David Britsch wollte nach Israel pilgern, zu Fuß, ohne Geld. Er schaffte es bis kurz vor die syrische Grenze – und landete für fast neun Monate in türkischer Haft. Ein Besuch nach der Freilassung

Von einem Tag auf den anderen war er bekannt, ein bisschen berühmt sogar – und blieb doch ein Phantom: der Pilger. Dieser Typ, der nach Jerusalem wollte, zu Fuß und ohne Geld, und im türkischen Knast landete. Vorigen April war das. Kurz vor der syrischen Grenze wurde er verhaftet und verschwand in Abschiebehaft für den Rest des Jahres. Was hatte er angestellt? Keine Ahnung. Nichts eigentlich. Aber nun interessierten sich plötzlich Medien für sein Schicksal, sein Fall wurde zum Politikum, er bekam einen Namen: David Britsch, 55, aus Schwerin. Eingesperrt in der Türkei, seiner Freiheit beraubt und seines Pilgertraums.

Und nun ist er frei. Sitzt in seinem Wohnzimmer in Schwerin und nippt am Kaffee. Ein großer Mann mit Händen, so kräftig, als könnte er einem zur Begrüßung den Arm ausreißen. Mit Augenbrauen, struppig wie Salzkraut. Mit einem habituellen Lächeln, das tiefe Falten in seine Wangen gräbt. Was ist das für ein Mann? Und was hat die neunmonatige Gefangenschaft mit ihm gemacht? Ist alles okay?

Man kommt erst nicht zu solchen Fragen, es drängt Britsch zu reden, nicht über persönliche Petitessen seiner Haft, nein, über die großen Themen. Über die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, die seiner Meinung nach alsbald beendet werden sollten. Die Türkei habe zwar ihr Recht an „demokratische Gepflogenheiten“ angepasst, „aber Beamte, unten wie oben, scheren sich nicht um Gesetze“. Rechtsstaatliche Regeln seien das Papier nicht wert, auf dem sie stünden. All das, referiert Britsch, „kann nur zu einer Katastrophe führen“.

Er ist der Türkei so nahe gekommen wie kaum ein anderer. Ende 2016 zog er in Schwerin los, vier Monate lang wanderte er über Berlin, Breslau und bewusst auch über Auschwitz, durch die Karpaten und Bulgarien in Richtung Jerusalem, am 2. April 2017 wurde er in der Südtürkei festgenommen. Fast neun Monate saß er in Haft, zuletzt in Ashkale in der Provinz Erzurum. Bis heute hat man ihm nicht gesagt, warum.

Über die Türken spricht er freundlich. Viele Imame habe er getroffen, arme und gut gestellte Leute, Kurden und Kurdenhasser und im Gefängnis dann Wärter, Geheimpolizisten, Ärzte. Er nennt die Türken „gastfreundlich, fleißig, solide“. Viele halfen ihm, mit einem Bett, einem Tee, ein wenig Geld. Aber auch dies müsse er sagen: „Die meisten Türken sind offen für einen autoritären Regierungsstil.“

Und viel Antisemitismus habe er auf seinem Weg angetroffen und oft gehört, Hitler habe es richtig gemacht. Die Liebe zu Verschwörungstheorien im Orient, auch sie lernte er kennen. Immer noch irritiert, erzählt er, ein Türke habe ihn darin bestärkt, durch Syrien zu gehen, und zwar mit dem Argument: „Ich würde dann sehen, dass allein Juden und Amerikaner am Zwist dort schuld seien.“

Wie aber war denn nun die Haft – schlimm? „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, sagt Britsch und grinst ein breites Grinsen. „Ich hatte zu essen, ein Bett und viel Ruhe.“ Natürlich sei er auch mal verständnislos und frustriert gewesen, „aber es gab auch gute Seiten bei der Aktion. Es war ja klar, das würde keine Wellnessreise werden.“ Dass er in existenzielle Schwierigkeiten geraten könnte.

