Sepp Blatter stürzte vor zwei Jahren vom Thron des Fußballweltverbands – weil die USA Jagd auf korrupte Funktionäre machten. Das dachte man zumindest. Nun kommt heraus: Enge Vertraute hatten offenbar einen Deal mit der Justiz geschlossen.

An ei­nem schwü­len Som­mer­tag pfeift der Wind durch das Wohn­zim­mer von Sepp Blat­ter, die Tü­ren knal­len. Den Haus­herrn stört es nicht, er ist den Krach ge­wohnt. Er hat sich in ei­nem ro­ten Le­der­ses­sel nie­der­ge­las­sen und nippt an ei­nem Was­ser­glas.

Es ist der 11. Juli, drau­ßen sin­gen die Vö­gel, die Son­ne strahlt, aber die Vor­hän­ge sind zu­ge­zo­gen. Blat­ter, einst mäch­tigs­ter Mensch des Welt­fuß­balls, be­rühmt für schil­lern­de Mo­men­te im Ram­pen­licht, sitzt im Dun­keln sei­ner Woh­nung am Zü­rich­berg und hat nichts mehr zu er­zäh­len. Er war­tet, dass man ihm sagt, was man weiß. Des­we­gen hat er zu sich ein­ge­la­den, auf eine Tas­se Kaf­fee. Auf der Un­ter­tas­se liegt ein Zu­cker­tüt­chen mit Fifa-Auf­druck. Sepp Blat­ter exis­tiert im Jetzt, aber sein ei­gent­li­ches Le­ben spielt in der Ver­gan­gen­heit.

Der 81-Jäh­ri­ge will wis­sen, was das für ein Do­ku­ment sei, das dem SPIEGEL vor­lie­ge. Er hat zu sich nach Hau­se ein­ge­la­den. Zwei Stun­den wird die­ses Tref­fen dau­ern, und Sepp Blat­ter wird sich mit Je­sus Chris­tus und der Jung­frau Ma­ria (“Die hat auch nichts kom­men se­hen”) ver­glei­chen. Er wird flüs­tern: „Ich kann es nicht glau­ben.“ Er wird sei­ne Arm­band­uhr ab­neh­men, sei­ne zit­tern­den Hän­de nach vorn stre­cken und sich an den Ober­kör­per fas­sen, dort­hin, wo sein Herz ist.

 

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Blat­ter auf der Terrasse: Verraten und belogen?

 

 

Ein In­for­mant hat dem SPIEGEL ein Schrift­stück über­ge­ben, das vie­les ver­än­dern kann. Es geht um die Ge­schich­te vom Ab­sturz der Fifa, vom Fall des Prä­si­den­ten Blat­ter, von der Jagd auf die Kor­rup­ten. Bis­her dach­te man, die Fifa sei zu­sam­men­ge­bro­chen, weil in ei­ner Mai­n­acht 2015 Po­li­zis­ten ein Lu­xus­ho­tel in Zü­rich stürm­ten, ei­nen Tag vor dem Ver­bands­kon­gress. Nach Er­mitt­lun­gen und auf An­wei­sung der USA. Die Fahn­der hol­ten mut­maß­lich kri­mi­nel­le Funk­tio­nä­re aus den Bet­ten und sperr­ten sie ein. Im Fifa-Haupt­quar­tier fand eine Raz­zia statt. Die da­ma­li­ge US-Jus­tiz­mi­nis­te­rin Lo­ret­ta Lynch ver­glich den Ver­band mit der Ma­fia. Prä­si­dent Blat­ter wur­de ver­bannt, ge­sperrt, ver­höhnt. Jah­re­lang hat­ten sich Geg­ner und Kri­ti­ker an ihm ge­rie­ben. Dann ka­men die Ame­ri­ka­ner und er­lös­ten die Welt von die­sem Ga­no­ven. So ging die Ge­schich­te.

