Seit über einem Monat sitzt der deutsche Journalist Billy Six in einem berüchtigten Gefängnis in Venezuela. Die Hintergründe liegen im Dunkeln, der Vater fürchtet um das Leben seines Sohnes

Wer sich die­ser Tage nach dem Schick­sal des in Ve­ne­zuela ver­schwun­de­nen deut­schen Staats­bür­gers Billy Six er­kun­di­gen will, be­kommt nur we­nige ge­si­cherte In­for­ma­tio­nen. Eine An­frage an das ve­ne­zo­la­ni­sche In­nen­mi­nis­te­ri­um? Wird nicht be­ant­wor­tet. Den Ver­such der Kon­takt­auf­nahme mit der ve­ne­zo­la­ni­schen Bot­schaft in Ber­lin? Igno­rie­ren die Di­plo­ma­ten. Und auch das deut­sche Aus­wär­tige Amt ant­wor­tet nicht auf Fra­gen. Der Fall sei dort be­kannt, heißt es schrift­lich: “Die Bot­schaft in Ca­ra­cas be­treut ihn kon­su­la­risch.” Dar­über hin­aus: ei­ser­nes Schwei­gen.

Klar ist: Six, der Hei­ligabend 32 Jahre alt wird, sitzt in dem süd­ame­ri­ka­ni­schen Staat hin­ter Git­tern, seit über einem Mo­nat. Am 17. No­vem­ber soll Six in einem Strand­ho­tel in Punto Fijo im Nor­den des Lan­des fest­ge­nom­men wor­den und kurz dar­auf in die Haupt­stadt ver­bracht wor­den sein. Hier be­fin­det er sich nun im Ge­fäng­nis El He­li­coi­de. So be­rich­tet es zu­min­dest sein Vater Ed­ward im Te­le­fon­ge­spräch mit WELT AM SONN­TAG. Er selbst ist ge­rade in In­dien auf Fahr­rad­tour. Bil­lys Mut­ter ist auch da­bei. Sie beide fürch­ten um das Leben ihres Soh­nes, der Tau­sende Ki­lo­me­ter ent­fernt in den Hun­ger­streik ge­tre­ten ist.

Der ganze Fall ist ei­gen­ar­tig, und das gilt auch für Billy Six selbst, der in sei­nen 32 Le­bens­jah­ren schon mehr er­lebt hat als zehn Durch­schnitts­deut­sche zu­sam­men. Ge­mein­sam mit sei­nem Bru­der Benno durch­querte er Afrika von Nord nach Süd, per An­hal­ter. Auf dem Rück­weg schürfte er Gold in Sim­bab­we. In An­gola wurde er über­fal­len, spä­ter hielt man ihn für Je­sus. Er war auch mal par­tei­lo­ser Ge­mein­de­rat in Neu­en­ha­gen bei Ber­lin. Dann ent­schied er sich, Jour­na­list zu wer­den.

So viel Zeit wie mög­lich vor Ort ver­brin­gen, mit den Ein­hei­mi­schen zu­sam­men­le­ben, das war sein Cre­do. Six war in Li­by­en, auf der Krim und campte in der Ukraine-​Krise auf dem Mai­dan-​Platz in Kiew. Six schrieb für die rechts­ge­rich­tete Wo­chen­zei­tung “Junge Frei­heit” und trampte über Grie­chen­land und die Tür­kei nach Sy­ri­en, weil er wis­sen woll­te, was dort so los ist. Ein Visum hatte er nicht, über die Grenze ließ er sich schmug­geln.

Die Veröffentlichung in WELT AM SONNTAG

Im De­zem­ber 2012 wurde er in dem Kriegs­land von Sa­la­fis­ten ver­schleppt, frei­ge­las­sen und ein paar Tage spä­ter von sy­ri­schen Sol­da­ten fest­ge­nom­men. Der Vor­wurf: il­le­gale Ein­reise und Ter­ro­ris­mus. Er wurde dem Ge­heim­dienst in Da­mas­kus über­stellt, lan­dete in Iso­lier­haft. Nach zwölf Wo­chen lie­ßen ihn die Syrer ge­hen. “Sa­lam alei­kum, Friede sei mit Ih­nen”, sagte Six, als er kurz dar­auf bei einer Pres­se­kon­fe­renz in Ber­lin den Haupt­stadt­jour­na­lis­ten ge­gen­über­saß. Sein Dank galt der rus­si­schen Re­gie­rung, na­ment­lich deren Au­ßen­mi­nis­ter Ser­gei La­wrow, der sich für die Frei­las­sung ein­ge­setzt habe.

