Die Bundeswehr berät und trainiert die afghanische Armee – die Afghanen sollen künftig selbst für Sicherheit im Land sorgen. Ein klarer Auftrag, und doch ein Auftrag ohne jede Aussicht auf Erfolg.

An einem eiskalten Novembermorgen am Hindukusch wirft sich Deutschland vor Afghanistan in den Staub. Der Mann, dem diese Aufgabe zukommt, heißt Klaus-Peter Berger. Er ist Bundeswehr-Oberst, 52 Jahre alt, ein hoch aufgeschossener Kerl mit strengen Gesichtszügen und wenig Mimik. Ein sachlicher Typ, der nicht um den heißen Brei herumredet. Normalerweise zumindest nicht. An jenem Morgen aber benimmt sich Berger so, als hätte ihm der Papst persönlich eine Audienz gewährt.

Oberst Klaus Peter Berger (r.) im Camp Shaheen in Mazar-e Scharif

Dabei ist Rajab-Ali Rasched gar nicht der Papst, sondern nur ein afghanischer General und der stellvertretende Kommandeur des 209. Korps der Armee. Berger sitzt in Rascheds Büro in der Kaserne Shaheen am Stadtrand von Masar-i-Scharif. Er ist mit dem Hubschrauber aus dem zehn Flugminuten entfernten Camp Marmal gekommen und dann mit einem gepanzerten SUV durch die Kaserne gefahren. Ein bewaffneter Bodyguard ist immer bei ihm, und auch er selbst hat alle Personen in seiner Nähe gemustert. Berger war angespannt, aber nun, im Angesicht des Afghanen – kein Wort davon. Berger drückt vielmehr seine ganze Dankbarkeit dafür aus, dass die Bundeswehr immer noch hier sein darf, nach mittlerweile 15 Jahren.

Zwei Männer, viele Entschuldigungen

Der Deutsche sagt seinem Gegenüber, dass es eine sehr große Ehre sei, empfangen zu werden, obwohl der General doch so viel zu tun habe. Er bedankt sich für die „sehr, sehr gute“ Zusammenarbeit. Er legt immer wieder die Hand aufs Herz, und das künstliche Lächeln bleibt auch dann in sein Gesicht gemeißelt, wenn Rasched mitten in Bergers Ausführungen aufsteht und telefoniert.

General Rasched, stellvertretender Kommandeur des 209. Korps der afghanischen Armee, in seinem Büro

Das war ein Schock, aber Berger sagt: „Wir können Ihnen versichern, dass wir Deutsche uns bei Ihnen sicher fühlen.“ Vielleicht würde er noch ein bisschen länger fabulieren, aber dann stoppt ihn der Afghane: „Wir müssen uns bei Ihnen entschuldigen, dass so etwas wie am Generalkonsulat passiert ist. Wir versuchen alles, um das in Zukunft zu verhindern.“ Oberst Berger lächelt weiter. Das, was hier gesagt wird, ist eigentlich völlig egal, alles ist darauf ausgerichtet, dem Afghanen ein gutes Gefühl zu geben.

Ein Einsatz in Absurdistan

Afghanistan im Spätherbst 2016. Die Deutschen sind immer noch da, auch wenn das zu Hause oft vergessen wird. Bis zu 980 Soldaten der Bundeswehr sind im Norden stationiert, die meisten von ihnen im Camp Marmal gleich neben dem Flughafen von Masar-i-Scharif. 13 Jahre hat Deutschland in Afghanistan gekämpft, bis Ende 2014. 56 deutsche Soldaten sind in diesem Krieg gefallen. Aus einem Kampfeinsatz wurde im Januar 2015 die Mission „Resolute Support“, gemeinsam mit anderen Nato-Partnern trainiert und berät die Bundeswehr jetzt die afghanische Armee, damit die künftig selbst für die Sicherheit im Land sorgen kann.

Das klingt nach einem klaren Auftrag. Aber wer in diesen Tagen mit den Deutschen am Hindukusch unterwegs ist, erfährt, dass dieser Einsatz nicht mehr zu fassen ist, nicht klar zu definieren, unkontrollierbar, ohne eine Exit-Strategie. Und ohne Aussicht auf Erfolg. Unsere Freiheit wird, wenn überhaupt, in Absurdistan verteidigt.

Schon die Rollenverteilung zwischen Afghanistan und Deutschland ist bemerkenswert. Oberst Berger ist schließlich nicht irgendwer, er ist der Chefberater des Kommandos TAAC North, der Nato-Trainingseinheit für den gesamten Norden Afghanistans. Rasched ist der Mann, dem Berger Tipps geben soll. Damit das funktioniert, gibt sich der Deutsche so devot wie möglich.