Da­bei war es of­fen­bar an­ders. Es war wo­mög­lich nicht al­lein die US-Jus­tiz­mi­nis­te­rin, die die Er­mitt­lun­gen be­feu­er­te. Nicht nur FBI-Agen­ten oder Staats­an­wäl­te aus New York City. Am An­fang der Ge­schich­te stan­den wo­mög­lich auch Blat­ters Ver­trau­te. Und nie­mand soll­te da­von er­fah­ren. Ein Zür­cher Ge­heim­bund?

Das Do­ku­ment, das nie­mals an die Öffent­lich­keit ge­lan­gen soll­te, be­steht aus acht DIN-A4-Sei­ten und trägt die Un­ter­schrif­ten von drei Män­nern. Es ist ein Ver­trag zwi­schen der Fifa und Quinn Ema­nu­el, ge­nannt QE – eine der welt­weit be­deu­tends­ten Wirt­schafts­kanz­lei­en. Der Ti­tel lau­tet: „Auf­trags­be­stä­ti­gung über die Ver­tei­di­gung der In­ter­es­sen der Fifa ge­gen­über dem DOJ“. DOJ steht für De­part­ment of Jus­ti­ce, das US-ame­ri­ka­ni­sche Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um. Ge­gen die­se Be­hör­de galt es den Ver­band zu ver­tei­di­gen, da­mit er als Op­fer, nicht als Tä­ter ein­ge­stuft wird. Es ist kein Ge­heim­nis, dass die Funk­tio­nä­re da­für ex­ter­ne Un­ter­stüt­zung brauch­ten – im Som­mer 2015, nach den Fest­nah­men bei der Fifa. Zu die­sem Zeit­punkt be­stä­tig­te der Welt­ver­band auch ei­nen Mil­lio­nen­deal mit den Ame­ri­ka­nern.

Bloß: War­um wur­de der Ver­trag mit QE schon am 19. De­zem­ber 2014 ver­fasst, 159 Tage vor je­nem 27. Mai, der al­les ver­än­dern soll­te? Den Ent­wurf des Do­ku­ments schrieb die Kanz­lei, er ist adres­siert an Mar­co Vil­li­ger, den da­ma­li­gen Chef der Fifa-Rechts­ab­tei­lung. Die Kanz­lei sei er­freut, ihr En­ga­ge­ment für die Fifa be­stä­ti­gen zu kön­nen, heißt es gleich zu Be­ginn.

Wie weit Vil­li­ger und die an­de­ren schon vor dem gro­ßen Knall im Mai 2015 mit den US-Be­hör­den ko­ope­riert ha­ben, dar­über gibt der Ver­trag kei­nen Auf­schluss, nur über die For­ma­li­en. Aus­ge­han­delt wur­de ein Stun­den­satz von bis zu 970 Schwei­zer Fran­ken, es gibt zehn Pro­zent Ra­batt. Die Rech­nun­gen, so wird ver­ein­bart, wer­den an Vil­li­ger adres­siert.

Am 5. Ja­nu­ar 2015, im­mer noch 142 Tage vor der Raz­zia, be­stä­tigt die Fifa die Zu­sam­men­ar­beit. Für den Ver­band un­ter­schrei­ben der da­ma­li­ge Ge­ne­ral­se­kre­tär Jérô­me Val­cke und Mar­kus Katt­ner, zu die­sem Zeit­punkt Fi­nanz­chef. Ganz un­ten rechts auf die letz­te Sei­te wur­de das Wort „Le­gal“ ge­stem­pelt, Er­ken­nungs­zei­chen von Vil­li­ger. Ein Name fehlt: der von Sepp Blat­ter. Da­bei heißt es un­ter Punkt 10, dass die Un­ter­zeich­ner be­stä­ti­gen, dass sie die Fifa ord­nungs­ge­mäß in­for­miert hät­ten und sie mit dem In­halt des Briefs ein­ver­stan­den sei. Bloß Blat­ter ha­ben sie da ir­gend­wie ver­ges­sen.