Drei Jahre spä­ter machte Six Schlag­zei­len, als er ge­mein­sam mit einem pro­rus­si­schen Blog­ger in die Re­dak­tion des deut­schen Re­cher­che­netz­werks “Cor­rec­tiv” ein­drang. Sein Ziel: ein Ge­spräch mit dem Autor einer großen Re­cher­che, in der be­legt wur­de, dass Russ­land für den Ab­schuss des Pas­sa­gier­flug­zeugs MH17 im Jahr 2014 ver­ant­wort­lich ist.

Aber der Mann war nicht da, Six’ Be­glei­ter brüllte “Lü­gen­pres­se”. “Cor­rec­tiv”-​Mit­ar­bei­ter dräng­ten das Duo schließ­lich aus dem Büro und rie­fen die Po­li­zei. “Das sind keine Jour­na­lis­ten, das sind Pro­pa­gand­a­kämp­fer”, sagte der da­ma­lige “Cor­rec­tiv”-​Chef­re­dak­teur Mar­kus Grill dem Ber­li­ner “Ta­gess­pie­gel”. Bei der “Jun­gen Frei­heit” hiel­ten sie die Auf­re­gung über die Ak­tion für über­zo­gen, Six konnte hier wei­ter seine Re­por­ta­gen ver­öf­fent­li­chen. Er pu­bli­zierte au­ßer­dem auf sei­ner Fa­ce­book-​Sei­te, bei You­Tube und im rechts­po­pu­lis­ti­schen “Deutsch­land-​Ma­ga­zin”.

Und doch, sein Vater Ed­ward sagt: “Mein Sohn ist nicht rechts­kon­ser­va­tiv. Er würde auch über­all an­ders pu­bli­zie­ren -​ aber man lässt ihn nicht.” Er er­in­nert dar­an, dass Bil­lys Vor­bild ein ganz Großer des deut­schen Jour­na­lis­mus sei: Peter Scholl-​La­tour.

Wie dem auch sei -​ mit den Mäch­ti­gen in Ve­ne­zuela ging Billy Six hart ins Ge­richt. Schon im Früh­jahr hatte er über die ka­ta­stro­phale Wirt­schafts­lage in dem so­zia­lis­ti­schen Staat be­rich­tet, über In­fla­tion, Kor­rup­tion und die Mas­sen­flucht in die Nach­bar­staa­ten. Schon da­mals war er vor Ort, of­fen­bar meh­rere Mo­nate lang. Stets da­bei: eine Vi­deo­ka­me­ra, mit der er sich in Ge­sprä­chen mit Ein­hei­mi­schen filmte und die Leute ihre Ge­schich­ten er­zie­len ließ. “Ve­ne­zue­la, ein rei­ches Land am Ab­grund -​ Links macht arm und un­frei”, lau­tete die Schlag­zeile einer sei­ner Re­por­ta­gen. “Schnauze voll”, schrieb er, als er das Land An­fang Au­gust ver­ließ.

Wann genau er zu­rück­kehr­te, ist un­klar, auch seine El­tern wis­sen das nicht; sie haben ihren Sohn seit drei Jah­ren nicht mehr ge­se­hen. Vor ei­ni­ger Zeit habe Bil­ly, der in Ber­lin ge­bo­ren wur­de, sei­nen Wohn­sitz in Deutsch­land ab­ge­mel­det, so Vater Ed­ward: “Er hat da­mals als neuen Wohn­sitz Tim­buktu an­ge­ge­ben.”

Das le­gen­däre Tim­buktu im kriegs­ge­schüt­tel­ten Mali. Ob er dort je­mals war? Un­klar. Am 17. No­vem­ber je­den­falls ver­lor Billy Six er­neut seine Frei­heit. 15 Sol­da­ten sol­len an jenem Tag in Punto Fijo auf­ge­kreuzt sein, um den Deut­schen fest­zu­neh­men.

Was Six in Ve­ne­zuela mach­te, ist eben­falls un­klar. Ve­ne­zo­la­ni­sche Me­dien spe­ku­lier­ten in den ver­gan­ge­nen Ta­gen, dass er unter an­de­rem zum Dro­gen­schmug­gel re­cher­chier­te. Vater Ed­ward will das nicht be­stä­ti­gen, sagte nur, sein Sohn sei noch mal ins Land ge­reist, um ein Buch zu schrei­ben und einen Film zu ma­chen.

Nach An­ga­ben von Ed­ward Six sowie der ve­ne­zo­la­ni­schen Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion Es­pa­cio Púb­lico wurde er am Tag nach sei­ner Fest­nahme vor ein Mi­li­tär­ge­richt ge­stellt. Die Vor­würfe lau­ten: Spio­na­ge, Re­bel­lion und Ver­let­zung von Si­cher­heits­zo­nen. “Es ist ein Wahn­sinn”, sagt Car­los Cor­rea, Di­rek­tor von Es­pa­cio Púb­li­co, im Ge­spräch mit WELT AM SONN­TAG: “Es gibt kei­ner­lei Be­weise gegen Billy Six.” Trotz­dem spe­ku­lie­ren ve­ne­zo­la­ni­sche Me­dien be­reits über eine mög­li­che Frei­heits­s­trafe von 28 Jah­ren.

