Der Transport-Flieger A400M wird verspätet ausgeliefert, selbst die Ersatzlösung mit US-Flugzeugen bereitet Probleme. Wird am Ende sogar die Transall-Nutzung noch einmal verlängert?

Die Bundeswehr hat ernste Probleme mit ihren Flugzeugen – und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) versucht sie zu lösen. Was leider zu neuen Problemen führt. Jemand aus der Bundeswehr hat das nun klipp und klar aufgeschrieben.

Das Papier ist nicht länger als eine DIN-A4-Seite, es besteht aus kurzen, knackigen Sätzen und zieht ein Fazit, das deutlich ausfällt: Die Bundeswehr wird ab 2021 nicht so einsatzfähig sein, wie sie es sein müsste.

Wer das Papier verfasst hat, wissen nur wenige, klar ist, es hat seinen Weg aus der Bundeswehr in den Verteidigungsausschuss des Bundestages gefunden; unter dessen Mitgliedern sind dieser Tage Diskussionen entbrannt.

Denn das Papier, das der „Welt am Sonntag“ vorliegt, weist auf neue Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Beschaffung von Transportflugzeugen des Typs C-130 J des US-amerikanischen Herstellers Lockheed Martin hin.

Lückenfüller-Flugzeug wird wohl vor 2023 nicht zugelassen

Die C-130 J sollte von der Leyens Problemlöser sein, sie sollte für den bestellten Airbus A400M einspringen, bei dem es technische Probleme und eine verzögerte Auslieferung gibt. Von der Leyens neues Problem: Die ersatzweisen C-130 J müssen bis 2021 einsatzfähig sein, aber daraus wird laut dem Papier nichts – wegen der langen Dauer der Zulassungsphase der C-130 J.

Nach deren Erhalt 2021 sei erst einmal von einer „umfänglichen Flugnachweisuntersuchung“ auszugehen, heißt es in dem Papier. Und weiter: „Unter Berücksichtigung der in der Bundeswehr vorgegebenen Zulassungsverfahren ist die operative Nutzung (…) höchstwahrscheinlich nicht vor 2023 zu erwarten.“

Das aber wäre dramatisch. Denn bis 2021 soll das bisherige Transportflugzeug der Bundeswehr, die Transall C-160, ausgemustert sein. Und so heißt es in dem Papier, 2021 komme es zu „einer temporären Lücke in der Bedarfsdeckung und damit ggf. zu Einschränkungen in der Auftragserfüllung“ der Bundeswehr.

Noch Anfang Oktober sah es so aus, als sei die lange Pannengeschichte um die Transall-Nachfolge halbwegs kompensiert. Damals traf sich von der Leyen in Paris mit ihrem französischen Amtskollegen Jean-Yves LeDrian und sprach mit ihm unter anderem über eines der nervigsten Dauerthemen ihrer Amtszeit: die Beschaffung des Transportflugzeugs A400M von Airbus.

Kooperation mit Frankreich noch nicht beschlossen

Angesichts der ständig neuen technischen Mängel und eklatanter Verzögerungen bei der Auslieferung des Airbus hieß von der Leyens Notlösung: die Bestellung eben jener amerikanischen C-130 J, vier bis sechs Flugzeuge. Sie und LeDrian unterschrieben eine Absichtserklärung. Die Flugzeuge sollen in Frankreich stationiert werden und ab 2021 einsatzbereit sein.

Doch schon einen Monat später gibt es nun erhebliche Zweifel daran, dass dieser schöne Plan aufgeht. Konfrontiert mit der Einschätzung zur Zulassungsdauer der C-130 J, teilte das Ministerium auf Anfrage mit, abschließende Entscheidungen zur Realisierung der Kooperation mit Frankreich „und damit auch bzgl. ggf. zu beschaffender Luftfahrzeuge“ seien zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht getroffen.

In dem genannten Papier wird auch grundsätzlich die Kooperation mit den Franzosen kritisiert. Bei der Nutzung der Flugzeuge träten zwangsläufig Probleme auf, „da Frankreich weder über das dafür notwendige technische Personal (…) noch die für diese Modellreihe erforderlichen Gerätschaften zur Wartung/Instandhaltung verfügt“. Deutschland begebe sich mit dieser Entscheidung in ein „dauerhaftes Abhängigkeitsverhältnis“, indem man sich nur auf französische Boden-Crews verlasse.

Besserung beim A400M-Projekt nicht in Sicht

Dass die Suche nach Übergangslösungen aufgrund der Probleme mit dem A400M vonnöten ist, ist indes unstrittig. Den ersten Airbus erhielt die Luftwaffe erst im Dezember 2014 mit jahrelanger Verspätung, dazu kamen Pannen wie Triebwerksschäden. Die gesamte Verzögerung bei der Auslieferung wird auf 107 Monate geschätzt, die Zusatzkosten sollen 1,47 Milliarden Euro betragen. Mindestens – denn Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil.

Ein aktueller, vertraulicher Bericht des Rüstungsboards des Ministeriums, der der „Welt am Sonntag“ vorliegt, zeigt, dass in den vergangenen Monaten neue, bislang unbekannte Probleme aufgetreten sind. Demnach wurde am 1. August bekannt, dass die Beschaffung eines dringend benötigten Ersatztriebwerks zur Sicherstellung des Waffeneinsatzes aktuell „nicht umsetzbar“ ist.

Das Ministerium folgert, dass die „Einsatzbereitschaft einzelner Flugzeuge über mehrere Wochen gefährdet“ sei. Im Juli erfuhr das Ministerium zudem, dass bei Partnernationen mehrfach Öldämpfe ins Cockpit und in den Laderaum austraten, auch ein an Deutschland gelieferter A400M war kurz darauf betroffen.

Muss die bis zu 49 Jahre alte Transall weiterfliegen?

Derartige Vorfälle könnten zu „unmittelbaren Auswirkungen wie Unwohlsein, Augenreizungen etc. der Besatzung und Passagiere führen“. Auch langfristige Gesundheitsschäden schließt das Ministerium nicht aus. Airbus, heißt es, habe Maßnahmen getroffen. Ob diese wirksam sind, sei aber noch unklar.

Grundsätzlich gibt es der Analyse zufolge mittlerweile Anzeichen dafür, dass der vertraglich vereinbarte Leistungsumfang nie erreicht wird – vor allem im Blick auf taktische Fähigkeiten wie das Selbstschutzsystem und das Absetzen von Soldaten aus der Luft. Und so resümiert das Rüstungsboard: „Eine Fähigkeitslücke nach 2021 kann nicht ausgeschlossen werden.“

Wird nun die Nutzung der bis zu 49 Jahre alten Transall-Flugzeuge, die ursprünglich schon 2018 ausgemustert werden sollten, sogar über 2021 hinaus verlängert? Auf Anfrage dieser Zeitung teilte das Ministerium mit, die Nutzungsdauer bis 2021 könne sichergestellt werden, zumindest „aus heutiger Sicht“. Das heißt: Alles ist möglich.

erschienen in der WELT am SONNTAG am 30. Oktober 2016