Vor einem Jahr versprach Gianni Infantino, den Fußball zu retten. Stattdessen entpuppt sich der neue Fifa-Präsident als Kopie seines Vorgängers.

An ei­nem Abend im Fe­bru­ar kommt Gi­an­ni In­fan­ti­no, Prä­si­dent des Fuß­ball­welt­ver­ban­des Fifa, richtig in Fahrt. Im Fünf-Ster­ne-Ho­tel Rain­bow Towers in Ha­ra­re, Sim­bab­we, wa­ckelt er mit den Hüf­ten und klatscht in die Hän­de. Ein Grin­sen ist ihm ins Ge­sicht ge­mei­ßelt. Auch der Mann, der ne­ben ihm zu afri­ka­ni­scher Pop­mu­sik swingt, hat er­kenn­bar Spaß.

Phi­lip Chiyang­wa ist der Gast­ge­ber der Par­ty. Er trägt ei­nen lachs­far­be­nen An­zug und eine lachs­far­be­ne Kra­wat­te, und auch sonst ist sein Life­style in­ter­es­sant. Chiyang­wa, 58, ist Mul­ti­mil­lio­när und protzt mit sei­nem Reich­tum bei YouTube. Sei­ne Vil­la in Ha­ra­re tauf­te er „Whi­te Hou­se“, er fährt Rolls-Roy­ce und die Stretch­li­mou­si­ne Hum­mer H2, Dis­ko­thek in­klu­si­ve. Er trägt Son­nen­bril­le in ge­schlos­se­nen Räu­men und ver­göt­tert Dik­ta­tor Ro­bert Mu­ga­be, 93, der das Land seit 1980 re­giert.

Mit Fuß­ball hat­te der Play­boy aus Ha­ra­re lan­ge Zeit we­nig zu tun. Trotz­dem wur­de er im ver­gan­ge­nen Jahr Chef der Ver­ei­ni­gung Co­sa­fa, die 14 na­tio­na­le Fuß­ball­ver­bän­de aus dem Sü­den Afri­kas re­prä­sen­tiert.

 

An die­sem Abend im Fe­bru­ar will er den Tri­umph und sei­nen Ge­burts­tag fei­ern. Zu­sam­men mit In­fan­ti­no, 47. Und mit Män­nern und Frau­en, die in Mi­li­tär­uni­form auf der Büh­ne Lie­der schmet­tern. Der Fifa-Chef sagt in sei­ner Fest­re­de, er sehe „vie­le mu­ti­ge Män­ner in die­sem Raum“. Er be­kommt Ap­plaus, es gibt Ge­schrei.

Der Fifa-Chef er­zählt, zwi­schen ihm und Chiyang­wa habe es Ende 2015 bei ei­ner Bus­fahrt in Jo­han­nes­burg „klick“ ge­macht. Er sei „in­spi­riert“ wor­den von Chiyang­was Vi­sio­nen für den Fuß­ball. Er nennt den Sim­bab­wer ei­nen „lie­ben Freund und Bru­der“, so mach­te es frü­her sein Vor­gän­ger Sepp Blat­ter, um Men­schen für sich zu ge­win­nen. Ei­ni­ge von Blat­ters Brü­dern lan­de­ten spä­ter we­gen Kor­rup­ti­on und Be­stech­lich­keit im Knast.

Es sieht so aus, als hät­te In­fan­ti­no nichts aus der Ge­schich­te ge­lernt. Denn un­ter an­de­rem we­gen sei­ner Nähe zu Chiyang­wa er­mit­telt nun die Ethik­kom­mis­si­on der Fifa ge­gen den Prä­si­den­ten. Nach SPIEGEL-In­for­ma­tio­nen hat das Gre­mi­um ein Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Ei­ner der Vor­wür­fe: In­fan­ti­no soll die Prä­si­dent­schafts­wahl des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nen­tal­ver­ban­des CAF be­ein­flusst ha­ben. Mit ge­hei­men Ab­spra­chen zwi­schen ihm und den Stimm­be­rech­tig­ten, mit ver­bo­te­nen Ver­spre­chun­gen, mit Lust­rei­sen wie je­ner nach Ha­ra­re.

