Beim Confederations Cup in Russland feiert sich die Fifa selbst, die Kritik an Weltverbandschef Gianni Infantino aber wird lauter – wegen seines Führungsstils und seines Umgangs mit der Wahrheit.

Gian­ni In­fan­ti­no stand auf der Eh­ren­tri­bü­ne des Sta­di­ons in Sankt Pe­ters­burg, ge­mein­sam mit dem rus­si­schen Staats­prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin feix­te und schun­kel­te er. Es war das Er­öff­nungs­spiel des Con­fe­de­ra­ti­ons Cup, und der Prä­si­dent der Fifa hat­te bes­te Lau­ne. Viel­leicht wuss­te er da ja schon, was nur kur­ze Zeit spä­ter of­fi­zi­ell von der Fifa be­kannt ge­ge­ben wur­de: Die Ethik­kom­mis­si­on füh­re kei­ne Er­mitt­lun­gen ge­gen In­fan­ti­no. Dies habe die Ko­lum­bia­ne­rin María Clau­dia Ro­jas, neue Chef­er­mitt­le­rin der Fifa, be­stä­tigt.

Der Prä­si­dent, das war die Bot­schaft, sei kom­plett sau­ber.

Mit der Pres­se­mit­tei­lung re­agier­te der Ver­band auf ei­nen Be­richt des SPIEGEL, der im April enthüllt hatte, dass ein Ver­fah­ren ge­gen den 47-Jäh­ri­gen er­öff­net wur­de und be­reits Zeu­gen ver­nom­men wor­den wa­ren. Der Ver­dacht: ver­bo­te­ne Ein­fluss­nah­me auf die Prä­si­dent­schafts­wah­len im afri­ka­ni­schen Kon­ti­nen­tal­ver­band. Gut eine Wo­che spä­ter wur­de Chef­er­mitt­ler Cor­nel Bor­bé­ly ab­ge­setzt, er be­rich­te­te von „Hun­der­ten Ver­fah­ren“, die nicht ab­ge­schlos­sen wer­den konn­ten. SPIEGEL ONLINE meldete kurz darauf, dass Bor­bé­ly vor sei­ner Ab­wahl min­des­tens ei­nen wei­te­ren Zeu­gen im In­fan­ti­no-Ver­fah­ren nach Zü­rich ge­la­den hat­te. Umso über­ra­schen­der war nun die Haus­mit­tei­lung der Fifa, wo­nach es kei­ne Er­mitt­lun­gen gebe.

Denn sie ist falsch.

Wie der SPIEGELaus Fifa-Krei­sen er­fuhr, ent­schied sich die Ver­bands­spit­ze, ei­nen Teil der Er­mitt­lungs­un­ter­la­gen von Bor­bé­ly schlicht­weg nicht in Emp­fang zu neh­men. Der Schwei­zer Rechts­an­walt führ­te wäh­rend sei­ner Amts­zeit nicht ei­nen, son­dern zwei Ak­ten­be­stän­de. Der eine Teil mit Er­mitt­lun­gen ge­gen Per­so­nen, die nicht di­rekt in der Ver­bands­zen­tra­le in Zü­rich ar­bei­ten, la­ger­te eben­dort, im Se­kre­ta­ri­at der Ethik­kom­mis­si­on. Den an­de­ren, heik­le­ren Teil – un­ter an­de­rem eben­je­ne Un­ter­la­gen zum In­fan­ti­no-Ver­fah­ren – ver­wahr­te Bor­bé­ly in ei­ner An­walts­kanz­lei.

Der sim­ple Grund: Die Fifa-Spit­ze soll­te kei­nen Ein­blick in die Ar­beit der un­ab­hän­gi­gen Er­mitt­ler ha­ben. In der Ver­gan­gen­heit hat­te es Vor­wür­fe ge­ge­ben, wo­nach In­fan­ti­no über An­zei­gen ge­gen ihn bei der Ethik­kom­mis­si­on heim­lich in­for­miert wor­den war. Das soll­te nicht mehr ge­sche­hen. Statt­des­sen er­fuhr der Fifa-Chef aus dem SPIEGEL (18/​2017) von der Un­ter­su­chung.

