Hans-Peter Naumann wurde auf Bali mit Drogen erwischt. Seitdem sitzt der 50-Jährige im härtesten Knast der Insel, vor ihm liegen noch 12 Jahre Haft. Die Geschichte des früheren Schnitzelbraters ist äußerst dubios.

Seine letzten Augenblicke in Freiheit verbrachte er an Bord eines Airbus A320 der Billigfluglinie Air Asia, Flugnummer FD396, gestartet in Bangkok, Thailand. Das Ziel: Denpasar auf der indonesischen Ferieninsel Bali.
Es war der Morgen des 26. September 2014. Hans-Peter Naumann saß auf einem Fensterplatz, 15A, ein hochaufgeschossener Mann, 47 Jahre alt, der schon vieles war in seinem Leben: Schauspieler, Schlagersänger, Schnitzelbrater, Restaurantbesitzer, Hundeliebhaber, Vater einer Tochter, verheiratet, geschieden, neu verliebt und verlobt, früher Mallorca-Dauergast, später Wahl-Thailänder. Jetzt, gepresst in seinen Economy-Class-Sitz, war er: ein nervliches Wrack.
Um kurz vor zehn Uhr leitete der Kapitän den Sinkflug ein, und Naumann starrte aus dem Fenster. Er sah weiße Strände und türkisfarbenes Wasser, so erinnert er sich heute an diesen Tag. Naumann stieg die Flugzeugtreppe hinab und lief in Richtung Terminal. Visagebühr bezahlen, Passkontrolle, Zoll, soweit keine Probleme. Dann stoppte ihn ein Polizist. Mitkommen, T-Shirt ausziehen, Hose runterlassen, zehn Kapseln fielen auf den Boden.
„Haben Sie auch was geschluckt?“ Naumann bejahte, sie fuhren ihn ins Krankenhaus und ließen seinen Magen auspumpen. Insgesamt waren es 328 Gramm Kokain, die sie bei ihm fanden, und damit war das wechselvolle Leben des Deutschen vorbei. Es ist seit nunmehr drei Jahren sehr eintönig.
Lapas Kerobokan ist das berühmteste Gefängnis Balis
Naumann ist ein Strafgefangener, verurteilt zu 15 Jahren Haft wegen Drogenschmuggels – für die indonesischen Behörden ein Schwerverbrecher, der knapp der Todesstrafe entkam. Fragt man ihn selbst, was er sei, sagt er: unschuldig. Und: hoffnungsvoll. Die Hoffnung, an die er sich hält, ist, dass das alles hier bald ein Ende hat. Dass er zurück nach Deutschland kann.
Die Zelle von Hans-Peter Naumann liegt an einer Hauptstraße in Denpasar, wo der Smog in den Augen brennt. Eine farblose Fassade, Stacheldraht, Überwachungskameras und der Name: Lapas Kerobokan, das berühmteste Gefängnis Balis. Hier sitzen sie alle ein, nicht nur Drogendealer, auch Mörder, Kinderschänder, Kleinkriminelle. Es gibt verschiedene Zellenblöcke, aber tagsüber treffen alle Gefangenen auf dem großen Platz mitten in der Anlage aufeinander.
Und nicht nur sie. Die Häftlinge mischen sich mit Besuchern, das Gefängnis hat sich als bizarrste Touristenattraktion der Insel etabliert. Wer will, schreibt am Eingang seinen Namen samt Adresse auf ein Blatt Papier, gibt seinen Pass ab und wird von Beamten auf den großen Platz geführt. Hier steht ein Mann mit Mikrofon, man sagt ihm den Namen eines beliebigen Häftlings, und der wird dann ausgerufen.
So hat schon der eine oder andere Backpacker den einen oder anderen Schwerverbrecher kennengelernt, so wurden Freundschaften geschlossen. Auf Facebook wird Kerobokan in der Kategorie „Unterkunft“ geführt, die Bewertung ist ziemlich gut: 3,3 von fünf möglichen Sternen. Ein Witzbold schreibt: „Überfüllt, das Personal nicht hilfsbereit. Musste mein Badezimmer mit anderen Gästen teilen. Frühstück war schmuddelig und um sechs Uhr morgens. Außerdem kein Wifi.“
Hans-Peter Naumann kann darüber nicht lachen, für ihn ist Kerobokan kein Abenteuer-Trip, sondern sein Leben, und geht es nach den indonesischen Richtern, bleibt das noch über 4000 Tage lang so. Jetzt plärrt sein Name aus dem Lautsprecher. Der 50-Jährige schleppt sich zum Mann mit dem Mikrofon und begrüßt den Besucher mit einem festen Händedruck. Er ist groß, die Haut gebräunt, das Haar trägt er kurz. Naumann will Besuch. Er will reden, seine Geschichte erzählen, er will, dass man ihn nicht vergisst. Er hofft auf eine Gesetzesänderung – und darauf, dass man ihm glaubt.