Wie kann das sein? Was hat­ten die Fifa-Leu­te vor? Was wuss­ten sie? Als Blat­ter durch den SPIEGEL von der Ver­ein­ba­rung er­fährt, schüt­telt er den Kopf und flüs­tert: „Ich be­kom­me Hüh­ner­haut.“ Er sagt: „Ganz si­cher hät­te ich da­von wis­sen müs­sen. Man hät­te mich in­for­mie­ren müs­sen.“ War es eine Ver­schwö­rung? Ein Kom­plott? Blat­ter sagt, er habe schon im­mer an ein Kom­plott ge­glaubt, und zwar der Ame­ri­ka­ner ge­gen die Fifa. „Aber doch nicht in­tern. Ich glaub­te doch an mei­ne Leu­te.“

Die Fifa-Leu­te, die den Ver­trag un­ter­schrie­ben ha­ben, ge­hör­ten zum in­ners­ten Macht­zir­kel des Welt­ver­bands, sie gin­gen in Blat­ters Büro ein und aus, je­den Tag. Sie ver­reis­ten mit ihm und sa­ßen ne­ben ihm auf Pres­se­kon­fe­ren­zen. Sie ver­tei­dig­ten ihn und igno­rier­ten Skan­da­le ge­nau­so be­harr­lich wie er.

Der Fran­zo­se Jérô­me Val­cke war zum Zeit­punkt der Ver­trags­un­ter­zeich­nung Ge­ne­ral­se­kre­tär, die Num­mer zwei der Fifa. Der heu­te 56-Jäh­ri­ge war 2006 als Mar­ke­ting­di­rek­tor ge­feu­ert wor­den, weil er die Rech­te ei­nes Groß­spon­sors ver­letzt hat­te. Ein hal­bes Jahr spä­ter stell­te ihn Blat­ter wie­der ein.

Mar­kus Katt­ner, 46, Deutsch­schwei­zer, war ein un­auf­fäl­li­ger, aber sehr ein­fluss­rei­cher Mann, ab 2003 Fi­nanz­chef der Fifa und vier Jah­re spä­ter stell­ver­tre­ten­der Ge­ne­ral­se­kre­tär. Alle Rech­nun­gen gin­gen über sei­nen Tisch.

 

Ac­ces­soire in Blat­ters Woh­nung: „Kri­se? Wel­che Kri­se“

 

Und Mar­co Vil­li­ger? Der Schwei­zer, heu­te 42 Jah­re alt, war Chef­ju­rist, ein Kar­rie­re­mensch, wich­tigs­ter Be­ra­ter Blat­ters in Rechts­fra­gen.

Ein wei­te­rer Name steht auf dem Ver­trag: Tho­mas Wer­len. Der Har­vard-Ab­sol­vent re­prä­sen­tiert QE, er un­ter­zeich­net für die Kanz­lei, er wird im Lau­fe der Zu­sam­men­ar­beit zum wich­tigs­ten Part­ner der Fifa. Blat­ter sagt, er ken­ne des­sen Va­ter gut, weil der aus ei­nem Nach­bar­ort im Wal­lis stam­me. Und Tho­mas Wer­len selbst habe er noch im Som­mer 2014 beim Sepp-Blat­ter-Tur­nier in Ul­ri­chen per­sön­lich be­grüßt.

Blat­ters Ära als Fifa-Prä­si­dent dau­er­te knapp 17 Jah­re. Er mach­te aus dem klam­men Welt­ver­band ei­nen Mil­li­ar­den­be­trieb, der die ar­men Na­tio­nal­ver­bän­de mit Geld über­schüt­te­te – ohne zu kon­trol­lie­ren, wo die Mil­lio­nen tat­säch­lich lan­de­ten. In Afri­ka wur­de Blat­ter ver­ehrt wie ein Hei­li­ger, er brach­te 2010 die WM auf den Schwar­zen Kon­ti­nent. Blat­ter drück­te bei Skan­da­len bei­de Au­gen zu, selbst in den dun­kels­ten Mo­men­ten frag­te er: „Kri­se? Wel­che Kri­se?“ Blat­ter, der Meis­ter der Igno­ranz, der Strip­pen­zie­her, der Macht­mensch. „Tef­lon-Blat­ter“ wur­de er ge­nannt, an ihm perl­ten alle Fifa-Af­fä­ren ab.

