Die Balkanroute sei dicht, heißt es. Doch sie ist bloß teuer geworden. Wer arm ist, sitzt auf ägäischen Inseln fest – in den Lagern der Verzweiflung. Wer die Schleuser bezahlen kann, ist in 48 Stunden in Berlin oder Köln.

In einem farblosen Raum einer ehemaligen Kaserne sah Abdullah seinen besten Freund zum letzten Mal. Sie waren aus Afghanistan gekommen, aus Jalalabad, und hatten es über den Iran und die Türkei bis hierher geschafft – bis Harmanli, eine Kleinstadt im Südosten Bulgariens, 40 Kilometer hinter der türkischen Grenze. Harmanli, das sind graue Betonblöcke, Spielhallen, ein Lidl und 20.000 Bulgaren mit tief ins Gesicht gezogenen Mützen, die Fremden nicht oft begegnet waren, bis die Flüchtlingskrise begann und aus der Kaserne ein Lager für die Fremden wurde.

Es gab Proteste, Wut auf beiden Seiten, auch Angst, etwa vor eingeschleppten Krankheiten. Das Lager wurde abgeriegelt, die Insassen tobten, Polizisten schwangen Stöcke. Inzwischen ist Ruhe eingekehrt. Abdullah kam vor acht Monaten und hat vom Ärger nichts mehr mitbekommen. Für ihn ist Harmanli die Endstation einer langen Reise. „Ich wollte in Sicherheit leben. Hier bin ich in Sicherheit. Es reicht.“ Seinem Asylantrag wurde stattgegeben, er darf arbeiten. Er hat seinen Frieden mit Harmanli gemacht und die Stadt ihren Frieden mit ihm. Abdullah, der Afghane, lernt nun Bulgarisch.

„Mit Geld geht alles“

Sein Freund aber wollte mehr. Er mache sich auf den Weg, sagte er eines Nachts, packte seine Sachen und ließ Abdullah zurück. Vor der Kaserne stand ein Auto, er stieg ein, damit war das Kapitel Bulgarien für ihn beendet. Zwei Tage später schrieb er eine SMS: „Ich bin jetzt in München.“ So einfach ist das? Abdullah zuckt mit den Schultern. „Mit Geld geht alles. Für 4500 Euro bringen sie dich überall hin, Deutschland, Frankreich, Schweden.“

Alle wissen das, aber nicht alle können zahlen. Alle paar Tage hält ein Auto am Stadtrand, manchmal steigen ganze Familien ein. Behältnisschleusung, so heißt diese Art des Menschenschmuggels. Sie ist schwer im Trend auf der Balkanroute.

Laut Bundesinnenministerium kommen immer noch im Schnitt 15.000 Asylsuchende pro Monat nach Deutschland. Genauer: 16.312 im August, 14.688 im September, 15.170 im Oktober. An die extremen Zahlen von 2015 und 2016 reicht das nicht heran. Im November vor zwei Jahren zählten deutsche Behörden über 200.000 Asylsuchende – so viele wie nie zuvor. Und nie mehr danach.

Aber die heutige Zahl von 15.000 im Monat ist immer noch außergewöhnlich im europäischen Vergleich. 180.000 sind es pro Jahr. Dabei gilt die Balkanroute doch als dicht, glaubt man der Bundesregierung, die nicht nachlässt, das EU-Türkei-Abkommen als Erfolg zu preisen. Doch so ist es nicht

Die Zeit des Durchwinkens ist zwar vorbei. Zäune wurden errichtet und mit Stacheldraht versetzt, etwa in Ungarn und Bulgarien. Bewaffnete Polizisten sichern die Grenzen, halten Flüchtlinge auf, bringen sie zurück. Und doch: 15.000 pro Monat – und der Großteil soll weiterhin via Balkanroute kommen, schätzt man im Bundesinnenministerium. Wie kann das sein? Und wie geht es denen, die es nicht weiterschaffen, jetzt, da der Winter kommt?

Antworten darauf findet man an der bulgarisch-türkischen Grenze, in Griechenland und in deutschen Städten, von denen aus Flüchtlinge, die es geschafft haben, die Reisen jener organisieren, die es noch schaffen wollen.

