Vor neun Monaten verhängten Freiburger Nachtklubbetreiber ein Einlassverbot für Geflüchtete. Nach einer Welle der Empörung sind sie zurückgerudert. Doch die Probleme sind davon nicht kleiner geworden

In einer lau­war­men Spät­som­mer­nacht in der Frei­bur­ger In­nen­stadt sit­zen vier ma­rok­ka­ni­sche Män­ner auf einer Mauer und star­ren ins Dunkle. Sie tra­gen Baggy-Jeans mit Nie­ten und Lö­chern, die Schuhe weiß und blau, sil­berne Ket­ten um den Hals; sie könn­ten als Hip-Hop-Band durch­ge­hen. Gleich ne­benan liegt die Dis­ko­thek “A­gar”, auch die “Ma­ria Bar” ist nur einen Stein­wurf ent­fernt.

Nacht­klubs, die die vier Jungs frü­her ein­mal be­sucht ha­ben, jetzt ver­su­chen sie es nicht mal mehr, son­dern schla­gen sich am Wo­chen­ende die Nächte vor den Türen der Par­ty­tem­pel um die Oh­ren. “Sie wol­len uns nicht”, sagt ei­ner. Weil von Men­schen wie ih­nen, von Flücht­lin­gen, eine Ge­fahr aus­geht?

“Gewisse Probleme in den Griff kriegen”

Das war der Ein­druck, der im Früh­jahr in Frei­burg im Breis­gau ent­stan­den war, und des­we­gen ent­schie­den sich Klub­be­trei­ber in der 230.000-Ein­woh­ner-Stadt für einen dras­ti­schen Schritt: Sie ver­häng­ten ein pau­scha­les Ein­lass­ver­bot für die rund 3570 Flücht­linge der Stadt. Ei­nige taten dies, ohne es öf­fent­lich kund­zu­tun, an­dere gin­gen in die Of­fen­sive – so wie das “White Rab­bit”, ein Eta­blis­se­ment, das ganz und gar nicht im Ver­dacht steht, etwas gegen Flücht­linge zu ha­ben. Der Klub ist links-al­ter­na­tiv, Män­ner und Frauen aus allen Län­dern der Welt waren will­kom­men – bis Ende Ja­nu­ar.

Dann schrie­ben die Be­trei­ber in einer E-Mail an Par­ty­ver­an­stal­ter, “dass wir vor­erst keine Men­schen mehr in das White Rab­bit rein­las­sen wer­den, die nur eine Auf­ent­halts­ge­stat­tung be­sit­zen”. Von einer Mes­se­r­at­ta­cke auf Tür­ste­her, se­xu­el­len Be­läs­ti­gun­gen ge­gen­über Frau­en, Ver­ab­rei­chen von K.-o.-Trop­fen und sogar von einer ver­such­ten Ver­ge­wal­ti­gung ist in dem Schrei­ben die Rede.

Man sehe der­zeit kei­nen an­de­ren Weg, so die Be­trei­ber des “White Rab­bit” da­mals, “wie wir ge­wisse Pro­bleme mit Ge­flüch­te­ten in den Griff krie­gen kön­nen”. Stamm­gäste kämen nicht mehr und viele weib­li­che Be­su­cher fühl­ten sich nicht mehr wohl. Die “Ba­di­sche Zei­tung” nannte wei­tere Bei­spiele für eine neue Tür­po­li­tik und ti­tel­te: “Kein Zu­tritt mehr für Flücht­linge in Frei­burgs Klubs und Dis­ko­the­ken.”

Debatte nicht öffentlich führen

Das sorgte für Dis­kus­sio­nen. Aus­ge­rech­net Frei­burg, diese sym­pa­thi­sche Stadt tief im Süd­wes­ten Deutsch­lands, seit 14 Jah­ren von den Grü­nen re­giert, mit einem hohen Maß an Bür­ger­be­tei­li­gung in der Po­li­tik – und plötz­lich ein Ort, an dem Flücht­linge aus­ge­grenzt wer­den? Das klang ziem­lich ver­wir­rend, schwer zu glau­ben, aber so war es. Und nun? Was ist aus der gan­zen Sache ge­wor­den? Ist es jetzt ru­hi­ger in Frei­burg, si­che­rer? Müs­sen Flücht­linge immer noch drau­ßen blei­ben?