Bis eben zu je­nem Mor­gen im Mai 2015, ei­nen Tag vor dem Kon­gress. Blat­ter sagt, das sei der Tag ge­we­sen, „an dem mir die Welt auf den Kopf fiel“. Er sei vor­her völ­lig ah­nungs­los ge­we­sen, sagt er. Das ame­ri­ka­ni­sche Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um? Habe er nur vom Hö­ren­sa­gen ge­kannt. An je­nem Mor­gen um kurz nach sechs habe er das Ra­dio ein­ge­schal­tet. Die Nach­rich­ten des Schwei­zer Rund­funks be­rich­te­ten von sie­ben Fest­nah­men im Lu­xus­ho­tel Baur au Lac am Zü­rich­see, von An­kla­gen und Kor­rup­ti­on.

Sein Fah­rer habe ihn zur Fifa ge­bracht. Um halb sie­ben, so er­in­nert sich Blat­ter, sei er an­ge­kom­men. Vil­li­ger, Katt­ner und Val­cke sei­en schon dort ge­we­sen, „so früh wa­ren die sonst nie da“. Blat­ter sagt, er habe sich schon da­mals über die Aus­sa­gen sei­ner Ver­trau­ten ge­wun­dert: „Man hat mir ge­sagt, ich hät­te schon Ver­tre­ter, Ver­tei­di­ger. Und das wa­ren die Leu­te von Quinn Ema­nu­el. Ich habe das da­mals nicht ver­stan­den.“

Ein paar Stun­den spä­ter ka­men Po­li­zis­ten und schlepp­ten Un­ter­la­gen aus dem Fifa-Haus. Die dar­auf­fol­gen­den Tage und Wo­chen wa­ren ein Dra­ma, ein Kri­mi: Lo­ret­ta Lynch, da­mals US-Jus­tiz­mi­nis­te­rin, sag­te über die Be­schul­dig­ten: „Sie ha­ben das welt­wei­te Fuß­ball­ge­schäft kor­rum­piert, um sich selbst zu be­rei­chern.“ Blat­ter wur­de nicht an­ge­klagt, aber vie­le sei­ner lang­jäh­ri­gen Ge­schäfts­part­ner.

Im Fe­bru­ar 2016 soll­ten Neu­wah­len statt­fin­den, bis da­hin woll­te er wei­ter­ma­chen. Aber es ging nun berg­ab. Die Schwei­zer Bun­des­an­walt­schaft lei­te­te im Sep­tem­ber 2015 Er­mitt­lun­gen ge­gen ihn we­gen Un­treue ein, weil die Fifa 2011 zwei Mil­lio­nen Schwei­zer Fran­ken an Uefa-Prä­si­dent Mi­chel Pla­ti­ni ge­zahlt hat­te. Ohne dass es ei­nen Ver­trag da­für ge­ge­ben hät­te. Blat­ter fragt sich heu­te: War­um kam die Sa­che da­mals ans Licht? Hat­te das Trio da­mit zu tun?

Die Ethik­kom­mis­si­on der Fifa sus­pen­dier­te den Prä­si­den­ten, dann sperr­te sie ihn. Er setz­te sich in ein Ho­tel ne­ben der Fifa, es war eine pri­va­te Pres­se­kon­fe­renz. Er war un­ra­siert und hat­te ein Pflas­ter im Ge­sicht. Er sag­te: „Ich kom­me wie­der.“ Je­der im Raum wuss­te: Er kommt nie wie­der.