Kapitan Andreevo ist das erste Dorf Europas, vom Orient aus gesehen. Wer von Istanbul ins bulgarische Sofia will, fährt 250 Kilometer nach Westen und überquert hier die Grenze. Der Übergang ist chronisch überlastet, täglich stauen sich die Lkw bis zu zehn Kilometer. Dass bulgarische Grenzbeamte für die reibungslose Durchfahrt gern etwas Kleingeld verlangen, ist kein Geheimnis, den Spruch „Komşu çorba parası“ kennen türkische Autofahrer gut: Nachbar, gib Suppengeld!

Drücken Beamte auch bei Menschenschmuggel gegen Suppengeld ein Auge zu? Dies legt ein als vertraulich eingestufter Bericht des deutschen Gemeinsamen Analyse- und Strategiezentrums illegale Migration (Gasim) vom Mai 2017 nahe. Darin heißt es: „Die türkisch-bulgarische Grenze ist (…) kein unüberwindbares Hindernis für Migranten und Schleuser.“ Die Kontrolle der Lkw, zumal in Kapitan Andreevo, sei eine „große Herausforderung“, der starke Verkehr erschwere die lückenlose Überprüfung: „Ist der Rückstau zu groß, erfolgen Kontrolllockerungen.“ Der Ablauf lasse Spielraum für Korruption.

[wdi_feed id=”1″]Auch die Zahlen legen nahe, dass in Kapitan Andreevo geschmuggelt wird. Im ersten Quartal 2017 wurden 262 illegal Einreisende erwischt. Und im bulgarischen Landesinneren zählten Polizisten 363 unerlaubte Aufenthalte und 1393 unerlaubte Ausreisen. Daher sei von einem „hohen Dunkelfeld insbesondere bei der illegalen Einreise über die türkisch-bulgarische Grenze“ auszugehen. Ständig wechselnde Brennpunkte dort sprächen für „etablierte, gut organisierte und möglicherweise gut informierte Schleuserstrukturen“. Eine gemeinsame Kontrolle von EU-Behörden und Nationalstaaten in diesem Herbst zeigte, dass viele Schleuserfahrzeuge in der Türkei zugelassen waren.

Erst Anfang des Jahres wurden 40 Grenzbeamte aus Kapitan Andreevo abgezogen und ersetzt. Ob das den Schmuggel eingedämmt hat, ist unklar. In Brüssel soll es Überlegungen geben, die niedrigen Gehälter bulgarischer Beamter aufzustocken. Auf Anfrage, welche Erkenntnisse die EU-Grenzschutzagentur Frontex zu Korruption an der Grenze habe, hieß es nur schmallippig, man überwache nicht die Grenzbehörden eines Mitgliedslandes. Über all das spräche man gern mit der Grenzpolizei von Kapitan Andreevo, wird aber weggeschickt. Kein Kommentar.

Nicht nur dort gelangen Migranten in die EU. Der neu gebaute Grenzzaun zur Türkei ist 274 Kilometer lang, und bulgarische Polizisten und Soldaten fahren ihn Tag und Nacht ab – lassen sich dabei aber ungern von Journalisten beobachten. Im Dorf Shtit wird der Reporter, ein paar hundert Meter vom Zaun entfernt, gestoppt. Für den Aufenthalt in Grenznähe müsse man sich eine Erlaubnis vom Innenministerium in Sofia besorgen. Aber man muss nicht bis Sofia fahren, um etwas über den florierenden Menschenschmuggel zu erfahren – an der Grenze wissen die Leute Bescheid.

Die Geschichten sind immer gleich

Zumal die, die mit Flüchtlingen zu tun haben. In Harmanli, im Lager, erzählt eine bulgarische Helferin: „Die Geschichten sind alle gleich. Von Istanbul aus werden Menschen zum Grenzzaun gebracht, dort wird ein bulgarischer Polizist bezahlt, dann kriecht man unter dem Zaun her – ganz einfach.“ So steht es auch im Gasim-Bericht: Migranten würden auf türkischer Seite bis an die Grenze gebracht. Schleusungen zu Fuß blieben „von hoher Bedeutung“.