Denn der Fifa-Ethik­ko­dex ver­langt von al­len Funk­tio­nä­ren ein „po­li­tisch neu­tra­les“ Ver­hal­ten, so steht es in Pa­ra­graf 14. Hat In­fan­ti­no da­ge­gen ver­sto­ßen?

Die Er­mitt­lun­gen kom­men zu ei­nem un­güns­ti­gen Zeit­punkt. Am 10. und 11. Mai fin­det in Bah­rain der Fifa-Kon­gress statt. Für In­fan­ti­no soll­te die­se Ver­an­stal­tung ein Schau­lau­fen wer­den, auf dem er er­zäh­len will, dass nun al­les ganz se­ri­ös zu­ge­he bei der Fifa – seit­dem er der Chef ist.

Sei­ne Leu­te ha­ben so­eben ihre in­ter­nen Be­rich­te über die dunk­le Ver­gan­gen­heit des Ver­ban­des un­ter Blat­ter bei der Schwei­zer Bun­des­an­walt­schaft ab­ge­ge­ben, nun soll­te Ruhe ein­keh­ren. „Die Fifa wird sich im Sin­ne der Fans und Spie­ler welt­weit nun wie­der auf den Fuß­ball kon­zen­trie­ren“, sag­te In­fan­ti­no.

Doch da­von kann kei­ne Rede sein. Hin­ter den Ku­lis­sen fin­det eine Re­bel­li­on statt ge­gen In­fan­ti­no und sei­ne Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Fat­ma Sa­mou­ra, 54. Als Blat­ter ge­hen muss­te, wa­ren die Mit­ar­bei­ter des Ver­ban­des er­leich­tert. Wer ge­fragt wur­de, wo er be­schäf­tigt sei, wur­de an­ge­schaut, als hät­te er nicht Fifa ge­sagt, son­dern Ta­li­ban. Da­mit soll­te Schluss sein, die Leu­te wünsch­ten sich ei­nen be­schei­de­nen Prä­si­den­ten, der die Öffent­lich­keit da­von über­zeugt, dass die Fifa nicht mehr kor­rupt ist.

Aber sie be­ka­men In­fan­ti­no, und das Per­so­nal wan­der­te in Scha­ren ab. Füh­ren­de lang­jäh­ri­ge Mit­ar­bei­ter wur­den ent­las­sen, vie­le gin­gen von selbst. Aus Angst. Aus Frust. Aus Ent­täu­schung. Für ei­ni­ge war das Ka­pi­tel Fifa end­gül­tig be­en­det, aber an­de­re leg­ten ihre Er­kennt­nis­se den Ethi­kern des Ver­ban­des vor, und ei­ni­ge von ih­nen spra­chen au­ßer­dem mit dem SPIEGEL.

Auf An­fra­ge win­det sich die Ethik­kom­mis­si­on her­aus. Es lau­fe „der­zeit kei­ne Un­ter­su­chung ge­gen den Fifa-Prä­si­den­ten“, heißt es in der Ant­wort an den SPIEGEL, gleich­zei­tig teilt sie mit: „Zum Schut­ze al­ler Un­ter­su­chun­gen ist die Un­ter­su­chungs­kam­mer nicht in der Lage, An­ga­ben dar­über zu ma­chen, ob ge­gen eine Per­son eine Vor­un­ter­su­chung ein­ge­lei­tet wur­de, oder sich zum In­halt ei­ner mög­li­chen Vor­un­ter­su­chung zu äu­ßern.“

Tat­sa­che ist, dass be­reits Zeu­gen ver­nom­men wur­den. Die Ju­ris­ten agie­ren wie im Vor­jahr. Auch da­mals de­men­tier­ten sie Me­di­en­be­rich­te, wo­nach eine Un­ter­su­chung ge­gen In­fan­ti­no lau­fe – nur um ein paar Wo­chen spä­ter mit­zu­tei­len, dass eine sol­che statt­ge­fun­den habe. Das Er­geb­nis da­mals: Frei­spruch für In­fan­ti­no.

Und dies­mal?