 

Ac­ces­soire in Blat­ters Woh­nung

 

Dass sich die Ame­ri­ka­ner für die Fifa in­ter­es­sie­ren, war kein Ge­heim­nis. Mit Chuck Bla­zer, einst Ame­ri­kas mäch­tigs­ter Fuß­ball­funk­tio­när, ko­ope­rier­te da­mals schon ein Schwer­ge­wicht der Ver­bands­welt mit dem FBI. Um ei­ner Haft­stra­fe zu ent­ge­hen, pack­te er um­fas­send aus. Recht­fer­tig­te das den Deal der Blat­ter-Ver­trau­ten mit QE? Oder ging es um et­was an­de­res? Den Al­ten los­zu­wer­den? Sich selbst zu ret­ten?

Das Star­bucks-Café an der Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le Stauf­fa­cher, Zü­rich-Mit­te, am ver­gan­ge­nen Mitt­woch: Mar­kus Katt­ner, der ehe­ma­li­ge Fi­nanz­chef der Fifa, beugt sich über den Ver­trag, er blät­tert ihn durch, und auf Sei­te acht sieht er sei­ne Un­ter­schrift. Er legt die Stirn in Fal­ten, dann sagt er: „Mei­ne Po­si­ti­on brach­te es mit sich, dass ich täg­lich eine gro­ße An­zahl von Ver­trä­gen mit­un­ter­zeich­net habe, an die­sen kann ich mich nicht er­in­nern. Wenn der Stem­pel des Chef­ju­ris­ten als Zei­chen sei­ner Prü­fung und Gut­hei­ßung drauf war, habe ich mich dar­auf ver­las­sen, dass al­les rich­tig ist, und un­ter­schrie­ben.“

Katt­ner schüt­telt den Kopf, er will kein Kö­nigs­mör­der ge­we­sen sein. Er kön­ne sich schon er­in­nern, dass über ei­nen Rechts­bei­stand für die Fifa aus den USA ge­spro­chen wor­den sei: „Aber dass es kon­kret um die In­ter­es­sen der Fifa ge­gen­über dem DOJ ging, wuss­te ich ganz si­cher nicht.“ Katt­ner bleibt ganz ru­hig, spricht lei­se. Er rich­tet den Fo­kus auf Vil­li­ger. „Ich fra­ge mich, was da­mals die Mo­ti­va­ti­on des Chef­ju­ris­ten war, ei­nen sol­chen Ver­trag ab­zu­schlie­ßen. Was war da­mals der Kennt­nis­stand? Was wuss­te Vil­li­ger?“ Der Prä­si­dent, das Exe­ku­tiv­ko­mi­tee so­wie die Au­dit- und Com­p­li­an­ce-Kom­mis­si­on hät­ten über den Ver­trag in­for­miert sein müs­sen: „War­um das nicht ge­sche­hen ist, kann ich mir nicht er­klä­ren.“ Ein Kom­plott ge­gen Blat­ter? Mag sein, aber si­cher nicht mit ihm.

Die engs­ten Mit­ar­bei­ter Blat­ters wa­ren einst un­ter­ein­an­der be­freun­det, in­zwi­schen kämpft je­der für sich, oder sie be­krie­gen sich ge­gen­sei­tig. Es ist ty­pisch für die Welt der Fifa, wo nichts grö­ßer ist als Macht­wil­le und Gier.

Der SPIEGEL frag­te die Be­tei­lig­ten, war­um die­ser Ver­trag im De­zem­ber 2014 ver­fasst wur­de. Wel­che Gre­mi­en in­for­miert wa­ren. Aber Vil­li­ger will sich nicht äu­ßern. Wer­len ver­weist an die Fifa. Val­cke re­agiert nicht.

