Ján Kuciak recherchierte zu Korruption in der Slowakei. Vor einer Woche wurden er und seine Verlobte brutal ermordet. Offenbar ein Angriff auf die Pressefreiheit, mitten in der EU. Der Zorn im Lande wächst

Hier also starben sie, Ján Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova, irgendwann zwischen Mittwoch und Samstag vergangener Woche, hier in Velka Maca. Ein Ort im Westen der Slowakei, 2500 Einwohner, eine Kirche, ein Postamt, ein Supermarkt, eine Apotheke. Am Dorfrand die Straße Berzova, eine Sackgasse. Das dritte Haus rechts ist ein vor sich hin bröckelnder Steinbau mit einem kleinen Balkon und der Nummer 558. Ein Briefkasten ohne Namen, durch ein Loch im rostigen Eisentor blickt man in einen kleinen Hof, in dem Bauschutt und ein paar Plastikplanen liegen. In diesem Haus ist es passiert.

Ján Kuciak und Martina Kusnirova wurden ermordet, sie starben durch Schüsse in Brust und Kopf. Die Frage, wer die Schüsse abgefeuert hat, ist Gegenstand von Ermittlungen der slowakischen Polizei und der Staatsanwaltschaft. Die Antwort auf die Frage jedoch, warum die Schüsse abgefeuert wurden, scheint klar: Weil Kuciak ein Journalist war, der Korruptionsskandale enthüllte. Weil er sich mit mächtigen Leuten anlegte. Oder ganz simpel: weil er seinen Job machte.

Der Eingangsbereich des Redaktionsgebäudes von Ringier Axel Springer

Der Eingangsbereich des Redaktionsgebäudes von Ringier Axel Springer

Darum lebt er nicht mehr. Er wird nie mehr zurückkehren in sein bröckelndes Häuschen, in das er erst im Sommer vorigen Jahres gezogen war. In dem er sich mit Martina ein gemeinsames Leben aufbauen wollte, die Heirat stand kurz bevor. Das Haus, das er nach und nach renovieren wollte. Von wo aus er jeden Morgen losfuhr in die Hauptstadt Bratislava, um für die Online- Zeitung “Aktuality.sk” zu arbeiten. Nun stehen vor dem Haus zwei Dutzend Kerzen und ein paar Rosensträuße. Polizisten haben das rostige Eisentor versiegelt. Martina Kusnirova wurde am Freitag in ihrem Hochzeitskleid beerdigt. Ján Kuciaks Eltern trugen ihren Sohn am Samstag zu Grabe. Wie konnte es dazu kommen?

Ein Statement, das international kaum Beachtung fand, könnte helfen, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Es stammt aus dem November 2016, damals wurden Premierminister Robert Fico und seiner sozialdemokratischen Regierung dubiose Praktiken bei der Vergabe öffentlicher Aufträge vorgeworfen. Als “dreckige, antislowakische Prostituierte” beschimpfte Fico daraufhin die Reporter. Es war nicht sein erster Ausfall, schon früher hatte er Journalisten als “Hyänen” und “Schlangen” bezeichnet.

Das Verhalten von Fico, seit 2012 zum zweiten Mal Regierungschef, sagt viel über das Klima aus, in dem sich die kritische Presse in der Slowakei bewegt. Es lässt darauf schließen, dass es Journalisten wie Ján Kuciak nicht leicht haben. Dass ihnen von großen Teilen der Politik und Gesellschaft wenig Respekt entgegengebracht wird. Oder wie es dieser Tage ein Reporter in Bratislava sagte: “Dass Journalisten für die Mächtigen Abschaum sind.”

Das mag so sein, aber dennoch: ein Mord? Noch im August vorigen Jahres hatte Kuciak einer Studentenzeitung ein Interview gegeben. Darin sprach er über seine Arbeit. Die größte Gefahr? Dass ihn jemand vor Gericht ziehe, sagte Kuciak. Und weiter: “Heute würde es niemand riskieren, einfach so einen Journalisten zu attackieren.”

Ein halbes Jahr später war er tot.

Vieles erinnert an den Mord auf Malta

Journalist Martin Turcek in Bratislava

Journalist Martin Turcek in Bratislava

Darum muss Martin Turcek die Recherchen, die er mit Kuciak begann, jetzt allein weiterführen. Der junge Mann sitzt in einer kleinen Wohnung am Rande Bratislavas, zwei Polizisten sind hier, um Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Turcek sagt, Ján sei mehr als nur ein Kollege gewesen. Was er für ein Kerl war? “Er hat immer gelacht. Er war der Typ, der immer wusste, wie man Recherchen angeht. Er hat allen geholfen. Er hatte eine große Leidenschaft für seine Arbeit”, sagt Turcek.

Als er am Montagmorgen in den Newsroom von “Aktuality.sk” gerufen wurde und Chefredakteur Peter Bárdy seine Leute über die Ermordung Kuciaks informierte, “da habe ich erst einmal eine Stunde geweint”. Turcek ist ganze zehn Tage jünger als Kuciak, auch er ist ein junger Mann, der am Anfang seiner Karriere steht. Er könnte das mit dem Journalismus jetzt sein lassen und etwas Neues anfangen. Aber das kommt für ihn nicht infrage.