Ließ In­fan­ti­no dar­auf­hin die Ethi­ker ab­set­zen? Die­ser Ver­dacht steht seit Wo­chen im Raum.

In­ter­ne Un­ter­la­gen, die dem SPIEGEL vor­lie­gen, zei­gen, dass die Fifa-Spit­ze schon früh­zei­tig von der Exis­tenz wei­te­rer Do­ku­men­te wuss­te. Do­ku­men­te, die die neu­en Ethi­ker zu­nächst hät­ten prü­fen müs­sen, be­vor sie dem Prä­si­den­ten ei­nen öf­fent­li­chen Frei­fahrt­schein aus­stell­ten.

Al­les be­gann mit ei­nem Brief vom 12. Juni, den José Ro­d­ri­guez, Se­kre­tär der Ethik­kom­mis­si­on, an Bor­bé­ly schrieb. Auf­trag­ge­ber: die neue Ethik-Chef­er­mitt­le­rin. In dem Schrei­ben bit­tet sie um alle Er­mitt­lungs­un­ter­la­gen, „die mit den re­le­van­ten Ge­schäf­ten der Ethik­kom­mis­si­on zu tun ha­ben und die sich nicht im Be­sitz des Se­kre­ta­ri­ats be­fin­den“. Es geht um Bor­bé­lys ge­hei­men Ak­ten­schrank. Drei Tage spä­ter bat Bor­bé­ly per E-Mail um Ter­min­vor­schlä­ge für ein Tref­fen. Eine Ant­wort be­kam er nicht mehr. Statt­des­sen de­men­tier­te die Fifa per Pres­se­mit­tei­lung die Er­mitt­lun­gen ge­gen In­fan­ti­no.

Die­ses Vor­ge­hen em­pört auch lang­jäh­ri­ge Fifa-Mit­ar­bei­ter, sie lei­te­ten die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen dem Ethik­se­kre­ta­ri­at und Bor­bé­ly an den SPIEGEL wei­ter. Eine An­fra­ge zu den Vor­gän­gen be­ant­wor­te­te die Fifa nicht.

Ant­wor­ten ge­ben könn­te ein en­ger Ver­trau­ter des Prä­si­den­ten: Mar­co Vil­li­ger, stell­ver­tre­ten­der Ge­ne­ral­se­kre­tär, Chef­ju­rist und Über­bleib­sel der Blat­ter-Ära. Er ist der Vor­ge­setz­te von Ro­d­ri­guez, dem Brie­fe­schrei­ber. Er kennt die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Bor­bé­ly, und er wuss­te, so heißt es, von den ex­tern ge­la­ger­ten Ak­ten. Wuss­te er auch von den Er­mitt­lun­gen ge­gen In­fan­ti­no? Wirk­te er gar an der Bor­bé­ly-Ab­set­zung mit? Auf An­fra­ge: Schwei­gen.

Und die Bor­bé­ly-Ak­ten samt der In­fan­ti­no-Er­mitt­lun­gen, die ja an­geb­lich gar nicht exis­tie­ren – wo sind die jetzt? Kein Kom­men­tar der Fifa. Mit­ar­bei­ter aus dem Haupt­quar­tier be­haup­ten, Bor­bé­ly habe die Do­ku­men­te per Post dort­hin ge­schickt. Bor­bé­ly will das nicht kom­men­tie­ren.

Statt sich mit die­sem Ver­fah­ren und den brenz­li­gen Do­ku­men­ten zu be­schäf­ti­gen, ver­sucht die Fifa lie­ber, mit al­len Mit­teln In­fan­ti­nos Image auf­zu­po­lie­ren. Auf Kos­ten der al­ten Ethi­ker. Die „Bild“-Zei­tung ver­öf­fent­lich­te An­fang die­ser Wo­che den lan­ge ge­hü­te­ten Gar­cia-Re­port, der sich mit der un­ter Kor­rup­ti­ons­ver­dacht ste­hen­den Ver­ga­be der Welt­meis­ter­schaf­ten an Russ­land und Ka­tar be­schäf­tigt. Am Diens­tag stell­te die Fifa den ge­sam­ten Be­richt auf ihre Home­page. Gar­niert mit der Mel­dung, man sei froh, dass die­ser Re­port end­lich öf­fent­lich ge­wor­den sei, Prä­si­dent In­fan­ti­no habe sich dies schon lan­ge ge­wünscht. Le­dig­lich die mitt­ler­wei­le ab­ge­setz­ten Ethi­ker hät­ten da­ge­gen ge­mau­ert. Rich­ter Hans-Joa­chim Eckert und Bor­bé­ly mel­de­ten sich um­ge­hend per Pres­se­mit­tei­lung zu den Vor­wür­fen und schrie­ben, sie sei­en nie­mals von In­fan­ti­no auf­ge­for­dert wor­den, den Re­port zu ver­öf­fent­li­chen.