Allerdings hatte er andere Probleme erwartet als die, die dann auf ihn warteten. Er hatte an die Gefahr gedacht, im Winter in den Karpaten zu erfrieren oder in Syrien dem IS in die Hände zu fallen. Es wurde dann der Knast. Schon einen Tag nach seiner Festnahme wollten ihn die Türken abschieben. „Ich sagte nein.“ Und warum? „Ich war schon 3700 Kilometer gewandert, Jerusalem war nicht mehr weit.“ Er wollte sein Ziel, für das er so viele Strapazen auf sich genommen hatte, nicht aufgeben. Auch weil er sich nicht vorstellen konnte, lange im Gefängnis zu schmoren. Er habe ja nichts Unrechtes getan. Die WELT fragte die türkischen Behörden an, was gegen ihn vorliege. Kein Kommentar.

Die deutsche Botschaft habe ihn gefragt, ob er durch ein Sperrgebiet gegangen sei. „Diesen Begriff hörte ich nur von der Botschaft, nie von einem Türken.“ Er habe überhaupt nie einen Vorwurf gehört. „Ich war in entlegenen Berggegenden unterwegs, und der türkische Geheimdienst warnte mich, da könnten Terroristen sein.“

Man habe ihm geraten, auf großen Straßen zu gehen, daran habe er sich gehalten. Es liege nichts gegen ihn vor, hörte er nach seiner Verhaftung. Und: „Ankara entscheidet.“ Ein paar Tage Haft, sagte er sich, dann komme ich frei. Es kam anders. Da saß er nun in einer Zelle, zu acht oder zu sechst, auch mal zu zweit, einmal sogar allein. Mit Männern aus Pakistan und Afghanistan, geschnappt auf ihrem Weg nach Europa. Die hätten oft Geld gehabt, viel mehr als er. Andere seien unterwegs nach Syrien gewesen, um beim IS zu kämpfen.

Mit einem Kämpfer einer Miliz habe er sich in der Haft angefreundet. „Ein Mann aus Istanbul, Frau, zwei Kinder, er lebt in einer Gated Community und arbeitete an der Uni. Nach einigen Monaten wollte er sich einen Fronturlaub gönnen.“ Er wurde festgenommen und landete in Britschs Zelle. Ob er sich einen Selbstmordanschlag vorstellen könne, habe er seinen Zellengenossen gefragt. „Das konnte er erst nicht, aber dann sagte er, wenn es dem Islam nützt, bin ich dazu bereit.“ Der Mann habe sich Vorwürfe gemacht, erzählt Britsch. „Aber nicht, weil er in den Krieg gezogen war – weil er sich den Fronturlaub genommen hatte.“

Trotz allem habe er sich mit ihm „wirklich gut angefreundet. Er war dem westlichen Denken sehr nahe, er war mir mit seiner Haltung zur Familie, zu seinen Kindern sehr nahe.“ Britsch bricht ab. „Wie soll ich das erklären?“ Er schüttelt den Kopf. „Das mal live und in Farbe zu erleben …“, sagt er und führt auch diesen Satz nicht zu Ende.

Es ist verwirrend. Nur eines scheint klar, ein Fan des Islam wird aus ihm nicht mehr werden. Das Erlebte arbeitet in ihm, es rüttelt an seinem Denken. Über die Türken, den Westen, den Antisemitismus, all das. Vor allem über den Islam. Seine Gedanken darüber, sie beschäftigen ihn mitunter mehr als das Erlebte selbst. Ein und dieselben Menschen, so gastfreundlich, so herzlich, und zugleich so – ja was? So tief drinnen in ihrem Glauben, ihren religiösen Pflichten.

David Britsch in seinem Haus in Schwerin mit seiner Frau Heike

David Britsch in seinem Haus in Schwerin mit seiner Frau Heike

„Es ist nicht wie bei uns und unseren Sonntagschristen, beim Islam ist es anders – auf den Glauben kommt es an, nicht so sehr auf das Weltliche, davon sind die Leute dort fest überzeugt.“ Religion und der Alltag, das sei eine solche Legierung in der Türkei, wie man es sich hier nicht vorstellen könne. Schon wieder die großen Fragen.

Ein so tief islamisches Land in der EU, geht das überhaupt? Seine Antwort nach allem, was er erlebte, erst in Freiheit und dann im Gefängnis: Es geht nicht.

