel­lo­sen Zu­stän­den” spricht, dann heißt das et­was.

In sei­ner Leit­stelle herrscht Hek­tik, es wird ge­brüllt, stän­dig gehen neue Fun­k­rufe und Te­le­fonate ein. Al­lein an die­sem Mor­gen haben seine Leute bis 13.00 Uhr schon 321 Men­schen aus dem Meer ge­holt, wenn es Abend wird, wer­den es mehr als 400 sein.

Ser­rano ist Rea­list, er weiß, dass jeder Ge­ret­tete für an­dere Mi­gran­ten den Reiz ver­stärkt, es über­haupt erst nach Ma­rokko und von dort übers Meer zu wa­gen. “Es ist ein großes Pa­ra­do­xon: Je mehr wir ret­ten, desto mehr kom­men auch”, sagt er. Er ist bei­des: le­bens­er­fah­re­ner Rea­list, aber eben auch See­not­ret­ter, das vor al­lem.

“Aber was sol­len wir denn ma­chen? Wir als See­not­ret­ter kön­nen das nicht lö­sen, da ist die Po­li­tik ge­frag­t”, schließt er und zieht die Au­gen­brauen hoch.

erschienen in WELT am 28. Juli 2018