Sepp Blatter tritt als Fifa-Präsident ab. Kurz nach seiner Wiederwahl. Nach 17 Jahren Amtszeit. Die Entscheidung kam überraschend – und wirft eine Menge Fragen zu seinem plötzlichen Sinneswandel auf.

AUS ZÜRICH

Dass am Dienstagabend in Zürich sensationelle Neuigkeiten verkündet würden, das hatte sich schon in den Stunden und Minuten vor der Rede von Sepp Blatter im Hauptquartier der Fifa angekündigt. Um kurz nach halb fünf am Nachmittag lud die Medienabteilung des Fußball-Weltverbandes zu einer Pressekonferenz ein – außerplanmäßig, ein Thema wurde nicht genannt.

Anders als noch am Sonntag, als Blatter vor Hunderten Journalisten versucht hatte zu erklären, warum er der bestmögliche Präsident ist, fanden sich diesmal nur eine Handvoll Reporter im Auditorium ein. Sie sahen auf der Bühne drei Plastikschilder mit Namen: Sepp Blatter, Domenico Scala und Walter De Gregorio.

Kurz nachdem die Journalisten hereingelassen wurden, eilten Fifa-Mitarbeiter herbei und nahmen die Namensschilder von Blatter und Scala, dem Chef der Audit- und Compliance-Kommission wieder mit; nur das Schild von De Gregorio, dem Mediendirektor, blieb an seinem Platz. Kurz darauf wurde verkündet, dass die Pressekonferenz verschoben wird. Erst auf 18.30 Uhr, dann auf 18.45 Uhr.

Als De Gregorio schließlich erklärte, Blatter werde eine Rede halten und Fragen seien nicht erlaubt, nahm der aufsehenerregendste Rücktritt in der Geschichte des organisierten Fußballs seinen Lauf. Blatter marschierte schnellen Schrittes in den Saal, und schon nach seinen ersten Worten war klar, dass er nun doch Konsequenzen aus den Geschehnissen in den vergangenen sechs Tages ziehen würde.

Sie ist vorbei, seine Herrschaft über den Weltfußball

Der 79-Jährige erklärte, ihm sei bewusst geworden, dass er kein “Mandat von der gesamten Fußballwelt habe – den Fans, den Spielern, den Vereinen, den Menschen, die den Fußball genauso leben, lieben und atmen, wie wir alle bei der Fifa es tun”. Dann erklärte er, dass er sein Amt bei einer außerordentlichen Präsidentschaftswahl niederlegen werde. Dass sie in ein paar Monaten vorüber sein wird, seine Herrschaft über den Weltfußball.

Er liebe den Fußball, sagte Blatter, und das sollte auch heißen: Ich unternehme diesen Schritt aus Liebe zum Fußball.

Die große Frage ist: Was steckt wirklich hinter dem Rücktritt? Wie kam es zu dem Sinneswandel?

Noch nach der Verhaftungswelle vom vergangenen Mittwoch – seitdem machen Schweizer und US-amerikanische Behörden Jagd auf korrupte Fußballfunktionäre – hatte Blatter jegliche Konsequenzen aus der Affäre abgelehnt. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahl am Freitag warb er für sich selbst und versprach, die Krise zu bewältigen.

Nach seinem Triumph nahm er seine Widersacher ins Visier: “Ich vergebe, aber ich vergesse nicht”, sagte Blatter. Es waren Worte des Willens, der Kraft. Selbstzweifel? Schlechtes Gewissen? Fehlanzeige.

Es gibt Leute, die wollen ihn fertigmachen

Den Entschluss, sich zurückzuziehen, so erzählten es Personen aus seinem engsten Umfeld der “Welt”, soll Blatter nur einen Tag später gefasst haben. Am Montag traf der Schweizer in Zürich mit verschiedenen Funktionären zusammen, um über die aktuelle Krise zu reden. In diesen Gesprächen sei ihm klar geworden, dass er nicht so weitermachen kann wie bisher.

