Der vermeintliche Chefaufklärer im Korruptionsskandal der Fifa vertritt einen suspekten Klienten. Guido Tognoni spielt sich als das gute Gewissen des Fußballs auf. Doch das ist ziemlich fragwürdig.

AUS ZÜRICH

Als Günther Jauch Ende Mai zum Talk über den jüngsten Korruptionsskandal beim Fußball-Weltverband Fifa in sein Berliner Fernsehstudio lud, da durfte ein Mann nicht fehlen: Guido Tognoni, Schweizer, 65 Jahre alt. Wenn es darum geht, die Fifa zu kritisieren und aus ihrem Innenleben zu erzählen, dann ist er der gefragteste Mann. In der Schweiz, in Deutschland, weltweit.

Nach der Verhaftungswelle vom 27. Mai, als die US-Bundespolizei FBI in Zürich sieben Funktionäre wegen Verdachts der Korruption, Geldwäsche und Erpressung festnehmen ließ, war Tognoni auch bei RTL, dem WDR, der Deutschen Welle, dem Deutschlandfunk. Tognoni, so musste es den Leuten vorkommen, ist so etwas wie das gute Gewissen des Weltfußballs. Er, einst von der Fifa geschasst, der Aufklärer schlechthin.

Tognoni aber ist in Wirklichkeit nicht nur Fifa-Beobachter, sondern selbst Akteur, wie “Tagesanzeiger” und “Welt am Sonntag” aus katarischen Sportkreisen erfuhren. So arbeitet Tognini für eine der dubiosesten Figuren der Fußballszene: Najeeb Chirakal, ein Inder, gegen den die Fifa-Ethikkommission ermittelt. Chirakal steht in enger Verbindung zu Mohamed Bin-Hammam, der als die Schlüsselfigur gilt in der Korruptionsaffäre um die WM 2022. Chirakal, Tognonis Mandant, war dessen rechte Hand.

Bei der Untersuchung der WM-Vergaben 2018 nach Russland und 2022 nach Katar ist der Inder einer der Männer, die besonders im Fokus des Teams um Chefermittler Cornel Borbely stehen. Bin-Hammam wurde von der Fifa-Ethikkommisson schon vor drei Jahren lebenslänglich gesperrt. Der millionenschwere Unternehmer war bis 2012 Fifa-Exekutivmitglied. Er ließ vor und nach Vergabe der WM nach Katar mehrere Millionen Dollar an korrupte Funktionäre zahlen.

Bis heute ist nicht geklärt, ob Bin-Hammam seiner Heimat damit zur WM verhelfen oder sich Unterstützung für seine Fifa-Präsidentschaftskandidatur sichern wollte, die am Ende scheiterte. Chirakal schweigt zu allen Vorwürfen.

Welche Rolle spielt Chirakal?

Dabei hätte er möglicherweise viel zu erzählen, schließlich war er für Bin-Hammam eine Mischung aus Sekretär und Buchhalter. Chirakal verschickte E-Mails für seinen Chef, knüpfte Kontakte, überwies über Tarnkonten Geld an Dutzende Funktionäre. Dies ist in E-Mails dokumentiert, die die englische “Sunday Times” publizierte. Als etwa Izetta Wesley, die Präsidentin des Fußballverbands von Liberia, 10.000 Dollar von Bin Hammam erhalten sollte, war es Chirakal, der sie um ihre Kontodetails bat.

Nachdem das Geld geflossen war, bedankte sie sich bei ihm: “Bitte leite meinen Dank an Mohamed weiter. Möge Allah seine Ressourcen verhundertfachen!” Angeblich arbeitete Chirakal auch für das katarische WM-OK. Auf Anfrage dazu schweigen die Katarer.

Chirakal tauchte bereits 2012 auf dem Radar der Ethikkomission auf. Als der damalige Fifa-Ermittler Michael Garcia gegen Bin-Hammam vorging, ignorierte der Inder alle Anfragen und wurde daher temporär gesperrt. Nun soll es im Verfahren gegen Chirakal auch um Geschäfte gehen, die er für und mit Bin-Hammam abwickelte.

Tognoni wurde zweimal von Blatter geschasst

Ausgerechnet Guido Tognoni setzt sich für ihn ein. Der promovierte Jurist weiß dabei nur zu genau, wie die Geschäfte des Verbands funktionieren. Zehn Jahre war er Fifa-Mediendirektor, 1995 entließ ihn Blatter, stellte ihn aber 2001 erneut an – um ihn 2003 ein zweites Mal zu schassen. Kurz danach entstanden die Verbindungen nach Katar.

Mohamed Bin-Hammam war es, der Tognoni für die Organisation der Asien-Spiele nach Doha holte. Der Schweizer verbrachte drei Jahre im Wüstenstaat und lernte damals auch Chirakal kennen. Auf Anfrage bestätigt Tognoni, dass er “seit einigen Monaten” ein Mandat des Inders habe. Wie passt es, dass ausgerechnet er, der Fifa-Aufklärer, den Mann vertritt, der für Bin-Hammam korrupte Geschäfte abgewickelt haben soll?

“Niemandem zu Transparenz verpflichtet”

Seine Tätigkeit sei “ein Freundschaftsdienst”, schreibt er in einer Stellungnahme. Er sei niemandem “zu Transparenz verpflichtet” und verdiene an dem Mandat nichts, so Tognoni, der heute hauptberuflich Schweizer Firmen berät, die sich ins Ausland wagen wollen. Es gibt sogar noch einen zweiten Fall, in dem Tognoni einen Verdächtigen vor der Ethikkommission vertritt. Wen, das will er nicht verraten.

Chirakal jedenfalls droht eine lebenslange Sperre für alle Fußballaktivitäten. Kommt es dazu, wäre das auch eine Niederlage für Tognoni. Noch im Mai, bei Jauchs Talkrunde, hatte er die Ethikkommissare kritisiert. “Als seriöses Mitglied des Fifa-Personals – kannst du so eine Ethikkommission noch ernst nehmen?”, fragte er den Fifa-Sprecher Alexander Koch, der mit in der Runde saß. “So eine Ethikkommission nützt doch gar nichts”, fügte Tognoni hinzu.

Darüber, dass er gerade selbst in einen Streit mit dem Gremium verwickelt ist, verlor er kein Wort.

In Zusammenarbeit mit: Mario Stäuble