Vil­li­ger und Wer­len pro­fi­tier­ten von der Fifa-Kri­se. Der QE-Ju­rist bau­te eine De­pen­dance für sei­ne Kanz­lei in Zü­rich auf, er ge­wann An­se­hen und kas­sier­te Mil­lio­nen. Vil­li­ger wur­de zum Lei­ter ei­nes groß an­ge­leg­ten in­ter­nen Er­mitt­lungs­ver­fah­rens, und dann flo­gen sei­ne Kol­le­gen rei­hen­wei­se raus, so­gar jene, die den Ver­trag mit QE un­ter­zeich­net hat­ten: Val­cke we­gen an­geb­li­chen Spe­sen­miss­brauchs und weil er Be­ste­chungs­gel­der in Mil­lio­nen­hö­he wei­ter­ge­lei­tet ha­ben soll. Katt­ner, weil er sei­nen „treu­hän­de­ri­schen Pflich­ten“ nicht nach­ge­kom­men sein soll. Bei­de be­teu­ern ihre Un­schuld.

Vil­li­ger dient nun Gi­an­ni In­fan­ti­no, Blat­ters Nach­fol­ger. Er ist im­mer noch Chef­ju­rist und zu­dem stell­ver­tre­ten­der Ge­ne­ral­se­kre­tär. Er schielt auf den Job sei­ner Che­fin Fat­ma Sa­mou­ra. Es wäre der Hö­he­punkt ei­ner be­mer­kens­wer­ten Kar­rie­re.

Sepp Blat­ter ver­folgt all das nur noch aus der Fer­ne. Am Mitt­woch­mor­gen die­ser Wo­che sitzt er wie­der in sei­nem Wohn­zim­mer. Er woll­te in den ver­gan­ge­nen Wo­chen her­aus­fin­den, was sich vor der Ver­trags­un­ter­zeich­nung zu­ge­tra­gen hat. Dann woll­te er noch mal re­den.

Blat­ters Hän­de­druck ist kräf­ti­ger als im Juli, er ist frisch ra­siert, und sein dun­kel­blau­er An­zug sitzt per­fekt. Die Vor­hän­ge sind auf­ge­zo­gen. „Ich kann mir nichts Ge­schei­te­res vor­stel­len, als dass man ei­nen un­be­que­men Prä­si­den­ten los­wer­den woll­te“, sagt er. Er hält Vil­li­ger für den Mas­ter­mind bei ei­nem Kom­plott. Und er glaubt, Vil­li­ger habe die Un­ter­la­gen zur Mil­lio­nen­zah­lung an Pla­ti­ni, über die Blat­ter stürz­te, an die Bun­des­an­walt­schaft ge­ge­ben. Der Chef­ju­rist äu­ßert sich auch dazu auf An­fra­ge nicht. Blat­ter sagt: „Die Er­öff­nung des Straf­ver­fah­rens ge­gen mich war mit den Ame­ri­ka­nern ab­ge­kar­tet. Sie woll­ten mich in Hand­schel­len se­hen.“

Blat­ter, das spürt man, wit­tert Mor­gen­luft. „Für dumm kann man mich nicht ver­kau­fen“, sagt er. Nichts wird ihn zu­rück ins Amt brin­gen, sei­ne Re­pu­ta­ti­on bleibt be­schä­digt. Aber er hat jetzt wie­der eine Ge­schich­te zu er­zäh­len, und es ist die, die er am liebs­ten er­zählt: Sepp Blat­ter, das Op­fer. Wie Je­sus Chris­tus, un­schul­dig wie die Jung­frau Ma­ria. Am Ende wer­de auch der Rest der Ban­de für die Ver­gan­gen­heit be­zah­len, das scheint sei­ne letz­te Hoff­nung zu sein. Blat­ter fühlt sich be­lo­gen, be­tro­gen und hin­ter­gan­gen, man­che Men­schen könn­te das zu­grun­de rich­ten, in Selbst­zwei­fel stür­zen.

Bei Sepp Blat­ter ist es an­ders. Er lä­chelt und sagt: „Für mich ist das der Rahm auf dem Kaf­fee, und jetzt kommt die Kir­sche auch noch drauf.“

erschienen in DER SPIEGEL am 12. August 2017