6000 Kilometer von Ankara entfernt lebt der türkische Staatsfeind Nummer eins in den USA. Ein Ortsbesuch auf seinem Anwesen in Saylorsburg, Pennsylvania

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In Say­lors­burg, Penn­syl­va­nia, Ver­ei­nigte Staa­ten von Ame­ri­ka, steht ein 30 Jahre alter Deutschtürke aus Worms in der Mit­tags­sonne und will in kur­pfäl­zi­schem Dia­lekt be­wei­sen, dass Fethul­lah Gülen mit dem Putsch in der Tür­kei nichts zu tun hat. „Wenn er dafür ver­ant­wort­lich wäre, dann hätte ich es ge­wusst“, sagt der Mann, der sich Gökhan nennt, als un­ab­hän­gi­ger Gut­ach­ter aber nicht so recht ge­eig­net ist. Gök­han, Ober­lip­pen­bart, kur­zes Haar, ein lei­ser Red­ner, steht Gülen näm­lich ziem­lich nahe, er ist einer sei­ner Schü­ler.

Und er ge­hört zu jenen Män­nern, die in Say­lors­burg Wer­bung ma­chen für ihren Meis­ter. Die ihr Bes­tes ge­ben, Gülen aus der Schuss­li­nie zu ho­len. Mit war­men Wor­ten, schö­nen Ge­schich­ten von frü­her und Be­rich­ten über Gü­lens Ge­sund­heit, die viel­leicht Mit­leid er­re­gen sol­len oder zu­min­dest das Ge­fühl, dass der Alte zu schwach sei, um Böses zu tun. Ist Gülen das wirk­lich? Was führt er hier, 6000 Ki­lo­me­ter von An­kara ent­fernt, im Schil­de? Und was sagen die, die gleich ne­benan le­ben?

Für Say­lors­burg würde sich kein Mensch in­ter­es­sie­ren, wenn Gülen dort nicht leb­te. Zwei Au­to­stun­den fernab von New York City liegt das Dorf in den Po­cono Moun­tains, in den 40er- und 50er-Jah­ren ein Hots­pot für Flit­ter­wo­chen. Das war ein­mal. Heute hat Say­lors­burg 1000 Ein­woh­ner, zwei Kir­chen, einen in­di­schen Guru und den Blue-Ridge-Floh­markt als wich­tigste At­trak­tion.

Gut in Schuss sind die Vor­gär­ten der schlich­ten, farb­lo­sen Häu­ser, davor Schau­kel­stüh­le, Weiß­kopf­see­ad­ler aus Ei­sen, Stars-and-Stri­pes-Fah­nen, Män­ner auf Ra­sen­mä­hern, ak­ku­rat ge­schnit­te­nes Grün, Autos wuch­tig wie Kriegs­ge­rät. Frü­her leb­ten sie hier von der Land­wirt­schaft, es gab 50 Far­men, fünf sind davon üb­rig. Die jun­gen Leute wer­den hier ge­bo­ren, wach­sen ein biss­chen hier auf und gehen dann weg. Jobs sind rar, Frei­zeit­be­schäf­ti­gun­gen auch: Die Alten gehen ja­gen, Rehe und Trut­häh­ne. Manch­mal kommt ein Bär um die Ecke. Das also ist die Welt von Fethul­lah Gü­len, dem Staats­feind Num­mer eins der Tür­kei.

An einer Haupt­straße von Say­lors­burg, um­stan­den von mäch­ti­gen Bäu­men, lebt der Mann, der durch den Putsch­ver­such ins Zen­trum der Welt­po­li­tik ge­ra­ten ist. Das Gol­den Ge­ne­ra­tion Wor­ship and Re­treat Cen­ter – so heißt Gü­lens An­we­sen – als Nu­kleus der ak­tu­el­len Krise in der Tür­kei, die den Nahen Os­ten, Eu­ropa und die Nato er­be­ben lässt. An­kara for­dert Gü­lens Aus­lie­fe­rung von den USA. Was ist hier ge­sche­hen, vor dem Putsch in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli, in der mehr als 260 Men­schen star­ben? Ist hier über­haupt etwas ge­sche­hen?

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„Nichts!“, sagt Gök­han. „Al­les war wie im­mer.“ Eine Regel im Re­treat Cen­ter sei es, dass im Un­ter­richt nicht über ak­tu­elle The­men ge­spro­chen wer­de: „Er betet lie­ber mit uns.“ Gökhan kennt Gülen ziem­lich gut, seit 2012 lebt er in Wind Gap, einem Nach­bar­dorf. Er ist ge­kom­men, weil seine Frau hier zur Uni geht. Gökhan selbst stu­dierte christ­li­che und jü­di­sche Re­li­gion in Deutsch­land, jetzt be­rei­tet er sich auf seine Pro­mo­tion vor. Bei Gülen be­warb sich Gökhan schrift­lich als Schü­ler und hatte Glück.