Er ist ein klassischer Fall: Er wurde als Drogenkurier verurteilt. Die Strafen dafür sind gerade in Indonesien drakonisch, immer wieder wird bei Drogendelikten die Todesstrafe verhängt. Erst vor zwei Jahren wurden acht Verurteilte hingerichtet. Naumann hatte, so gesehen, großes Glück, er kam mit 15 Jahren davon.
Früher briet er die größten Schnitzel Thailands
In seinem alten Leben betrieb Naumann das Restaurant Bamboo im thailändischen Pattaya, dem Hotspot für deutsche Rentner auf der Suche nach Sex und Sonne. Er habe dort die größten Schnitzel Thailands gebraten, erzählt er. Er habe eine Thailänderin geliebt und sie ihn, und beide liebten sie ihren Hund. Ab und an sang Naumann Schlager für die Deutschen, wie er das früher auf Mallorca getan hatte, am Ballermann.
Naumann spricht über das glückliche Leben, das er führte. Dass er keinen Grund gehabt hätte, Kokain nach Bali zu schmuggeln. Dass er erpresst wurde, bedroht. Seine Geschichte geht so: Einige Wochen vor seiner Reise nach Bali kam ein Kanadier in sein Restaurant in Pattaya, die beiden freundeten sich an. Naumann erzählte dem neuen Freund von seinem geplanten Trip nach Bali, das erste Mal, fünf Tage Urlaub sollten es werden. Der Freund bot Naumann an, ihn zum Flughafen zu fahren. Gemeinsam tranken die beiden in der Nacht vor dem Flug Wein, dann wollte Naumann noch ein paar Stunden in der Wohnung des Freundes schlafen.
Dort angekommen, habe der Kanadier den Deutschen gebeten, eine Tüte für ihn mit nach Bali zu nehmen. Naumann schaute rein, sah Drogen – und dann in den Lauf einer Pistole. Die angebliche Drohung: Wenn er das Kokain nicht nach Bali bringe, werde man seine Verlobte töten und den Hund auch. „Für mich gab es keinen Ausweg. Ich habe einen Teil der Drogen geschluckt und einen Teil in den Hintern gesteckt.“
Der Freund, der sich als Erpresser entpuppte, erzählt Naumann weiter, habe ihn bis zur Sicherheitskontrolle im Flughafen begleitet und ihm gesagt, auf Bali erwarte man ihn. Falls die Drogen dort nicht ankämen, sehe er seine Freundin und den Hund nicht wieder.
Als er dann auf Bali von der Polizei gestoppt wurde, seien sehr freundlich zu ihm gewesen, erzählt Naumann. Sie hätten gesagt, er solle einfach nur zugeben, Geld für den Transport der Drogen bekommen zu haben, die Strafe falle dann milde aus. „Mittlerweile ist mir klar: Das war ein abgekartetes Spiel.“ Das Kokain hätten sich die Polizisten selbst eingesteckt. Es klingt alles sehr dubios.
Aber es gibt einen Menschen, der ihm glaubt. Christoph Rühlmann ist Rechtsanwalt in Düren und kämpft für den fernen Häftling, unentgeltlich, wie er sagt. Er hat ihn bereits mehrfach auf Bali besucht. Doch der Fachanwalt für Strafrecht weiß, dass es in Indonesien kein neues Verfahren für Naumann geben wird. Die einzige Hoffnung ist eine Überstellung nach Deutschland. Doch Indonesien beteiligt sich an keinem internationalen Abkommen. „Die Indonesier hatten ein solches Gesetzesvorhaben bereits in der Beratung, es ist aber noch nicht verabschiedet“, sagt Rühlmann.