Auch an der griechischen Grenze ist es ein offenes Geheimnis. Dass Flüchtlinge aus der Türkei mit Trucks und Autos nach Westeuropa gelangen, merkt vor allem die Polizei in der Präfektur Thessaloniki. In der Hafenstadt und um sie herum hat sie dieses Jahr bereits 85 Fahrzeuge gestoppt, in denen Flüchtlinge geschmuggelt wurden. „In den vergangenen Monaten hat es wieder einen Anstieg der Fälle gegeben“, teilt die Direktion Ausländerwesen in Thessaloniki mit. Und das sind nur die Fahrzeuge, die man erwischt.

Die Polizei arbeitet mit fixen und mobilen Kontrollen, um die Schmuggler aufzuhalten. 131 Verdächtige wurden 2017 allein in Thessaloniki geschnappt. 80 Prozent sind Ausländer, die Hälfte Pakistaner. Um Leben zu schützen, arbeite man „extrem vorsichtig“, aber es sei „sehr wichtig, Schmuggler festzunehmen und ihre kriminellen Handlungen zu offenbaren“.

Wie skrupellos die sind, zeigte sich erst in der vergangenen Woche wieder. Ein Fahrer gab in Kavala, zwei Stunden östlich von Thessaloniki, an einer Straßensperre plötzlich Gas. Polizei verfolgte ihn, der Pkw stürzte in eine Schlucht, vier von acht Flüchtlingen an Bord starben. Der Fahrer, ein Pakistaner, überlebte.

Thessaloniki und Kavala – vor dem EU-Türkei-Deal waren sie Stationen auf dem Weg gen Westen. Das ist nun anders. Alle, die nicht Tausende Euro für Schleusungen hinblättern können, hängen nun dort fest – Zehntausende sind es in ganz Griechenland. In Kavala liegt das Flüchtlingslager direkt am Meer: 300 Männer, Frauen und Kinder in kleinen Zimmern. An einem Novembertag toben Kinder, bringen Männer brav den Müll in die Tonnen, hängen Frauen Wäsche zum Trocknen in die fahle Sonne. Helfer bringen Gemüse und Obst, eine Tüte pro Person. Sie haben Chaos erwartet, aber alles geht sehr gesittet zu. Am Ende bleiben Obsttüten übrig.

Vor allem Syrer und Iraker sind hier, für die meisten ist es das Ende der Reise – und einer Illusion. „Ich warte seit eineinhalb Jahren darauf, mein Visum für Deutschland zu bekommen“, sagt ein Vater aus Aleppo, der mit sechs Kindern und seiner Frau kam: „Ich glaube, das wird nichts mehr. Sie wollen uns hierbehalten.“

Danach sieht es aus. Der Mann nennt den springenden Punkt: „Hätten wir Geld, wäre natürlich alles kein Problem.“ Es ist der Satz, der die ganze europäische Migrationspolitik  zerlegt. Die beteuert: „Es dürfen nicht die Schleuser sein, die darüber entscheiden, wer nach Europa kommt.“ Doch offenbar ist genau das der Fall. Heute noch brutaler als im historischen Herbst 2015.

Einer, der das nötige Geld für die Schleuser hatte, sitzt am anderen Ende der Balkanroute in einer anderen Welt – einer Pizzeria in Köln. Ein junger Syrer, er spricht unter der Bedingung der Diskretion. Er soll hier Dschadi heißen. Dschadi also kam vor drei Jahren mit Frau und Tochter nach Deutschland, über die noch offene Balkanroute.

Für 6000 Euro gibt es einen persönlichen Fahrer

Er hat gute Kontakte nach Bulgarien und in den Irak. Nun wenden sich Syrer, die ihre Leute nachholen möchten, an ihn, und er bekommt Anrufe von jenen, die noch kommen wollen. Gefragt, wie schwer es sei, herzukommen, grinst Dschadi: „Es gibt sehr, sehr viele Möglichkeiten, nach Deutschland zu gelangen.“

Eine Option sei die Direktfahrt von Istanbul aus. „Das ist wirklich total einfach. Man zahlt 6000 Euro und bekommt einen persönlichen Fahrer. Der gibt einen Teil des Geldes an jeder Grenze den Beamten, und weiter geht’s.“ In Ungarn sei man in weniger als 24 Stunden: „Und von dort aus kann man ja überall hingehen.“