Nun, vier Jahre nach sei­ner An­kunft, sei er ein an­de­rer Mensch ge­wor­den. „Er hat mir ein neues Den­ken bei­ge­bracht“, sagt er und lacht: „Ich war in Deutsch­land in vie­len Mo­scheen, aber nir­gendwo war der Dia­log mit An­ders­gläu­bi­gen wirk­lich ein The­ma. Dass das wich­tig ist, habe ich hier ge­lernt.“ Sein neuer Leit­spruch: „Wenn man von an­de­ren ak­zep­tiert wer­den will, dann muss man auch die an­de­ren ak­zep­tie­ren.“ Klingt ver­nünf­tig, aber Gökhan bringt jetzt Gülen und den Welt­frie­den zu­sam­men und wird ein wenig hib­be­lig.

Für ihn und über­haupt für Gü­lens An­hän­ger ist der Pre­di­ger ein Frie­dens­stif­ter, ein De­mo­krat, ein För­de­rer des Dia­logs zwi­schen Re­li­gio­nen und Kul­tu­ren. Ein from­mes Leben in einem sä­ku­la­ren Staat – das ist es, was der Mann pro­pa­giert. So­zia­les En­ga­ge­ment. Auf­stieg durch Bil­dung. Durch Gü­lens In­sti­tu­tio­nen wer­den so­zial be­nach­tei­ligte Kin­der ge­för­dert. Das US-Po­lit­ma­ga­zin „For­eign Af­fairs“ stellte 2014 die Fra­ge, ob Gülen ein mus­li­mi­scher Mar­tin Lu­ther sei.

Gülen hat po­li­ti­sche Am­bi­tio­nen stets be­strit­ten. Ein Vi­deo, das Ende der 90er-Jahre auf­tauchte und ihn in Be­dräng­nis brach­te, be­zeich­nete er als Fäl­schung. Es zeigt, wie der Pre­di­ger seine An­hän­ger auf­for­dert, heim­lich den tür­ki­schen Staats­ap­pa­rat zu in­fil­trie­ren und die Macht zu über­neh­men. Es wurde An­klage er­ho­ben. Gülen floh da­mals, im Jahr 1999, in die USA und kehrte nie mehr in die Tür­kei zu­rück. Seine Geg­ner be­haup­ten, er kämpfe bis heute dar­um, die Macht zu er­grei­fen. Einen Staat im Staate habe er ge­schaf­fen, mit Gü­le­nis­ten in der Po­li­tik, im Mi­li­tär und in der Jus­tiz.

Sind Gü­lens Hand­lun­gen nur Tar­nung, ein Mit­tel zum Zweck? In den Augen sei­ner Feinde ar­bei­tet er mit sei­ner Hiz­met (zu Deutsch: „der Dienst“) ge­nann­ten Be­we­gung an einer Is­la­mi­sie­rung der Welt; in den Schu­len, Nach­hil­fe­ein­rich­tun­gen und „Licht­häu­ser“ ge­nann­ten In­ter­na­ten, die er in 160 Län­dern grün­den ließ, werde Ge­hirn­wä­sche be­trie­ben. Dazu kom­men Me­dien, Stif­tun­gen, Ver­si­che­run­gen. Er und seine Mil­lio­nen zäh­len­den An­hän­ger hät­ten eine Par­al­lel­welt ge­schaf­fen, mit un­durch­sich­ti­gen Struk­tu­ren und Geld­flüs­sen, weit über die Tür­kei hin­aus.

Mit Recep Tayyip Er­do­gan, dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten, war Gülen fast zwei Jahr­zehnte lang ver­bün­det. Erst als Staats­an­wälte 2013 in An­kara wegen Kor­rup­ti­ons­ver­dachts gegen Er­do­gan-Ver­bün­dete und seine Söhne er­mit­tel­ten, kam es zum Bruch. Er­do­gan ver­däch­tigte die Gü­le­nis­ten, hin­ter den Er­mitt­lun­gen zu ste­cken, und zog Kon­se­quen­zen. Gü­len-Ein­rich­tun­gen soll­ten ge­schlos­sen wer­den, Ge­richte ver­hin­der­ten das. Jetzt nach dem Putsch ist das an­ders. Gü­lens an­geb­li­che Ver­ant­wor­tung für die Blut­nacht der Put­schis­ten nimmt Er­do­gan als Be­rech­ti­gung für bei­spiel­lose Säu­be­run­gen in allen Be­rei­chen des Lan­des.