Dass Fak­ten so of­fen­sicht­lich igno­riert und ver­dreht, dass Un­wahr­hei­ten per Pres­se­mit­tei­lun­gen ver­brei­tet wer­den, da­mit hat­te nach In­fan­ti­nos Wahl kaum mehr je­mand ge­rech­net. Nicht nach all den skan­dal­träch­ti­gen Jah­ren un­ter Sepp Blat­ter, des­sen bit­te­res Ende, so dach­te man, für In­fan­ti­no eine War­nung sein wür­de. Welch ein Trug­schluss.

Rein­hard Grin­del sitzt we­ni­ge Stun­den vor dem letz­ten Grup­pen­spiel des deut­schen Teams ge­gen Ka­me­run im Mann­schafts­ho­tel in Sot­schi. Der DFB-Prä­si­dent trägt Frei­zeit­klei­dung, ein ge­streif­tes Hemd, Jeans, ist un­ra­siert. Der Auf­tritt sei­ner jun­gen Na­tio­nal­mann­schaft macht ihm gro­ßen Spaß. Grin­del gießt sich in al­ler Ruhe sei­nen schwar­zen Tee ein, er wirkt sehr ent­spannt.

Sein Ge­müts­zu­stand wird sich im Lau­fe des Ge­sprächs än­dern.

Bis­lang, sagt er, hat­te er noch kei­ne Mög­lich­keit, per­sön­lich mit der neu­en Ethik­che­fin Ro­jas zu spre­chen. Er wis­se des­halb nicht, ob ge­gen In­fan­ti­no er­mit­telt wer­de. Soll­ten die Vor­wür­fe aber zu­tref­fen, hät­te der Fifa-Prä­si­dent sich „we­gen Be­fan­gen­heit nicht der­art in die per­so­nel­len Ver­än­de­run­gen der Ethik­kom­mis­si­on ein­brin­gen dür­fen“.

Kri­tik? An der Fifa und ih­rem Prä­si­den­ten? Grin­del muss in In­fan­ti­nos Au­gen ein wirk­lich ko­mi­scher Kauz sein. Der DFB-Prä­si­dent nervt den Fifa-Chef so­wie­so schon seit Län­ge­rem. Bei Grin­dels Ein­zug in den Fifa-Rat im Früh­jahr leg­te der DFB-Mann sich gleich mal mit In­fan­ti­no an und kritisierte des­sen Ent­schei­dung, die Ethi­ker ab­zu­set­zen.

Grin­del nimmt ei­nen wei­te­ren Schluck sei­nes schwar­zen Tees, lehnt sich zu­rück, sei­ne Au­gen wer­den schma­ler hin­ter der klei­nen Gold­rand­bril­le: „Wenn der Ein­druck ent­ste­hen kann, dass Per­so­nal­ent­schei­dun­gen eher aus Ei­gen­in­ter­es­se und nicht als Fol­ge in­halt­li­cher Ar­gu­men­te ge­fällt wer­den, dann hilft das nicht da­bei, die Glaub­wür­dig­keit wie­der­her­zu­stel­len.“

In­fan­ti­no, das war die Idee, soll­te das de­mo­lier­te Image der Fifa auf­po­lie­ren. Aber da­von ist nichts zu se­hen, In­fan­ti­no ent­puppt sich als Blen­der, der im­mer mehr zu ei­ner Art Ko­pie von Sepp Blat­ter wird. Wo­bei man Letz­te­rem zu­gu­te­hal­ten muss, dass er zu­min­dest den Ethi­kern freie Hand ließ. Nun aber wer­den die­se Re­for­men rück­gän­gig ge­macht, die neue Ethik­che­fin hat ihre Glaub­wür­dig­keit schon ver­spielt, be­vor sie mit ih­rer Ar­beit an­ge­fan­gen hat.

