Chiles Fußball-Chef Mayne-Nicholls führte die Fifa-Kommission, die Katar und Russland zu guten WM-Gastgebern erklärte. Weil er nebenbei versuchte, einen Bonus für Familienmitglieder rauszuschlagen, wurde er nun gesperrt.

AUS ZÜRICH

Als im Herbst vergangenen Jahres publik wurde, dass die Ethikkommission der Fifa gegen ihn ermittelt, da gab sich Harold Mayne-Nicholls noch sehr selbstbewusst. Es sei “wirklich seltsam”, sagte der 53 Jahre alte Chilene, dass das Gremium “Energie, Zeit und Geld für eine solche Untersuchung” verschwende. Das Signal, das der Mann aussenden wollte, war: Ich habe nichts zu befürchten.

Da hat sich Mayne-Nicholls offenbar geirrt. Am Montagabend hat die Ethikkommission des Fußball-Weltverbandes bekannt gegeben, dass sie Mayne-Nicholls für sieben Jahre für alle Fußball-Aktivitäten gesperrt hat. Einen Grund gab die Kommission nicht an und verwies darauf, dass dem Gesperrten noch weitere Rechtsmittel zur Verfügung stehen. Erst nach rechtskräftiger Verurteilung sollen weitere Details veröffentlicht werden.

Ein verhängnisvoller Brief

Der gesamte Vorgang ist typisch für die intransparente Arbeit der Fifa, aber auch ohne offizielle Verlautbarungen ist eine Menge über die Causa Mayne-Nicholls bekannt. Der ehemalige chilenische Fußball-Präsident war der Vorsitzende jener Kommission der Fifa, die die Bewerber für die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 genauestens unter die Lupe nahm und Evaluierungsberichte zu allen Kandidaten schrieb.

Die beiden Staaten, für die das Exekutivkomitee der Fifa schließlich votierte, bekamen von Mayne-Nicholls und seinen Kollegen die schlechtesten Noten. Russland für 2018 und Katar für 2022 lagen in der Bewertung jeweils auf dem letzten Platz, im Zusammenhang mit Katar wurde vor allem auf die Sommerhitze mit Temperaturen von bis zu 50 Grad hingewiesen.

Das Problem bei der Arbeit von Mayne-Nicholls: Noch vor dem Abschluss seiner Inspektionsarbeit, einige Wochen vor der WM-Vergabe, wandte er sich per E-Mail an Andreas Bleicher, den Chef der “Aspire Academy”, dem größten Sportzentrum des Wüstenstaats.

Mayne-Nicholls erkundigte sich bei dem Deutschen, ob es Trainingsgelegenheiten in Doha für Nachwuchskicker aus Chile gebe, darunter sein Sohn und sein Neffe. Auch die mögliche Anstellung eines Tennislehrers aus seinem Umfeld diskutierte er mit Bleicher. Dieser entschied schließlich, sich nicht auf eine Zusammenarbeit einzulassen.

Wollte Blatter einen Gegner loswerden?

Der E-Mail-Verkehr der beiden landete schließlich bei der Fifa-Ethikkommission, die im vergangenen Jahr Ermittlungen gegen Mayne-Nicholls einleitete. Der Chilene gab an, er habe nicht gewusst, dass Bleicher und Aspire mit dem katarischen Bewerbungsteam zu tun haben. Verwunderlich daran ist, dass Bleicher selbst in dem sogenannten “Bid Book” Katars auftaucht. Dieses wiederum dürfte Mayne-Nicholls mit in seine Bewertung des Emirats einfließen lassen haben.

Im Herbst vergangenen Jahres kamen Journalisten in den Besitz von Ermittlungsunterlagen und witterten eine Verschwörung. Demnach würde der damalige Fifa-Chefermittler Michael Garcia nur gegen Mayne-Nicholls ermitteln, weil dieser überlege, bei der Präsidentschaftswahl gegen Sepp Blatter anzutreten. Tenor: Garcia stecke mit Blatter unter einer Decke. Kurz darauf trat Garcia zurück und kritisierte die Fifa-Spitze; Blatter sah ziemlich alt aus.

Garcias Nachfolger Cornel Borbély, ein Schweizer Jurist, führte die Ermittlungen gegen Mayne-Nicholls weiter. Hans-Joachim Eckert, der Ethik-Richter der Fifa, kam nun zu seinem Urteil: sieben Jahre Sperre. Borbély, so erfuhr die “Welt”, hatte sogar eine neunjährige Sperre beantragt. Mayne-Nicholls war für die “Welt” am Dienstag telefonisch nicht zu erreichen, er hatte schon zuvor erklärt, sich derzeit nicht zu dem Verfahren äußern zu wollen.

Ob er allein für seine Anfrage an Aspire-Boss Bleicher bestraft wurde oder ob es weitere Verdachtsmomente gibt, ist unklar. Ein hochrangiger Fifa-Mitarbeiter sagte der “Welt”: “Wenn der Chef dieser Kommission um einen Gefallen in Katar bittet, dann wirft das einen Schatten auf die gesamte Bewertung der einzelnen Bewerberländer. Hier gibt es noch viel Aufklärungsbedarf.”

Umstrittener Tognoni als Unterstützer

Es gilt als sicher, dass der Funktionär in weiteren Instanzen für seine Unschuld kämpfen wird; er könnte bis zum Internationalen Sportgerichtshof (Cas) ziehen. Dabei kann er auf prominente Hilfe bauen: Wie die “Welt” erfuhr, wird Mayne-Nicholls in dem Ermittlungsverfahren von dem Schweizer Guido Tognoni beraten und unterstützt.

Tognoni, einst Mediendirektor des Verbandes, ist mittlerweile der größte Kritiker der Fifa, ihres Präsidenten und der Ethikkommission. Gleichzeitig vertritt er, wie die “Welt am Sonntag” Ende Juni enthüllte, ausgerechnet den Inder Najeeb Chirakal in einem Verfahren der Ethikkommission. Chirakal war Privatsekretär des Katarers Mohammed Bin-Hammam, der Schmiergelder in Millionenhöhe gezahlt haben soll.

Dass Tognoni auch mit Mayne-Nicholls zusammenarbeitet, bestätigte er am Dienstagvormittag. Er sei seit Jahren mit dem Chilenen “freundschaftlich verbunden” und bekomme für seine Dienste kein Geld. Er kritisierte das Urteil der Ethikkommission scharf. Die Strafe sei völlig unverhältnismässig, sagte er: “Mitglieder des Exekutivkomitees, die Stimme gegen Geld angeboten haben, wurden mit einem und drei Jahren Sperre bestraft.” Wenn Mayne-Nicholls derart hart bestraft wird, “müsste man für Mitglieder des Exekutivkomitees 50 Jahre Steinbruch fordern.” Mayne-Nicholls’ Verhalten sei “richtig doof” gewesen, sagte Tognoni, “aber er ist ganz sicher nicht kriminell.”

Joseph S. Blatter hat wenige Tage nach seiner Wiederwahl zum Fifa-Präsidenten seinen Rücktritt verkündet. Er habe Zweifel daran, dass er noch den Rückhalt der gesamten Fußballwelt habe. “Daher habe ich entschieden, mein Mandat bei einem außerordentlichen Wahlkongress niederzulegen”, sagte Blatter. Nun prüft Blatter offenbar den Rücktritt vom Rücktritt.