Was zählen angesichts solcher Einsichten die paar Unannehmlichkeiten der Reise? Nebenbei und erst gegen Ende erwähnt Britsch seine beiden Hungerstreiks. Im Sommer war das, erst hungerte er zwei Tage, um ein Telefonat zu erzwingen, dann 23 Tage. Er grinst: „Als Entscheidungshilfe für meine Abschiebung.“ Er habe das Hungern abgebrochen, weil er Zwangsernährung fürchtete. „Ich wusste, nach so langem Hungern kann einen das umbringen.“

Nun aber Gretchens Frage aus dem „Faust“: Wie hält er’s mit der Religion? Pilger nennt er sich in seinem Blog und spricht vom „Gebet mit den Füßen“. Einer Kirche, sagt er, gehöre er nicht an. „Ich glaube aber, dass es eine geistige Realität gibt.“ Etwas, das man Gott nenne. Und warum Jerusalem, warum, wenn es möglich gewesen wäre, ohne sein Leben zu riskieren, durch das kriegsverheerte Syrien.

Es habe mehrere Motive gegeben, sagt er, auch die Flüchtlingswelle. Der Wunsch, diesen Weg zu gehen, den all diese Menschen gingen, nur eben andersherum. „Aber am Ende ist es ein intuitiver Impuls.“ Es einfach tun. Genug geredet, heute geh ich los. Anders geht es nicht, anders bricht keiner auf zu solch einer Reise.

Er sei früh Vater geworden, sagt er, mit Anfang zwanzig. Fünf Kinder hat er, und seine zweite Frau hat vier. Hinzu kommen mehrere Pflegekinder. Sie aufzuziehen, ist die Arbeit des Pädagogen – sie füllt ein ganzes, mehrstöckiges Haus am Rande der Schweriner Altstadt aus. Gegen die Familie wäre es jedenfalls nicht gegangen. „Ich hatte meiner Frau einige Jahre lang den Rücken freigehalten, als sie studierte“, erzählt er, dafür habe sie ihn nach Jerusalem ziehen lassen. Und sein ältester Sohn sei gerade unglücklich im Beruf gewesen. „Ich habe ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, mich einige Monate zu ersetzen, und er hat ja gesagt.“

Das Pilgern nach Jerusalem setzte schon bald nach Christus ein, und natürlich hat Reisen mit Neugier zu tun. Den frühen Pilgern aber galt diese curiositas als sündig, sie wollten sich auf Gott fokussieren, nicht auf ferne Orte und Abenteuer. Britsch wollte durchaus eine Erfahrung mit der Fremde machen. In seinen Blog stellte er Fotos, sie zeigen ihn Arm in Arm mit Türken, die er traf. Die Bilder zeigen viel Lachen, viel Nähe, viel Neugier. Aber sie zeigen, wenn nicht alles täuscht, auch einen Zug von Skepsis in seinem Lächeln. Es scheint, beides hat den Pilger überwältigt – die unfassbare Gastfreundschaft, die er erlebte, und die nicht minder frappierende Fremdheitserfahrung, die er sammelte, oft im selben Moment.

Nun ist er wieder daheim. Im Wohnzimmer steht noch der Weihnachtsbaum, darunter liegen Briefe, die er während seiner Gefangenschaft bekam. Seine Frau möchte bei dem Gespräch dabei sein, sie sitzt zweieinhalb Stunden neben ihm. Sie sagt, ihr Mann teste gerne seine Grenzen aus. Hat er Albträume? „Nee, nee, nee“, sagt er, „seit vielen Jahren nicht mehr.“

Nach Jerusalem will er immer noch, nun auf dem Seeweg. In die Türkei vielleicht auch wieder. Auf dem Flug von Erzurum nach Istanbul waren zwei türkische Polizisten dabei. Britsch stellte ihnen eine Frage, auf die er keine Antwort bekam: Habe ich eine Wiedereinreisesperre?

Vor seiner Reise war David Britsch ein Mann ohne große Bühne. Er führte ein stilles Leben, ein Familienmensch, Kinder als Berufung und Beruf, seine Passion war das Segelfliegen. Haus in Schwerin, Blick auf einen See, Klavier, Holzofen, Bücherregal. Nie wäre er in den Zeitungen gelandet, wäre er nicht zum Gefangenen des türkischen Staates geworden. Er will jetzt ein Buch schreiben.

erschienen in der WELT am 6. Januar 2018 (mit Wolfgang Büscher)