Die indonesischen Gefängnisse sind überfüllt, und tatsächlich werden immer wieder Verbrecher abgeschoben. Die schlechtesten Chancen aber haben Drogenschmuggler. 15 Jahre für 328 Gramm Kokain sind hart. In Deutschland, sagt Rühlmann, hätte sein Mandant zwischen einem Jahr auf Bewährung und vier Jahren Freiheitsstrafe bekommen.
Was also tun in 15 Jahren? Versuchen, etwas Leben in den langen Lebensentzug zu bringen. Im Gefängnis auf Bali hatte Naumann bis vor kurzem noch eine Aufgabe, er brachte anderen Häftlingen das Kochen bei.
Die Speisen verkaufte er auf dem Gefängnishof und verdiente so ein bisschen Geld. Leibgericht: Gulasch mit Spätzle. Die Geschichte vom verrückten Deutschen, der erst Kokain ins Land brachte und dann deutsche Kochkunst, sprach sich herum. Es kam sogar der „Spiegel“ vorbei und machte ein Interview. Im vergangenen Juli entschied Naumann: Es reicht. Die Wärter, sagt er, hätten mehr und mehr von seinen Gewinnen gefordert, am Ende zahlte er drauf. „Da habe ich Schluss gemacht. Ich lasse mich hier nicht fertig machen.“
Er arbeitet jetzt an einem Blog, mit Hilfe seines Laptops und der Sim-Karte hält er Kontakt nach draußen, vielleicht schreibt er auch ein Buch. Sonst ist nicht viel zu tun, er schläft so viel wie möglich, manchmal zwölf Stunden. Freunde will Naumann hier nicht. Nur einen anderen deutschen Gefangenen, den mag er. Mit ihm spricht er. Und alle zwei Wochen kommt ein deutscher Auswanderer vorbei und bringt ihm ein Frühstück von McDonalds. Seine thailändische Verlobte war noch nicht da. Seit fünf Monaten hat er keinen Kontakt mehr zu ihr.
Im Block B hat er eine kleine Zelle für sich allein, 3,5 Quadratmeter, aber diesen kleinen Luxus gibt es nicht umsonst. Die Miete beträgt umgerechnet zwölf Euro im Monat.
Die Zustände, sagt er, seien katastrophal. Ständig Stromausfall, so gut wie nie warmes Wasser, kaum Medikamente. Nur eines klappe perfekt, der 24-Stunden-Drogen-Lieferservice. Sieben Morde, sagt Naumann, habe er in drei Jahren in Kerobokan erlebt: „Einmal wurde einem Typen neben mir der Bauch aufgeschlitzt. Alles war voller Blut.“ Und die Wärter? Hätten einfach nur zugeschaut und seien nicht eingeschritten.
„Ich hasse dieses Land“, sagt er nun
„Korruption“, sagt Naumann, „ist ein großes Problem hier. Für alles muss man bezahlen.“ Er deutet auf ein Verkehrsschild am Rande des großen Platzes, dabei gibt es im Gefängnis keine Autos, keine Mopeds oder Räder. Aber der Gefängnischef wolle, dass es dort stehe. Und die Häftlinge, erzählt Naumann, hätten es bezahlen müssen. „Ich möchte hier mit niemandem etwas zu tun haben. Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass mir diese Leute sagen, was ich zu tun habe. Ich hasse dieses Land.“
Was auch daran liegen mag, dass er außer Kerobokan nichts kennt. Dabei liegen die Strände von Kuta und Seminyak nur ein paar Minuten entfernt, wo auf dem Meer die Surfer paddeln und sich die wachsende Hipster-Gemeinde die Bärte kämmt. Über 3,4 Millionen Touristen allein im ersten Halbjahr 2017, vor allem die Australier sagen: „Das ist das Paradies.“ Hans-Peter Naumann sagt: „Das ist die Hölle.“
Zehn Meter neben ihm sitzt ein grauhaariger australischer Kinderschänder. „Wahrscheinlich kommt er früher raus als ich“, sagt der Deutsche. Die Besuchszeit ist vorüber, die Wärter schieben die Gäste vom großen Platz in Richtung Ausgang. Naumann bleibt sitzen, die Sonne brennt auf der Haut, er schwitzt vor sich hin. Zum Abschied sagt er: „Ich bin jetzt 50 Jahre alt. Ich kann hier nicht bleiben, bis ich 62 bin.“

erschienen in der WELT am SONNTAG vom 28. Januar