An der serbisch-ungarischen Grenze leben Hunderte Flüchtlinge im Elend, vor ihnen ein fast unüberwindbarer Stacheldrahtzaun. Wer ihn dennoch übersteigt, wird gejagt – von unerbittlichen Bürgerwehren

7Wenn es nach László To­rocz­kai geht, dann trägt ein Teil der Lö­sung des eu­ro­päi­schen Flücht­lings­pro­blems Sprin­gers­tie­fel, Mi­li­tär­hose und eine Knarre am Gür­tel. Die Lö­sung ist männ­lich. Ihr Name: Tari. Ihre Er­schei­nung: Furcht ein­flö­ßend. Tari ist 38, er hat Ober­arme breit wie Pfer­de­schen­kel, kaut Kau­gum­mi, lacht nie, guckt immer grim­mig. Tari steht im Wald und schaut sich um: Ist ir­gendwo ein Frem­der? Falls ja, würde er jetzt los­ren­nen.

Es scheint, als wähne sich Tari in einem Film, in ir­gend­ei­nem Ac­tion-Strei­fen. Oder im Krieg, und ir­gend­wie stimmt das ja auch. Vor ein paar Mo­na­ten noch war er Disco-Tür­ste­her, jetzt flitzt er be­waff­net durchs Ge­strüpp oder jagt einen Ge­län­de­wa­gen über die Stra­ßen und Feld­we­ge; die Leute im Dorf grü­ßen ihn auf ein­mal re­spekt­voll. Was für ein Auf­stieg für den Mann, plötz­lich ver­tei­digt er einen gan­zen Kon­ti­nent. So sieht Tari das – und eben László To­rocz­kai.

László To­rocz­kai ist Bür­ger­meis­ter von Ásott­ha­lom im Süden Un­garns, ein klei­ner Ort di­rekt an der Grenze zu Ser­bien ge­le­gen. Er hat nur 3000 Ein­woh­ner, aber auf einem großem Ge­biet, viele Wäl­der und Fel­der, auf den ers­ten Blick ein fried­li­cher Fle­cken Erde.

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To­rocz­kai will, dass es jetzt dabei bleibt, ein für alle Mal. Bis zum Herbst vo­ri­gen Jah­res mar­schier­ten Zehn­tau­sende Flücht­linge durch sein Dorf, an­fangs war alles okay, aber dann, so er­zäh­len die Leute in Ásott­ha­lom, wur­den Mäd­chen und Frauen be­läs­tigt. Fahr­rä­der ver­schwan­den, Autos auch, es war dre­ckig, laut, ein Hauch von An­ar­chie. To­rocz­kai hatte ge­nug.

Er for­derte die Re­gie­rung in Bu­da­pest auf, einen Grenz­zaun auf­zu­stel­len, 175 Ki­lo­me­ter lang. Es gab Pro­teste der EU und der Ver­ein­ten Na­tio­nen, aber der Zaun wurde ge­baut. To­rocz­kai rich­tete auch eine neue „Po­li­zei­ein­heit“ ein, zu der Tür­ste­her Tari ge­hört. An­fangs fi­nan­zierte er die fünf­köp­fige Truppe über Spen­den, mitt­ler­weile zahlt die Re­gio­nal­re­gie­rung für sie. Au­ßer­dem gibt es eine zi­vile Ein­satz­grup­pe, 18 Mann, Frei­wil­li­ge, mit Sturm­hau­ben und Mas­ken im Wald un­ter­wegs. Beide Teams ar­bei­ten Tag und Nacht, in 24-Stun­den-Schich­ten. Ihre Auf­ga­be: Flücht­linge auf­spü­ren, ein­fan­gen, zu­rück nach Ser­bien brin­gen.