unspecified4Gü­len, be­haup­tet die tür­ki­sche Re­gie­rung, sei der Hin­ter­mann des Put­sches. Des­we­gen die For­de­rung an die USA, Gülen aus­zu­lie­fern, die An­kla­ge­schrift gegen den Staats­feind Num­mer eins ist schon fer­tig in An­ka­ra: Zwei­mal le­bens­lang und 1900 Jahre zu­sätz­lich Haft for­dert die Staats­an­walt­schaft. Die USA müss­ten sich ent­schei­den, wen sie als Part­ner woll­ten: die Tür­kei oder Gü­len. In Wa­shing­ton hat man sich von dem Ge­trom­mel bis­lang nicht be­ein­dru­cken las­sen, Be­weise für Gü­lens Schuld hat die Tür­kei nicht vor­ge­legt.

Und so sitzt der Pre­di­ger statt im tür­ki­schen Ge­fäng­nis auch in sei­nem 17. ame­ri­ka­ni­schen Jahr in der penn­syl­va­ni­schen Pro­vinz, auf einem rund zehn Hektar großen Grund­stück mit ganz viel Grün, einem Teich samt See­ro­sen, einem Fuß­ball­platz und ein paar Kat­zen. Vögel zwit­schern, sonst hört man hier nichts. Am Ein­gang be­fin­den sich eine Schranke und ein Wach­mann, wer nicht an­ge­mel­det ist, kommt nicht rein. Es sei denn, er mar­schierte über das Nach­bar­grund­stück, denn einen Zaun oder eine Mauer gibt es nicht, das macht Gü­lens Leu­ten mitt­ler­weile Sor­gen. Aber die Ge­mein­de­ver­wal­tung dis­ku­tiert nicht, die Wald­tiere müs­sen sich frei be­we­gen kön­nen, auch über Gü­lens Land.

Der Mann musste im ver­gan­ge­nen Jahr in ein wei­ter von der Straße ent­fernt ge­le­ge­nes Haus um­zie­hen, seine Leute waren ge­warnt wor­den, dass Gülen aus dem Wald her­aus be­ob­ach­tet wer­de. Nun be­wohnt er ein klei­nes Zim­mer mit Ein­zel­bett, in einem Grup­pen­raum emp­fängt er Gäste aus aller Welt. Sein Be­sitz? Nichts außer Bü­chern, sagen die Leute im Camp. Er liest den Ko­ran, al­lein oder mit sei­nen Schü­lern, die täg­lich kom­men. Nur sel­ten geht Gülen ins Freie, dann sehen ihn seine Mit­ar­bei­ter über den Hof spa­zie­ren oder auf einer Bank sit­zen, immer al­lein.

Heute aber nicht, Gülen bleibt im Haus. Zu ihm wird der Re­por­ter nicht vor­ge­las­sen, ein In­ter­view würde ihn jetzt zu sehr stres­sen, sagt Alp As­lan­do­gan. Der Türke ist seit Jah­ren einer der engs­ten Ver­trau­ten Gü­lens, einst Schü­ler, heute Freund, Be­ra­ter, Sprach­rohr und immer noch Ver­eh­rer. Seine of­fi­zi­elle Be­zeich­nung: Vor­sit­zen­der der Al­li­anz für Ge­mein­same Wer­te, sie ist die Dach­or­ga­ni­sa­tion von Hiz­met. As­lan­do­gan wie­der­holt, was Gülen in den Tagen nach dem Putsch bei einer sel­te­nen Pres­se­kon­fe­renz sag­te: dass er nichts damit zu tun habe, er für De­mo­kra­tie sei und die Auf­stän­di­schen ver­ur­tei­le.

„Wir for­dern nun eine un­ab­hän­gige Un­ter­su­chung zu den Hin­ter­män­nern des Put­sches, die von in­ter­na­tio­na­len Be­ob­ach­tern be­glei­tet wird. Es muss klar nach­zu­voll­zie­hen sein, wie Zeu­gen­aus­sa­gen zu­stande kom­men“, sagt As­lan­do­gan. „Die, die sich zu den Hin­ter­grün­den des Put­sches äu­ßern, dür­fen keine Angst ha­ben.“ Gü­lens Ver­trau­ter schließt nicht aus, dass Sym­pa­thi­san­ten des Pre­di­gers mit­ge­macht ha­ben. „Auch diese müss­ten dafür be­straft wer­den.“