Auch in­ner­halb der Uefa wird der Wi­der­stand ge­gen den Fifa-Prä­si­den­ten grö­ßer. Dort thront seit Sep­tem­ber mit Aleksan­der Čefe­rin ein en­ger Ver­trau­ter Grin­dels an der Spit­ze, und der Slo­we­ne fällt bis­lang nur da­mit auf, dass er nicht auf­fällt. Hin­ter den Ku­lis­sen hat sich der 49-Jäh­ri­ge als Ge­gen­spie­ler von In­fan­ti­no po­si­tio­niert, er ist ge­nervt von des­sen Al­lein­gän­gen. Jüngst schrieb die Uefa ei­nen Be­schwer­de­brief an die Fifa, weil sie sich nicht aus­rei­chend in­for­miert fühl­te. „Es wird schlim­mer und schlim­mer“, sagt ein hoch­ran­gi­ger Uefa-Mit­ar­bei­ter mit Blick auf die Er­mitt­lun­gen ge­gen In­fan­ti­no.

Es ist der­zeit un­vor­stell­bar, dass sich die Uefa bei der nächs­ten Fifa-Prä­si­dent­schafts­wahl 2019 hin­ter den Ita­lo-Schwei­zer stellt. Aus­ge­rech­net der Ver­band, dem er bis zu sei­ner Wahl zum Fifa-Prä­si­den­ten als Ge­ne­ral­se­kre­tär dien­te, wen­det sich nun von ihm ab.

Und der nächs­te Ärger steht schon an. Seit Wo­chen wird hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren über die Ab­set­zung von Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Fat­ma Sa­mou­ra be­ra­ten. An die­sem Wo­chen­en­de könn­te am Ran­de des Fi­nals beim Con­fed Cup schon eine Ent­schei­dung fal­len. Da­bei galt Sa­mou­ra als eine der Erneuerungsfiguren des Welt­ver­bands: eine Frau, Afri­ka­ne­rin, Ex­ter­ne, die vor­her für die Ver­ein­ten Na­tio­nen ge­ar­bei­tet hat­te. End­lich je­mand, der als „un­be­las­tet“ galt.

Nun könn­te ihr zum Ver­häng­nis wer­den, dass sie sich vor dem Fifa-Kon­gress im Mai in Bah­rain öf­fent­lich für den Ver­bleib von Ethik­chef Bor­bé­ly ein­setz­te. Sa­mou­ra durf­te schließ­lich beim Kon­gress le­dig­lich Län­der­na­men vor­le­sen, bei der an­schlie­ßen­den Pres­se­kon­fe­renz saß sie nicht mal auf dem Po­di­um, son­dern im Zu­schau­er­raum. Fifa-in­tern heißt es, In­fan­ti­no kön­ne un­fass­bar nach­tra­gend und gna­den­los sein. Der Um­gang mit Sa­mou­ra sei ein Lehr­stück da­für, was pas­sie­ren wür­de, wenn man den Prä­si­den­ten kri­ti­sier­te.

Sa­mou­ra selbst be­ant­wor­te­te E-Mails des SPIEGEL zu ih­rer ge­plan­ten Ab­set­zung nicht. Statt­des­sen ver­tei­digt DFB-Chef Grin­del die Noch-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin. „Ich habe sie bei ih­rem Be­such in Frank­furt als äu­ßerst kom­pe­tent und in­te­ger wahr­ge­nom­men und ihr des­halb auch die Lei­tung der Fifa-Ad­mi­nis­tra­ti­on ab­so­lut zu­ge­traut“, sagt er.

Nichts in sei­nem Ge­sicht deu­tet mehr auf Ent­span­nung hin, er will auch kei­nen wei­te­ren Tee mehr. Grin­del sagt, er müs­se nun lei­der fest­stel­len, dass Sa­mou­ra in den ver­gan­ge­nen Wo­chen eine neue Rol­le zu­ge­teilt wur­de.

Eine Rol­le, sagt er, „die dem Geist der neu­en Fifa nicht ent­spricht“.

erschienen in DER SPIEGEL am 1. Juli 2017 (mit Rafael Buschmann)