Die Fifa-Ethi­ker sind ge­fürch­tet, sie ha­ben vie­le pro­mi­nen­te Schur­ken aus der Fuß­ball­welt ver­bannt: Blat­ter, Mi­chel Pla­ti­ni, Jérô­me Val­cke. Sie kön­nen Geld­stra­fen ver­hän­gen, Ver­war­nun­gen, Sta­di­on­ver­bo­te und Sper­ren. Eine Sper­re be­deu­tet, dass der Ver­ur­teil­te in die­ser Zeit kei­nen Job im Fuß­ball aus­üben darf, nir­gend­wo auf der Welt. Jetzt neh­men sie sich In­fan­ti­no vor, aus­ge­rech­net ihn, der da­für sor­gen soll­te, dass die Fifa künf­tig kein Syn­onym mehr ist für Kor­rup­ti­on und Selbst­be­die­nungs­la­den.

An ei­nem Mitt­woch Mit­te April lässt sich Yuri Ja­kan­de(*), ein Afri­ka­ner, auf ei­nen Ses­sel in der Fern­weh-Bar im Ter­mi­nal 3 des Flug­ha­fens Zü­rich fal­len. Er sieht müde aus, zum Ter­min mit dem SPIEGEList er aus Du­bai ge­kom­men. Er möch­te über In­fan­ti­no spre­chen und sei­ne Er­fah­run­gen mit ihm. Der Mann hat vie­le Jah­re für die Fifa ge­ar­bei­tet, erst Tage vor dem Tref­fen hat er sei­nen Dienst quit­tiert. Sein Büro war in Zü­rich, aber er war stän­dig in der Welt un­ter­wegs. Er sagt: „Ich hät­te ger­ne wei­ter­ge­macht, aber un­ter die­ser Füh­rung woll­te ich nicht mehr ar­bei­ten.“

 

Ja­kan­de bit­tet dar­um, sei­nen rich­ti­gen Na­men nicht in der Öffent­lich­keit zu nen­nen, denn er will im Fuß­ball­ge­schäft blei­ben. Er hat ei­nen in­ter­es­san­ten Job in Aus­sicht, aber mit In­fan­ti­no als Feind könn­te das schwie­rig wer­den.

Ja­kan­de ist ei­ner der Män­ner, mit de­nen die Ethik­kom­mis­si­on Kon­takt hat­te. Er hat den Fifa-Prä­si­den­ten an­ge­zeigt, er sagt, In­fan­ti­no habe kürz­lich Ah­mad Ah­mad aus Ma­da­gas­kar zum Prä­si­den­ten des afri­ka­ni­schen Fuß­ball­ver­ban­des CAF be­för­dert, und zwar zu Un­recht. Denn der Fifa-Chef darf auf die Wahl­ent­schei­dun­gen an­de­rer Kon­fö­de­ra­tio­nen kei­nen Ein­fluss neh­men.

Die Ethi­ker hiel­ten Ja­kan­des An­ga­ben of­fen­bar für so glaub­haft, dass sie mit ihm als Zeu­gen spre­chen woll­ten. Wenn es stimmt, was er sagt, war In­fan­ti­no der Dreh­buch­schrei­ber und Re­gis­seur in ei­nem sport­po­li­ti­schen Kri­mi.

Sei­ne Ge­schich­te geht so: In­fan­ti­no habe sich ei­nen Plan über­legt, um Afri­ka mit sei­nen 54 Na­tio­nal­ver­bän­den bei der nächs­ten Prä­si­dent­schafts­wahl hin­ter sich zu ver­sam­meln. Dazu muss­te ein hilfs­be­rei­ter CAF-Chef ein­ge­setzt wer­den, der lang­jäh­ri­ge und skan­dal­um­wit­ter­te Amts­in­ha­ber Issa Ha­ya­tou schien kein ver­läss­li­cher Part­ner zu sein. In­fan­ti­nos Wahl sei auf Ah­mad Ah­mad ge­fal­len, den Fuß­ball­chef Ma­da­gas­kars. Die Fra­ge war: Wie konn­te er ins Amt ge­hievt wer­den?