Dschadi verrät weitere Tricks: Mit einem syrischen Pass ein Touristenvisum für die Türkei beantragen, nach Ercan im türkischen Teil Zyperns fliegen, über die leicht überwindbare Grenze in den griechischen Teil und von Larnaka nach Deutschland – per Direktflug. Etwa nach Köln mit Eurowings: „Kontrollen gibt es da so gut wie gar nicht, der Flieger startet schon innerhalb der EU.“

Geschichten wie diese lassen ahnen: Die Starken kommen durch, das ist heute das Gesetz der Balkanroute. Die finanziell Potenten, die mit guten Kontakten, sie sind die Gewinner. Fürs Erste jedenfalls. Die anderen sind die Verlierer der Route – viel hört man nicht von ihnen, aber es sind die meisten.

Mória ist ein kleiner Ort in den Bergen der griechischen Insel Lesbos, und er wird in diesen Tagen, in denen der Winter naht, zum Symbol dafür, dass die Krise längst nicht vorbei ist. Nur 300 Meter vom Ortskern entfernt liegt ein Lager, geplant für 1800 Menschen. Nach jüngsten Zählungen beherbergt es aber über 7000 Menschen. Journalisten wird der Zutritt verwehrt, man muss sich nachts heimlich reinschleichen.

Um Flüchtlinge zu sehen, die unter freiem Himmel zelten; die in goldfarbene Rettungsdecken gehüllt durchs Lager schleichen. Einen Liter Wasser gebe es pro Tag, zum Trinken und Waschen, sagen sie. Abendbrot? Ein Pappbecher voll Salat. „Wir werden gehalten wie Tiere“, klagen die Gestrandeten von Mória.

Ein in eine Rettungsdecke gehüllter Flüchtling in Mória: pro Tag einen Liter Wasser und einen Pappbecher voll SalaEuropa war froh, als die Balkanroute versiegte. Als es still wurde um Inseln wie Lesbos. Vorigen Winter saßen fast nur noch allein reisende Männer dort fest, die Kapazität war nicht ausgeschöpft. Aber seit dem Spätsommer landen wieder täglich Boote, genau wie auf Chios und Samos, den beiden anderen Flucht-Hotspots der Ägäis.

Frontex-Boote, tags im malerischen Hafen von Mytilini ankernd, holen nachts Flüchtlinge aus dem Meer, sobald sie griechische Gewässer erreicht haben; an der engsten Stelle trennen die Türkei und Griechenland nur fünf Kilometer. Von der türkischen Küste aus scheinen die Berge auf Lesbos zum Greifen nah.

Private Seenotretter patrouillieren in Schlauchbooten. An den Stränden von Lesbos halten Helfer aus aller Welt mit Ferngläsern Ausschau nach Flüchtlingen. Im Schnitt kommen derzeit täglich 150 in Lesbos an – so sie die Überfahrt überleben. Vor zwei Wochen wurden wieder zwei tote Kinder am Ufer entdeckt. Die Geretteten werden mit Bussen nach Mória gebracht und registriert. Aber vor allem Frauen halten es dort im Lager nicht lange aus.

Das Insellager ist ein Ort der Verzweiflung

Auf dem Markt in Mytilini haben Afghaninnen Zelte aufgeschlagen und einen Hungerstreik begonnen, um die Weiterreise aufs Festland zu erzwingen. „Wir haben große Angst in Mória, es ist sehr gefährlich. Wir können nicht mal allein auf die Toilette gehen“, sagt Karima, 17. Viele Frauen wüssten sich nicht anders zu helfen, als Windeln zu tragen. Täglich gibt es Gewalt, neulich gingen bewaffnete Polizisten nachts ins Lager und lieferten sich eine Auseinandersetzung mit Dutzenden Männern.