310 Mal war die Jagd im Juni er­folg­reich. To­rocz­kai ist stolz des­we­gen, er sieht sich als Ret­ter und als Held. Für viele Men­schen hier im Süden Un­garns ist er das tat­säch­lich. Aber die Frage ist: Lässt sich jene große eu­ro­päi­sche, ja glo­bale Krise per Sta­chel­draht­zaun und Men­schen­jagd be­wäl­ti­gen? Auf Kos­ten jed­we­der Mensch­lich­keit?

László To­rocz­kai, tiefe Stim­me, kur­zes Haar, sitzt im Po­los­hirt unter einer un­ga­ri­schen Flagge im Rat­haus von Ásott­ha­lom und sagt: „Wir wol­len hier keine deut­schen Ver­hält­nis­se. Ich bin ein Ver­fech­ter von Recht und Ord­nung. Ich hasse Cha­os.“ Er ist so etwas wie der Do­nald Trump von Un­garn, Trumps Mauer ist sein Zaun, und Schuss­waf­fen fin­det er auch ziem­lich gut.

Leute wie To­rocz­kai haben Ober­was­ser in die­sen Ta­gen, da Eu­ropa vom Ter­ror heim­ge­sucht wird. Sie läs­tern über An­gela Mer­kel und krei­den ihr die Ver­letz­ten und Toten der An­schläge an, weil sie Flücht­linge un­kon­trol­liert ein­rei­sen ließ. Die An­schläge sind für sie die Be­rech­ti­gung für einen här­te­ren Ton und gna­den­lo­se­ren Um­gang mit den Frem­den. Wer in­ter­es­siert sich schon für Laien mit Schuss­waf­fen in ir­gend­ei­nem un­ga­ri­schen Wald, wenn in Würz­burg Men­schen ab­ge­sto­chen wer­den?

To­rocz­kai ist ziem­lich froh, dass jetzt fast nur noch über Ter­ror ge­spro­chen wird und nicht über das, was hier in Un­garn ge­schieht. Er sagt, es sei ihm egal, wenn die Leute ihn für irre hal­ten, so wie im ver­gan­ge­nen Herbst, als er ein welt­weit be­ach­te­tes Video ins In­ter­net stell­te. Darin zu sehen sind To­rocz­kais Men­schen­jä­ger, die auf Mo­tor­rä­dern und Pfer­den durch den Wald het­zen, es soll mar­tia­lisch wir­ken. To­rocz­kai selbst wen­det sich am Ende di­rekt an die Flücht­lin­ge, er starrt in die Ka­mera und er­klärt: „Un­garn ist eine schlechte Wahl. Ás­so­tha­lom ist die schlech­tes­te.“

Der Bür­ger­meis­ter sagt, Eu­ropa ver­sinke immer wei­ter im Cha­os, er spricht von „blu­ti­gen Kon­flik­ten“. Er werde nicht ak­zep­tie­ren, „dass Mil­lio­nen von Mus­li­men hier­her­kom­men. Der Islam wird von Ge­walt be­ein­flusst, es wird über­all Pro­bleme ge­ben.“ Da­her: Gren­zen zu, Men­schen­jä­ger in den Wald. To­rocz­kai, seit Mai Vi­ze­chef der rechts­ex­tre­men Job­bik-Par­tei, be­kommt lan­des­weit immer mehr Zu­stim­mung für sein Han­deln, die Be­völ­ke­rung ist be­sorgt.

Jüngst gaben bei einer Um­frage 76 Pro­zent der Be­frag­ten an, sich vor Ter­ror­an­schlä­gen als Re­ak­tion auf den Zu­strom zu fürch­ten – eu­ro­pa­weit der höchste Wert. In die­sem Klima aus Wut und Angst ver­ab­schie­dete die Re­gie­rung von Mi­nis­ter­prä­si­dent Vik­tor Orbán jüngst neue Ge­set­ze, die Flücht­linge stop­pen sol­len: Wer es über die un­ga­ri­sche Grenze schafft, darf zu­rück nach Ser­bien ge­bracht wer­den, wenn er es noch nicht wei­ter als acht Ki­lo­me­ter ins Lan­des­in­nere ge­schafft hat.