Die Angst vor dem Terror aus dem Inneren

Das ist nicht Bergers Idee, es ist ihm so vorgegeben. Neben seiner Beratungstätigkeit repräsentiert er die Bundesrepublik. Ständig reden die Bundeswehr-Kommandeure davon, dass sie ja nur Gast seien in diesem Land. Davon, dass man sich der afghanischen Mentalität anpassen müsse. Nicht zu viel verlangen dürfe. Immer vor dem Ende eines Gesprächs der Tee ausgetrunken sein müsse. Sie warnen, dass der afghanische Präsident Aschraf Ghani die Nato einfach so rauswerfen könne aus Afghanistan, wenn ihn etwas ärgere.

Das will die Nato verhindern, trotz all der Angst, die jetzt wieder herrscht im Camp Marmal. Das liegt an einem Attentat auf der US-Basis Bagram in der Nähe von Kabul. Dort sprengte sich drei Tage nach dem Anschlag auf das deutsche Konsulat ein Afghane in die Luft und riss vier amerikanische Soldaten mit in den Tod; der Mann hatte seit 2008 in Bagram gearbeitet. Dass er gefährlich ist, ahnte niemand. Immer wieder gibt es sogenannte Green-on-blue-Anschläge, Attacken von Innentätern. Mehr als 150 Nato-Soldaten kamen dabei im Afghanistan-Krieg ums Leben, auch Deutsche wurden Opfer. Im Februar 2011 etwa erschoss ein afghanischer Sicherheitsmann aus heiterem Himmel drei deutsche Soldaten.

Ein ähnlicher Anschlag, bei dem vier französische Soldaten starben, führte zum beschleunigten Abzug Frankreichs vom Hindukusch im Jahr 2012. Die USA hatten eine andere Idee: Sie stellten eine neue internationale Truppe auf, die „Guardian Angels“, zu Deutsch Schutzengel. Es sind Spezialkräfte, ausgebildet in Amerika, ihr Job: die Ausbilder vor den Auszubildenden beschützen.

Was heißt schon „sicher“?

An einem Nachmittag im Camp Pamir, einer afghanischen Kaserne am Rande der umkämpften Stadt Kundus, wird klar, dass Berger die Realität schönredet, wenn er sagt, die Deutschen würden sich sicher fühlen. Die Wahrheit ist: Nichts ist sicher in Afghanistan, und so fühlen sich die Soldaten auch.

Streitkräfte der afghanischen Armee fahren im Camp Pamir in Kunduz

Weil die Bundeswehr den Afghanen nicht vertrauen kann, hat sie innerhalb der Kaserne ein eigenes Lager eingerichtet, den „sicheren Hafen“: ein paar Baracken, der Strom fällt manchmal aus, „Wellness Pamir“ steht auf einem Schild an der Tür zu den verdreckten Toiletten. Galgenhumor an einem Ort, an dem sich viele Soldaten fragen: Was soll dieser Einsatz noch bringen? Wie absurd kann es noch werden?

Die deutschen Berater können ihren „Hafen“ nur in Begleitung der Schutzengel, Maschinengewehr im Anschlag, verlassen. Die Schutzweste, die sie noch auf den 300 Metern vom Hubschrauber zum Lager trugen, legen sie ab, um den afghanischen Soldaten das Gefühl zu geben, ihnen zu vertrauen. Und dann stehen sie in einem Raum, in dem 25 Artilleristen gerade lernen, wie man eine Karte liest. Vor ein paar Wochen haben die Deutschen gemerkt, dass die afghanischen Kollegen das nicht können, was wohl der Grund dafür ist, dass ihre Raketen oftmals irgendwo einschlagen, aber nicht dort, wo der Feind steht.