In­fan­ti­no ent­mach­te­te laut Ja­kan­de zu die­sem Zweck meh­re­re ein­fluss­rei­che Ent­wick­lungs­ma­na­ger der Fifa. Er schuf die neue Po­si­ti­on des Ab­tei­lungs­lei­ters für die Mit­glieds­ver­bän­de. Als Chef für Afri­ka wur­de ein ge­wis­ser Véron Mo­sen­go-Omba, Schwei­zer Staats­bür­ger mit Wur­zeln im Kon­go, ein­ge­setzt. „Er war der Was­ser­trä­ger für In­fan­ti­no wäh­rend des­sen Prä­si­dent­schafts­kam­pa­gne. Die­ser Job war ein Dan­ke­schön für die ge­leis­te­te Ar­beit“, sagt Ja­kan­de.

Klar ist: Im Juli 2016 reis­te Mo­sen­go-Omba mit In­fan­ti­no nach Ni­ge­ria, dort schwor er laut Ja­kan­de 17 Ver­bands­prä­si­den­ten auf die Wahl Ah­mads ein. Mit da­bei: der Play­boy Chiyang­wa aus Sim­bab­we, der kurz dar­auf den Job als Kam­pa­gnen­ma­na­ger von Ah­mad be­kam.

Bei der Par­ty im Fe­bru­ar in Ha­ra­re be­gos­sen Chiyang­wa und In­fan­ti­no ihre neue Freund­schaft. Und drei Wo­chen da­nach wur­de Ah­mad Ah­mad beim CAF-Kon­gress in der äthio­pi­schen Haupt­stadt Ad­dis Abe­ba tat­säch­lich ge­wählt, mit 34:20 Stim­men. Chiyang­wa rief: „Wir ha­ben den Dik­ta­tor zer­stört!“ Dut­zen­de An­hän­ger fei­er­ten ihn nach sei­ner Rück­kehr am Flug­ha­fen in Ha­ra­re. In Zü­rich ju­bel­te In­fan­ti­no: „Ah­mad ar­bei­tet mit Kör­per und See­le für den Fuß­ball. Er wird in un­ser Team pas­sen.“

War es auch sein per­sön­li­cher Sieg? In­fan­ti­no selbst be­ant­wor­te­te Fra­gen des SPIEGELzu den Er­mitt­lun­gen nicht, und er schweigt auch zu dem Vor­wurf, er habe die Wahl be­ein­flusst. Und der Be­such in Ha­ra­re? Kein Wort dazu. Ein Spre­cher teil­te le­dig­lich mit, dass „re­gel­mä­ßi­ge Be­su­che der Mit­glieds­ver­bän­de“ zu den Pflich­ten des Prä­si­den­ten ge­hör­ten. Alle Ge­schäfts­rei­sen sei­en in Übe­rein­stim­mung mit den Fifa-Re­gu­la­ri­en un­ter­nom­men wor­den.

Und was denkt er über den neu­en CAF-Chef? Kein Kom­men­tar. Da­bei dürf­te auch In­fan­ti­no nicht ent­gan­gen sein, dass pi­kan­te E-Mails aus dem Jahr 2010 kur­sie­ren. Dar­in schreibt Ah­mad ei­nem As­sis­ten­ten des be­rüch­tig­ten Ka­ta­rers Mo­ha­med Bin Ham­mam. Bin Ham­mam, der in­zwi­schen we­gen Kor­rup­ti­on le­bens­lang ge­sperrt ist, habe ihm „eine Hil­fe“ ver­spro­chen. Dar­auf­hin will Bin Ham­mams As­sis­tent eine An­wei­sung von Ah­mad, „wie wir es zu dir lie­fern kön­nen“. Ah­mad schlägt ei­nen Bank­trans­fer oder eine per­sön­li­che Überg­a­be in Pa­ris vor. Woll­te Ah­mad das Geld, da­mit er sich für die Ver­ga­be der Welt­meis­ter­schaft 2022 nach Ka­tar stark­macht? Nein, be­teu­er­te Ah­mad vor sei­ner Wahl zum CAF-Boss, das Geld habe er bloß für die Or­ga­ni­sa­ti­on von Wah­len ge­braucht. Ist das glaub­wür­dig? Oder ist er ei­ner die­ser zwie­lich­ti­gen Funk­tio­nä­re, die den Ruf der Fifa rui­niert ha­ben?