“Ich werde Jáns Arbeit fortführen. Alles, was noch herauskommen sollte, wird jetzt noch viel lauter herauskommen”, sagt Turcek. Seine Stimme ist brüchig, aber er wirkt entschlossen: “Es wird allen wehtun, die mit seinem Mord zu tun haben könnten.” Arbeit gibt es genug, das machte Kuciaks letzte Recherche deutlich. Seit einigen Monaten untersuchte der Reporter den Einfluss der italienischen Mafia auf Ficos Regierung. Er warf hohen Beamten Verbindungen zu Geschäftsleuten mit Kontakten zur ‘Ndrangheta vor. Die Mafia, so der Verdacht, soll an EU-Fördergelder gelangt sein, die als Subventionen für die slowakische Landwirtschaft gedacht waren.

Eine Person, über die Kuciak recherchierte, war der Italiener Antonino Vadalà. Ein Unternehmer, wohnhaft im Osten des Landes, schwerreich – und ausgestattet mit guten Drähten zur Elite in der Hauptstadt. Vadalà ist mit Maria Troskova befreundet, einem Ex-Model, das über Nacht zur Assistentin von Premier Fico wurde.

Ist da etwas faul? Kooperiert Bratislava tatsächlich mit der Mafia? Ján Kuciak wollte das herausfinden, er wollte darüber schreiben. Er kam dabei um.

Und jetzt? Was bedeutet dieses Verbrechen für das Land mit seinen fünfeinhalb Millionen Einwohnern, das seit 2004 ein Mitglied der Europäischen Union ist? Und was bedeutet es für eben diese EU, in der zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit ein Journalistenmord begangen wurde?

Gerade einmal viereinhalb Monate ist es her, dass auf Malta die Journalistin Daphne Caruana Galizia mit einer Autobombe in die Luft gesprengt wurde. Auch sie hatte sich mit den Mächtigen ihres Landes angelegt, mit der Regierung um Premierminister Joseph Muscat etwa, von der sie immer wieder verunglimpft wurde. Auch sie bezahlte für ihre Arbeit mit dem Leben.

Die Reaktionen auf beide Morde gleichen einander. Beide Premiers verurteilten die Tat und lobten eine Million Euro für Informationen zur Ergreifung der Täter aus; bloß dass in Bratislava, anders als in Maltas Hauptstadt Valetta, bei der Verkündung dieser Maßnahme auch noch Geldbündel auf den Tisch gelegt wurden.

Beide Regierungen ließen Experten von FBI und Europol ins Land, die bei den Mordermittlungen helfen sollen. In beiden Ländern beteuert man nun, dass das hier kein “Mafia-Staat” sei. Hier wie dort wird behauptet, Justiz und Polizei verrichteten unabhängig ihre Arbeit. Und hier wie dort gibt es an dieser Behauptung Zweifel.

Unterschiede finden sich allerdings bei den Konsequenzen. Auf Malta demonstrierten immer nur wenige für die Aufklärung des Mordes an Galizia und gegen Staatsversagen – obwohl Muscats Regierung noch in deutlich mehr Skandale verwickelt ist als Ficos. Auf Malta wurde die tote Journalistin zum Spielball nationaler Politik. Die Opposition nutzt den Mord, um Stimmung gegen die Regierung zu machen. Die Regierung indessen zuckte mit den Schultern, sie sitzt fest im Sattel. Selbst die zornigen EU-Parlamentarier, die angereist kamen, ließ sie abblitzen. Und die Zivilgesellschaft? Schweigt weitestgehend.

Gedenkmarsch für Jan Kuciak in Bratislava

Gedenkmarsch für Jan Kuciak in Bratislava

Wer in diesen Tagen durch Bratislava spaziert und mit den Menschen spricht, gewinnt den Eindruck, dass die Lage hier anders ist. Am späten Donnerstagabend bleiben immer wieder Spaziergänger vor dem Mahnmal für Ján Kuciak und Martina Kusnirova im Zentrum der Stadt stehen. Ein Kerzenmeer, ein Foto, auf dem die Ermordeten lächeln. Ein junges Paar stellt eine weitere Kerze auf, die Frau kniet vor dem Mahnmal.

25.000 Slowaken auf der Straße

Was ist los in der Slowakei? “Wir wissen es selbst nicht”, sagt die Frau. “Wir sind total geschockt. Wir hätten nie gedacht, dass so etwas passieren kann.” Sie hat keine großen Worte für das, was sie so sehr aufwühlt, so wenig wie ihr Mann. Sie schimpfen nicht, nicht auf Premier Fico, nicht auf andere. Er sagt nur: “So kann es nicht weitergehen. Und so wird es auch nicht weitergehen.” Er sagt es ruhig, aber bestimmt. Sie reden über den Gedenkmarsch für Kuciak am nächsten Tag. “Morgen werden wir sehen, ob es wirklich eine Bewegung für Veränderung gibt. Ich hoffe, dass nicht nur ein paar Hundert kommen werden.”