Gülen und seine Leute reden so, wie es der Wes­ten gern hört. Was denn Gü­lens größ­ter Wunsch sei? Dass die Tür­kei sich an­stren­ge, Mit­glied der EU zu wer­den, sagt As­lan­do­gan. Weil es in der EU mehr Frei­heit und we­ni­ger Schi­ka­nen gebe und die Tür­kei als Mit­glied­staat flo­rie­ren wür­de. Aber lei­der habe sich Er­do­gan ja immer mehr zum „ge­wähl­ten Au­to­kra­ten“ ge­wan­delt. Wenn As­lan­do­gan über die große Po­li­tik spricht, dann hebt und be­schleu­nigt er seine Stimme und schiebt die Hände schnell über den Tisch. Er redet lie­ber über Dia­log, Dia­log mit den Be­woh­nern von Say­lors­burg, wo seine Leute auch in die Kir­che gin­gen.

Nur einen Ki­lo­me­ter von Gülen ent­fernt liegt die Mount Eaton Church, schnee­weiß, davor Grä­ber, kleine USA-Fähn­chen an den Grab­stei­nen. Pas­tor Doug Hayes ist da, aber auch er lässt sich ver­leug­nen. So klein die­ser Ort in den Wäl­dern ist, so rar macht sich je­der, mit dem man reden will. Eine Mit­ar­bei­te­rin des Pas­tors sagt, es habe ihm gar nicht ge­fal­len, was eine Lo­kal­zei­tung schrieb – dass Hayes ein enges Ver­hält­nis zu den Gü­len-Leu­ten habe. Das sei falsch. Des­we­gen redet er nicht mehr mit der Pres­se. Eine an­dere Kol­le­gin er­zählt, wie sie nach dem Putsch eine Bei­leids­karte zum Tor des Gü­len-Camps brachte und ihr dar­auf­hin zwei Autos bis nach Hause folg­ten.

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Von Gü­lens di­rek­ten Nach­barn spricht nie­mand gern über den Pre­di­ger. „Los, hauen Sie ab!“, brüllt ein Fa­mi­li­en­va­ter, und eine äl­tere Dame sagt: „Wenn Sie neben die­sen Leu­ten woh­nen wür­den, wür­den Sie auch schwei­gen.“ Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand er­zäh­len die Leute von nächt­li­chem Ge­wehr­feuer und Män­nern mit AK-47 auf dem Gü­len-Ge­län­de. Selbst will al­ler­dings nie­mand etwas ge­se­hen ha­ben, viel­leicht ist es nur ein Ge­rücht. Und sie reden von Ein­la­dun­gen zum Thanks­gi­ving-Es­sen auf dem Gü­len-Ge­län­de, aber der Pre­di­ger selbst tauchte nicht auf: „K­eine Ah­nung, was das soll“, sagt ein Mann mit grauem Haar, „ich glau­be, die he­cken ir­gen­det­was aus.“ Ja, aber was denn? Woher all die Ge­rüch­te? Warum redet nie­mand of­fen? „Weil von uns kei­ner weiß, was dort wirk­lich ge­schieht. Ich sehe stän­dig teure Autos auf das Ge­lände fah­ren. Es ist un­heim­lich.“

Gökhan sieht das an­ders, er war einer der Ers­ten, die Gülen nach dem Putsch sa­hen, es war am Sams­tagnach­mit­tag beim Ge­bet. Der Pre­di­ger sei trau­rig ge­we­sen und habe ge­sagt, man müsse nun für das tür­ki­sche Volk be­ten. Und für seine Be­we­gung. Er las Bitt­ge­bete vor und soll ge­sagt ha­ben, es werde schon her­aus­kom­men, wer für den Putsch ver­ant­wort­lich sei.
Da­nach sieht es nicht aus. Er­do­gan be­zich­tigt wei­ter Gü­len, und nicht nur in der Tür­kei ma­chen seine An­hän­ger Jagd auf An­hän­ger des Pre­di­gers. Auch in Deutsch­land wur­den Gü­le­nis­ten at­ta­ckiert. Und sogar hier im tiefs­ten Penn­syl­va­nia. Kurz nach dem Putsch stan­den Tür­ken vor den Toren des Camps in Say­lors­burg und brüll­ten sich ihre Wut auf Gülen aus dem Leib. Der Pre­di­ger, dem einst der Spitz­name „wei­nen­der Imam“ ver­passt wur­de, ist – so er­zäh­len es alle aus sei­nem Um­feld hier – mal wie­der sehr trau­rig. Gökhan sagt, er be­komme das täg­lich mit. Der junge Mann aus Worms legt die Stirn in Fal­ten.
„Herr Gü­len“, sagt er, „kann im Mo­ment nachts kaum schla­fen.“

erschienen in der WELT vom 27. August 2016