Für In­fan­ti­no ist der Wir­bel um Ah­mad nicht das ein­zi­ge Pro­blem. Nach SPIEGEL-In­for­ma­tio­nen be­schäf­tigt sich die Ethik­kom­mis­si­on auch mit ei­nem sei­ner engs­ten Mit­ar­bei­ter: Luca Piaz­za. Ge­gen den Mann ging am 26. No­vem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res eine An­zei­ge ein, Ka­te­go­rie ver­trau­lich, Re­fe­renz­num­mer 108cd. Der In­for­mant gibt an, Fifa-An­ge­stell­ter zu sein. Dar­in heißt es, eine in­ter­ne Un­ter­su­chung habe er­ge­ben, dass Piaz­za Ver­trä­ge zwi­schen der Fifa und ehe­ma­li­gen Part­nern ans Schwei­zer Fern­se­hen wei­ter­ge­ge­ben habe. Ein Ethik­ver­stoß, eine Straf­tat, so der An­zei­gen­er­stat­ter. Was sagt die Füh­rung der Fifa dazu? Wel­che Kon­se­quen­zen wur­den ge­zo­gen? Sie schweigt.

In­fan­ti­no war sechs­ein­halb Jah­re lang Ge­ne­ral­se­kre­tär des eu­ro­päi­schen Ver­bands Uefa. Er lebt mit sei­ner Frau und vier Kin­dern in Tré­lex, ei­nem 1500-See­len-Dorf im Kan­ton Waadt in der fran­zö­sisch­spra­chi­gen Schweiz. Die Uefa-Zen­tra­le in Nyon liegt nur fünf Ki­lo­me­ter ent­fernt. An frei­en Ta­gen ist er auch heu­te noch oft dort, die Fa­mi­lie ist in Tré­lex ge­blie­ben, er selbst be­wohnt ein Apart­ment in Zü­rich, das der Fifa ge­hört.

 

Der Öffent­lich­keit be­kannt war In­fan­ti­no als Los­fee, die Eu­ro­pa­po­kal-Aus­lo­sun­gen mo­de­rier­te. Dass er ein­mal höchst­ran­gi­ger Fuß­ball­of­fi­zi­el­ler der Welt wer­den wür­de, war bis vor ei­ni­gen Jah­ren nicht vor­stell­bar.

Aber dann stürm­ten Schwei­zer Po­li­zis­ten im Mai 2015 im Auf­trag der US-Jus­tiz­be­hör­den im Mor­gen­grau­en ein Zür­cher Lu­xus­ho­tel und hol­ten kor­rup­te Funk­tio­nä­re aus ih­ren Bet­ten, recht­zei­tig vor dem an­ste­hen­den Fifa-Kon­gress. Blat­ter selbst wur­de zwar nicht an­ge­klagt, aber er konn­te sich nicht mehr im Amt hal­ten.

Plötz­lich war der Weg frei für In­fan­ti­no. Dass er nicht zum Ret­ter taugt, war schnell klar, denn er hat­te sich ei­ni­ges von Blat­ter ab­ge­schaut. Er si­cher­te sich die Un­ter­stüt­zung der Wahl­be­rech­tig­ten vor al­lem mit zwei Ver­spre­chen: der An­he­bung der WM-Teil­neh­mer­zahl und der Er­hö­hung der Ent­wick­lungs­hil­fe­gel­der. Nur Mi­nu­ten nach sei­ner Wahl, als die in­ter­nen Er­mitt­lun­gen noch auf Hoch­tou­ren lie­fen, als noch längst nicht er­mit­telt war, wel­che Skan­da­le noch zu­ta­ge kom­men wür­den, sag­te er ins Mi­kro­fon: „Die Kri­se ist vor­bei.“ Da stand fest, dass er die Rea­li­tät ge­nau­so igno­rie­ren wür­de wie Sepp Blat­ter. Dass er al­les an­de­re als ein glaub­wür­di­ger Vor­zei­ge­prä­si­dent sein wür­de.