Afghanische Soldaten lernen das Kartenlesen

Ein deutscher Hauptmann erzählt, dass viele Soldaten auch noch darin bestärkt werden müssen, im Gefecht den Helm aufzusetzen und eine Weste zu tragen. Suboptimal ist auch, dass im Unterricht ständig jemand fehlt und kein Afghane etwas daran ändert. Die Deutschen selbst schweigen, sie wollen niemandem auf den Schlips treten.
Aber den Kopf schütteln, das ist noch erlaubt, und zwar darüber, dass hier an jeder Ecke Kriegsgerät steht, Humvees, Panzer, wie neu, bezahlt von der internationalen Militärallianz. Von Schnee und Eis bedeckt. Warum? Die afghanischen Soldaten, so erzählt es ein Deutscher, würden ständig die Batterien ausbauen und mit nach Hause nehmen. Immerhin nicht aus allen Fahrzeugen, und so rast an diesem Nachmittag eine Marschkolonne Richtung Kasernenausgang, es geht in die Schlacht. „Das ist schon ein komisches Gefühl“, sagt ein Bundeswehr-Soldat, der die Szene von einem Wachturm aus beobachtet: „Man weiß nie, wie viele Kameraden wieder zurückkommen.“

Immer mehr Opfer

Die Zahlen sind ernüchternd. Nach dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes kamen im Jahr 2015 insgesamt 28 Prozent mehr afghanische Soldaten ums Leben, rund 5000. 2016 sieht es noch schlechter aus. Laut „New York Times“ wurden allein zwischen März und August 4500 getötet. 5000 Soldaten sterben oder desertieren pro Monat, 3000 werden rekrutiert. Die zivilen Opfer nehmen immer weiter zu. Nach Angaben des US-Sonderbeauftragten für den Wiederaufbau in Afghanistan, John F. Sopko, wurden im ersten Halbjahr 2016 so viele Zivilisten getötet wie seit 2009 nicht. Von den 1601 Toten war ein Drittel minderjährig. Die Taliban haben es geschafft, mehr als ein Drittel des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen, und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht.

Auch wenn die Regierung in Kabul anderes verspricht. Eine Regierung, die sich selbst blockiert, weil sie die unzähligen Ethnien des Landes unter einen Hut bringen soll und das nicht schafft. In der ein Mann wie Abdul Raschid Dostum als Vizepräsident fungiert. Dostum, einst Warlord, machte vor zwei Wochen Schlagzeilen, weil er in der Öffentlichkeit auf einen politischen Widersacher einschlug und den Mann dann von seinen Bodyguards entführen ließ.

Einer wie er ist Gesprächspartner für den Westen, aber irgendwie hört dem Westen niemand zu. US-General John Nicholson, Kommandeur aller Nato-Truppen in Afghanistan, beklagte erst vergangene Woche erneut die mangelnde Führung der Armee und die anhaltende Korruption. Neben der Korruption funktioniert auch der Opiumanbau gut, ein Plus von 43 Prozent innerhalb eines Jahres.

Kein Ort für deutsche Maßstäbe

Zurück im Camp Marmal, wo neben den Deutschen Soldaten aus 20 anderen Nato-Staaten stationiert sind, 2000 insgesamt. Kommandeur von TAAC North ist der deutsche Brigadegeneral André Bodemann, er sitzt in seinem Büro und denkt über die Frage nach, wie lange die Bundeswehr hier noch bleiben soll. „Bis ein gewisses Maß an Sicherheit erreicht ist“, sagt er. Dass man in Afghanistan keine deutschen Maßstäbe anlegen dürfe. Alles hat ein gewisses Maß in Afghanistan, alles ist relativ, es gibt nichts, an dem man sich festhalten kann. Trotzdem sprach sich die Bundesregierung gerade erst für eine Mandatsverlängerung aus, der Bundestag muss nur noch zustimmen.

Ohne die USA, so scheint es, ist ein Abzug ohnehin ausgeschlossen, und der designierte US-Präsident Donald Trump hat erst Anfang der Woche klargemacht, dass es beim Engagement in Afghanistan bleibt.

Bodemann ist der Erfüllungsgehilfe der Politik, des Parlaments.Er spricht über mehrere Säulen, die zum Erfolg führen würden: gute Politik inklusive Bildung, Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung, fähige Sicherheitskräfte und Versöhnung mit dem Feind. Es ist an diesem Abend das dritte Gespräch, das die „Welt“ in fünf Tagen in Afghanistan mit Bodemann führt, und bis zu diesem Zeitpunkt hat er all das gesagt, was er sagen muss. Durchhalteparolen, militärischer Sprech. Nun aber legt Bodemann die Uniform ab, zumindest wirkt es so.

Er stellt eine Frage, die das deutsche Engagement am Hindukusch nicht rechtfertigen, es aber erklären kann. Sie belegt das Dilemma, in das Deutschland geraten ist, die Ausweglosigkeit. Bodemann sagt: „Es sind hier so viele deutsche Soldaten gefallen. Wie soll ich das den Eltern, Ehepartnern und Kameraden erklären, wenn wir Afghanistan in dieser Situation verlassen?“

erschienen in der WELT am 9. Dezember 2016