Geht es nach den Be­trei­bern des “White Rab­bit” selbst, hätte sich nie je­mand auf­re­gen dür­fen. Noch im Ja­nuar kan­zel­ten sie die Be­richt­er­stat­tung über ihre Ein­trittss­perre als rei­ße­risch und po­le­misch ab. Der “Voy­eu­ris­mus der Stamm­ti­sche und Rechts­po­pu­lis­ten” würde be­dient. Bloß: Die An­ord­nung, keine Flücht­linge mehr rein­zu­las­sen, hatte es tat­säch­lich ge­ge­ben. Der Klub er­klär­te, man habe die De­batte nie “im öf­fent­li­chen Raum” füh­ren wol­len. Aber warum nicht? Auf Ge­sprächsan­fra­gen der “Welt” rea­gierte das “White Rab­bit” nicht.

“Gebiete, in denen man sich nachts nicht aufhält”

Für Peter Bitsch gibt es einen ein­fa­chen Grund: Ver­blen­dung. “Dass Flücht­linge Ärger ma­chen, passt ein­fach nicht zu ihrer Welt­an­schau­ung. Des­we­gen kön­nen sie nun nicht mit der Si­tua­tion um­ge­hen”, sagt der 51-Jäh­ri­ge, eine In­sti­tu­tion im Frei­bur­ger Nacht­le­ben. Einst ge­hör­ten ihm drei Lä­den, mitt­ler­weile führt er noch das “Ka­gan”, di­rekt am Haupt­bahn­hof ge­le­gen, mit Blick über die ganze Stadt; ein schi­cker La­den.

Bitsch sagt, dass es im Frei­bur­ger Nacht­le­ben in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren viel ge­fähr­li­cher ge­wor­den sei, ge­rade für Frau­en. Durch den Flücht­lings­strom im ver­gan­ge­nen Jahr habe sich die Si­tua­tion wei­ter zu­ge­spitzt. Die Po­li­zei kann das nicht be­stä­ti­gen, eine Spre­che­rin teilte mit, es gebe “k­eine ekla­tante Lage vor Dis­ko­the­ken”, weder im Ja­nuar noch heu­te: “Wir ken­nen keine Dun­kel­zif­fern, wir kön­nen nur un­sere Rea­li­tät wie­der­ge­ben.”

Die Rea­li­tät von Peter Bitsch ist eine an­de­re. “Es gibt mitt­ler­weile be­stimmte Ge­biete in Frei­burg, in denen man sich nachts nicht auf­häl­t.” Wie im Ja­nuar das “White Rab­bit”, so be­rich­tet er heute da­von, dass Frauen in und vor den Klubs be­läs­tigt wer­den wür­den. “Ich höre immer wie­der, dass Frauen er­zäh­len, wie sie als ‘Nut­ten’ und ‘Hu­ren’ be­schimpft wur­den, weil sie frei­zü­gig fei­ern ge­hen.”

Bitsch ist ein schar­fer Kri­ti­ker der Flücht­lings­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung, dass so viele Men­schen un­kon­trol­liert ins Land kom­men konn­ten, macht ihn wü­tend. “Es sind immer die glei­chen Leu­te, die nachts Ärger ma­chen. Vor allem Nord­afri­ka­ner”, sagt er. “Ich habe es noch nie er­lebt, dass sich ein Syrer da­ne­ben be­nom­men hat.”

Dür­fen bei ihm Flücht­linge fei­ern? Bitsch ant­wor­tet aus­wei­chend. “Grö­ßere Männer­grup­pen haben bei mir kei­ner­lei Chan­ce, auch ko­mi­sche Typen kom­men nicht rein”, sagt er. Seine bei­den Tür­ste­her kom­men aus der Tür­kei und aus dem Li­ba­non, “sie sind in­te­griert, sie ken­nen ihre Pap­pen­hei­mer. Ihnen ist be­wusst, dass in ei­ni­gen Län­dern eine an­dere Auf­fas­sung in Sa­chen Recht, Ord­nung und Frauen herrscht.”