Ein Vertrauter sagte, es sei Blatters Ziel, die Reformen bei der Fifa voranzutreiben, er fühle sich aber machtlos. Als scheidender Präsident müsse er nun “keine Rücksicht mehr nehmen” und könne seine Pläne leichter umsetzen. Blatter wolle der Fifa ein positives Vermächtnis hinterlassen – was er mit einem Amtsverzicht einfacher erreichen könne. Außerdem sei dem Fifa-Chef klar geworden, dass es Leute gebe, die ihn “fertigmachen” wollen.

Fürchtet Blatter also doch die Ermittlungen des FBI und der Schweizer Bundesanwaltschaft? Am Sonntag hatte er noch gesagt, wenn völkerrechtlich korrekt ermittelt werde, mache er sich keine Sorgen. Blatter weiß, dass durch die Anklageerhebung der US-Justizbehörden gegen 14 Funktionäre einige Kriminelle möglicherweise kooperativ werden und über bislang nicht belangte Offizielle auspacken könnten.

Und er dürfte auch ahnen, dass er für die Staatsanwälte und Agenten der “dickste Fisch” ist. Dass seine Aktivitäten bei der Fifa, für die er seit 40 Jahren arbeitet, komplett durchleuchtet worden sind oder noch werden.

Hat Blatter etwas Unrechtmäßiges getan?

Allerdings: Einen konkreten Korruptionsverdacht gegen Blatter gibt es nicht. Und selbst die, die jetzt Informationen an die Behörden liefern, haben ihn nicht ans Messer liefern können; es wäre ja ein Leichtes für die US-Fahnder gewesen, auch Blatter in Zürich festnehmen zu lassen.

Da ist zum Beispiel Ex-Fifa-Vorstand Chuck Blazer, den das FBI wegen Steuerhinterziehung schnappte. Dann fand die Behörde heraus, dass der Mann noch dazu korrupt war und illegal Millionen kassierte. Blazer packte aus und fungierte gar als Spion für das FBI, als er im Rahmen der Olympischen Spiele 2012 in London alte Vertraute zu sich einlud und heimlich die Gespräche mitschnitt.

Die Erkenntnisse daraus brachten Blatter genauso wenig in Bedrängnis wie seinen Erzfeind Jack Warner, der einst sein Wahlkämpfer war. Seit vier Jahren kündigt der Funktionär aus Trinidad und Tobago Beweise für von Blatter begangene Verbrechen an – ohne sie zu liefern.

Einen Bericht von ABC News, wonach das FBI gegen Blatter ermittele, wiesen die Amerikaner bereits zurück. Und so kann nur darüber spekuliert werden, ob Blatter aus Angst vor Staatsanwälten einknickte. Ob ihm noch Ungemach droht.

Die anderen sind auch nicht besser

Männer wie Michel Platini jedenfalls werden jetzt, da Blatter nichts mehr zu verlieren hat, zittern. Der Präsident des europäischen Fußball-Verbandes Uefa hatte seinen einstigen Freund vor der Präsidentschaftswahl bei jeder Gelegenheit attackiert und ihn über die Medien und im persönlichen Gespräch aufgefordert, sich zurückzuziehen.

Blatter entschied sich dafür, diesen Schritt erst nach seinem Wahlsieg zu unternehmen. Aus einer Position des Zuspruchs von fast zwei Dritteln der 209 Fußballverbände des Planeten heraus.

Platini könnte nun für sich selbst als neuen Fifa-Präsidenten werben. Und Blatter, ein gewiefter Taktiker, könnte dafür sorgen, dass die Welt stets daran erinnert wird, für wen Platini bei der Vergabe der WM 2022 stimmte (Katar) und wer danach einen Job bei einem Ableger des katarischen Staatsfonds erhielt (sein Sohn). Oder gibt es noch mehr kompromittierendes Material und Wissen, das Blatter in all den Jahren über Platini angesammelt hat?