Das Insellager ist ein Ort der Verzweiflung, der Wut. Und der Angst. Selbst ein Sicherheitsmann sagt: „Ich habe schon in Burundi und Afghanistan gearbeitet. Aber was ich hier sehe, übertrifft alles. Es ist einfach grausam.“

Und nun der Winter. Emily Rouvroy, Chefin der Griechenland-Mission von Ärzte ohne Grenzen, trinkt Tee in einem Café in Mytilini, nach einem langen Tag in Mória. 60 Prozent derer, die übers Meer kämen, sagt sie, seien Kinder und Frauen, fast alle aus Kriegsgebieten. „Das Lager ist voller Babys und Kinder. Meine Sorge ist, dass viele wegen der Kälte sterben werden. Die Grundregel, dass Flüchtlinge geschützt werden, existiert hier nicht mehr.“

Die Zustände auf Lesbos sind ein Ergebnis des EU-Türkei-Deals von 2016. Sein Zweck: kontrollieren, wer nach Europa kommt, die Zahl der Toten senken, die Lage der Flüchtlinge in der Türkei bessern. Ankara verpflichtet sich, seine Grenzen stärker zu sichern und Flüchtlinge zurückzunehmen, die illegal nach Griechenland kamen. Im Gegenzug zahlt Brüssel Milliarden, und EU-Staaten sollen der Türkei pro zurückgenommenem Flüchtling einen abnehmen.

Aber der Deal läuft nicht wie geplant. Griechische Gerichte stufen die Türkei in vielen Asylverfahren als nicht sicher ein. Bis heute wurde kein einziger Syrer gegen seinen Willen zurück in die Türkei gebracht. Auch ein Grund, warum viele weiterhin die Überfahrt wagen.

Im Lager Mória fühlt es sich an wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Viele verzweifeln. Was der Krieg nicht schaffte, das Lager schafft es. Sie zerbrechen. So behandeln nun die Ärzte ohne Grenzen in Mytilin psychisch Erkrankte. Emilie Rouvroy gibt wieder, was immer mehr Patienten sagen: „Wir sind nicht auf der Überfahrt gestorben. Aber dafür sterben wir hier. Und zwar ganz langsam.“ Sie fragt: „Sollen diese Zustände hier die Antwort Europas auf die Flüchtlingskrise sein?“

Spiros Galinos antwortet: Nein. Der Bürgermeister von Lesbos fordert wie die Flüchtlinge: Öffnet die Insel! In seinem Büro – hinter ihm zwei Fahnen, die blau-goldene der EU und die blau-weiße griechische – fühlt er sich von beiden im Stich gelassen. Er erinnert sich an 2015, als 50 Flüchtlingsboote am Tag kamen. „Es war wie ein Erdbeben, man konnte sich nicht darauf vorbereiten. Aber auf diese Situation jetzt schon. Trotzdem hat uns niemand geholfen.“

Lesbos könne keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen. „Wir sind am Limit.“ Er fordert, die „geografische Einschränkung“ aufzuheben, die ihnen die Weiterreise verbietet: „Die Leute müssen aufs Festland gelassen werden. So geht es nicht weiter. Alle wissen, wie groß die Gefahr im Blick auf den anstehenden Winter ist.“ Die Zeit der Ausreden, sagt Galinos, sei vorbei. Ist sie aber nicht. Seine Hilferufe verhallen ungehört.

Die Fremden sitzen hier fest, egal, was sie forttrieb. Eltern mit neugeborenen Kindern, Großfamilien, allein reisende Männer, vereinzelt auch Frauen, sie alle fristen ihr trostloses Dasein auf Lesbos. Menschen, deren Angehörige in Kriegen niedergemetzelt wurden, die die IS-Terroristen oder Assads Giftbomben zur Flucht zwangen. Junge Leute aus aller Herren Länder Afrikas, die dem Traum von einem Leben im reichen Europa folgten. Armutsmigranten, Abenteurer, die „Mama Merkel“ rufen, immer noch.

Auf Lesbos sind sie alle gleich, ob es nun Asylgründe gibt oder nicht. Es geht nicht vor und nicht zurück, und das hat auch mit Deutschland zu tun, mit der Bundesregierung. Ihr Entschluss vom September 2015, die Grenzen für alle zu öffnen, wurde damals und wird bis heute als richtig und human bewertet; Hunderttausende entkamen dem Elend auf dem Balkan. Als eine historisch beispiellose Wanderung nach Zentraleuropa daraus wurde, schloss die EU ihre Tür.

Vitalität oder Fieberfantasie?