Au­ßer­dem wurde das mo­nat­li­che Ta­schen­geld für Flücht­linge ge­stri­chen, in vie­len Auf­fang­la­gern gibt es kein Abendes­sen mehr, be­rich­ten Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Aber es kom­men immer noch Flücht­linge nach Un­garn, of­fen­bar ist es nicht die Lö­sung.

3Der un­ga­risch-ser­bi­sche Grenz­über­gang in Röszke an einem Nach­mit­tag Ende Juli, 35 Grad im Schat­ten, keine Wol­ken, kein Wind­stoß, die Sonne knallt vom Him­mel. Am Rande der Au­to­bahn haben die Be­hör­den ein Camp er­rich­tet, in dem rund 500 Men­schen in Zel­ten le­ben, der Weg nach Un­garn ist durch Zäune ver­sperrt, davor lie­gen Sta­chel­drahtrol­len.

Die of­fi­zi­elle Be­zeich­nung: Tran­sit­zo­ne. Sol­da­ten und Po­li­zis­ten dösen im Schat­ten vor den Con­tai­nern, in denen Büros un­ter­ge­bracht sind. Da­ne­ben ein Dreh­kreuz, blo­ckiert. Nur eine Hand­voll der Flücht­lin­ge, die hier re­gis­triert sind, pas­sie­ren das Dreh­kreuz täg­lich und ge­lan­gen so auf un­ga­ri­sches Staats­ge­biet – im Durch­schnitt sind es 15 Men­schen am Tag.

Es gab Ido­me­ni, es gab den Dschun­gel von Ca­lais, und auch die­ses Lager ist ein Hort der Ver­zwei­fel­ten. Be­tre­ten dür­fen es Jour­na­lis­ten nicht, das Land ver­sucht, die Zu­stände vor der Welt­öf­fent­lich­keit zu ver­ste­cken. Selbst an an­de­ren Orten dür­fen sich Re­por­ter nicht ohne Er­laub­nis in die Nähe des Zauns be­ge­ben.

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In Röszke er­zäh­len Flücht­linge durch den Zaun, wie es drin­nen aus­sieht, so wie Darian, 48, aus dem Iran. Es gebe keine Du­schen, die Le­bens­mit­tel reich­ten ge­rade so zum Über­le­ben, sagt er. Vor drei Mo­na­ten hat er ge­mein­sam mit sei­ner Frau und dem neun­jäh­ri­gen Sohn seine Hei­mat ver­las­sen, weil er be­droht wor­den sei, nach­dem er zum Chris­ten­tum kon­ver­tier­te, wie er sagt. Seit knapp einem Monat sit­zen sie in Röszke fest und hof­fen, dass sie zum Dreh­kreuz ge­ru­fen wer­den, dass die Reise wei­ter­ge­hen kann. „Nach Deutsch­lan­d“, sagt Darian.

Einer sei­ner Zelt­nach­barn, Kari aus Af­gha­ni­stan, hatte es vor drei Wo­chen schon nach Un­garn ge­schafft, durch ein Loch im Grenz­zaun. Als er wei­ter als acht Ki­lo­me­ter im Lan­des­in­ne­ren war, dachte er, dass er in Si­cher­heit sei. „Aber dann kamen Po­li­zis­ten, sie hiel­ten ihre Waf­fen auf mich und lie­ßen Hunde ohne Maul­korb los. Sie brach­ten mich zu­rück in die­ses La­ger“, sagt der 28-Jäh­ri­ge. Or­ga­ni­sa­tio­nen wie Mig­losz, die sich für Flücht­linge ein­set­zen, be­rich­ten, dass die Acht-Ki­lo­me­ter-Re­gel nicht ein­ge­hal­ten wird. Dass aus allen Ecken Un­garns Men­schen zu­rück in die Tran­sit­zone ge­bracht wür­den. Dass man sie zu­sam­menschla­ge. Kari sei kein Ein­zel­fall.