Als Be­lege für Ver­bre­chen des Deut­schen füh­ren die Ju­ris­ten ein Foto an, das Six von Staats­chef Ni­colás Ma­duro mach­te, sowie einen Be­richt über die Re­bel­len­gruppe Farc. “Es kommt immer wie­der vor, dass aus­län­di­sche Jour­na­lis­ten fest­ge­nom­men wer­den, weil freie Presse be­hin­dert wird.

Aber nor­ma­ler­weise wer­den sie nach kur­zer Zeit wie­der frei­ge­las­sen”, sagt Men­schen­recht­ler Cor­rea: “Die­ser Fall ist an­ders. Das sieht man schon dar­an, dass ein Mi­li­tär­ge­richt den Fall be­han­delt und kein nor­ma­les Ge­richt. Da­durch hat Billy Six kei­nen Zu­gang zu einem pri­va­ten An­wal­t.”

Über an­dere Ge­fan­ge­ne, die in El He­li­coide ein­sit­zen, hal­ten Cor­rea und seine Leute Kon­takt zu Six. So haben sie er­fah­ren, dass sich seine Haft­be­din­gun­gen als Folge eines seit Ende ver­gan­ge­ner Woche be­gon­ne­nen Hun­ger­streiks ver­bes­sert haben sol­len: “Es war ein Te­le­fonat mit der deut­schen Bot­schaft in Ca­ra­cas mög­lich”, sagt Cor­rea. Au­ßer­dem sitze Six jetzt nicht mehr in einer win­zi­gen Zel­le, son­dern in einem grö­ße­ren Raum in El He­li­coi­de.

Das Ge­fäng­nis ist eine der be­rüch­tigs­ten Haft­an­stal­ten Ve­ne­zue­las und gleich­zei­tig Sitz des Ge­heim­diens­tes. Kon­zi­piert als Ein­kaufs­zen­trum in den 50er-​Jah­ren, wurde das rie­si­ge, mehr als 100 Meter hohe py­ra­mi­den­för­mige Ge­bäude im Stadt­teil Roca Tar­peya nach und nach für staat­li­che In­sti­tu­tio­nen ge­öff­net. Seit mehr als einem Monat ist es das un­frei­wil­lige Zu­hause von Billy Six. “Die Zu­stände dort sind ka­ta­stro­phal. In den letz­ten zwei Mo­na­ten sind zwei Häft­linge ge­stor­ben”, sagt Men­schen­recht­ler Cor­rea. Meh­rere Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen haben in den ver­gan­ge­nen Tagen die so­for­tige Frei­las­sung von Six ge­for­dert, dar­un­ter Re­por­ter ohne Gren­zen. Ge­schäfts­füh­rer Chris­tian Mihr nannte die Vor­würfe gegen den Deut­schen “ha­ne­bü­chen”.

Sie seien ein kla­res Zei­chen da­für, dass er wegen sei­ner jour­na­lis­ti­schen Tä­tig­keit im Ge­fäng­nis sit­ze. “Un­ge­ach­tet sei­ner per­sön­li­chen An­sich­ten hat er wie jeder Jour­na­list das Recht, über­all frei und ohne Furcht vor Ver­fol­gung und In­haf­tie­rung zu be­rich­ten”, sagt Mihr. Ed­ward Six hofft der­weil am an­de­ren Ende der Welt, dass die Bun­des­re­gie­rung sich im Ver­bor­ge­nen in­ten­siv um die Frei­las­sung sei­nes Soh­nes be­müht. “Sie müs­sen Ma­duro klar­ma­chen, dass er sich an in­ter­na­tio­nale Ge­setze hal­ten muss”, sagte der Va­ter. Vor ein paar Tagen hat er die Fa­ce­book-​Seite “Free Billy Six” ge­grün­det, auf der er über den Zu­stand sei­nes Soh­nes in­for­miert.

Die Fahr­rad­tour durch In­dien hat er erst ein­mal ab­ge­bro­chen. Noch immer wol­len die El­tern die Hoff­nung auf ein Wie­der­se­hen an Weih­nach­ten nicht auf­ge­ben. Aber die Zeit schwin­det.

Ob er auf­bre­chen will nach Ca­ra­cas, zu sei­nem Sohn? Von der Idee hält Ed­ward Six nichts. “Was soll ich da denn ma­chen? Mich vor das Ge­fäng­nis set­zen und rufen ‘Lasst ihn raus’?”, fragt er. “Da­mit macht man sich doch lä­cher­lich.”

erschienen in WELT AM SONNTAG am 23. Dezember 2018