“Dieses Problem kam aus dem Nichts”

Bitsch ge­hört zu den we­ni­gen Klub­be­trei­bern, die offen über die Si­tua­tion in Frei­burg re­den. Wenn sonst je­mand spricht, dann meist an­onym. Der Te­nor: Wenn Flücht­linge Haus­ver­bot be­kom­men, wird das Pro­blem nur ver­la­gert, und zwar vor die Türen der Klubs – ge­löst wird es nicht. Immer wie­der wür­den Flücht­linge weib­li­chen Par­ty­gäs­ten in dunklen Ecken auf­lau­ern, sagt Bit­sch. “Ich weiß wirk­lich nicht, wie sich die Si­tua­tion ver­bes­sern soll.” Diese Rat­lo­sig­keit, sie hat sich breit­ge­macht bei je­nen, die im Nacht­le­ben ihr Geld ver­die­nen.

Bür­ger­meis­ter Ul­rich von Kirch­bach (SPD), ver­ant­wort­lich für Kul­tur, Ju­gend und So­zia­les, ist von Re­si­gna­tion weit ent­fernt, oder er tut nur so. “Die­ses Pro­blem kam aus dem Nichts”, sagt er über die im Ja­nuar ver­häng­ten Ein­lass­ver­bo­te. “Aber wir haben uns so­fort darum ge­küm­mert. Klar war, dass wir eine of­fe­ne, to­le­rante Stadt sein, aber das Thema Si­cher­heit gleich­zei­tig nicht ta­bui­sie­ren wol­len.”

Tat­säch­lich haben sich die Frei­bur­ger en­ga­giert, ein Runder Tisch wurde or­ga­ni­siert, neben der Stadt und der Po­li­zei sind Klub­be­trei­ber wie Peter Bitsch und Flücht­lings­i­ni­tia­ti­ven da­bei. Zu­min­dest of­fi­zi­ell gibt es keine pau­scha­len Ein­lass­ver­bote für Flücht­linge mehr, es wird nun auf einen bun­ten Strauß an Maß­nah­men ge­setzt.

Meh­rere Dis­ko­the­ken haben zu­sätz­li­che, weib­li­che Tür­ste­her ein­ge­setzt. Weib­li­che Par­ty­gäste wer­den, so­fern sie sich nicht si­cher füh­len, zwi­schen zwei und sechs Uhr nachts vom Si­cher­heits­per­so­nal der Klubs nach Hause be­glei­tet. Busse fah­ren die ganze Nacht. In ei­ni­gen Läden hän­gen Schil­der mit der Auf­schrift “K­eine To­le­ranz für Über­grif­fe”. Nicht nur Dis­ko­the­ken, auch immer mehr Bars set­zen nun Tür­ste­her ein, und wer in einem Klub Haus­ver­bot er­hält, kommt auch in alle an­de­ren nicht mehr rein. Die Eta­blis­se­ments ar­bei­ten jetzt Hand in Hand.

Männliche Flüchtlinge nach Hause begleiten

Reicht das, um das Frei­bur­ger Nacht­le­ben wie­der si­cher zu ma­chen? Bür­ger­meis­ter von Kirch­bach sagt, auch die Sen­si­bi­li­sie­rung der Men­schen für das Thema habe für eine Ver­bes­se­rung der “sub­jek­ti­ven Si­cher­heits­la­ge” ge­sorgt. “Sie pas­sen bes­ser auf sich selbst und auf ihr Um­feld auf. Falls sich etwas Selt­sa­mes er­eig­net, rea­gie­ren sie schnel­ler und holen im Zwei­fels­fall Hil­fe.”

Dass Frei­burg des Pro­blems schon Herr ge­wor­den sei, be­haup­tet auch der Bür­ger­meis­ter nicht, zu­min­dest noch nicht. Und so wer­den sich die Be­tei­lig­ten des Run­den Ti­sches kom­mende Woche wie­der tref­fen. Eine äl­tere Idee, die immer noch nicht vom Tisch ist: Nicht nur ängst­li­che Frauen nach Hause zu be­glei­ten, son­dern auch se­pa­rat männ­li­che Flücht­lin­ge. Frei­wil­lige und Tür­ste­her sol­len diese Auf­gabe über­neh­men und ab­schät­zen, ob je­mand ge­fähr­lich sein könnte oder nicht.

Die Po­li­zei, so ist zu hö­ren, hält gar nichts da­von.

erschienen in der WELT am 28. September 2016