Warum der Mann ge­flo­hen ist? Er will es nicht ver­ra­ten. „Glaubst du, ich hätte mein Land frei­wil­lig ver­las­sen? Ich war ein rei­cher Mann, und jetzt lebe ich in der Höl­le.“ Al­lein rei­sende Män­ner wer­den in die­sen Tagen und Wo­chen kaum zum Dreh­kreuz ge­ru­fen, Kari muss sich auf einen län­ge­ren Auf­ent­halt ein­stel­len.

Auch weil immer mehr Men­schen nach­kom­men. Das Flücht­lings­hilfs­werk der Ver­ein­ten Na­tio­nen (UN­H­CR) be­rich­tet von einer Ver­dopp­lung der Zah­len seit An­fang Juli und „schreck­li­chen Zu­stän­den“ an der Gren­ze. Wie schlecht es den Men­schen geht, wird deut­lich, als zwei Mit­ar­bei­ter einer Hilfs­or­ga­ni­sa­tion Es­sens­ra­tio­nen und Spiel­sa­chen ver­tei­len. Es kommt zu Tu­mul­ten, es wird ge­schri­en, ge­schubst, Kin­der stür­zen in den Sta­chel­draht­zaun.

Ro­bert Be­kesi steht schweiß­nass in der Sonne und hält einen Kar­ton mit Ge­schen­ken in der Hand. Er ist 75 Jahre alt. Vor einem Jahr sah er Tau­sende Flücht­linge am Bu­da­pes­ter Bahn­hof, die nicht wei­ter­ka­men, und ent­schied zu hel­fen. Seit­dem fährt er fast täg­lich die 180 Ki­lo­me­ter aus der Haupt­stadt nach Rösz­ke, sein Trans­por­ter ist voll­ge­packt mit Spen­den. „Mitt­ler­weile ma­chen sich alle über die Gut­men­schen lus­tig, die mit Plüsch­tie­ren Flücht­linge emp­fan­gen ha­ben“, brüllt er, sein Ge­sicht läuft rot an. „Wis­sen Sie, was in die­ser Kiste ist? Plüsch­tie­re! Ich än­dere mich nicht.“

Für Leute wie Be­kesi hat László To­rocz­kai nur ein müdes Lä­cheln üb­rig, der Bür­ger­meis­ter hilft nie­man­dem. Er ver­steht nicht, dass über­haupt je­mand an Un­garns Tür klopft. „Was wol­len die hier?“, fragt er. „Wenn sie wirk­lich vor Krieg flüch­ten – warum blei­ben sie nicht ein­fach in dem ers­ten si­che­ren Land, in Grie­chen­land zum Bei­spiel? Da gibt es doch ge­nü­gend Auf­fang­la­ger.“ To­rocz­kai kennt die Be­richte von an­geb­lich miss­han­del­ten Flücht­lin­gen, aber er winkt ab – „das sind alles Lü­gen.“

8Und Tari, der Ex-Tür­ste­her? Nie wende er Ge­walt an, sagt er, immer noch ta­ten­los im Wald, „ich laufe ihnen hin­ter­her und fange sie mit mei­nen Hän­den.“ Heute ist ein lang­wei­li­ger Tag, Tari hat noch kei­nen Flücht­ling ge­se­hen, nur eine Plas­tik­tüte am Weges­rand, eine Spur, die ins Nichts führ­te. Das ist alles an­dere als ein Er­folg.

Aber der Tag da­nach wird bes­ser, László To­rocz­kai pos­tet bei Fa­ce­book ein Be­weis­fo­to. Dar­auf zu se­hen: fünf Jungs aus Pa­kis­tan und Af­gha­ni­stan, bei Dun­kel­heit kau­ernd am Bo­den. Neben ihnen po­siert ein mus­kel­be­pack­ter Kerl, breit­bei­nig und mit ge­schwell­ter Brust. Es ist Tari.

Ein guter Tag für Un­garns Men­schen­jä­ger.

erschienen in der WELT vom 3. August 2016