Am Freitag, bei minus acht Grad, leichtem Schneefall und starkem Wind, versammeln sich dann zunächst etwa 5000 Menschen in der Altstadt. Um Punkt fünf ziehen sie los zum Platz der Freiheit, zum Sitz der Regierung. Und an jeder Kreuzung wächst der Zug weiter an, die Leute strömen aus Häusern, Supermärkten, Cafés auf die Straße. Sie sind jung und alt, tragen zerrissene Klamotten und Business-Outfits. Kinderwagen, Rollstühle.

Menschen mit Protestplakaten, auf denen der Rücktritt der Regierung gefordert wird: “Eine Attacke auf einen Journalisten ist eine Attacke auf uns alle.” Auch hier – keine großen Reden, nur stille Entschlossenheit. Menschen, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben, die stumm einen Fuß vor den anderen setzen. Am Ende sind es 25.000 Slowaken, die hören, wie Christophe Deloire, der Generalsekretär von “Reporter ohne Grenzen”, ihnen zuruft: “Bratislava ist heute die Welthauptstadt der Pressefreiheit.”

Und morgen? Wie WELT am SONNTAG erfuhr, wird am Mittwoch eine Eildelegation des EU-Parlaments in die Slowakei reisen. Die Ziele: Informationen zu dem Mord zu sammeln und die Rechtsstaatlichkeit in der Slowakei unter die Lupe zu nehmen. Der Besuch soll bis Freitag dauern, auf dem Programm stehen Gespräche mit Premier Fico, mehreren Ministern sowie regierungskritischen Journalisten.

Nach dem Mord an Daphne Caruana Galizia auf Malta waren die Parlamentarier schon dorthin gereist. Sie kritisierten die maltesische Regierung scharf. Nun droht auch den Slowaken eine Rüge aus Brüssel. Zur Malta-Dele-gation gehörte der Deutsche Sven Giegold, Mitglied der Grünen-Fraktion. Er reist nun auch nach Bratislava.

“Wir haben es hier mit einer internationalen Demokratiekrise zu tun. Die Zustimmung zur Demokratie sinkt”, sagt er im Blick auf die Journalistenmorde. Und warnt davor, diese Verbrechen als nationale Angelegenheiten anzusehen: “Das ist europäische Innenpolitik. Das Parlament darf dem Verfall von Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit in Mitgliedsstaaten nicht tatenlos zusehen. Sonst ist das ganze Gerede von der EU als Wertegemeinschaft nur Schall und Rauch.”

Im politischen Bratislava gab es bereits Bewegung. Viliam Jasan, Chef des Sicherheitsrats, und die Fico-Assistentin Troskova traten zurück. Kulturminister Marek Madaric lässt sein Amt vorerst ruhen. Aber Verantwortung übernehmen will die Spitze um Premier Fico nicht, das wurde am Freitag deutlich: Statt am Gedenkmarsch teilzunehmen, eröffnete Fico den “Internationalen Frauentag”, mit viel Gesang und Applaus. Ganz so, als habe er mit dieser Staatskrise nichts zu tun. Er will zeigen: Wir haben alles unter Kontrolle.

Der slowakische Polizeichef Tibor Gaspar in seinem Büro

Der slowakische Polizeichef Tibor Gaspar in seinem Büro

Wirklich? Als der slowakische Polizeichef Tibor Gaspar sich am Freitagmittag in seinem Büro Fragen nach seiner Unabhängigkeit stellt, wirkt er ziemlich nervös. Er sagt, solche Fragen ärgerten ihn. Als das Gespräch zu Ende ist, schiebt er plötzlich ungefragt das Bekenntnis hinterher: “Ich bin wirklich für den Schutz von Journalisten.” Muss das denn extra betont werden?

Acht Personen saßen zwischenzeitlich in Haft, darunter jener Italiener Antonino Vadalà, über den Ján Kuciak recherchierte. Am Samstag wurden sieben von ihnen wieder freigelassen. Auch Vadalà ist wieder ein freier Mann.

In Velka Maca, wo Kuciaks bröckelndes Steinhaus nun leblos dasteht, ein versiegelter Tatort, sitzt der parteilose Bürgermeister Stefan Lancz in seinem Büro und sagt: “Hier gab es mal einen Diebstahl oder einen Autoaufbruch, aber sonst nichts. Die Leute haben nicht mal ihre Haustür abgeschlossen.” In der Kirche trauern sie um das junge Paar, zum Gottesdienst am Donnerstag kommen mehr als doppelt so viele Menschen wie normalerweise.

Die Leute von Velka Maca wissen von den 30 Überwachungskameras im Dorf. Wussten auch die Täter davon? Sind sie auf den Bildern zu sehen? Die Polizei war vor ein paar Tagen hier und hat das Videomaterial abgeholt. Bürgermeister Lancz hatte keine Zeit, es sich vorher anzuschauen. Er hofft jetzt, dass die Aufnahmen nicht irgendwie verschwinden.

erschienen in der WELT am SONNTAG am 4. März 2018