Es dau­ert nicht ein­mal 100 Tage, bis die Ethik­kom­mis­si­on zum ers­ten Mal Er­mitt­lun­gen ge­gen ihn auf­nahm. Das war im Mai 2016. In­fan­ti­no in­iti­ier­te da­mals ein Kom­plott ge­gen Do­me­ni­co Sca­la, den Chef der Au­dit- und Com­p­li­an­ce-Kom­mis­si­on der Fifa. Sca­la hat­te ein Ge­halt für den Fifa-Prä­si­den­ten vor­ge­se­hen, das die­ser als „Be­lei­di­gung“ emp­fand: 1,9 Mil­lio­nen Schwei­zer Fran­ken pro Jahr in­klu­si­ve al­ler Ex­tra­zah­lun­gen. In­fan­ti­no ge­lang es, Sca­las Gre­mi­um so­wie die Ethik­kom­mis­si­on der Un­ab­hän­gig­keit zu be­rau­ben. Sca­la trat dar­auf­hin un­ter Pro­test zu­rück.

Und die Ethik­kom­mis­si­on? Schwieg. Die Ju­ris­ten stell­ten we­nig spä­ter das Ver­fah­ren ge­gen In­fan­ti­no ein. Aus Angst, von ihm ge­schasst zu wer­den?

Dem SPIEGEL lie­gen Do­ku­men­te aus je­nem Ver­fah­ren vor, und sie las­sen neue Zwei­fel dar­an auf­kom­men, dass die Ethik­kom­mis­si­on die rich­ti­ge Ent­schei­dung traf.

In­fan­ti­no war da­mals un­ter an­de­rem auch vor­ge­wor­fen wor­den, Ein­la­dun­gen des heu­ti­gen rus­si­schen Vi­ze­mi­nis­ter­prä­si­den­ten Wi­ta­lij Mut­ko für Pri­vat­jet­flü­ge an­ge­nom­men zu ha­ben – ein In­ter­es­sen­kon­flikt, da Russ­land die WM 2018 aus­rich­tet und da­mit ein Ver­hand­lungs­part­ner der Fifa ist. Da­mals ver­tei­dig­te sich In­fan­ti­no da­mit, dass er am 20. April 2016 nur we­gen kurz­fris­ti­ger Pro­gramm­än­de­run­gen ei­nen Pri­vat­jet von Mos­kau nahm, um nach Ka­tar zu ge­lan­gen.

Zur Hin­rei­se nach Mos­kau zwei Tage zu­vor passt die­se Er­klä­rung al­ler­dings nicht. Dies be­le­gen bis­lang ge­hei­me E-Mails. So teil­te Mat­ti­as Graf­ström, As­sis­tent von In­fan­ti­no, der Fifa-Rei­se­stel­le be­reits am 15. April um 5.09 Uhr mit, dass die Li­ni­en­flü­ge für In­fan­ti­no ge­can­celt wer­den könn­ten, weil er mit „Mi­nis­ter Mut­ko“ flie­ge, dem da­ma­li­gen Sport­mi­nis­ter Russ­lands. Nach ei­ner kurz­fris­ti­gen Not­wen­dig­keit sieht das nicht aus. Fra­gen zu die­sem The­ma wich die Fifa eben­falls aus, und sie äu­ßer­te sich auch nicht zu pi­kan­ten SMS-Nach­rich­ten aus dem März 2016, die dem SPIEGELvor­lie­gen.

Sie zei­gen, wie In­fan­ti­no auf größt­mög­li­chen Rei­se­kom­fort dräng­te. So be­schwer­te sich Ed­ward Brown aus dem Prä­si­den­ten­bü­ro, als sich In­fan­ti­no auf Rei­sen durch Süd­ame­ri­ka be­fand, bei dem zu­stän­di­gen Ab­tei­lungs­lei­ter des Welt­ver­ban­des über die Grö­ße des ge­mie­te­ten Pri­vat­jets: „Zu klein!“, schrieb der Mann. In­fan­ti­no neh­me „es wirk­lich per­sön­lich, als ob wir ihn her­ab­set­zen wol­len. Ich habe ver­sucht, ihm zu er­klä­ren, dass wir uns an die Richt­li­ni­en hal­ten wol­len, aber er will es nicht ver­ste­hen“.

Nach wei­te­ren Dis­kus­sio­nen über die Nut­zung von Pri­vat­jets auch auf an­de­ren Rei­sen zeig­te der Ab­tei­lungs­lei­ter In­fan­ti­no schließ­lich bei der Ethik­kom­mis­si­on an.

We­nig spä­ter wur­de der Ab­tei­lungs­lei­ter ent­las­sen.

erschienen in DER SPIEGEL am 29. April 2017