Vor einem Jahr brach David Britsch in Schwerin zur Reise seines Lebens auf – zu Fuß nach Jerusalem. Kurz vor Syrien wurde der Pilger gestoppt. Seit April sitzt er in türkischer Haft. Niemand weiß, warum.

Zwei Tage, bevor David Constantin Britsch seine Freiheit verlor, grübelte er über die Frage, wie es nun weitergehen solle. In Schwerin war er aufgebrochen, zu Fuß, am 21. November 2016, drei Tage nach seinem 54. Geburtstag. Jerusalem war sein Ziel. Diesem war er nach fünf Monaten unterwegs erstaunlich nahe gekommen – nur noch 30 Kilometer waren es bis zur syrischen Grenze. Dort, in der türkischen Stadt Antakya, setzte er sich an seinen Laptop und schrieb einen neuen Blogeintrag.

Britsch hatte sich vor seiner Reise um ein Visum für das vom Krieg geschundene Land bemüht, aber erfolglos; nun war der Plan, es direkt an der Grenze zu versuchen. Wollte er sein Ziel Jerusalem erreichen, hatte er keine andere Wahl: Er musste durch Syrien. Aber so weit kam es nicht. Am 2. April 2017 wurde Britsch in der Nähe von Antakya festgenommen. Seitdem ist er von der Bildfläche verschwunden, das Handy ausgeschaltet, der Blog offline genommen, die Reise seines Lebens endete in Haft.

Endstation war und ist bis heute nicht wie ersehnt die Heilige Stadt, sondern ein Ort namens Askale in der türkischen Provinz Erzurum – das Abschiebegefängnis. Dort sitzt Britsch nach Angaben seiner Familie in einer Zelle mit sieben anderen Gefangenen, hat einmal täglich Hofgang, darf alle zwei Wochen auf einen Sportplatz – und er hofft, dass man ihn nicht vergisst. Statt längst wieder bei seiner Familie zu sein und zu arbeiten, ist er ein Gefangener, seit sieben Monaten nun schon. Wie konnte es so weit kommen? Und wie soll das enden und wann?

 

"Wir sind total hilflos", sagt der Bruder Tillmann Nöldeke
„Wir sind total hilflos“, sagt der Bruder Tillmann Nöldeke

 

 

Das sind die Fragen, die sich auch Britschs Bruder Tillmann Nöldeke stellt. Der 54 Jahre alte Lehrer sitzt in seinem Haus am Stadtrand von Köln. Er trägt Pullunder überm schwarz-weiß gestreiften Hemd und trinkt ein Glas Wasser. Ein unaufgeregter Typ mit leiser Stimme, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Mittlerweile verliert aber auch er die Geduld.

Nöldeke spricht von einer „extremen Belastung für die ganze Familie, man kann sich das gar nicht vorstellen. Wir sind total hilflos.“ Obendrein belastend ist die Tatsache, dass ihr beider Vater todkrank ist. „Wir wissen nicht, wie lange er noch lebt.“ Nöldeke wünscht sich so sehr, dass sein Bruder den Vater noch einmal sieht. Der will, sobald er frei ist, zu ihm reisen.

Was Britsch vorgeworfen wird, darüber ist aus der Türkei nichts zu hören. Auch das Auswärtige Amt gibt dazu keine Auskunft. Es heißt nur, der Fall sei bekannt, und man bemühe sich „auf allen Ebenen“ um seine Ausreise. Die deutsche Botschaft in der türkischen Hauptstadt Ankara betreue Britsch konsularisch, man habe ihn mehrfach besucht. Ob die Inhaftierung, wie sein Bruder vermutet, tatsächlich politisch motiviert ist? Die Familie hat Mails der Botschaft erhalten, die bestätigen, dass es keinerlei strafrechtliche Vorwürfe gegen Britsch gibt. Warum er dann in Haft sitzt? Kein Kommentar.

Ohne Geld von Schwerin nach Israel

David Britsch, Pädagoge, wohnhaft in Schwerin, Vater von fünf erwachsenen Kindern, brach zu seiner ungewöhnlichen Reise als eine Art Pilger auf – von Schwerin ohne Geld in Richtung Israel. In seinem Blog bezeichnete er das, was er vorhatte, mit Blick auf den Krieg in Syrien und die Lage in der Türkei als „eine echte, tiefinnerliche Friedensinitiative“, „eine Demonstration der Solidarität und des wahrhaftigen Mit-Leidens“. Er schrieb über seine Wanderung: „Sie will – wie jede Pilgerreise – eine Art großes Gebet mit den Füßen sein.“

Britsch lief über Berlin und Ausschwitz, zog weiter über die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien in die Türkei. Dort kam er am 8. Februar an und ging in östlicher Richtung durch das Land. In einer Chronologie der Reise, die seine Familie erstellte, heißt es, ab Ende März sei er im Südosten der Türkei immer wieder von der Polizei gestoppt und kontrolliert worden.

Britsch habe immer wieder erklären müssen, warum er dort sei, und seinen Pilgerbrief gezeigt. An seiner Reise nach Jerusalem und dem Plan, sich an der Grenze ein Visum für Syrien zu besorgen, habe die Polizei nichts auszusetzen gehabt. Auch für den Fall einer Zurückweisung an der Grenze hatte Britsch einen Plan: Dann wollte er per Schiff weiterreisen.

Und so habe ihm die Polizei nur eine Auflage erteilt: Seine Reise dürfe er nur auf Nationalstraßen fortsetzen. Daran habe sich Britsch gehalten, sagt sein Bruder. Trotzdem wurde er am 2. April im Süden Antakyas, wo er zuvor jenen Blogeintrag verfasst hatte, festgenommen und ins Abschiebezentrum der Stadt gebracht. Drei Tage später wurden die deutschen Behörden informiert. Sein Bruder sagt, damals hätten die Behörden angegeben, David Britsch habe sich in einem Sperrgebiet aufgehalten. Britsch bestreitet das.

Und so sitzt er nun seit sieben Monaten in türkischer Haft; von Antakya wurde er nach Askale im Nordosten des Landes verlegt. Dort besuchten ihn Mitarbeiter der deutschen Botschaft, einmal in der Woche darf er fünf Minuten lang mit seiner Familie telefonieren. „Er fühlt sich dem türkischen Staat komplett ausgeliefert“, sagt sein Bruder und schüttelt den Kopf. „Wir können nicht viel tun außer hoffen, dass dieser Albtraum bald endlich zu Ende ist.“

Das wäre er fast gewesen – vor einem halben Jahr schon. Damals, wenige Tage nach seiner Inhaftierung, wollten ihn die türkischen Behörden in ein Flugzeug nach Berlin setzen, das Ticket war schon gekauft. Aber Britsch wollte das nicht. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, sagte er sich – er glaubte an den türkischen Rechtsstaat sowie seine schnelle Freilassung und pochte auf sein Ziel: in Jerusalem ankommen, und zwar zu Fuß. Heute würde sich David Britsch anders entscheiden als im April.

erschienen in der WELT am 21. November 2017