Aber der Krieg in Syrien hält an – die ihm entfliehen, müssen nun am Rande der EU um ihr Leben bangen. Verlieren in Kälte, Hunger, Gewalt ihre Würde. Die jetzt kommen, haben ihre Überfahrt gekauft und die Illusion eines neuen Lebens gleich mit – für 400 bis 1000 Euro setzten Schmuggler sie nach Lesbos über. Nun sitzen sie im Lager Mória und wiederholen unisono, was die Schlepper ihnen versprachen: dass jeder in Europa eine Wohnung bekäme, ein paar Hundert Euro, Arbeit, Medizin, Glück.

Kaum zu glauben – sie haben es geglaubt. Wer ihnen zuhört, könnte meinen, drüben in der Türkei gäbe es weder Radio noch Internet oder Handys. Sie beteuern, sie hätten sich Europa ganz anders vorgestellt. Und fragen zynisch, aber mit einem Funken Hoffnung in der Stimme: „Griechenland – das ist doch Europa, oder?“ Es muss doch etwas Besseres geben hinter der ägäischen See, hinter den balkanischen Bergen, die sie von ihrem Traumland trennen.

Wer sich auf der Insel umschaut, wird das Gefühl nicht los, die Zustände hier seien vielleicht nicht gewollt, würden aber billigend in Kauf genommen. Denn es wäre leicht, sie zu ändern. Auf dem Berg bei Mória wäre Platz für Abertausende, niemand müsste im Schlamm schlafen, man könnte menschenwürdige Toiletten und Duschen hinstellen, in Windeseile. Und, nach all den Summen, die zwei Jahre Flüchtlingskrise kosteten, für kleines Geld.

Offenbar will das weder die EU noch Athen, unter dessen Kontrolle Mória steht. Und ja, nichts könnte abschreckender sein als Bilder aus Mória. Barbara Lochbihler, Vizepräsidentin des EU-Menschenrechtsausschusses, war jüngst dort, danach sagte sie: „Die Haltung ist wohl: Wenn es den Menschen in den Lagern zu gut geht, dann würde das ein Anreiz sein, dass weitere kommen.“ Wer Mória gesehen hat, wird ihr nicht widersprechen. Die EU sitzt den Horror auf Lesbos einfach aus.

Der Mensch ist erstaunlich. Einige hier sind immer noch agil und träumen von Deutschland. Vitalität oder Fieberfantasie? Im Zelt der Afrikaner geht das Gerücht um, für 500 Euro gäbe es gefälschte Dokumente für die Fähre nach Athen. „In einer Woche bin ich weg aus dieser Hölle“, lacht ein Kongolese. Er hat keinen Asylgrund, aber Geld. Er hofft auf ein Wiedersehen mit Freunden in Deutschland. Andere in Mória haben nichts mehr, nicht einmal Hoffnung, wie Sam aus dem Irak. Der Elfjährige steht in der Nacht vor dem Zelt, in dem er mit seiner Mutter wohnt, seit einem halben Jahr.

Augen, die von Leid und Verzweiflung sprechen

Die kalte Feuchtigkeit dringt von unten auf ihn ein und von oben. Sie steigt aus der matschigen Erde, sie fällt vom Himmel. Der Junge versucht, ihr zu entkommen. Er bleibt so lange draußen stehen, bis ihn der Schlaf übermannt. Zeltnachbarn haben Äste gesammelt und ein Feuer entzündet, an dem er sich wärmt. Er zittert am ganzen Leib, er hat keine Socken, die Schuhe sind viel zu groß.

Sam war ein Kind in Mossul, mit den Eltern floh er vor den IS-Schlächtern in die Türkei, aber sie wollten weiter. Sie stiegen mit dem letzten Geld ins Boot nach Lesbos. Dort kippte sein Vater um und war tot. Sam lacht nicht mehr. Seine Augen sprechen von Leid und Verzweiflung. Seine Mutter und Zeltnachbarn sitzen im Schlamm und starren ins Leere. Der Wind pfeift, von irgendwoher hört man Schreie, der Regen prasselt nieder, er fällt und fällt.

Es ist Mitternacht, und morgen wird kein besserer Tag.

erschienen in der WELT am Sonntag am 3. Dezember 2017